Begegnungen in der Autofiktion VI

Für Tove Dit­lev­sen – blood is thi­c­ker than time. Von Jan Wilm
Tove Ditlevsen © Picture Alliance / Jarner Palle / Ritzau

Schrei­ben als Heil­mit­tel: Tove Dit­lev­sen.
Foto: Pic­tu­re Alli­ance / Jar­ner Pal­le / Ritz­au

Drei Din­ge waren von Bedeu­tung, als ich zum ers­ten Mal in Kopen­ha­gen war. Ich hat­te gera­de in einem Zug die drei Tei­le von Tove Dit­lev­sens Kopen­ha­gen-Tri­lo­gie gele­sen, als ich ins Staat­li­che Kunst­mu­se­um ging, wo ich einem Gespenst begeg­ne­te. Es war ein Mor­gen am Ende eines Som­mers. Die Natio­nal­ga­le­rie Däne­marks war men­schen­leer, und durch die gro­ßen Schei­ben des moder­nen Erwei­te­rungs­baus, der auf einen klei­nen See blick­te, sah ich den Wind laut­los in den Bäu­men spie­len, als ich den Raum auf­ge­sucht hat­te, wo sich das Por­trät von Tove Dit­lev­sen befand.

Es war das ein­zi­ge Por­trät, das wäh­rend des kur­zen Lebens der däni­schen Schrift­stel­le­rin (1917–1976) gemalt wur­de. Hier war ich mit Tove Dit­lev­sen allein, über den spie­geln­den Böden in der halb­dunk­len Stim­mung der Gale­rie. Aus einem ande­ren Raum hör­te ich lei­se Schrit­te schal­len, die jedoch gleich wie­der ver­stumm­ten. Kaum mehr als mon­a­li­s­agroß hing das Gemäl­de in sei­nem gol­de­nen Rah­men im trä­nen­för­mi­gen Licht­schein eines klei­nen Strah­lers.

Das Gemäl­de zeigt Dit­lev­sen, wie sie auf ihren letz­ten Fotos vor dem Selbst­mord durch Schlaf­ta­blet­ten 1976 aus­sah. Ein von Trau­rig­keit gepräg­tes Gesicht, die Augen schmal, etwas ver­quol­len, als hät­te sie gera­de geweint, gerahmt von dem schul­ter­lan­gen Haar und dem etwas bie­de­ren Pony. Mit einer win­zi­gen Ziga­ret­te zwi­schen den Fin­gern sitzt sie in einem kar­gen Raum in der Ecke des Zim­mers, neben ihr ein ova­ler Spie­gel, der dabei jedoch nicht Dit­lev­sens Spie­gel­bild wie­der­gibt, als wäre sie eine Vam­pi­ra oder schon nicht mehr anwe­send. Statt­des­sen schwebt in der Mit­te des man­dor­la­för­mi­gen Spie­gels eine Art unaus­ge­bil­de­ter Fötus, ein­ge­krin­gelt wie im Mut­ter­leib, umge­ben von einer gräu­lich lich­tern­den Aura.

Die Kind­heit ist die schöns­te und die schreck­lichs­te Zeit des Men­schen. Weil sie nicht zu ver­ge­hen scheint, und weil sie wäh­rend­des­sen gna­den­los ver­geht.

Die Male­rin des Bil­des ist die stark vom Sur­rea­lis­mus Max Ernsts und Leo­no­ra Car­ri­ng­tons beein­fluss­te Male­ne Gen­færd (1932–2003). Gen­færd war eine Stu­den­tin der bedeu­ten­den däni­schen Moder­nis­ten Jens Søn­der­gaard und Vil­helm Lund­strøm an der König­lich Däni­schen Kunst­aka­de­mie hier in Kopen­ha­gen. Zur Ent­ste­hungs­zeit des Gemäl­des im Jahr 1976 ver­band sie mit Dit­lev­sen eine kur­ze, aber inten­si­ve Freund­schaft, nach­dem Gen­færd der damals berühm­ten Schrift­stel­le­rin Brie­fe an ihre Kum­mer­kas­ten­ko­lum­ne in einem Maga­zin schrieb und Dit­lev­sen Kon­takt auf­nahm.

Der Objekt­be­schrif­tung zufol­ge mal­te Gen­færd bei­na­he immer Foto­gra­fien ab, die sie mit Ver­satz­stü­cken aus dem Leben oder Schaf­fen ihrer por­trä­tier­ten Per­so­nen sur­re­al ver­schmolz. Ich war gebannt von dem Gemäl­de. Wäh­rend ich es anstarr­te, ergriff mich die unheim­li­che Trau­rig­keit im Gesicht Dit­lev­sens und die