Begegnungen in der Autofiktion III

Für Paul Nizon – one year of love. Von Jan Wilm

Mein Leben begann per Lüge und Geheim­nis. Sechs Wochen vor Beginn mei­ner geplan­ten Zeit­rech­nung reis­ten mei­ne Eltern zum letz­ten Mal vor der Geburt ihres Soh­nes in den Urlaub, nach Bar­ce­lo­na. Nicht, weil sie viel mit Land, Regi­on oder Stadt ver­ban­den; ein­fach nur so, wie man eine Ent­schei­dung trifft, wenn man kei­ne Zeit ver­lie­ren will. Und so brach­te mei­ne Mut­ter ihr unge­bo­re­nes Kind das ers­te Mal auf die Rei­se. Und dort als gebo­re­nes Kind auf die Welt.

Um Erzähl- und Erklär­not zu ent­ge­hen – es hat­te einen büro­kra­ti­schen Zet­tel­krieg zwi­schen den Län­dern gege­ben, als wären Deutsch­land und Spa­ni­en zwei Part­ner einer Schei­dung –, sag­ten mei­ne Eltern und bald ich selbst, ich sei in Frank­furt gebo­ren wor­den. Ganz ein­fach. In den Hän­sel­zei­ten mei­ner Kin­der­ta­ge fun­kel­te das Geheim­nis in mir wie ein Trost. Wie aus Trotz schwieg ich und bewahr­te mei­nen Anfang beharr­lich vor den rotz­na­si­gen Klein-Scher­gen der dama­li­gen Zeit, bis zum Schluss.

Ich hat­te den Reiz, die Ver­lo­ckung von etwas ver­spürt, was ich das „uner­laub­te Lesen“ nann­te – ein Lesen wie Schu­le­schwän­zen, nein, viel bes­ser, ein Lesen wie Abhau­en, wie Unter­tau­chen.

Seit mei­ner Geburt, an die ich mich nur noch sche­men­haft erin­ner­te, war ich nicht mehr im Her­zen von Cata­lu­nya gewe­sen, und heu­te wuss­te außer mei­ner Frau und unse­ren Töch­tern nie­mand von der ers­ten Wahr­heit mei­nes Lebens. Mein Geburts­ort war immer wah­rer als mein Name. Heu­te ver­tusch­te ich das Geheim­nis nicht mehr aus Trotz, son­dern weil ich nicht woll­te, dass es hieß: der deutsch­spra­chi­ge spa­ni­sche Schrift­stel­ler Jan Wilm. Ich sprach nicht mal Spa­nisch, geschwei­ge denn Kata­la­nisch. Yo, dis­cul­pe, sí – für mehr war mei­ne Zun­ge zu zäh. Oder zu roh.

Allein, seit eini­ger Zeit kam ich hier gut damit zurecht. Ich schmeck­te die spa­ni­schen Wor­te ger­ne auf der Zun­ge. Die frem­de Spra­che lös­te mich von der Frem­de, die ich mit mir her­ge­schleppt hat­te, das inne­re Ande­re. Ich war seit bei­na­he acht Wochen hier, zwei Mal Voll­mond über Bar­ce­lo­na, irrig wie die Neben­son­nen. Ich konn­te nicht mehr hier sein, doch ich woll­te nicht heim.

Ich hat­te mich ent­schie­den, durch die­se Rei­se an mei­nen Ursprungs­ort eine