Jenseits von Krambambuli

Die phal­li­schen Anma­ßun­gen der Schrift­stel­le­rin Marie von Ebner-Eschen­bach. Von Danie­la Stri­gl

Am 25. Mai 1899 bedankt sich Marie von Ebner-Eschen­bach beim Kai­ser in einer Audi­enz für die Ver­lei­hung des „Ehren­zei­chens für Kunst und Wis­sen­schaft“ – noch heu­te die höchs­te ein­schlä­gi­ge Aus­zeich­nung, die Öster­reich zu ver­ge­ben hat. Die Schrift­stel­le­rin ist, wie Franz Joseph zu bemer­ken geruht, nach Car­men Syl­va, der dich­ten­den Köni­gin von Rumä­ni­en, die zwei­te Frau, der er das Ehren­zei­chen ver­lie­hen hat. Ebner-Eschen­bach ist eine Jahr­gangs­kol­le­gin des Kai­sers, weni­ge Wochen jün­ger als er: 1830 gebo­ren, wird sie im sel­ben Jahr wie Franz Joseph ster­ben, 1916. Wie kei­ne ande­re Stim­me der Lite­ra­tur ver­kör­pert sie, nicht nur durch ihre Lebens­da­ten, son­dern auch durch ihr Werk, die Fran­zis­ko-jose­phi­ni­sche Epo­che.

Marie von Ebner-Eschenbach mit ihrem Cousin und Ehemann Cousin Moritz von Ebner-Eschenbach

Marie von Ebner-Eschen­bach mit ihrem Cou­sin und Ehe­mann Cou­sin Moritz von Ebner-Eschen­bach (1815–1898). Foto: Lud­wig Ange­rer, um 1865

Aus Anlass ihres 70. Geburts­tags erhielt Marie Ebner-Eschen­bach als ers­te Frau das Ehren­dok­to­rat der Uni­ver­si­tät Wien. Ihr Pro­mo­tor, der Ger­ma­nis­tik-Ordi­na­ri­us Jakob Minor, nann­te die Aus­ge­zeich­ne­te mit fei­ner Dif­fe­ren­zie­rung „unstrei­tig die ers­te deut­sche Schrift­stel­le­rin, nicht bloß in Öster­reich, son­dern auch in Deutsch­land. Sie ist aber auch, ganz abge­se­hen von dem Geschlechts­un­ter­schied, einer der ers­ten deut­schen Schrift­stel­ler und heu­te jeden­falls der bedeu­tends­te deut­sche Schrift­stel­ler in Öster­reich.“ In der Tat erreich­te Marie Ebners Ruhm, der sich erst spät, um ihren fünf­zigs­ten Geburts­tag, ein­ge­stellt hat­te, sei­nen Gip­fel. In einer die deut­schen Lan­de umspan­nen­den Unter­neh­mung, der soge­nann­ten „Ebner-Fei­er“, fand eine Auf­füh­rung drei­er ihrer Ein­ak­ter im Burg­thea­ter statt, rich­te­ten „die Frau­en Wiens“ eine Gruß­adres­se mit 10.000 Unter­schrif­ten an die Jubi­la­rin und wur­de eine sil­ber­ne Ebner-Medail­le geprägt, die der deut­sche Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Paul Heyse mit einem Hul­di­gungs­ge­dicht beglei­te­te. Die Baro­nin von Ebner-Eschen­bach war eine Star­au­torin, sie ver­sand­te hun­der­te Auto­gramm­kar­ten und vor­ge­druck­te Dank­bil­letts. An der Schwel­le des neu­en Jahr­hun­derts, als die nächs­te Gene­ra­ti­on der „Moder­nen“ Bahr, Schnitz­ler, Hof­manns­thal zu reüs­sie­ren begann, war sie die regie­ren­de Fürs­tin der Lite­ra­tur.

Gemes­sen an ihrem Lebens­plan, ist Ebner-Eschen­bach aber eigent­lich spek­ta­ku­lär geschei­tert: Was sie wer­den woll­te – und sie woll­te von klein auf etwas wer­den – ist sie nicht gewor­den: der Shake­speare des 19. Jahr­hun­derts. Bereits als Mäd­chen hat­te sie, wie sich ihr spä­te­rer Mann erin­nert, ein ganz unweib­li­ches hei­ßes „Ver­lan­gen nach gro­ßen Tha­ten“, die sie aber auf der Büh­ne zu voll­brin­gen gedach­te.

Bis in die Schul­le­se­bü­cher unse­rer Tage hat Ebner-Eschen­bach vor allem mit ihren Novel­len Er laßt die Hand küs­sen, Die Spit­zin und, natür­lich,  Kram­bam­bu­li, der Apo­theo­se der Hun­de­treue, über­dau­ert. Ihr dane­ben bekann­tes­tes Werk ist wohl der Roman Das Gemein­de­kind, den die Autorin selbst wie alle ihre län­ge­ren Tex­te „Erzäh­lung“ genannt hat. Das Denk­mal der Klas­si­ke­rin des Poe­ti­schen Rea­lis­mus hat jedoch unleug­bar Staub ange­setzt. Die „Dich­te­rin der Güte“ und des Mit­leids hat den Haut­gout der Lan­ge­wei­le, aber auch der Rühr­se­lig­keit. Ebner-Eschen­bachs Image ist heu­te nicht nur das einer immer schon alten, son­dern das einer alt­mo­di­schen Frau. Was vor gut hun­dert Jah­ren Gegen­stand der Ver­eh­rung war, ist zum Rezep­ti­ons­hin­der­nis gewor­den.

In der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft gibt es in den letz­ten Jahr­zehn­ten zwar einer­seits ein ver­stärk­tes Inter­es­se vor allem von Ger­ma­nis­tin­nen aus dem angel­säch­si­schen Raum, die im Kanon des 19. Jahr­hun­derts nach