Mama

Jes­si­ca Linds Sie­ger­text beim open mike 2015

Ada und Theo sit­zen im Auto, Theo am Steu­er. Der Weg schlän­gelt sich aben­teu­er­lich durch den Wald den Hang hin­auf. Ada ist am Bei­fah­rer­sitz mit einem spe­zi­el­len Gurt ange­schnallt, wegen ihrem Bauch. Aus dem Radio kommt Musik. Ada macht das Fens­ter auf, um fri­sche Luft in das sti­cki­ge Auto zu las­sen. Aber die Luft drau­ßen ist auch sti­ckig und schwer. Der Som­mer liegt über dem Wald, und Regen in der Luft. Ada ist übel, The­os zurück­hal­ten­der Fahr­stil bekommt ihr nicht und der Beat ist zu schnell. Er geht durch die Haut und lässt ihr Herz schnel­ler schla­gen. Sie schließt die Augen und ver­sucht durch­zu­at­men. Da tritt es von innen gegen ihren Bauch. Ada zieht die Luft durch die Nase ein und behält sie drin­nen. Theo schaut zu ihr rüber. Er ist zur fein geeich­ten Alarm­an­la­ge ihrer Reak­tio­nen gewor­den. Er schaut sie mit die­sem Blick an. Dackel­blick. Ada streckt ihren Bauch vor.

„Ja, greif halt hin.“ Und Theo legt eine Hand auf ihren Bauch und lacht ver­zückt auf, als er einen Tritt spürt.

Sie kom­men bei der Hüt­te an, die The­os Eltern gehört, und ein gro­ßer, grau­er Hund läuft ihnen vors gepark­te Auto und läuft um das Auto her­um. Adas Rücken ver­steift sich, sie hält sich am Sitz fest. Theo greift zum Tür­öff­ner.

„Ja, sag amal – spinnst du?“

Ein­mal hat sie die­sen Traum gehabt, sie hat­te unglaub­li­che Bauch­schmer­zen und unten hat es aus ihr her­aus­ge­leuch­tet. Es war ganz dun­kel, und da war nur das Licht aus ihrer Vagi­na.

Theo lacht, das ist ja nur ein Hund! Theo steigt aus und der Hund läuft, mit wedeln­dem Schwanz, auf ihn zu. Theo schaut auf – schau! Ada schaut, wie The­os Hand das ver­filz­te Fell strei­chelt. Hun­de lie­ben Theo. Ada hat Angst vor Hun­den. Sie hat Angst vor vie­len Din­gen. Sie macht kei­ne Anstal­ten aus­zu­stei­gen. Theo scheucht den Hund fort und beginnt, das Auto aus­zu­räu­men.

„Wir haben doch das gan­ze Wochen­en­de Zeit“, flüs­tert Theo, als Ada sich unprak­tisch vor ihn stellt und sei­nen Nacken küsst. Wie zur Ant­wort führt sie sei­ne Hand an ihre rech­te Brust. Theo ist schnell über­re­det. Küs­send öff­nen sie die Tür. Mie­fi­ger Geruch schlägt ihnen ent­ge­gen. Hier müss­te mal gelüf­tet wer­den, aber es macht nichts, es wird schon gehen. Im Ste­hen viel­leicht. Ada öff­net The­os Hemd, reißt es auf, dass die Knöp­fe absprin­gen. Sie lacht – das woll­te sie schon immer mal machen. Theo kniet sich hin und ver­schwin­det unter Adas wei­tem Kleid – Umstands­mo­de. Da ist außer ihrer Kugel jetzt noch eine Kopf­ku­gel, die die Kugel lieb­kost, und sie sieht an sich hin­un­ter auf die rie­si­ge Aus­wöl­bung und sie wird sich der Gren­zen ihres mas­sig gewor­de­nen Kör­pers durch die Berüh­rung so rich­tig bewusst. Da ist Ada und dort ist noch mehr Ada, Ada hört gar nicht mehr auf. In Ada drin­nen, da ist noch etwas ande­res, das auch irgend­wie Ada ist, aber auch ein biss­chen Theo, der Ada, und das weiß Ada, ohne dass sie dar­über gere­det hät­ten, um die­se Nähe, die­se Ver­bin­dung benei­det und des­we­gen die­se Nähe von außen sucht. Aber es ist zu viel, manch­mal, die Nähe von innen und von außen auch, gleich­zei­tig, gera­de jetzt. Des­we­gen nimmt Ada The­os Kopf in ihre Hän­de und ver­sucht, Theo von ihrem Bauch weg hin­un­ter­zu­drü­cken, dort­hin, wo Ada lie­ber lieb­kost wer­den möch­te. Aber sie ist zu grob und Theo fragt, was los ist, und Ada meint, dass sie nicht nur Bauch ist. Sie ist kein Brut­kas­ten. Theo ver­steht gar nichts mehr und fragt noch mal, was jetzt los ist mit Ada auf ein­mal. Und Ada weiß es ja auch nicht, setzt sich aufs Sofa und fängt an zu wei­nen. Es tut ihr leid. Und Theo setzt sich zu ihr, ist ver­ständ­nis­voll, sein Blick sagt, er weiß schon, die Hor­mo­ne und so, das ist ja nicht so leicht. Und non­ver­bal nimmt er Ada wie­der nicht ernst. Ada legt ihren Kopf in The­os Schoß und schluchzt immer wie­der mal auf, wäh­rend Theo ihre Haa­re strei­chelt, was gar nichts bes­ser macht, eigent­lich.

***

Es ist schwül. Die Luft im Wald steht, und über­all sind Mücken, Brenn­nes­seln, Klet­ten. Sie hat gesagt, sie macht einen Spa­zier­gang, sich ein biss­chen die Bei­ne ver­tre­ten, fri­sche Luft schnap­pen. Theo ist in der Küche gestan­den und hat schon das Abend­essen vor­be­rei­tet. Ada will gera­de vor allem allein sein. Da in ihrem Bauch ist ein Mäd­chen, das noch kei­nen Namen hat, weil Ada die­ses Gespräch hin­aus­zö­gert, und das Theo manch­mal Glüh­würm­chen nennt, was Ada ganz schreck­lich fin­det, aber sie kann sich nicht beschwe­ren, weil sonst die Namens­dis­kus­si­on wie­der ent­brennt. Ein­mal hat sie die­sen Traum gehabt, sie hat­te unglaub­li­che Bauch­schmer­zen und unten hat es aus ihr her­aus­ge­leuch­tet. Es war ganz dun­kel, und da war nur das Licht aus ihrer Vagi­na, und dann ist Ada auf­ge­wacht und hat sich auf die Sei­te gedreht und von da an nur noch auf der Sei­te geschla­fen, was super­ner­vig ist, aber ab einer gewis­sen Bauch­grö­ße nicht mehr anders geht. Ada hört ein Kna­cken. Holz bricht. Sie wird aus ihren Gedan­ken geris­sen. Sie fährt her­um – ist da jemand? Der Hund viel­leicht? Ada horcht, aber da sind nur die Geräu­sche des Wal­des, die in ihrer Sum­me einen brei­ten Geräusch­tep­pich erge­ben, der, jetzt, wo Ada genau hin­hört, etwas Unheim­li­ches hat. Es frös­telt Ada. Sie kommt zu einer Lich­tung, und die Son­ne steht mitt­ler­wei­le so tief, dass Ada unan­ge­nehm geblen­det wird, und sie wäre schon fast wei­ter­ge­gan­gen, tie­fer in den Wald hin­ein, hät­te sie nicht im Augen­win­kel etwas gese­hen, das sich bewegt. Und so legt sie ihre Hand über ihre Augen und lässt den Blick über die Lich­tung schwei­fen und sieht etwas, ein Kind. Ada blin­zelt.

***

Ada sitzt neben dem Kind, das im Gras spielt, rela­tiv unbe­ein­druckt von ihrer Anwe­sen­heit. Das Kind, ein Mäd­chen, sie schätzt es auf drei Jah­re, aber es kann genau­so gut zwei oder vier sein, was ver­steht Ada denn schon von Kin­dern, es spricht jeden­falls nicht, hält Ada jetzt einen Wurm ent­ge­gen. Er bau­melt zwi­schen den dicken Fin­ger­chen hilf­los hin und her.

„Ja, sehr schön“, sagt Ada und ver­zieht ange­wi­dert die Mund­win­kel. Das Mäd­chen nickt und steckt sich beherzt den Wurm in den Mund. Ada reagiert schnell, drückt Dau­men und Zei­ge­fin­ger in die pau­sen Backen, der Kie­fer geht auf und Ada greift hin­ein, schnappt die ange­bis­se­ne Wurm­mas­se mit den Fin­gern der ande­ren Hand und wirft sie weit weg von ihnen bei­den. Igitt, igitt, igitt, igitt. Das Mäd­chen weint nicht, son­dern schaut nur inter­es­siert in Adas vor Ekel ver­zo­ge­nes Gesicht.

Nur einen Augen­blick hat Ada über­legt, ein­fach wei­ter­zu­ge­hen, aber dann hat sie sich doch dem Kind genä­hert, es ange­spro­chen, das Kind nach den Eltern gefragt. Wo ist denn dei­ne Mama? Aber das Mäd­chen ist stumm geblie­ben, hat Ada nur mit gro­ßen Augen ange­schaut. Ada hat gesagt, du bleibst hier, und ist die Lich­tung abge­lau­fen, nach den Eltern des Mäd­chens rufend. Kei­ne Ant­wort. Sie hat sich neben das Kind gesetzt, beru­hi­gend auf es ein­ge­re­det, ohne ersicht­li­chen Grund, weil das Mäd­chen nicht beson­ders ängst­lich wirk­te, und hat sich gefragt, ob das Mäd­chen sie denn über­haupt ver­ste­hen kann. Dann haben sie gewar­tet. Bis jetzt gewar­tet. Die Son­ne ist schon längst unter­ge­gan­gen, sie wirft nur noch ihren Schein über die Erd­krüm­mung, ihren Licht­schat­ten, also nimmt Ada das Mäd­chen bei der Hand, das es bereit­wil­lig gesche­hen lässt, und geht mit dem Kind durch den düs­te­ren Wald. Viel­leicht hat sie zu lan­ge gewar­tet, denn zwi­schen den gan­zen Bäu­men und Blät­tern kommt so gar kein Licht mehr durch, und sie scheint sich mehr zu fürch­ten vor der Dun­kel­heit als das Kind. End­lich ist da die Hüt­te, und als Ada die Tür öff­nen möch­te, geht sie auch schon auf. Theo starrt Ada besorgt an und umarmt sie dann gleich – er hat sich Sor­gen gemacht. Wo war sie denn so lang? Und Ada deu­tet auf das Mäd­chen neben sich. Theo kniet sich run­ter zu dem Kind und nimmt es auf den Schoß. Ada hat auf ein­mal eine Gän­se­haut am gan­zen Kör­per, spürt, wie sich jedes Här­chen ein­zeln auf­stellt. Was ist denn auf ein­mal anders?

„Na, du!“, sagt Theo und meint das Mäd­chen. Das klei­ne Mäd­chen schaut hin­auf zu Ada und lächelt und sagt sein ers­tes Wort: „Mama!“

Dann setzt sie sich in Bewe­gung. Setzt einen Fuß vor den ande­ren. Sie hört in sich hin­ein, aber da ist kein Ma-Ma-Ma-Ma.

Ada schüt­telt den Kopf und geht einen Schritt zurück. Theo nennt das Kind Glüh­würm­chen und will das Abend­essen auf­wär­men gehen, jetzt ist es ja schon spät, und Ada weicht noch einen Schritt zurück. Ihr wird schlecht. Sie greift sich an den Bauch, aber da ist kein Bauch, oder zumin­dest nicht mehr so viel Bauch.

„Was ist denn los? Geht’s dir nicht gut?“

Ada läuft hin­ter die Hüt­te, wo sie sich erbricht. Im Auf­rich­ten streicht sie sich die Haa­re zurück und blickt in die Dun­kel­heit vor sich. Da sind auch Geräu­sche. Ein Wald in der Nacht ist so laut und so fremd. Und Ada geht lie­ber zurück in die Hüt­te als in die unbe­kann­te, tie­fe Dun­kel­heit.

***

Sie sit­zen zu Tisch: Vater, Mut­ter und Kind. Ada beob­ach­tet, wie lie­be­voll, wie rou­ti­niert Theo mit der Klei­nen umgeht, sie Lui­se nennt. Er hat sie auf dem Schoß, sie essen von einem Tel­ler. Ist das immer so? Ada muss nichts tei­len, sie muss nichts vor­schnei­den, aber Ada hat gar kei­nen Appe­tit.

„Darf ich auf­ste­hen? Ich bin müde“, sagt Ada und Theo schaut sie groß an, ver­wun­dert. Natür­lich darf Ada auf­ste­hen. Aber mag sie Lui­se nicht ins Bett brin­gen? Oder ist ihr noch schlecht? Ada nickt. Ada ist auch ganz blass.

***

Adas Bein zuckt. Sie lauscht The­os gleich­mä­ßi­gem Atem, spürt sei­nen war­men Kör­per neben sich. Da ist noch etwas, etwas Unbe­kann­tes, ein ande­rer Kör­per, ein ande­res Atmen, unre­gel­mä­ßig, keu­chend, laut. Ada blickt auf das schla­fen­de Kind, das sich an The­os Rücken schmiegt. In den ent­spann­ten Gesich­tern sieht man die Ähn­lich­keit. Ada packt ihr Kis­sen und ihre Decke, zieht um auf das Sofa in der Stu­be. Rückt ihren Kör­per zurecht, ver­sucht, es sich gemüt­lich zu machen. Aber es kommt kein Schlaf, nur die tie­fe Dun­kel­heit, die sie schon von hin­ter der Wald­hüt­te kennt.

„Mama!“

Ada schlägt die Augen auf. Da ist das Gesicht des Mäd­chens über ihrem Gesicht.

„Mama!“ Das Mäd­chen – Lui­se – legt sei­nen Kopf schief. Ja, viel­leicht sieht sie Ada auch ein wenig ähn­lich. Das Mäd­chen klet­tert auf Ada – vor­sich­tig. Dann brei­tet es die Arme aus und umarmt sie. Ada rich­tet sich auf, umarmt zurück, aber der Kör­per ist zu klein. Zer­brech­lich zwi­schen ihren Hän­den. Theo kommt her­ein.

„Da bist du.“ Er streckt sich. „Sag bloß, ich habe geschnarcht?“ Ada schüt­telt den Kopf. Sie lacht. Es fühlt sich echt an.

***

Ada hat Früh­stück gemacht. Dies­mal sitzt Lui­se in ihrem eige­nen Stuhl, mit ihrer eige­nen Schüs­sel. Ada und Theo legen ihr abwech­selnd Essen zurecht. Ada bemüht sich. Sie kann das hin- bekom­men. Als sie auf­steht, um noch etwas aus der Küche zu holen, gibt sie Lui­se einen Kuss auf die Stirn.

Theo sagt, er muss ins Tal fah­ren, weil er einen wich­ti­gen Anruf machen muss und hier oben der Emp­fang so schlecht ist. Ada nickt. Okay. Wol­len sie mit­kom­men ins Tal? Sie kön­nen in den klei­nen Laden gehen, den Ada so ger­ne mag. Ada schüt­telt den Kopf. Theo legt die Stirn in Fal­ten. Soll er dann Lui­se mit­neh­men? – War­um? Wenn er einen wich­ti­gen Anruf machen muss?

***

Ada und Lui­se ste­hen neben­ein­an­der, und Lui­se winkt Papas Auto hin­ter­her. Ada schaut hin­un­ter auf die Klei­ne, die ihr nicht ein­mal bis zur Hüf­te geht.

„Was machen wir jetzt?“, fragt Ada.

Die Klei­ne schaut hin­auf, mit erns­tem Gesicht stapft sie los, hin­ter das Haus, zu dem klei­nen Gar­ten, der vom Wald umgrenzt wird. Dort hat Lui­se ihre Sand­spiel­sa­chen. Klei­ne Förm­chen, sand­ver­krus­tet. Lui­se setzt sich mit ihrem schö­nen Kleid in den Schmutz. Ada bleibt ste­hen. Lui­se schaut sie an, „Mama auch spie­len!“ Doch Ada bewegt sich nicht. Lui­se seufzt, steht auf, kommt zurück, packt Ada am Rock­zip­fel und zieht sie mit sich. Das wird einen Fleck machen, denkt Ada mit Schre­cken und traut sich gar nicht hin­zu­se­hen, aber sieht vor ihrem inne­ren Auge die klei­nen, schmut­zi­gen Fin­ger, die ihren Saum umgrei­fen.

***

Spä­ter wäscht sich Ada mit kal­tem Was­ser aus dem Was­ser­hahn das Gesicht. Es tut gut, sich zu spü­ren. Sie kommt hoch und betrach­tet sich im Spie­gel über dem Wasch­be­cken. Durch das kal­te Was­ser haben sich die fei­nen Här­chen auf ihrem Gesicht auf­ge­stellt. Ganz weit hin­ten in ihrem Kopf hört sie die­ses Wort, Mama. Es wie­der­holt sich, wird lau­ter. Ada wird aus ihrer Lethar­gie geris­sen. Sie wen­det sich zum Fens­ter, das zum Gar­ten hin­aus­geht.

„Mama!“

Lui­se ist auf­ge­stan­den, hil­fe­su­chend sieht sie sich um und schreit nach ihrer Mama. Ein paar Meter wei­ter steht der Hund. Der gro­ße, graue Hund. Die Ohren nach hin­ten gelegt, die Zäh­ne gefletscht. Der Hund steht da und Lui­se steht da und Ada bleibt auch ste­hen, ohne sich zu rüh­ren. Und sie sieht hin­un­ter auf das Bild und fragt sich, war­um da nichts ist in ihr außer die­ser tie­fen Dun­kel­heit. Dann rennt sie los.

Ada reißt die Tür zum Gar­ten auf. Ihr Herz klopft ihr bis zum Hals. In der Hand hat sie ein Holz­scheit, das sie sich auf dem Weg am Kamin vor­bei geschnappt hat und zumin­dest irgend­wie als Waf­fe ver­wen­den kann. Das Licht schlägt ihr ent­ge­gen, sie blin­zelt und ver­sucht zu fokus­sie­ren. Auf das Kind, das im Gras sitzt, bei sei­nen Sand­spiel­sa­chen, so wie sie es vor­hin ver­las­sen hat, ganz in Gedan­ken, und jetzt auf­sieht. Ada blickt sich um. Da ist kein Hund. Der Hund ist fort. Ada lässt das Holz­scheit fal­len und läuft zu dem Kind. Sie nimmt sei­nen Kopf in ihre Hän­de, hält sein Gesicht­chen, und die gro­ßen, wachen Augen schau­en sie an. Kei­ne Spur von Angst. Kei­ne Spur von Trä­nen. Der klei­ne Mund öff­net sich und formt die­ses Wort.

***

Ada stapft in den Wald. Sie dreht sich um, Lui­se kommt ihr hin­ter­her, ver­sucht, mit ihren klei­nen Bein­chen Schritt zu hal­ten. Ada war­tet nicht. Ada geht wei­ter. Jeder Schritt ist ein Ma. Ma-Ma-Ma-Ma-Ma-Ma-Ma-Ma-Ma. Ada bleibt nicht ste­hen. Lui­se ist noch immer hin­ter ihr. Und Ada kennt die­ses Gefühl, das in ihr auf­steigt. Kennt die Angst. Aber Lui­se kennt kei­ne Angst. Sie ist furcht­los. Irgend­wann bleibt Ada doch ste­hen. Und steht da, bis sich die klei­ne Hand in ihre Hand legt, und sie hat das Gefühl, als wür­de das Kind sie mit sich zie­hen.

Sie kom­men zur Lich­tung. Lui­se streckt die Hand aus, zeigt mit aus­ge­streck­tem Zei­ge­fin­ger auf die Lich­tung und sagt: „Schau!“ Und Ada schaut.

Lui­se ist ganz in ihrem Spiel, ver­tieft in ihre eige­ne Welt, so, wie nur Kin­der es kön­nen. Ada sitzt dane­ben. Immer wie­der schaut sie in das Gesicht ihres Kin­des. Furcht­los. Ada seufzt, sie steht auf. Blickt hin­un­ter auf das Mäd­chen, das nicht auf­schaut. Dann setzt sie sich in Bewe­gung. Setzt einen Fuß vor den ande­ren. Sie hört in sich hin­ein, aber da ist kein Ma-Ma-Ma-Ma. Ein Kna­cken. Ada spürt, wie das mor­sche Holz unter ihren Füßen bricht. Sie hält inne. Sie kennt die­ses Geräusch. Sie horcht. Die Geräu­sche des Wal­des erge­ben in ihrer Sum­me einen Geräusch­tep­pich, der Ada umschließt. Ein Schritt. Es ist gar nicht mehr unheim­lich. Noch einer. Sie dreht sich nicht mehr um, sie ver­schwin­det in der Dun­kel­heit des Wal­des.

***

Lau­da­tio von Juror Jan Brandt auf Jes­si­ca Lind:

Eine ein­fa­che und doch exis­ten­zi­el­le Geschich­te, in einer ein­fa­chen, kla­ren Spra­che, die Sicher­heit ver­heißt – und dann, plötz­lich, in ganz fei­nen Nuan­cen bricht das Unheim­li­che in die­se ver­meint­lich geord­ne­te Welt hin­ein. In einer der Figu­ren tut sich ein Abgrund auf, aus dem es zu uns her­aus­leuch­tet. Ein magi­scher Rea­lis­mus, der bald zum mani­schen Rea­lis­mus wird und eine geis­ter­haf­te, aber ver­bind­li­che Ima­gi­na­ti­on schafft. Eine Frau bekommt ein Kind – und alles ändert sich, das Ver­hält­nis zu sich und den ande­ren, zum Leben selbst. Sel­ten ist der Schock, Mut­ter zu wer­den, so unge­wöhn­lich und sub­til beschrie­ben wor­den wie in Jes­si­ca Linds Erzäh­lung „Mama“.

* * *

Jes­si­ca Lind, 1988 in St. Pöl­ten gebo­ren, lebt in Wien, wo sie als selb­stän­di­ge Dreh­buch­au­to­rin und dra­ma­tur­gi­sche Bera­te­rin arbei­tet. Aus­zeich­nun­gen u.a. Dreh­buch­sti­pen­di­um der Lite­r­ar­Me­cha­na, BKA-Start­sti­pen­di­um für Lite­ra­tur (2012), Hans Weigel-Lite­ra­tur­sti­pen­di­um (2012). Ver­öf­fent­li­chun­gen in der Lite­ra­tur­zeit­schrift etce­te­ra, in der Antho­lo­gie zum FM4-Wett­be­werb „Wort­laut“ und in The Gap. Sie führ­te Regie bei Kurz­fil­men, Kurz­do­ku­men­tar­fil­men und Musik­vi­de­os.

Quel­le: VOLLTEXT 4/2015

Online seit: 31. Dezem­ber 2015

Online seit: 31. Dezem­ber 2015

Zuletzt geän­dert: 5. Mai 2022