Jan Kjærstad: Femina Erecta

Ein Aus­zug aus dem neu­en Roman
Jan Kjærstad © Cato Lein

Jan Kjær­stad. Foto: © Cato Lein

CAFÉ AGORA

Wir hät­ten unse­ren Bericht selbst­ver­ständ­lich auch hier begin­nen kön­nen, da das Fol­gen­de, oder die Ereig­nis­se, die als Ursa­che des nun Fol­gen­den betrach­tet wer­den kön­nen, in so vie­len unse­ren Quel­len zugrun­de­lie­gen­den Erzäh­lun­gen oder Erzäh­lungs­bruch­stü­cken beschrie­ben, um nicht zu sagen, besun­gen wur­den, dass sie den eigent­li­chen Kern der nor­we­gi­schen Men­ta­li­tät des 20. Jahr­hun­derts zu bil­den schei­nen. Den Spu­ren nach zu urtei­len, muss die klei­ne Nati­on mehr als hun­dert Jah­re gebraucht haben, um die­se Erfah­run­gen zu ver­ar­bei­ten.

Es war spät am Mor­gen, als Harald Kel­ler, zumeist unter dem Namen Harald Boh­re erwähnt, end­lich erwach­te und sich nach Sekun­den der Ver­wir­rung – die Tape­te, das Bett, der Geruch – erin­ner­te, wo er war. Vor­sich­tig wand er sich unter dem Arm einer Frau her­aus, die ihn auch noch im Schlaf umklam­mer­te, und betrach­te­te die land­kar­ten­ähn­li­chen Fle­cken auf dem Rol­lo. Er hat­te Lust auf eine Ziga­ret­te, ver­zich­te­te aber. Er ver­spür­te das Bedürf­nis, sich zu waschen, hat­te aber nicht die Kraft auf­zu­ste­hen. Bis die Arbeit im Thea­ter­ca­fé­en rief, soll­te er lie­ber die Zeit nüt­zen und an die­sen wei­chen Kör­per ange­schmiegt lie­gen­blei­ben, dach­te er und kroch wie­der zurück. Nicht dass er sich nicht dar­auf freu­te, Wes­te und Schür­ze anzu­le­gen, Spei­se­kar­ten aus­zu­tei­len, die Gesich­ter der Gäs­te zu stu­die­ren, wenn sie beim Lesen der Kar­te gleich­sam ver­mit­tels der gefäl­li­gen Schrift in Gedan­ken von jedem Gericht kos­te­ten; genau­so wich­tig aber war es ihm, so viel wie mög­lich über Betriebs­wirt­schaft zu erfah­ren, denn am Ende jener Tage, die er wie an einer Schnur auf­ge­reiht vor sich lie­gen sah, strahl­te die Ver­wirk­li­chung sei­nes Traums, sei­nes eige­nen Café Ago­ra. Harald Kel­ler unter­schied sich nicht von ande­ren Men­schen. Die Nase in einen Frau­en­na­cken gebohrt, die Augen geschlos­sen, ver­schloss er die Augen gleich­zei­tig auch vor der Tat­sa­che, dass jetzt jeden Tag das gro­ße Cha­os aus­bre­chen konn­te. Es war der 9. April 1940, und Harald Kel­ler wur­de, noch buch­stäb­li­cher als ande­re Nor­we­ger, von einem his­to­ri­schen Wen­de­punkt im Bett über­rascht. Im Lau­fe eini­ger fre­ne­ti­scher Stun­den soll­te er ein war­mes Bett mit einer schla­fen­den Frau dar­in gegen eine ver­schnei­te Böschung und ein Maschi­nen­ge­wehr im Anschlag tau­schen.

Ein kur­zes Früh­stück, ein kur­zer, leicht ange­streng­ter Aus­tausch von Phra­sen, ein kur­zer pflicht­schul­di­ger Kuss, dann eil­te er hin­aus. Ver­gan­ge­nen Abend noch war sie ein Gast gewe­sen, eine Frau, die ihn ange­starrt, ihm Bli­cke zuge­wor­fen hat­te, die ihm nur zu gut bekannt waren, und nach der Sperr­stun­de war er mit zu ihr nach Hau­se gegan­gen. Sie war jung, gut­aus­se­hend, Wit­we. Viel­leicht hat­te sie ihm auch ein wenig leid­ge­tan. Sie war Künst­le­rin. Viel­leicht eine mit Zukunft, viel­leicht auch nicht. Es war nicht das ers­te Mal, dass sie sich an ihn ran­ge­macht hat­te, aber erst am ver­gan­ge­nen Abend hat­te er nach­ge­ge­ben. Er war nicht stolz dar­auf, und es war erst das zwei­te Mal, dass er sich auf so eine Geschich­te ein­ge­las­sen hat­te. Fast wie zum Trost hat­te er bei die­ser gebie­te­ri­schen, selbst­si­che­ren Frau Zuflucht gesucht, womög­lich konn­te er durch sie die­ses gan­ze Schla­mas­sel mit Maud ver­ges­sen. Nach der miss­glück­ten Fei­er bei Mut­ter war er noch stär­ker in eine Art Gleich­gül­tig­keit hin­ein­ge­schlit­tert, hat­te den Zufall regie­ren las­sen. Das lan­ge Schla­fen war nicht nur auf Erschöp­fung zurück­zu­füh­ren, son­dern eben­so sehr auf die Schwer­mut, die über ihn her­ein­ge­bro­chen war. Er woll­te in Schlaf fal­len, erst durch einen Wan­gen­kuss von Maud wie­der geweckt wer­den.

Es war spä­ter Vor­mit­tag, und als er auf die Kon­gens gate hin­aus­trat und sein klei­nes Zim­mer in der Pilest­re­det ansteu­er­te, merk­te er, dass etwas anders war. Nie­mand lief schrei­end umher, aber irgend­et­was hat­te sich ver­än­dert. Dann: Flie­ger­ge­räu­sche. Er schau­te nach oben, und da kamen sie, hoch oben, nicht im Gleit­flug, son­dern im Sturz­flug auf die Fes­tung Akers­hus hin­ab. Sechs Flie­ger. Eng­li­sche? Nein, es muss­ten deut­sche sein. In einem die­ser unver­ständ­li­chen Sei­ten­äs­te des Den­kens kam es ihm in den Sinn, dass Sigurd gewusst hät­te, um wel­che Flug­zeug­ty­pen es sich han­del­te, Messer­schmitt, Hein­kel oder Stu­ka, wie sie genannt wur­den. Zuerst drei, dann noch drei, beglei­tet von einem infer­na­li­schen Heu­len. Harald sah, er sah, zwei der Bom­ben durch die Luft flie­gen. Ein krei­schen­der Ton, abge­löst von einem gewal­ti­gen Dröh­nen, und noch einem. Sogar dort, wo er stand, konn­te er den Luft­druck wie einen kräf­ti­gen Ruck im Kör­per spü­ren, und von dem Gebäu­de direkt hin­ter ihm fie­len Dach­zie­gel her­un­ter. Vom Fes­tungs­platz aus stieg Rauch in den Him­mel. Eine der Bom­ben muss­te dort ein­ge­schla­gen haben. Auf­ge­schreck­te Pfer­de galop­pier­ten aus dem Stall, eines davon rutsch­te auf dem Kopf­stein­pflas­ter aus und ging häss­lich zu Boden. Harald muss­te sich an die Wand stüt­zen, den Mau­er­ver­putz mit den Fin­gern befüh­len. Es war, als wäre er in einer ande­ren Welt auf­ge­wacht, in eine ande­re Welt hin­aus­ge­tre­ten. An einen Ort, an dem – unmög­lich zu fas­sen – Krieg herrsch­te. Er hielt einen älte­ren Mann auf der Stra­ße an, pack­te ihn regel­recht am Jacken­auf­schlag. Was pas­sier­te hier? Da erfuhr er, dass die Deut­schen Nor­we­gen ange­grif­fen hat­ten, nicht nur Oslo, son­dern meh­re­re Küs­ten­städ­te. Der Mann, der über Haralds auf­ge­reg­te Ungläu­big­keit erschro­cken wirk­te, teil­te ihm mit, dass er es im Radio gehört habe.

Die Zeit ist aus den Fugen gera­ten, dach­te Harald. Was mache ich jetzt?

Am Abend zuvor, direkt bevor sie das Thea­ter­ca­feén ver­las­sen hat­ten, war der Flie­ger­alarm mit sei­nem hei­se­ren Geheul los­ge­gan­gen. Weil der Alarm stän­dig zu hören war, und stets grund­los, hat­ten sie davon kei­ne Notiz genom­men. Es war eine kal­te April­nacht und sie waren umschlun­gen durch ver­dun­kel­te Stra­ßen geschlen­dert – auch das war zur Gewohn­heit gewor­den, um Mit­ter­nacht wur­de der Strom abge­dreht. In der Woh­nung der Frau hat­ten sie Ker­zen ange­zün­det und sich unter die Bett­de­cken gelegt. Er war in einer selt­sam wil­len­lo­sen Stim­mung gewe­sen, hat­te sich ein­fach trei­ben las­sen in einem Spiel, bei dem sie lei­den­schaft­lich die Füh­rung über­nom­men hat­te. Sie waren spät ein­ge­schla­fen, viel­leicht hat­te er mit­ten in der Nacht noch ein­mal Sire­nen gehört, viel­leicht sogar Flug­zeu­ge früh­mor­gens, es konn­te ein Traum gewe­sen sein, er hat­te eine vage Erin­ne­rung dar­an, dass die Frau, wie hieß sie noch­mal, Wen­che, gefragt hat­te, ob sie das Radio auf­dre­hen sol­le, und dass er ein Nein gemur­melt hat­te, das sei bloß eine Übung, Schei­ße, wie­so konn­ten sie nicht auf­hö­ren, die Leu­te mit die­sen fal­schen Alar­men zu quä­len. Aber jetzt? Ech­te Flie­ger und ech­te Bom­ben. Er begann zu lau­fen. Die­se ver­damm­ten Nazi­schweine ver­such­ten, Akers­hus zu zer­stö­ren! Das Ers­te, wor­an er dach­te, war, dass er vor knapp zwei Mona­ten zusam­men mit Maud dort gestan­den hat­te, direkt neben dem Fes­tungs­platz. An einem Febru­ar­tag bei leich­tem Schnee­trei­ben waren sie neben dem Haupt­ein­gang ste­hen geblie­ben und hat­ten sich über Tol­stois Roman Anna Kare­ni­na unter­hal­ten. Harald war krank vor Ver­liebt­heit gewe­sen, und mit Schnee­flo­cken in den Wim­pern hat­te Maud ihn mit einem inten­si­ven Blick bedacht und erzählt, wie scho­ckiert sie gewe­sen sei über die Stel­le, wo Wronskij, kurz nach­dem er end­lich mit Anna ver­eint war und sie nach Ita­li­en reis­ten, sag­te, dass er doch nicht glück­lich sei. Das war es, was Harald am aller­meis­ten mit Zorn erfüll­te: Sie hat­ten die Stel­le bom­bar­diert, wo Maud Even­sen mit Schnee­flo­cken in den Wim­pern gestan­den und über die Lie­be gespro­chen hat­te.

Er rennt am Par­la­ments­ge­bäu­de vor­bei, erreicht die Karl Johan. Nie­mand scheint von Panik ergrif­fen, alles sieht aus wie immer, Men­schen und Autos auf den Stra­ßen. Was soll das? Die Deut­schen wer­fen Bom­ben über der Fes­tung ab, über Mauds wun­der­schö­nen Fuß­ab­drü­cken, und trotz­dem haben alle Läden geöff­net und die Bür­ger der Stadt spa­zie­ren bedäch­tig umher. Hat­te der Mann in der Kon­gens gate sich geirrt? Nein, Harald hat­te die Flie­ger selbst gese­hen, das Dröh­nen der Bom­ben mit eige­nen Ohren gehört. Die zer­trüm­mern die Akers­hus-Fes­tung, zum Hen­ker! Er sieht meh­re­re jun­ge Män­ner her­um­ste­hen. War­um eilen sie nicht zu ihren Treff­punk­ten? Er läuft zum Aus­stel­lungs­fens­ter des Mor­gen­bla­det, um den Aus­hang mit den neu­es­ten Nach­rich­ten zu lesen. Die Deut­schen mar­schie­ren den Drammens­vei­en ent­lang auf die Stadt zu, steht dort. Er muss den Satz noch ein­mal lesen, wei­gert sich zu glau­ben, dass das wahr sein kann.

In sei­nem Zim­mer am unte­ren Ende der Pilest­re­det setz­te er sich hin und dach­te nach. Er hat­te bei sei­ner Wir­tin geklopft, die einen unbe­irr­ten Ein­druck mach­te, aber alles bestä­ti­gen konn­te. Die Deut­schen hat­ten Nor­we­gen ange­grif­fen. Auch sie hat­te es im Radio gehört. Er hat­te sie gebe­ten, das Tele­fon benut­zen zu dür­fen, um sei­ne Mut­ter in Lys­a­ker anzu­ru­fen. Mut­ter wuss­te immer Rat. Aber es war kein Frei­zei­chen gekom­men. Dar­auf­hin hat­te er die Wir­tin gefragt, ob sie das Radio ein­schal­ten kön­ne. Doch aus­ge­rech­net da hat­te es kei­ne Son­der­sen­dung gege­ben, nur Musik, lang­sa­me, sinn­lo­se Musik.

Wie wir es vor uns sehen, oder vor uns zu sehen ver­su­chen, könn­te er wie­der hin­aus­ge­gan­gen sein und sich in den Stra­ßen her­um­ge­trie­ben haben, wobei er vor Auf­re­gung ver­mut­lich ver­ges­sen hat­te, den Man­tel über­zu­zie­hen. An einer Ecke der Akers­gata stan­den drei Män­ner sei­nes Alters, die in den Him­mel hin­auf­zeig­ten, und Harald hör­te sie dar­über spre­chen, dass ein deut­scher Flie­ger die Flug­ab­wehr auf dem Dach des Redak­ti­ons­hau­ses der Tidens Tegn unter Beschuss genom­men hat­te. »Was tun wir?«, frag­te Harald. »Viel kön­nen wir wohl nicht tun«, sag­te ein klei­ner Hage­rer. Ob kein Befehl zur all­ge­mei­nen Mobil­ma­chung aus­ge­ge­ben wor­den sei, woll­te Harald wis­sen. Ob die Regie­rung denn nicht den Krieg erklärt habe? Aus den Gesich­tern der ande­ren war abzu­le­sen, dass auch sie im Unkla­ren waren. Harald hops­te bei­na­he vor Unge­duld. Wie­so nutz­te die Mili­tär­füh­rung nicht alle zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel; war­um ertön­ten kei­ne Sire­nen, war­um erklan­gen kei­ne Kir­chen­glo­cken, war­um waren nicht über­all Pla­ka­te ange­schla­gen? »Wisst ihr, wo ihr antre­ten sollt?«, frag­te Harald statt­des­sen. Die ande­ren wuss­ten nichts von einem Plan, irgend­wo antre­ten zu müs­sen, es gab kei­ne ein­deu­ti­gen Befeh­le. »Bringt ja doch nix«, sag­te einer. »Mein Mobil­ma­chungs­stütz­punkt ist jeden­falls die Akers­hus-Fes­tung«, sag­te Harald. »Viel Spaß auch«, ent­geg­ne­te der Hage­re. »Hab gera­de gehört, dort ste­hen schon die Deut­schen. Beim Par­la­ment auch. Ein ein­zi­ges Cha­os. Wir kön­nen einen Dreck tun.« Er bot Harald eine Ziga­ret­te an, die er annahm, die aber zu Boden fiel. Er blick­te auf sei­ne Hand hin­un­ter und sah, dass er zit­ter­te, vor Wut zit­ter­te.

Sie hat­ten die Stel­le bom­bar­diert, wo Maud noch vor kur­zem mit Schnee in den Wim­pern gestan­den hat­te, und kei­ner dach­te dar­an, auch nur einen Fin­ger zu rüh­ren.

Harald kehr­te in sein Zim­mer zurück. Er hat­te sich – stolz und laut­stark – als Kriegs­geg­ner aus­ge­ge­ben. Schön und gut. Aber jetzt, inmit­ten der Kata­stro­phe, von der er nie geglaubt hat­te, dass sie ein­tre­ten wür­de, von dem Moment an, als er die Bom­ben nie­der­ge­hen sah, da ihm zu Bewusst­sein kam, dass die Deut­schen imstan­de waren, alles zu mor­den, was ihm lieb war, wur­de er von einer Wut erfüllt, die irgend­wie alles ver­än­der­te. Nein, nicht von Wut. Von einem blin­den Zorn. Im Kopf sah er Bil­der von deut­schen Sol­da­ten, die in sein schö­nes Vater­land gestampft kamen. Der Gedan­ke war uner­träg­lich. Er fühl­te sich los­ge­löst. Er emp­fand eine Art Glück in die­ser umwäl­zen­den Situa­ti­on, erkann­te dar­in auch eine gol­de­ne Gele­gen­heit, sich selbst zu über­ra­schen. Sein kamp­fes­lus­ti­ger Bru­der lag bestimmt schon irgend­wo drau­ßen bei Lys­a­ker und bal­ler­te Deut­sche nie­der, die gera­de in For­ne­bu aus ihren Flug­zeu­gen her­aus­wat­schel­ten. Sofern Sigurd sich nicht längst am Gjel­lerå­sen ein­ge­fun­den hat­te und dort in Stel­lung gegan­gen war.

Die Deut­schen woll­ten in Nor­we­gen ein­fal­len? Dar­auf konn­ten sie war­ten, bis sie schwarz wur­den.

Die gan­ze nächs­te Stun­de lief Harald auf Hoch­tou­ren, er such­te Frei­zeit­klei­dung her­aus, pack­te einen Ruck­sack und befüll­te ihn mit Din­gen, die man für meh­re­re Tage und Näch­te im Frei­en benö­tig­te, Essen, Besteck, Toi­let­ten­ar­ti­kel, Hand­tü­cher, Schlaf­sack. Er wickel­te einen neu­en, dün­nen Ver­band um sei­ne lin­ke Hand­flä­che; der Schnitt war weni­ger tief, als er ange­nom­men hat­te, aber er lächel­te, wie über die Vor­stel­lung, dass er bereits ver­wun­det sei. Von einem Schwert! Aus der Abstell­kam­mer hol­te er noch schnell Ski­er und Stö­cke und begab sich im Lauf­schritt in Rich­tung Stor­ga­ta, fühl­te sich stär­ker denn je, in Hoch­stim­mung, unbe­sieg­bar. Die Son­ne schien jetzt, ein Wet­ter, das mit der Situa­ti­on kol­li­dier­te. An meh­re­ren Stel­len sah er Ansamm­lun­gen jun­ger Män­ner an den Stra­ßen­ecken. »Wir müs­sen kämp­fen!«, rief er. »Das bringt nichts«, lau­te­te die immer wie­der­keh­ren­de Ant­wort. »Sie sind über­all.« Er kam am Youngs­tor­get vor­bei und for­der­te ein paar Jugend­li­che auf, sich ihm anzu­schlie­ßen. »Wir haben die Waf­fen nie­der­ge­legt!«, sag­te einer. »Gera­de haben wir gehört, dass Oslo sich den Deut­schen erge­ben hat.« Harald dach­te: Ich nicht! Nie­mals! Ich wer­de in den Trep­pen­häu­sern kämp­fen, in den Stra­ßen, den Ber­gen, ich wer­de im Wald kämp­fen, ich wer­de nie­mals auf­ge­ben! Ver­dammt noch­mal, nie! Auf ein­mal ergab sol­ches Den­ken einen Sinn. Eigent­lich gab es kei­ne Alter­na­ti­ve. Er schäm­te sich der Wor­te, die er bei Mut­ters idio­ti­scher Fei­er her­un­ter­ge­lei­ert hat­te. Es war alles ganz ein­fach.

In der Stor­ga­ta springt er auf einen Prit­schen­wa­gen, auf des­sen Lade­flä­che zwei jun­ge Män­ner mit Ruck­sack sit­zen. Sie geben ihm ein Zei­chen, die­sel­be Ent­schlos­sen­heit im Blick wie er selbst, voll ziel­ge­rich­te­ter Wut. Er nimmt an, dass sie in nörd­li­che Rich­tung fah­ren, den Trond­heims­vei­en hin­auf, doch der Wagen biegt in die Bru­ga­ta ein, auf den Mos­se­vei­en zu. Er bit­tet sie anzu­hal­ten, wor­auf die bei­den erklä­ren, in Askim sei­en Streit­kräf­te sta­tio­niert, und in einem neu­er­li­chen Gefühl des Los­ge­löst­seins und zugleich vol­ler Elan, sich Leu­ten anzu­schlie­ßen, die zu kämp­fen bereit sind, denkt Harald: Genau­so gut kann ich dort mit­hel­fen, die ver­damm­ten Deut­schen auf­zu­hal­ten. Lang­sam hol­pern sie die Stadt hin­aus, auf den Stra­ßen herrscht Gedrän­ge. Die gan­ze Zeit über hal­ten sie Aus­schau nach deut­schen Trup­pen, doch an der mat­schi­gen Stra­ße ent­lang sehen sie nichts als ver­wirr­te nor­we­gi­sche Bür­ger, von denen kei­ner die­se drei Män­ner mit auf­mun­tern­den Zuru­fen bedenkt, Män­ner, die bereit sind, in den Kampf zu zie­hen gegen die Nazi­ge­walt, die so bös­ar­tig eine schla­fen­de Nati­on über­rum­pelt hat.

*

Acht­und­vier­zig Stun­den spä­ter, am Don­ners­tag, lag Harald Kel­ler an der Brü­cke bei Fos­sum in Stel­lung, dort, wo die aus der Haupt­stadt füh­ren­de Bun­des­stra­ße direkt vor Askim den Fluss Glom­ma kreuz­te. Falls die Deut­schen im Sinn hät­ten, die Flan­ken zu sichern und zugleich die Fes­tungs­an­la­gen aus­zu­schal­ten – und jede Kriegs­kunst sprach dafür – wür­den sie die­sen Weg ent­lang­kom­men. Zumin­dest ein paar Batail­lo­ne.

Viel war gesche­hen in den letz­ten Tagen. Oslo war erobert wor­den, ohne jeden Wider­stand – eine Schan­de. Wie war das mög­lich? Harald und die ande­ren hat­ten von Quis­lings Radio­an­spra­che Wind bekom­men, sie hat­ten gehört, der König und die Regie­rung sei­en auf der Flucht nach Nor­den, sie hat­ten von Oscars­borg gehört und dem Kreu­zer Blü­cher. Wo zur Höl­le war die bri­ti­sche Mari­ne?, dach­te Harald. Waren die nicht, voll­be­la­den mit Minen, vor der gesam­ten Küs­te sta­tio­niert? Wie war es den deut­schen Schif­fen gelun­gen, sich an der ver­meint­lich stärks­ten Kriegs­flot­te der Welt vor­bei­zu­schum­meln? Die West­mäch­te muss­ten doch von dem Angriff gewusst haben, ganz sicher war bereits Tage zuvor von Geheim­agen­ten eine erhöh­te Schiffs- und Trup­pen­kon­zen­tra­ti­on gemel­det wor­den. Es war jeden­falls noch nicht zu spät, dach­te Harald. Er sah vor sich, wie Zehn­tau­sen­de ande­re nor­we­gi­sche Män­ner rund­um in Nor­we­gens wei­ten Lan­den sich an ihren Mobil­ma­chungs­stütz­punk­ten ein­ge­fun­den hat­ten und jetzt, so wie er, in Bereit­schaft waren, den Fin­ger am Abzug, dar­auf vor­be­rei­tet, stra­te­gisch wich­ti­ge Zie­le auf Bie­gen und Bre­chen zu ver­tei­di­gen.

Harald und die zwei ande­ren vom Prit­schen­wa­gen waren bis zum Leh­rer­zim­mer der Askim­by­en-Schu­le gelangt, wo sie ein­ge­tra­gen wor­den waren und ihnen Klei­dung, Aus­rüs­tung und ein Krag-Jør­gen­sen-Gewehr samt Muni­ti­on aus­ge­hän­digt wur­de. Alle hat­ten eine kur­ze Ein­schu­lung oder Auf­fri­schung im Waf­fen­ge­brauch erhal­ten. Harald wur­de der Maschi­nen­ge­wehr-Ein­heit zuge­teilt. Bei der gan­zen sinn­lo­sen Exer­zie­re­rei am Trup­pen­übungs­platz hat­te es ihm immer vor der Vor­stel­lung gegraut, Teil einer Mas­se zu sein, die mar­schie­rend ihr Land ver­tei­dig­te. Und hier war er nun, zwar nicht mar­schie­rend, aber doch vol­le Fahrt vor­aus in den Krieg, mit jeder Faser sei­nes Kör­pers zum Kämp­fen bereit.

In der Schu­le hat­ten sie Ver­pfle­gung bekom­men und auch geschla­fen, und schon bei Tages­an­bruch am Mitt­woch waren sie, die drit­te Brü­cken­grup­pe, drei­ßig Mann und vier Vor­ge­setz­te, in zwei Bus­sen zur Brü­cke bei Fos­sum gefah­ren wor­den. Es war bewölkt, kein Nie­der­schlag, kalt. Harald, einer der weni­gen, der über Erfah­rung am schwe­ren Maschi­nen­ge­wehr Brow­ning M/29 ver­füg­te, wur­de als Schüt­ze in einer der drei Maschi­nen­ge­wehr-Ein­hei­ten ein­ge­setzt; sie waren zu viert in jeder Grup­pe, hät­ten mehr sein sol­len, aber vier waren genug. Die meis­te Zeit des Tages ver­ging mit Ver­schan­zen. Sie stan­den knie­tief im Schnee, in Schluch­ten und Grä­ben san­ken sie bis zu den Hüf­ten ein. Schuss­fel­der wur­den aus­ge­ho­ben. Auf dem Hang bei Askim, fast auf glei­cher Höhe mit der Brü­cke, fand Haralds Grup­pe eine klei­ne Mul­de, die gute Deckung bot. An die­sem Tag fan­den sie sogar ein biss­chen Schlaf, ein paar Stun­den auf einer Stroh­ma­trat­ze in dem Haus unten am Fluss, in dem der Kapi­tän sei­nen Kom­man­do­platz hat­te, sogar zu essen beka­men sie, aus einer Feld­kü­che, sein eige­nes Lunch­pa­ket war längst auf­ge­braucht, auf­ge­teilt auf die ande­ren, und Harald ertapp­te sich dabei, dass es ihm Bewun­de­rung abrang, wie durch­ge­plant alles war, wie rei­bungs­los alles zu funk­tio­nie­ren schien, er war von Opti­mis­mus erfüllt, von dem Glau­ben, der blo­ße Anblick die­ses Wil­lens zum Wider­stand über­all in Nor­we­gen, die­ser gut­ge­öl­ten Maschi­ne­rie, wür­de die Deut­schen so ent­mu­ti­gen, dass sie sich höf­lich ver­neig­ten, auf dem Absatz kehrt­mach­ten und die gan­ze Inva­si­on abblie­sen.

Am Don­ners­tag stand wie­der Drill am Pro­gramm, Gewehr­rei­ni­gung, Grund­la­gen­trai­ning – die ohne mili­tä­ri­sche Aus­bil­dung wuss­ten noch nicht ein­mal, wie man Patro­nen in eine Krag-Jør­gen­sen ein­leg­te oder wie das Nach­la­den funk­tio­nier­te. Haralds Team trai­nier­te am Maschi­nen­ge­wehr, Schlag­bol­zen­wech­sel und Kühl­was­ser­tausch, um ein Über­hit­zen der Waf­fe zu ver­hin­dern. Sie befan­den sich in fort­wäh­ren­der Anspan­nung. Kamen die Deut­schen? Weil der Fähn­rich nun doch der Mei­nung war, die Stel­lung von Haralds Team lie­ge zu weit unten, muss­ten sie das Brow­ning M/29 wie­der aus­ein­an­der­bau­en, Waf­fe, Rohr­wie­ge und Lafet­te, Muni­ti­ons­käs­ten und die gesam­te Aus­rüs­tung höher den Hang hin­auf ver­le­gen. Sie hat­ten schwer zu tra­gen, der Schnee war brü­chig und sie san­ken stän­dig bis zu den Knien ein, end­lich aber hat­ten sie das Maschi­nen­ge­wehr an neu­er Stel­le mon­tiert, ein neu­es Schuss­feld frei­ge­räumt und zur Tar­nung Nadel­baum­zwei­ge her­an­ge­schafft.

Unter ihnen lag die Glom­ma, deren fes­tes Eis von einem Ufer zum ande­ren reich­te, sowohl ober- als auch unter­halb der Brü­cke. Bei Ankunft der Deut­schen soll­te die Brü­cke gesprengt wer­den. In der Spreng­kam­mer war­te­te die Ladung bereits auf ihren Ein­satz. Harald saß frös­telnd in Stel­lung. Die­se Kon­struk­ti­on eines Brü­cken­pfei­lers mit Spreng­kam­mern brach­te ihn ins Stut­zen. Beim Bau einer Brü­cke gleich­zei­tig die Mög­lich­keit ihrer Zer­stö­rung mit ein­bau­en! Als ob die Zivi­li­sa­ti­on jeder­zeit die Bar­ba­rei mit­ein­rech­nen müs­se.

Die Däm­me­rung brach her­ein. Er betrach­te­te die Far­ben im Schnee, der hier wesent­lich höher lag als in der Stadt. Auf ein­mal muss­te er an sei­nen Grund­schul­leh­rer den­ken, der ihnen gezeigt hat­te, wie man beim Malen einer Win­ter­land­schaft den Schnee mit blau­en Schat­ten ver­se­hen konn­te, wie schön, wie natur­ge­treu es dann wirk­te. In Askim hat­te er die Ski­er able­gen müs­sen, konn­te sie nicht gebrau­chen. Idio­tisch. Er bereu­te es, dass er nicht lie­ber rauf nach Mari­da­len gegan­gen und dort in den Wald hin­ein ver­duf­tet war. Er hät­te die Nord­mar­ka durch­strei­fen kön­nen, die­se Gegend, die er so gut kann­te. Kilo­me­ter­weit dich­ter Wald, in dem man sich ver­ste­cken konn­te. Die jun­gen Män­ner muss­ten sich jetzt zu Dut­zen­den dort ein­ge­fun­den haben, in jeder Hüt­te, jeder Wald­ba­ra­cke, unter jeder Hügel­kup­pe. Ein per­fek­ter Ort als Basis für den Wider­stand. Harald fan­ta­sier­te davon, wie er im wei­ßen Tarn­an­zug mit einem Gewehr am Opp­kuven lag und fast eigen­hän­dig die hal­be Nord­mar­ka von Deut­schen frei­hielt.

Dann war sie wie­der da. Maud. Mauds Wim­pern. Mauds Hüt­te tief im Wald­in­ne­ren. Bald drei Wochen war es her, dass er dort vor dem Kamin geses­sen war und Shake­speare zitiert hat­te, und dann … Der blo­ße Gedan­ke dar­an schmerz­te. Er hat­te es nie­man­dem erzählt, auch Sigurd nicht, hat­te nicht ein­mal erwähnt, dass er dort gewe­sen war, dass er Sams­tag dann doch noch zur Hüt­te auf­ge­bro­chen war. Du lie­be Güte, wie er es bereu­te. Er hät­te alles dar­um gege­ben, die­sen Tag noch ein­mal erle­ben zu dür­fen. Auch bei Mut­ters alber­ner Geburts­tags­fei­er hat­te er kei­ne Gele­gen­heit gefun­den, sich mit Maud unter vier Augen zu unter­hal­ten. Eigent­lich hat­te es ihn über­rascht, dass sie über­haupt dage­we­sen war. Oder war sie nur des­halb gekom­men, weil sie sei­ne Mut­ter bewun­der­te? Maud rede­te oft von »Rita Boh­re«, als ob sie ein Sym­bol wäre; sie sprach, und das mit erstaun­li­chem Enthu­si­as­mus, über alles, was sei­ne Mut­ter erreicht hat­te, was das für jün­ge­re Frau­en bedeu­te­te. Im Stil­len hat­te er sich dar­über geär­gert, weil er befürch­te­te, im Schat­ten sei­ner Mut­ter zu ste­hen. Schon am Tag nach der Fei­er hat­te er sich geschwo­ren, Maud zu fra­gen, ob sie mit ihm aus­ge­hen wol­le, hat­te sich aus­ge­malt, wie er sie in das im obers­ten Stock des neu­en, tem­pel­ähn­li­chen Fol­ke­tea­ter-Gebäu­des gele­ge­ne Restau­rant Skan­sen aus­führ­te, wie er ein paar Wor­te über die Aus­sicht ver­lor und sie gleich­zei­tig um Ver­ge­bung bat. Viel­leicht konn­ten sie hin­ter­her tan­zen. Und danach dann … Es hät­te ein Abend wer­den sol­len, an dem sich alles ent­schied, an dem alle Kar­ten auf den Tisch gelegt wur­den. Und wenn er schlicht und ein­fach um ihre Hand anhiel­te?

Statt­des­sen sitzt er nun hier, dem Mond näher als dem Tanz­par­kett des Stra­tos, näher an Siri­us als an Mut­ters Vil­la voll mit Gemäl­den und Bachs Musik und Tep­pi­chen aus Isfa­han und dem gan­zen unver­bind­li­chen Gefa­sel, das man nach einem erle­se­nem Mahl und jeder Men­ge guten Weins vor dem Kamin von sich gab. Hin­ter einer Waf­fe mit ein­ge­leg­tem Gurt für 250 Schuss sitzt er im Schnee, bereit, jeden uni­for­mier­ten Deut­schen zu töten, der auch nur sei­ne Nasen­spit­ze auf der ande­ren Sei­te des Flus­ses her­aus­streckt. Er ertappt sich dabei, wie ihm der Mund offen steht vor die­ser Spann­brei­te, die­ser Fül­le an Mög­lich­kei­ten, die in einem Men­schen ver­bor­gen lagen.

Maud. War sie, neben all dem ande­ren, der Grund dafür, dass er jetzt hier war? Sei­ne Schuld­ge­füh­le?

Er fror, sogar mit sei­ner eige­nen Müt­ze unter der Feld­hau­be und einem Pul­li unter der Loden­ja­cke. Auch einen Schal hät­te er noch ver­tra­gen kön­nen. Er saß in der Stel­lung zusam­men mit Geir, dem Grup­pen­kom­man­dant­stell­ver­tre­ter, der für das rich­ti­ge Ein­set­zen des Patro­nen­gurts zustän­dig war. Geir hat­te noch nicht ein­mal die Rekru­ten­aus­bil­dung absol­viert, hat­te aber an der frei­wil­li­gen mili­tä­ri­schen Schu­lung teil­ge­nom­men, die direkt nach Weih­nach­ten abge­hal­ten wor­den war. Er stamm­te aus Råde, und im Gegen­satz zu den ande­ren ruch­lo­sen Feig­lin­gen, denen er in Oslo begeg­net war, hat­te er sich hier­her bege­ben, als ob es das Selbst­ver­ständ­lichs­te auf der Welt wäre. Bei­de waren sie wie­der hung­rig. War der Nach­schub­weg aus Askim zusam­men­ge­bro­chen? Harald fan­ta­sier­te von dem Essen sei­ner Mut­ter, dem Essen sei­ner Kind­heit. Sie war viel­leicht kei­ne gro­ße Köchin, aber so lan­ge er leb­te, wäre ihm ihr Essen das liebs­te, Lamm­steaks und Kote­letts, Würst­chen und Fri­ka­del­len, gekoch­ter Dorsch, gebra­te­ne Makre­len. Erb­sen­sup­pe. Beim blo­ßen Gedan­ken an Mut­ters Erb­sen­sup­pe mit Fleisch grub sich ihm ein Loch in den Bauch.

Der Abend wur­de lang. Noch län­ger die Nacht. Wo blie­ben denn nun die ver­hass­ten Deut­schen, die sein zer­furch­tes, wet­ter­ge­peitsch­tes, gelieb­tes Land zu besu­deln gedach­ten? Er fror, ver­such­te es mit Bewe­gung. Inzwi­schen muss­te es Minus­gra­de haben. Er nick­te ein, bekam aber nichts­des­to­we­ni­ger mit, dass um Mit­ter­nacht her­um Ver­stär­kung ein­traf, meh­re­re Vor­ge­setz­te, noch mehr Maschi­nen­ge­weh­re, die Befeh­le wan­der­ten von Mund zu Mund, sie muss­ten inzwi­schen über hun­dert Mann sein, aber noch immer fehl­ten ihnen wich­ti­ge Waf­fen – Maschi­nen­pis­to­len, Hand­gra­na­ten, Minen­wer­fer. Unten im Haus des Haupt­manns leg­te Harald sich für eine Stun­de auf der Stroh­ma­trat­ze aufs Ohr, bevor er wie­der in die Stel­lung hin­auf­klet­ter­te. End­lich wur­de ein wenig Ver­pfle­gung her­bei­trans­por­tiert, Laps­kaus dies­mal. Himm­lisch. Etwas, das auch sei­ne Mut­ter gekocht hat­te. Und das sie auch hin und wie­der in der Kikut­stua geges­sen hat­ten. In Gedan­ken schick­te Harald einen Dank an die Mäd­chen in Askim, die die­se Mahl­zeit zube­rei­tet hat­ten. Die gan­ze rest­li­che Nacht ver­brach­te er fast unab­läs­sig damit, auf die ande­re Sei­te hin­über­zu­spä­hen. Kurz sah er den Him­mel auf­blit­zen, einen Halb­mond, schob den Gedan­ken an eine Sichel, den Tod, aber bei­sei­te. Mehr­mals nick­te er ein und fiel mit der Nase auf das Maschi­nen­ge­wehr, Waf­fen­ge­ruch stahl sich in einen undeut­li­chen Traum.

Früh­mor­gens erwach­te er mit einem Schlag. Bus­se, voll­be­la­den mit Deut­schen, waren auf dem Weg. Er stand auf, schlug die Arme über­ein­an­der, um sich warm zu hal­ten. Der Fern­spre­cher unten beim Haupt­mann bekam noch eine letz­te Mel­dung, als die Deut­schen die Beob­ach­tungs­pos­ten in Spy­de­berg pas­sier­ten. Wenn die Bus­se oben rechts auf der ande­ren Fluss­sei­te aus der Kur­ve her­aus­ka­men, muss­ten sie vor Errei­chen der Brü­cke hun­dert Meter neben einer steil abfal­len­den Fels­wand ent­lang­fah­ren, die gan­ze Stre­cke seit­lich zu den Stel­lun­gen, die 150 bis 200 Meter ent­fernt ver­steckt auf der Aski­mer Sei­te lagen. Wie Ziel­schie­ßen, dach­te Harald.

Er ließ sich auf den Sitz hin­ter dem Maschi­nen­ge­wehr fal­len und leg­te die Hän­de an den Griff. Unmög­lich, das Herz­klop­fen los­zu­wer­den. Doch der Anblick der schma­len Stra­ße, die auf der ande­ren Sei­te an der Klip­pen­wand ent­lang frei­ge­sprengt wor­den war, mach­te ihm Mut. Oslo, die­se Scheiß­stadt mit ihren hand­lungs­un­fä­hi­gen Krä­mern, moch­te ver­lo­ren sein. Das Gold Nor­we­gens war die Natur. Die wil­de, unweg­sa­me Natur. Die vie­len Ber­ge, Fjor­de, Wäl­der. Es stimm­te, was Onkel Albert auf Mut­ters Par­ty gesagt hat­te: Nor­we­gen war eine rie­si­ge, unein­nehm­ba­re Fes­tung. Man schaff­te es kaum, Eisen­bah­nen in die­sem Land zu bau­en. Sowohl der Vater als auch der Groß­vater hat­ten abends an Haralds und Sigurds Bett­kan­te geses­sen und ihnen von den Her­aus­for­de­run­gen beim Bau der Ber­gens­bane erzählt, von Tun­neln durch Ber­ge, Brü­cken über schwin­del­erre­gen­de Schluch­ten, von Schnee­stür­men, die über die Ebe­ne feg­ten. Jede frem­de Macht, die die­ses Land zu okku­pie­ren ver­such­te, wür­de sehr bald erfah­ren, wie unmög­lich es war, sich über einen län­ge­ren Zeit­raum hier fest­zu­kral­len.

Die Sin­ne aufs Äußers­te ange­spannt, fühl­te er sich plötz­lich mit einer Hyper­sen­si­bi­li­tät aus­ge­stat­tet, wie ein Tier. Es erin­ner­te ihn an das Ver­steck­spiel sei­ner Kind­heit und an die Zeit sei­nes sexu­el­len Erwa­chens, als er die Mäd­chen rie­chen, durch ihre Klei­dung hin­durch­se­hen, ihr Atmen hören konn­te; als ein Kuss wie ein lan­ges Gespräch schmeck­te und eine Haut­be­rüh­rung ihm elek­tri­sche Stö­ße ver­setz­te.

Maud.

Alles war still. Eine gespens­ti­sche Stil­le. Eini­ge Sing­vö­gel saßen unter­halb im Gebüsch, aber ihr Gesang war nicht zu hören. Nicht ein­mal das Geräusch des ers­ten Bus­ses hör­te er, sah nur etwas Gel­bes über­deut­lich im Schnee­matsch auf der Stra­ße zum Vor­schein kom­men und so um die Kur­ve bie­gen, dass des­sen gesam­te Längs­sei­te sicht­bar wur­de. Ein Schøy­en-Bus. Einer die­ser Bus­se, die er frü­her täg­lich gese­hen hat­te, die jetzt aber voll waren mit Deut­schen. Mit Fein­den. Er ziel­te, hat­te die gel­be Metall­flä­che vor dem Korn und das Korn sta­bil in der Kim­me. Der Bus ver­lang­sam­te die Fahrt. Der Fah­rer muss­te die Rund­höl­zer ent­deckt haben, die direkt vor der Brü­cke den Weg ver­sperr­ten. Meh­re­re Deut­sche spran­gen her­aus. Harald und die ande­ren hat­ten Befehl, so lan­ge mit dem Schie­ßen zu war­ten, bis sich so vie­le Bus­se wie mög­lich auf der Stre­cke zwi­schen Kur­ve und Brü­cke befan­den. Dann knat­ter­te es. Die Stel­lung rechts von ihnen, die den Deut­schen am nächs­ten lag, hat­te nicht län­ger zuwar­ten kön­nen. Der zwei­te Bus kam in der Kur­ve in Sicht, hielt aber an. Und jetzt ging der Krach erst rich­tig los. Harald konn­te lee­re Patro­nen­hül­sen unter der Waf­fe in den Schnee rat­tern hören. Er war­te­te, dass die deut­schen Sol­da­ten aus den Bus­sen her­aus­ström­ten und das Feu­er erwi­der­ten, aber es kam nie­mand zum Vor­schein. Ein stren­ger Befehl ließ sie schließ­lich das Feu­er ein­stel­len. Erst jetzt nahm er den stren­gen Geruch nach Pul­ver­gas wahr. Oder nach Tod. Nach einer Wirk­lich­keit, die jen­seits von die­ser lag. Er spür­te einen Druck in den Ohren und ein Zit­tern in den Glie­dern, als wäre ihm ein Auf­putsch­mit­tel in die Venen gepumpt wor­den. Von der ande­ren Sei­te her war Moto­rend­röh­nen zu hören, der zwei­te Bus setz­te zurück und ver­schwand aus ihrem Sicht­feld. Jetzt wuss­ten die Deut­schen dahin­ter Bescheid, sie wür­den die Tak­tik ändern. Trotz­dem jubi­lier­te er inner­lich. Was für ein Tri­umph. Hier lagen sie, eini­ge weni­ge Män­ner, und konn­ten es mit einem gan­zen Heer auf­neh­men. Er blick­te zu dem durch­lö­cher­ten Bus auf der ande­ren Sei­te, des­sen Schei­ben gebors­ten waren. Alle Sol­da­ten, sowohl die drau­ßen als auch die drin­nen, muss­ten tot sein. Er fühl­te nichts. Völ­lig ruhig dach­te er: So müs­sen wir kämp­fen. So müs­sen wir den hoch­nä­si­gen Ein­dring­ling nie­der­rin­gen.

Immer­hin war er nicht so taub, als dass er den Befehl des Haupt­manns zur Spren­gung der Brü­cke nicht mit­be­kom­men hät­te. Ein per­fek­ter Plan. Harald war­te­te auf den gewal­ti­gen, befrei­en­den Knall, doch nichts geschah. Zwi­schen den bei­den obers­ten Höl­zern der Deckung guck­te er zur Brü­cke hin­un­ter. Ein Sol­dat mach­te ver­zwei­fel­te Ges­ten in Rich­tung des Haupt­manns. Das elek­tri­sche Zünd­sys­tem muss­te ver­sagt haben. Danach gin­gen rasch Befeh­le zwi­schen den Stel­lun­gen hin und her, und wäh­rend sie das Gebiet bestri­chen, in dem die Deut­schen lagen oder noch auf­tau­chen konn­ten, lief einer der Feld­we­bel – wie ver­dammt hel­den­haft!, hat­te Harald noch Zeit zu den­ken – zur Brü­cken­mit­te und sprang in den Schacht hi­nunter, wo es ihm gelang, die Reser­vel­un­te von Hand zu zün­den, und nicht weni­ger wich­tig: wie­der her­aus­zu­klet­tern und zurück­zu­keh­ren, bevor die Ladung deto­nier­te. Der Boden zit­ter­te von der Explo­si­on, und Harald ver­nahm Geirs Jubel­ru­fe, irgend­wie mehr aus Stolz als vor Freu­de. Vor sei­nem geis­ti­gen Auge sah Harald die vie­len Brü­cken, die die­ser Tage in Nor­we­gen zer­stört wür­den. Die Deut­schen wür­den nir­gend­wo­hin kom­men. Sprengt die Tun­nel und Brü­cken, und der Feind ist chan­cen­los! Er war kurz davor, einen Hur­ra­ruf aus­zu­sto­ßen, ver­biss es sich aber, denn durch das Guck­loch sah er, wie die Brü­cke ange­ho­ben wur­de, die Beton­de­cke die Form eines Pro­pel­lers annahm und wie­der auf den star­ken mitt­le­ren Brü­cken­pfei­ler zurück­fiel. Die Fahr­bahn war schief und wel­len­för­mig, aber lei­der wei­ter­hin pas­sier­bar – an die­ser Stel­le fügt es sich übri­gens gut, unse­rer N20-Assis­tenen­grup­pe ein Lob aus­zu­spre­chen, denn obwohl einst vier­tau­send Bücher über den Krieg in Nor­we­gen erschie­nen sein sol­len – offen­bar war die nor­we­gi­sche Bevöl­ke­rung uner­sätt­lich nach neu­en Ver­sio­nen die­ser Erzäh­lung –, und uns heu­te ledig­lich Frag­men­te zur Ver­fü­gung ste­hen, ist es der Grup­pe den­noch gelun­gen, in die­sen Büchern sowie einer Rei­he ande­rer obsku­rer Quel­len Details auf­zu­spü­ren, die, so weit wir das beur­tei­len kön­nen, eine zuver­läs­si­ge Rekon­struk­ti­on der hier geschil­der­ten Kampf­hand­lun­gen ermög­licht.

Jetzt hieß es abwar­ten. Ohne­hin konn­te Harald nicht mehr tun, als Kühl­was­ser nach­zu­fül­len und die Waf­fe zu kon­trol­lie­ren, bevor das Cha­os aus­brach; Deut­sche tauch­ten in dem bewal­de­ten Kur­ven­ab­schnitt auf, eini­ge nah­men die nor­we­gi­schen Stel­lun­gen unter Beschuss, ande­re ver­such­ten, den zuge­fro­re­nen Fluss zu über­que­ren. Wäh­rend Geir den Muni­ti­ons­gurt hielt, feu­er­te Harald kur­ze Sal­ven ab, kon­zen­trier­te sich auf die Sol­da­ten, die bis ans ande­re Ufer gelangt waren. Gleich­zei­tig muss­te die Auf­for­de­rung erfolgt sein, den Stau­damm von Sol­berg zu öff­nen, denn durch das her­ab­flu­ten­de Was­ser wur­de das Eis auf­ge­bro­chen. Jene wage­mu­ti­gen Deut­schen, die über die Eis­schol­len zu sprin­gen ver­such­ten, wur­den von den am nächs­ten zum Ufer posi­tio­nier­ten Nor­we­gern nie­der­ge­schos­sen. Bald war der gan­ze Angriff abge­wehrt.

Stil­le. Ver­däch­ti­ge Stil­le.

Nicht aber im Kopf.

Es muss­te der mal­trä­tier­te Bus gewe­sen sein, der sei­ne Gedan­ken auf etwas umlei­te­te, das er am ers­ten Tag in Askim gese­hen hat­te. Eine Loko­mo­ti­ve war aus Mysen her­an­ge­schafft wor­den und stand jetzt am ers­ten Gleis in der Bahn­sta­ti­on Askim, damit sie, falls die Deut­schen mit der Eisen­bahn, mit dem Trans­port­zug aus Oslo kämen, dage­gen­ge­fah­ren wer­den konn­te. Das brach­te sei­ne Gedan­ken auf Otto Kel­ler, sei­nen Vater.

Harald war sei­nem Vater sehr nahe­ge­stan­den, wes­halb es ihn umso schwe­rer getrof­fen hat­te, als sei­ne Eltern die Uner­hört­heit begin­gen, sich schei­den zu las­sen, eine Sel­ten­heit damals. Im Gegen­satz zu Sigurd und Bjørg hat­te er den Nach­na­men sei­nes Vaters behal­ten, und im Gegen­satz zu sei­nem Bru­der hat­te er ihn sowohl in der Halv­dan Svar­tes gate als auch in sei­nem Büro besucht – auch des­halb viel­leicht, weil er ihn als ein Rät­sel betrach­te­te. Min­des­tens ein­mal die Woche war Harald bei sei­nem Vater gewe­sen, doch wenn er nach Hau­se gegan­gen war, hat­te er stets gedacht: Ich ken­ne ihn nicht.

Otto Kel­ler war als Inge­nieur in den Thu­ne-Werk­stät­ten in Skøy­en ange­stellt, in den rie­si­gen, zwi­schen Drammens­vei­en und der Eisen­bahn­stre­cke gele­ge­nen Hal­len. Beson­ders in sei­ner Kind­heit hat­te Harald es span­nend gefun­den, mit sei­nem Vater dort umher­zu­strei­fen und den Arbei­tern zuzu­se­hen, die gera­de mit der Her­stel­lung von Tei­len beschäf­tigt waren, aus denen spä­ter Tur­bi­nen oder Loko­mo­ti­ven ent­ste­hen soll­ten. Am aller­liebs­ten jedoch saß Harald mit einem Blatt Papier im Büro und zeich­ne­te, wäh­rend sein Vater etwas wei­ter weg vor rie­si­gen gezeich­ne­ten Plä­nen saß, die Harald nie in Zusam­men­hang zu brin­gen ver­moch­te mit dem, was in den Hal­len vor sich ging. Anfang der 30er-Jah­re hat­te sein Vater mit der Arbeit an der Kon­struk­ti­on eines Loko­mo­tiv­en­typs begon­nen, der grö­ßer und stär­ker sein soll­te als alles bis dahin in Nor­we­gen Gese­he­ne. Harald durf­te sich die puz­zle­ähn­li­chen Zeich­nun­gen anse­hen, die er zwar schön fand, bei denen er sich aber nie vor­stel­len konn­te, wie das, was auf ihnen dar­ge­stellt war, in Wirk­lich­keit aus­se­hen wür­de.

Eines Abends, nach­dem sie in der Halv­dan Svar­tes gate gemein­sam geges­sen hat­ten, nahm sein Vater ihn mit run­ter zum Ost­bahn­hof. Harald war 14 Jah­re alt. »Ich möch­te dir etwas zei­gen«, sag­te sein Vater. Das war typisch für ihn, er sag­te nie viel. Als Harald noch klei­ner war, hat­ten sie oft zusam­men Din­ge im Gar­ten oder an Bächen gebaut, Was­ser­rä­der oder klei­ne Brü­cken aus Klein­holz und Bind­fä­den, und nur zwi­schen­durch hat­te sein Vater etwas gesagt oder erklärt. Die Schei­dung sei­ner Eltern war für Harald ein Rät­sel. Eines Tages war sei­ne Mut­ter mit den Kin­dern ein­fach nach Lys­a­ker gezo­gen, und sein Vater war allein in der Halv­dan Svar­tes gate zurück­ge­blie­ben. Wenn Harald spä­ter eine Andeu­tung in die­se Rich­tung gemacht hat­te, war der Vater nur noch schweig­sa­mer gewor­den. An die­sem Abend aller­dings war er unge­wohnt auf­ge­regt, ging leich­ten Schritts durch den Haupt­ein­gang des statt­li­chen Bahn­hofs­ge­bäu­des, bei des­sen Aus­bau Haralds Groß­va­ter ganz zu Anfang sei­ner Kar­rie­re, als Ange­stell­ter in Georg Andre­as Bulls Archi­tek­tur­bü­ro, mit­ge­wirkt hat­te.

Vor einem der ganz hin­ten gele­ge­nen Bahn­stei­ge stell­te der Vater sich auf. »Was machen wir hier?«, frag­te Harald. »Wart nur ab«, sag­te der Vater und deu­te­te hin­auf zu den schö­nen, guss­ei­ser­nen Gewöl­ben, als wol­le er etwas über die Inge­nieurs­kunst äußern. Eine Vier­tel­stun­de viel­leicht stan­den sie dort, blick­ten zu den rußi­gen Glas­dä­chern hin­auf, beob­ach­te­ten die Tau­ben und die weni­gen Fahr­gäs­te auf den ande­ren Bahn­stei­gen. Dann warf der Vater einen Blick auf die Uhr und lächel­te Harald zu. »Jetzt«, sag­te er und nick­te in Rich­tung des Stadt­teils Gam­le­by­en. Zuerst konn­te Harald in dem Halb­dun­kel nichts als Rauch erken­nen. All­mäh­lich aber stieg aus dem Dampf die Front einer Loko­mo­ti­ve empor, ein rie­si­ges Biest. Die Schie­nen began­nen zu sin­gen, oder zumin­dest klang es für Harald wie ein Sin­gen, eine dunk­le Melo­die. In sei­ner Fan­ta­sie sah er ein toben­des Ele­fan­ten­männ­chen auf sich zulau­fen, doch bald dar­auf bäum­te sich die Loko­mo­ti­ve zu etwas noch Grö­ße­rem, noch Gewal­ti­ge­rem auf, einer schwar­zen Wand prus­ten­der Roh­kraft, und noch gewal­ti­ger wur­de es, als sie schließ­lich abbrems­te und Harald das Fuhr­werk auch von der Sei­te sah, beglei­tet von einem ohren­be­täu­ben­den Quiet­schen und dem Geräusch der Stem­pel, wäh­rend der Lok­füh­rer gleich­zei­tig noch an der Pfei­fe zog. Vater zu Ehren, dach­te Harald.

»Die Dov­re­gub­ben«, sag­te der Vater, als sprä­che er wahr­haf­tig von einem Troll. »Die ers­te von vie­len, die wir aus­lie­fern wer­den«, sag­te er. »150 Ton­nen, sofern wir das Gewicht des Ten­ders dazu­rech­nen.«

Natür­lich hat­te Harald davon gehört, jedoch war es unmög­lich für ihn, einen Zusam­men­hang her­zu­stel­len zwi­schen dem, was er auf dem Schreib­tisch sei­nes Vaters gese­hen hat­te, die­sem gan­zen Gere­de über »Treib­rad­durch­mes­ser« und ein »zwei­ach­si­ges Dreh­ge­stell mit Helm­holtz-Lenk­ge­stell«, und dem schwar­zen, mäch­ti­gen Mons­ter, die­sem, ja, die­sem krie­chen­den Troll, der da vor ihm auf den Glei­sen stand und förm­lich in den Stahl­mus­keln beb­te. 22 Meter lang, mit Rauch­schir­men wie zit­tern­de Ele­fan­ten­oh­ren. Sein Vater und der Hei­zer beschau­ten sich das Trieb­werk. Wie­der: Vaters Eupho­rie. Danach durf­te Harald mit in den Füh­rer­stand hoch­kom­men, wo der Vater zu erklä­ren, zu deu­ten und zu lachen anfing und wäh­rend­des­sen sei­nem Sohn lie­be­voll die Schul­ter drück­te, ein Moment, an den Harald sich immer als einen Wen­de­punkt erin­nern soll­te, denn als er im Füh­rer­stand die­ser gigan­ti­schen Maschi­ne stand, war es ihm nicht nur, als ob die­se gro­ßen, unge­heu­er kom­pli­zier­ten Zeich­nun­gen, die er in den Thu­ne-Werk­stät­ten gese­hen hat­te, zu etwas Drei­di­men­sio­na­lem, zu etwas Sinn­li­chem wur­den, son­dern als ob auch sein Vater, die­ses unver­ständ­li­che Wesen, immer greif­ba­rer und hand­fes­ter vor ihm zuta­ge trä­te, zu einem Men­schen wur­de, der sein Leben etwas Schöp­fe­ri­schem wid­men, der die Mensch­heit vor­an­brin­gen woll­te.

Ver­hielt es sich so viel­leicht auch mit dem Krieg?, dach­te Harald frös­telnd zwi­schen den Bäu­men bei der Fos­sum-Brü­cke. Nur mit umge­kehr­ten Vor­zei­chen? Der Unter­schied, ob man bloß dar­über las, Sigurds Erzäh­lun­gen über ver­schie­de­ne Schlach­ten hör­te, oder ob man selbst die Sturz­bom­ber sah, sie heu­lend auf Akers­hus her­ab­fal­len hör­te, die Explo­sio­nen, den Erd­bo­den zit­tern spür­te oder hier auf dem Sitz hin­ter einem Maschi­nen­ge­wehr saß, das hei­ße Metall und das Öl roch, dar­auf war­tend, dass noch eini­ge mehr kämen, denen man das Licht aus­knip­sen konn­te. Und beson­ders dann, wenn die­se »Eini­gen« Teil von einem selbst waren. Sein Vater, Otto Kel­ler, war zur Hälf­te Deut­scher. Sigurd hat­te ver­sucht, die­se Tat­sa­che, so gut es ging, unter den Tisch zu keh­ren, und Harald schon früh dazu ange­hal­ten, so wenig wie mög­lich dar­über zu spre­chen. Nur Onkel Albert streu­te hin und wie­der ein paar gif­ti­ge Andeu­tun­gen ein. Ottos Vater, Haralds Groß­va­ter, war einer von meh­re­ren gut aus­ge­bil­de­ten Deut­schen, die sich vor der Jahr­hun­dert­wen­de in Nor­we­gen nie­der­ge­las­sen hat­ten. Vor zwei Jah­ren war ihr Vater dann für Aus­bes­se­rungs­ar­bei­ten an der Dov­re­gub­ben-Loko­mo­ti­ve nach Essen gezo­gen. Stolz hat­te er erzählt, dass auch die Haupt­ge­schüt­ze, die in Oscars­borg zum Ein­satz kamen, von der in Essen ansäs­si­gen Fir­ma gelie­fert wor­den sei­en. Was für eine Iro­nie, dach­te Harald jetzt. In sei­nem letz­ten Brief hat­te der Vater geschrie­ben, er habe eine neue Arbeit gefun­den und woh­ne jetzt in Ham­burg, der Hei­mat­stadt sei­nes Vaters, wo er als Kind häu­fig zu Besuch gewe­sen sei. »Hier bin ich sicher«, hat­te er geschrie­ben, als ob er gewusst hät­te, befürch­tet hät­te, dass da etwas im Anzug war, oder als sei ihm bewusst gewe­sen, dass die Tat­sa­che, Deut­scher zu sein, und sei es auch nur zur Hälf­te, sich in Nor­we­gen bald als pro­ble­ma­tisch erwei­sen könn­te.

Die Dov­re­gub­ben. Ein Wun­der an mensch­li­chem Erfin­der­geist. Spä­ter aller­dings konn­te Harald sich nie ganz von dem Gefühl los­sa­gen, dass sie eher unheim­lich als beein­dru­ckend wirk­te, und nicht sel­ten tauch­te die schwar­ze, damp­fen­de Kon­struk­ti­on, mit dem ein­zel­nen Schein­wer­fer als Zyklo­pen­au­ge, in sei­nen Alp­träu­men auf.

Es ist, als wäre sei­ne Wut durch die Gedan­ken an sei­nen Vater abge­schwächt wor­den. Hat­te er jeman­den getö­tet? Waren durch sei­ne Kugeln Sol­da­ten im Bus getrof­fen wor­den? Ver­stört starrt Harald zum Fluss hin­un­ter, wäh­rend wei­te­re Minu­ten dahin­ti­cken. Plötz­lich sieht er sei­nen Geo­gra­fie­leh­rer vor sich, erin­nert sich an alles, was er ihnen über den Fluss Glom­ma bei­gebracht hat, wo er ent­springt, an wel­chen Orten er vor­bei­fließt. Vier­te Klas­se. Eine beacht­li­che Leis­tung: Einer Hor­de igno­ran­ter Jun­gen Wis­sen ein­trich­tern. Doch was nütz­te ihm das jetzt? Er trank aus der Feld­fla­sche, ver­such­te etwas Brot hin­un­ter­zu­be­kom­men, einen Kan­ten, den er in der Tasche ste­cken hat­te, aber er war nicht hung­rig. Dann knat­ter­te es von der Spit­ze der Fels­wand auf der ande­ren Sei­te. Wei­te­re Sal­ven folg­ten, und um sie her­um peitsch­ten Pro­jek­ti­le in den Schnee. Das Gewehr­kra­chen war von einer sol­chen Tro­cken­heit, dass es völ­lig unge­fähr­lich wirk­te. Unmög­lich die Vor­stel­lung, dass das den Tod bedeu­ten konn­te. Alle nor­we­gi­schen Stel­lun­gen erwi­der­ten das Feu­er. Harald konn­te nicht erken­nen, ob er traf, er schoss ein­fach. »Es müs­sen Hun­der­te sein!«, hör­te er einen Vor­ge­setz­ten rufen.

In einer Unter­bre­chung des Schuss­wech­sels gelang es Harald, sich für einen Moment über die Situa­ti­on zu erhe­ben, über das Absur­de dar­an nach­zu­den­ken, Men­schen zwei­er Natio­nen, die die Luft zwi­schen sich mit tod­brin­gen­dem Blei füll­ten. Es war ein schö­ner Tag, Son­nen­schein, Oster­stim­mung und schmel­zen­der Schnee, und hier lagen sie und setz­ten alles dar­an, sich gegen­sei­tig umzu­brin­gen. Ich hät­te auf einer Ski­tour mit Maud sein sol­len, dach­te er. Wir hät­ten Kakao trin­ken kön­nen. Viel­leicht hät­ten wir uns sogar geküsst.

Wie zur Ver­stär­kung des Erleb­ten, tön­te plötz­lich lei­ser Gesang aus der Maschi­nen­ge­wehr­stel­lung her­über. Es war Alf, der Grup­pen­kom­man­dant, ein jun­ger Unter­of­fi­zier. Harald erkann­te das Lied. »Der Son­nen­schein, der macht mich froh«, eine Melo­die, die in den Wochen davor vie­le vor sich hin gesummt hat­ten. Harald hat­te Lust ein­zu­stim­men, hielt sich aber zurück. Das hät­te alles nur noch sinn­lo­ser gemacht.

Und trotz­dem. Die Ver­tei­di­gung einer Brü­cke. Einer schma­len Pas­sa­ge. Ein Kriegs-Urdra­ma. Sigurd war Exper­te in sol­chen Din­gen, hat­te in Kin­der­ta­gen abends im Bett leb­haft von den Bir­ke­bei­nern und der Schlacht bei der Hør­te-Brü­cke erzählt, von den Schwe­den und Rus­sen in der Schlacht bei der Vir­ta-Brü­cke 1808 und von dem bri­ti­schen Sol­da­ten Sid­ney God­ley, der ganz allein, mit einem Maschi­nen­ge­wehr, und das in nur zwei Stun­den – Harald, stell dir das vor – in zwei Stun­den, allein, nach der Schlacht bei Mons 1914 die Deut­schen am Über­que­ren einer Eisen­bahn­brü­cke gehin­dert hat­te und dadurch den Bri­ten und Fran­zo­sen Zeit zum Rück­zug ver­schafft hat­te. In die­sem Moment aber, vor der halb zer­stör­ten Brü­cke, dach­te Harald eher an Leo­ni­das und sei­ne klei­ne Schar im Kampf gegen das Pers­er­heer, er erin­ner­te sich, wie ihre Mut­ter, als sie noch klein waren, in dem gro­ßen Ohren­ses­sel vor dem Kamin geses­sen und sie mit die­ser Geschich­te unter­hal­ten hat­te; beson­ders Sigurd konn­te nie genug davon bekom­men, von Leo­ni­das und den Spar­ta­nern zu hören. Aller­dings ver­tei­dig­ten sie hier durch­aus kei­ne wich­ti­ge Stra­ße zu einem Zen­trum, das wuss­te Harald, als er da in der Ver­tie­fung lag, hin­ter der Deckung, ergo traf das Bild von Leo­ni­das nicht zu, und wenn, dann wohl eher auf die Fes­tungs­in­sel Oscars­borg und den wach­sa­men Kom­man­dan­ten, der vor eini­gen Tagen die­se Rol­le über­nom­men hat­te.

Es war ruhi­ger gewor­den auf der Anhö­he am ande­ren Fluss­ufer. Geir hat­te eine nicht ange­zün­de­te Kip­pe im Mund­win­kel und säu­ber­te sich die Nägel mit dem Bajo­nett. Harald starr­te zu den schö­nen Kie­fern dort oben, sol­chen, die er einst als Sil­hou­et­ten zu zeich­nen gelernt hat­te, mit schwar­zem Bunt­stift. Erneut ver­weil­te er in Gedan­ken bei sei­ner Mut­ter und ihrer Lei­den­schaft für Geschich­te. Ihr gefiel nicht, dass Harald Roma­ne las, sie war der Mei­nung, das, was in die­sen Büchern dar­ge­stellt wur­de, erwe­cke den Anschein von Tief­grün­dig­keit, las­se dabei aber alles Unver­ständ­li­che und Kom­pli­zier­te außen vor. Vor allem wür­den sie jener Heer­schar an Zufäl­len kei­nen Platz ein­räu­men, die nicht nur im Leben jedes Ein­zel­nen eine bedeu­ten­de Rol­le spiel­ten, son­dern eben­so sehr in der Welt­ge­schich­te, die ja nichts ande­res sei als die Sum­me von Men­schen­le­ben. »Neh­men wir etwa nur Xer­xes’ Feld­zug gegen die Grie­chen«, sag­te sie. »Wären die Per­ser nur mit einer klei­nen Streit­macht über die Ägä­is gese­gelt und im Süden auf der Insel Kythi­ra an Land gegan­gen, hät­ten sie die Spar­ta­ner in Schach hal­ten kön­nen; dadurch hät­te der Angriff von Nor­den einen ganz ande­ren Aus­gang genom­men. Die­ser Gedan­ke muss­te ihnen gekom­men sein, aber er wur­de nicht in die Tat umge­setzt.« Unlängst, zur Weih­nachts­zeit, war sie zusam­men­ge­sun­ken in dem tie­fen Lehn­stuhl geses­sen und hat­te das Unheil ver­flucht, das über Euro­pa her­ein­ge­bro­chen war. »Hit­ler soll sich als jun­ger Mann an der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te in Wien bewor­ben haben«, sag­te sie, »aber er wur­de abge­lehnt. Was wäre gewe­sen, wenn er auf­ge­nom­men wor­den wäre? Wäre die jet­zi­ge Lage dann eine ande­re?«

»Anstatt über die Bedeu­tung von Zufäl­len zu phi­lo­so­phie­ren, hät­ten wir viel­leicht bes­ser noch im sel­ben Augen­blick, als die Natio­nal­so­zia­lis­ten an die Macht kamen, einen Wider­stand mobi­li­sie­ren sol­len«, sag­te Harald.

»Ja, du hast recht«, sag­te die Mut­ter. »Aber wir wis­sen nicht, ob Hit­ler nicht schon mor­gen bei einem Flug­zeug­ab­sturz ums Leben kommt, und wer weiß, was dann mit Deutsch­land pas­sie­ren wird.«

»Ich glau­be nicht, dass du damit rech­nen kannst, dass der Zufall sich immer auf dei­ne Sei­te schlägt«, sag­te Harald.

 

Gegen vier Uhr star­te­ten die Deut­schen einen hef­ti­gen Angriff. Sie feu­er­ten mit allen ihnen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Waf­fen, auch mit Gra­nat­wer­fen. In den ers­ten Minu­ten hat­te Harald mehr als genug damit zu tun, sich hin­ter der Deckung in das Fich­ten­rei­sig zu drü­cken. Über ihnen pfif­fen die Kugeln dahin mit einem unab­läs­si­gen Piff-Piff, das ihn an das Geräusch erin­ner­te, das sie als Kin­der beim Spiel gemacht hat­ten, mit dem Unter­schied, dass jetzt von den Baum­stäm­men um sie her­um Split­ter weg­sto­ben und aus dem Boden klei­ne Schnee­säu­len empor­rag­ten. Nicht weni­ger lebens­ge­fähr­lich waren die von den Fel­sen zurück­pral­len­den Quer­schlä­ger. Trotz­dem dach­te Harald nicht eine Sekun­de dar­an, dass er getrof­fen wer­den könn­te. Noch weni­ger, dass er getö­tet wer­den könn­te. Es gab noch so viel, was er tun woll­te. Vor allen Din­gen muss­te er die­se Sache mit Maud in Ord­nung brin­gen. Aus­ge­rech­net ihre Stim­me war es, an die er jetzt dach­te. Viel­leicht war es ihre Stim­me, in die er sich als Ers­tes ver­liebt hat­te, als sie am Kikut vor ihm im Schnee lag, pein­lich berührt, weil sie so unge­schickt hin­ge­plumpst war.

Dann pas­siert es. In der Stel­lung neben ihm rich­tet Alf sich ein wenig auf, um nach­zu­se­hen, ob sich durch eine leich­te Lage­ver­än­de­rung des Maschi­nen­ge­wehrs ein bes­se­res Schuss­feld ein­rich­ten lie­ße, und im sel­ben Moment trifft eine Sal­ve ihn mit­ten ins Gesicht. Harald begreift zunächst nicht, was vor sich geht, Alf, der vorn­über­kippt und über den Kühl­man­tel fällt, dann her­ab­rutscht und seit­lich lie­gen bleibt, so dass Harald sein mal­trä­tier­tes Gesicht sehen kann. Alf mit der schö­nen Sing­stim­me. Ohne wei­ter dar­über nach­zu­den­ken, robbt Harald zu ihm hin­über, ruft nach einem Sani­tä­ter, obwohl er weiß, dass sie kei­ne dabei­ha­ben. Doch Alf ist tot. Wie selt­sam nass sei­ne Haa­re sind, wun­dert sich Harald, ehe er begreift, dass das vom Blut kommt. Er sieht die Bart­stop­peln auf Alfs Wan­ge, aber vor allem sieht er sei­ne schö­nen Wim­pern, wie von einem Kind.

Die­se Zufäl­le. Wie­so hat­te die Kugel Alf getrof­fen und nicht ihn? Harald hat­te eben­falls über­legt, sein MG dort zu plat­zie­ren.

Alle eit­len Beden­ken ver­bannt, kalt, ruhig, zugleich halb bewusst­los vor Rase­rei, hat er sich in Win­des­ei­le wie­der auf den Sitz des Maschi­nen­ge­wehrs bege­ben; die Deut­schen begin­nen, über­mü­tig zu wer­den, zei­gen sich jetzt ver­mehrt in vol­ler Grö­ße oben auf dem Berg­rü­cken; er feu­ert eine Sal­ve ab, wor­auf einer wie ein geschlach­te­tes Tier zu Boden geht. Harald genießt den Anblick, ein Genuss, wie er ihn nie zuvor emp­fun­den hat, und in den nächs­ten Sekun­den erschießt er noch mehr Deut­sche, von denen einer den Abhang hin­un­ter­pol­tert, schlaff wie eine Stoff­pup­pe, Schnee löst sich, ein berau­schen­der Anblick, noch ein Tref­fer, noch eine Gestalt sackt zusam­men, als hät­te man die Luft aus ihr ent­wei­chen las­sen, fällt her­un­ter, schnellt durch die Luft, als sie auf hal­bem Weg auf einem Fel­sen auf­trifft, Haralds Hän­de zit­tern auf dem Dop­pel­griff, wäh­rend das Maschi­nen­ge­wehr wei­ter Kugeln aus­spuckt, das Tri­umph­ge­fühl, das er dabei emp­fin­det, ist einem Wahn­sinn ähn­lich, hier wird der Gerech­tig­keit genü­ge getan, denkt er, Auge um Auge, Zahn um Zahn; in Drei­teu­fels­na­men, so kommt doch, ihr ver­damm­ten Deut­schen! In einem par­al­le­len Gedan­ken sieht er vor sich, wie er in weni­gen Wochen bei der Rück­kehr König Haa­kons als Ehren­wa­che am Ost­bahn­hof Auf­stel­lung nimmt – der König in einer Eisen­bahn, gezo­gen von der Dov­re­gub­ben – und die Leu­te sich gegen­sei­tig zuflüs­tern: »Das ist Harald Kel­ler, der Kriegs­held!«

Um ein Über­hit­zen der Waf­fe zu ver­hin­dern und Muni­ti­on zu spa­ren, die immer knap­per wird, feu­ert er nur kur­ze Sal­ven. Der deut­sche Beschuss, das Pfei­fen der Kugeln, wird weni­ger. Kei­ner ist über den Fluss gekom­men. Harald lässt den Kopf sin­ken, sieht sich um, und sein Blick trifft auf all das Rot im Schnee vor dem benach­bar­ten Pos­ten, Spu­ren von Alf, der von zwei Vor­ge­setz­ten auf einen Man­tel gelegt und weg­ge­schleift wor­den war.

Der Geruch von Schieß­pul­ver, hei­ßem Metall, Blut, Tod.

Den Rest des Tages herrsch­te Stel­lungs­krieg. Die Deut­schen sorg­ten dafür, dass sie sich nicht rüh­ren konn­ten, eröff­ne­ten bei der kleins­ten Bewe­gung das Feu­er. Du bohrst in der Nase, und in der nächs­ten Sekun­de ertönt ein Pfff über dei­nem Kopf und an dem Baum hin­ter dir ver­schwin­det ein Zweig. Wie vie­le waren es? Der Haupt­mann schätz­te sie auf tau­send, unmög­lich zu wis­sen.

Erst jetzt spür­te Harald den Hun­ger. Ein saf­ti­ges Beef­steak! Er hat­te seit dem Vor­abend nichts geges­sen. In der Tasche hat­te er noch immer den har­ten Brot­kan­ten ste­cken, er saug­te mehr dar­an, als dass er kau­te, wäh­rend er die Gerich­te aus der Spei­se­kar­te vor sich sah, die er tag­täg­lich im Thea­ter­ca­fé­en ser­viert hat­te. »Hum­mer­pas­te­te« … »Tour­ne­dos mit Champi­gnons« … »Schnee­huhn mit Kom­pott« … »Pfir­sich Mel­ba« …

Eini­ge Sekun­den lang – in sei­ner Vor­stel­lung war dies unmit­tel­bar ein schwar­zer Moment – muss­te er dar­an den­ken, dass er hier lag und auf Men­schen schoss, die er bis vor weni­gen Wochen noch als sei­ne Gäs­te betrach­tet und mit einem Lächeln bedient hät­te, wenn sie als Tou­ris­ten nach Oslo gekom­men wären. Des­halb lieb­te er das Thea­ter­ca­fé­en. Es war ein Treff­punkt. Nicht nur aus­län­di­sche Rei­sen­de kamen dort­hin, son­dern eben­so Diplo­ma­ten und Jour­na­lis­ten aus allen Län­dern. Dazu Schrift­stel­ler, Künst­ler, die nor­we­gi­sche Geistes­elite. Es war, als befän­de man sich mit­ten in einem Dyna­mo, einem Ener­gie­zen­trum.

Bücher. Eines Abends hat­te er ein Gespräch mit­ge­hört, bei dem ein Gast den ande­ren am Tisch Sit­zen­den etwas über den Wis­sen­schaft­ler Albert Ein­stein erzählt hat­te. Vor eini­gen Jah­ren habe Ein­stein dem Psy­cho­ana­ly­ti­ker Sig­mund Freud einen offe­nen Brief geschrie­ben, der spä­ter, zusam­men mit Freuds Ant­wort, als klei­nes Büch­lein erschie­nen sei. Wäh­rend der Dis­kus­si­on hat­te der Gast mit dem Buch her­um­ge­we­delt wie mit einer wei­ßen Flag­ge, und als sie gegan­gen waren, hat­te er es Harald über­reicht, wie als Geschenk für einen Gleich­ge­sinn­ten – und Harald hat­te es gele­sen.

»Was hat Ein­stein geschrie­ben?«, frag­te Maud spä­ter, aus­ge­rech­net an jenem Tag, als sie bei der Fes­tung Akers­hus spa­zie­ren gin­gen und leich­te Schnee­flo­cken die Luft erfüll­ten.

»Er fragt, ob es mög­lich ist, die Mensch­heit von dem Unglück zu befrei­en, das der Krieg mit sich bringt«, sag­te Harald. »Er hat den Traum, dass die Macht der Ideen einst stär­ker sein wird als die Macht der Gewalt. Die Kul­tur stär­ker als die Natur, der Gerech­tig­keits­ge­dan­ke stär­ker als die Wirt­schafts­in­ter­es­sen.«

»Das wird wohl ein Traum blei­ben«, sag­te sie. »Die irra­tionalen Sei­ten des Men­schen wer­den immer stär­ker sein als die ratio­na­len. Lei­der.« Schwei­gend spa­zier­ten sie wei­ter, doch dann blieb sie plötz­lich mit­ten am Fes­tungs­platz ste­hen und senk­te die Augen­li­der: »Und jetzt lebt Ein­stein nicht mehr in Deutsch­land und Freud nicht mehr in Öster­reich«, sag­te sie. »Bei­de muss­ten flie­hen.«

Es wun­der­te Harald, woher sie das wuss­te. Er selbst war sich nicht dar­über im Kla­ren gewe­sen, dass Freud im Exil leb­te, trotz sei­ner Begeis­te­rung für Wien, die Haupt­stadt der Kaf­fee­häu­ser.

Aber sei­ne Mut­ter hat­te schon recht, er las vie­le bel­le­tris­ti­sche Wer­ke. Er kauf­te oft Bücher im Alham­bra, dem Anti­qua­ri­at, das sein Groß­va­ter müt­ter­li­cher­seits in der Kir­ke­ga­ta gegrün­det hat­te. Ein­mal hat­te er den Pfar­rer Kon­rad Steen, einen Kind­heits­freund sei­ner Mut­ter, dort getrof­fen. Harald hat­te sich immer gefragt, in wel­cher Bezie­hung die bei­den zuein­an­der stan­den, ob es etwas mehr war als nur Freund­schaft. Jeden­falls schrieb Kon­rad Steen in den Zei­tun­gen oft über Lite­ra­tur, Harald hat­te den Ein­druck, dass er genau­so vie­le Bücher gele­sen haben muss­te wie Sigurd Hoel, der es im Übri­gen vor­zog, im Restau­rant Annen Eta­ge des Hotel Con­ti­nen­tal zu sit­zen, auch wenn Harald ihn mit­un­ter in der »Künst­le­re­cke« des Thea­ter­ca­fé­en hat­te vor­bei­schau­en sehen. Im Alham­bra hat­ten Harald und Kon­rad ihre Ansich­ten über Ein Flücht­ling kreuzt sei­ne Spur von Aksel San­de­mo­se aus­ge­tauscht, ein Buch, das Harald mit Neu­gier gele­sen hat­te, nach­dem ein älte­rer Kell­ner behaup­tet hat­te, er sei dabei gewe­sen, als San­de­mo­se im Thea­ter­ca­fé­en das Roman­ma­nu­skript, einen gan­zen Kof­fer voll, an jenen Ver­le­ger über­ge­ben hat­te, der das Buch schließ­lich her­aus­brach­te, nach­dem es von den bei­den Groß­ver­la­gen Gylden­dal und Asche­houg abge­lehnt wor­den war. »Das macht den Roman ja nur noch bes­ser«, hat­te Kon­rad lachend ange­merkt, als Harald ihm die Anek­do­te erzählt hat­te. Davor hat­te Harald schon mit Maud über San­de­mo­ses Buch dis­ku­tiert, in ihrer Hüt­te in der Nord­mar­ka, aber ihr gefiel der Roman nicht. Sie waren dar­über in Streit gera­ten, und es hat­te sich her­aus­ge­stellt, dass sie den Roman des­halb nicht moch­te, weil sie des­sen Ver­fas­ser nicht lei­den konn­te. »Ein unsym­pa­thi­scher Mensch. Ich lese kei­ne Roma­ne von amo­ra­li­schen Schwein­igeln, egal wie gut ihre Bücher sind«, hat­te sie gesagt und dabei lang­sam geblin­zelt, wie immer, wenn sie etwas sehr ernst nahm. Harald hat­te an die vie­len Male gedacht, als er San­de­mo­ses unge­ho­bel­tes Beneh­men im Thea­ter­ca­fé­en mit­an­ge­se­hen hat­te, sei­ne unauf­hör­li­che Jagd nach Frau­en, es aber nicht erwähnt, weil er ihr nicht recht geben, son­dern ihr lie­ber von Ronald Fan­gen erzäh­len woll­te, einem Schrift­stel­ler, den er oft bedient hat­te und von dem er wuss­te, dass sie ihn moch­te.

»Grüß dei­ne Mut­ter«, hat­te Kon­rad Steen beim Gehen gesagt, beglei­tet vom Läu­ten der klei­nen Tür­glo­cke.

Harald fiel ein, dass er ver­ges­sen hat­te, die Grü­ße aus­zu­rich­ten.

Im Café Ago­ra, dem Lokal, das Harald eröff­nen und zu einem natür­li­chen Ver­samm­lungs­ort für jun­ge wiss­be­gie­ri­ge Men­schen machen woll­te, soll­te es nicht nur Zei­tun­gen geben, in- und aus­län­di­sche, son­dern auch eine Bücher­wand. Es soll­te ein Café wer­den, in dem es Bücher gab, die in so vie­len ver­schie­de­nen Spra­chen geschrie­ben waren, wie sie von den Besu­chern gespro­chen wur­den. Alles, was man dazu dann noch brauch­te, war ein Sil­ber­ta­blett mit einer Tas­se Kaf­fee und einem Glas Was­ser. Begeis­ter­te Gesprä­che. Jun­ge Män­ner, oder selbst­be­wuss­te Frau­en wie Maud, mit Kof­fern vol­ler bril­lan­ter Ideen. Nach sei­ner Ansicht, und dar­in stimm­te ihm sogar sei­ne Mut­ter zu, hat­te die Auf­klä­rungs­zeit in den Kaf­fee­häu­sern ihren Anfang genom­men.

War­um also lag er hier und schoss auf Deut­sche?

Was für ein Kon­trast: In dem einen Augen­blick ser­vierst du Kaf­fee, im nächs­ten töd­li­ches Metall.

An sei­nen Groß­va­ter, einen deut­schen Archi­tek­ten, der Eisen­bahn­sta­tio­nen in Nor­we­gen ent­wor­fen hat­te, konn­te er sich nur dun­kel erin­nern. An sein selt­sa­mes Nor­we­gisch, sein Zäpfchen‑R. An ein Haus, oder den Teil eines Hau­ses, in Homans­by­en. Was ihm am deut­lichs­ten im Gedächt­nis geblie­ben war, waren die Figu­ren, die der Groß­va­ter aus einem wei­ßen Taschen­tuch bas­teln konn­te. Einen Hasen, der über den Schnee hop­pel­te. Und an sei­ne Zei­chen­küns­te. Ein stren­ger Mann, der zum Kind wur­de, sobald er zu zeich­nen anfing.

Harald fin­ger­te am Maschi­nen­ge­wehr her­um. War­um dach­te er jetzt an das alles? Obwohl er hier saß und Aus­schau hielt nach jeman­dem, den er töten konn­te, ras­ten die Gedan­ken dahin. Viel­leicht lag ja ein Archi­tek­tur­stu­dent auf der ande­ren Sei­te des Flus­ses. Einer, der ein­fach nur zeich­nen woll­te, Bahn­hofs­ge­bäu­de, Kaf­fee­häu­ser, der aber gezwun­gen war, ein Gewehr zu bedie­nen.

So durf­te man unmög­lich den­ken. Er muss­te den Zorn auf­recht­erhal­ten.

Die letz­ten vier­und­zwan­zig Stun­den hat­te er sich nach Kaf­fee gesehnt. Mehr als nach etwas zu essen. Er hät­te wer weiß was gege­ben für eine Tas­se Kaf­fee. Wie­der schweif­ten sei­ne Gedan­ken ab. Er sah sei­ne Groß­mutter vor sich, eine alte Dame, die Østerd­al-Dia­lekt sprach und in ihrer Küche in Homans­by­en mit einer Müh­le, einem Holz­wür­fel mit gol­de­ner Kup­pel, Kaf­fee mahl­te, und wäh­rend die Kur­bel sich gleich­mä­ßig im Kreis dreh­te und die Boh­nen knirsch­ten, brei­te­te sich der Kaf­fee­ge­ruch im Zim­mer aus. Sein Vater, Otto Kel­ler, hat­te immer begeis­tert davon gespro­chen, dass sei­ne Ver­wandt­schaft müt­ter­li­cher­seits aus Østerd­a­len stamm­te; über meh­re­re Gene­ra­tio­nen hat­te der Wald für ihren Lebens­un­ter­halt gesorgt, auch durch die Jagd. »Und hier sit­ze ich nun«, hat­te Haralds Vater gesagt, »und zeich­ne Plä­ne für Loko­mo­ti­ven! Was für ein Wer­de­gang!« Und ich, ja, ich bin ins Jäger­da­sein zurück­ge­kehrt, dach­te Harald. Mit dem Unter­schied, dass ich auf Men­schen schie­ße. Er ver­spür­te ein unbän­di­ges Ver­lan­gen nach Kaf­fee. Wie­so lagen sie hier und bal­ler­ten sich gegen­sei­tig nie­der? Es fehl­te nicht viel, und er wäre auf­ge­stan­den und hät­te geru­fen: Ich gebe eine Tas­se Kaf­fee aus! Lasst uns die Waf­fen nie­der­le­gen! Lasst uns Kaf­fee trin­ken, reden, lasst uns die­ser Bes­tia­li­tät ein Ende set­zen!

Unmög­lich. Den Zorn auf­recht­erhal­ten.

End­lich. Er glaub­te zuerst, es wäre eine Hal­lu­zi­na­ti­on, aber es war wirk­lich: Zwei Män­ner kamen her­an­ge­kro­chen, einen gro­ßen grau­en Eimer zwi­schen sich. Der Nach­schub­weg, oder zumin­dest Tei­le davon, muss­ten dem­nach unver­sehrt geblie­ben sein. Lang lebe das nor­we­gi­sche Heer! Wenn sie schon kein Essen bekä­men, so bekä­men sie wenigs­tens Kaf­fee. Er nahm ihn begie­rig ent­ge­gen. Dün­ner, schlech­ter Kaf­fee – er hat­te nie bes­se­ren getrun­ken. Er schiel­te zu den ande­ren, die mit seli­gen Gesichts­aus­drü­cken ihre Metall­be­cher zwi­schen den Hän­den hiel­ten. Vor­läu­fig blieb ihm nichts ande­res, als mit die­ser durch­kämpf­ten, patro­nen­über­sä­ten Schnee­land­schaft inmit­ten von Fich­ten als sei­nem Café Ago­ra vor­lieb­zu­neh­men.

Als ob das eine das ande­re beding­te, brach­te der Geschmack des Kaf­fees das Bild eines Buches mit sich. In der Dun­kel­heit, im Schnee sit­zend, sehn­te er sich nach einer war­men Stu­be, einem Kamin, einem beque­men Ses­sel, einem Buch, viel­leicht Anna Kare­ni­na – die Stel­le, in der dem undank­ba­ren Schwein Wronskij sein Glück, sei­ne Ver­liebt­heit, bereits wie­der abhan­den­gekommen ist. Was ihn betraf, hät­te er genau­so gut hier lesen kön­nen, sofern ihnen die Benüt­zung einer Taschen­lam­pe erlaubt gewe­sen wäre; er konn­te über­all lesen, vie­le Bücher hat­te er sogar in der Kro­ne der Eiche drau­ßen vor der Vil­la Boh­re gele­sen. Maud war genau­so. Ernst­haft in sie ver­liebt hat­te er sich, als er sie letz­ten Som­mer in ihrer Hüt­te beim Lesen beob­ach­tet hat­te. Sie hat­te ein Buch aus dem klei­nen Bücher­re­gal gezo­gen, sich damit jedoch nicht aufs Sofa bege­ben, son­dern es ein­fach in dem Regal dar­un­ter an eine freie Stel­le gelegt und im Ste­hen gele­sen, lan­ge, als ob das, was sie las, ihr jede Regung unmög­lich mach­te. Stun­den spä­ter war er Zeu­ge einer wei­te­ren Vari­an­te gewor­den. Nach dem Essen – Forel­len, die sie selbst im Teich gefan­gen hat­te, gefüllt mit Zitro­ne, Man­deln und Dill – hat­te sie zunächst den Tisch sau­ber­ge­wischt. Dann ging sie hin­aus, um ein paar Wald­blu­men zu pflü­cken, die sie in einer Vase auf den Tisch stell­te. Sie schenk­te sich eine Tas­se Kaf­fee ein, dazu ein klei­nes Glas Krä­hen­bee­ren-Likör, setz­te sich an den Tisch und dreh­te den Stuhl so, dass sie auf das Was­ser hin­aus­se­hen konn­te. Danach schlug sie das bereit­lie­gen­de Buch auf und las dar­in, völ­lig ver­sun­ken. Nach eini­gen Minu­ten dreh­te sie sich um und ent­deck­te, dass er sie beob­ach­te­te, sicher mit einem ver­rückt-ver­lieb­ten Lächeln um den Mund. »Leser kön­nen genau­so vie­le Ritua­le beim Lesen haben wie Schrift­stel­ler beim Schrei­ben«, sag­te sie.

Maud. Er sehn­te sich nach ihr. So sehr, dass sich alles in ihm zusam­men­zog. Dann wie­der die­ser Erin­ne­rungs­blitz, eine Erin­ne­rung, die er am liebs­ten ver­ges­sen woll­te. Der Hüt­ten­aus­flug, der ver­häng­nis­vol­le Abend. Er hat­te die Hüt­te ver­las­sen. Hat­te unter Fich­ten geses­sen, so wie jetzt bei der Brü­cke bei Fos­sum. Mit dem Unter­schied, dass er jetzt kei­ne Scham emp­fand. Denn es war die Scham, die an ihm genagt hat­te in die­ser Nacht im Kroks­o­gen. Er hat­te Jacke und Ruck­sack geholt, die Ski­er ange­legt und war nach Hau­se gelau­fen, im Mond­licht. Mehr­mals war er gestürzt, hät­te sich fast ver­letzt, aber er muss­te weg, hät­te ihren Blick am nächs­ten Mor­gen nicht ertra­gen kön­nen.

Gegen Mit­ter­nacht ent­deck­te er auf ein­mal meh­re­re unbe­kann­te Gesich­ter. Er hör­te die lei­se Stim­me des Fähn­richs irgend­wo hin­ter sich, der frag­te, ob er abge­löst wer­den wol­le. Harald ver­nein­te. Geir? Auch er ver­nein­te. Sie grins­ten ein­an­der zu. Etwas Eksta­ti­sches lag in Geirs Augen. Sie waren ein gutes Team. Jetzt mit noch mehr Muni­ti­ons­käs­ten. Zwei­ein­halb Tage und Näch­te lagen sie jetzt hier, fast ohne Ruhe und Schlaf und in gro­ßer Anspan­nung, und trotz­dem woll­ten sie hier­blei­ben, als wüss­ten sie, dass eine ent­schei­den­de Schlacht bevor­stand. Noch immer dach­te Harald kei­ne Sekun­de dar­an, dass er getö­tet wer­den könn­te, auch dar­an nicht, wie er, in einer fer­nen Zukunft, sei­nen Kin­des­kin­dern, die ihm mit gro­ßen Augen Fra­gen stell­ten, von all­dem erzäh­len wür­de. Wie die meis­ten sah er einen Tod in hohem Alter vor sich, und dass man, wenn die Stun­de geschla­gen hat­te, von der Fami­lie, von Freun­den umge­ben war und einem noch Zeit blie­be, etwas Klu­ges zu sagen, bevor man den Becher leer­te. Wie Sokra­tes. Ja, wie ein nor­we­gi­scher Sokra­tes, Besit­zer des berühm­ten Café Ago­ra.

Am meis­ten aber fan­ta­sier­te er davon, wie er bald wie­der sei­ne Hän­de um Mauds Kopf leg­te, wie sei­ne Fin­ger sich beim Ein­schla­fen in ihre dunk­len Locken wickel­ten. Und dann muss­te er wirk­lich ein­ge­schla­fen sein, denn die Stim­me des Haupt­manns hol­te ihn mit einem Schlag wie­der zurück, sie ertön­te hin­ter ihnen, aber so lei­se, dass nur die zwei nächst­ge­le­ge­nen MG-Stel­lun­gen sie hör­ten. Harald bekam nicht alles mit, konn­te aber eini­ge auf­mun­tern­de Sät­ze her­aus­hö­ren, zurück­hal­ten­de Wor­te, bei denen ihm, und offen­kun­dig auch Geir, den­noch ein Schau­er fei­er­li­cher Ent­schlos­sen­heit über den Rücken lief.

Wie­der die Wut. Der blin­de Zorn. Auf der Anhö­he dort drü­ben lag der Feind, der das Land an sich rei­ßen woll­te!

Kommt nur, dach­te er und spür­te etwas in sich, das dem ver­gleich­bar sein muss­te, wor­über er in den Kna­ben­bü­chern gele­sen hat­te: Blut­durst. Wie­der sah er Alf vor sich, sein malträt­iertes Gesicht. Er woll­te töten. Töten, töten, töten. Ein Sin­gen im Kör­per, ein Ver­lan­gen nach Blut. Kommt nur! Als die Deut­schen kurz dar­auf Leucht­gra­na­ten abschos­sen und von der Anhö­he her­ab ein hef­ti­ges Feu­er­ge­fecht ein­lei­te­ten, war er nichts­des­to­we­ni­ger über­rum­pelt. Die nor­we­gi­schen Stel­lun­gen lagen in Licht geba­det, die des Fein­des hin­ge­gen konn­ten sie nicht sehen, sahen nur, dass die Deut­schen nicht mehr in ihren Stel­lun­gen lagen, son­dern in gro­ßer Zahl über und unter der Brü­cke auf sie zuka­men. Sogar noch wäh­rend er das MG lang­sam von links nach rechts schwenk­te, fiel ihm auf, wie durch die in der Luft über ihnen hän­gen­den Leucht­gra­na­ten alles ins Künst­li­che getaucht wur­de und die Land­schaft den Anstrich einer Thea­ter­ku­lis­se bekam.

Wie­so befand er sich hier? Auf die­ser Büh­ne? Wie­so war er nicht bei Maud?

Er ist taub, er sieht die Licht­blit­ze, einen nach dem ande­ren, aber er hört nichts. Denkt auch nicht nach. Kugeln schnel­len an ihm vor­bei, wie eine Ahnung nur oder wie ein leich­ter Geruch nach hei­ßem Metall. Kommt nur! Ich bin unsterb­lich! Ich weiß, heu­te Nacht ist das Schick­sal auf mei­ner Sei­te! Mit vie­len Din­gen gleich­zei­tig beschäf­tigt, bemerkt er, dass die Jungs aus sei­nem Team im Begriff sind, die Stel­lung zu ver­las­sen, etwas wei­ter weg geht ein nor­we­gi­scher Sol­dat zu Boden. Ok, hier hat­ten sie viel­leicht ver­lo­ren, sie muss­ten zum Rück­zug bla­sen, doch das­sel­be galt wohl kaum für alle ande­ren Ein­satz­or­te, an denen Nor­we­ger mit aller Macht ihr Land ver­tei­dig­ten, und wenn die Deut­schen dort genau­so vie­le Män­ner und genau­so viel Zeit benö­tig­ten wie für das Vor­drin­gen über die jäm­mer­li­che Brü­cke bei Fos­sum, dann waren sie chan­cen­los. Wie­der eine Leucht­gra­na­te. Wie eine gigan­ti­sche Glüh­bir­ne, direkt über ihnen. Wie eine Ent­hül­lung. Die Ent­hül­lung einer Illu­si­on. Und inmit­ten eines nur halb erhasch­ten Gedan­kens, dass er, Harald, Teil einer Erzäh­lung ist, die ihren Platz in den Geschichts­bü­chern fin­den wird, einer Erzäh­lung über Nor­we­gens hel­den­mu­ti­gen Kampf, den macht­vol­len Wider­stand, den die­ses Geburts­land der Recken den Deut­schen ent­ge­gen­setz­te, wodurch das Nazi­pack sich gezwun­gen sah, zu den Schif­fen zurück­zu­keh­ren – irgend­wo inmit­ten die­ser Gedan­ken­split­ter erkennt Harald, dass ein Gefühl alle ande­ren in den Hin­ter­grund drängt, und dass die­ses Gefühl Angst ist. Eine Angst, die tief in sei­ne See­le hin­ab­führt. Die Angst ist so groß, dass er bei­na­he die Krag ver­liert, als er nach ihr greift und rück­wärts durch den Schnee zu lau­fen beginnt, zu krie­chen eigent­lich, doch nach nur weni­gen Schrit­ten schlägt etwas in sei­nem Bein ein und lässt ihn ein­kni­cken. Er ist getrof­fen, kann aber nicht begrei­fen, dass sich das so anfühlt, es ist, als hät­te jemand ihm ein Schwert ins Bein geschla­gen. Eine Sen­se aus ibe­ri­schem Stahl.

Er schrie vor Schmerz – oder war es Angst? – und sack­te zusam­men, doch in sei­nem Kopf tön­te die Stim­me sei­ner Mut­ter: Steh auf!, und er kam wie­der auf die Bei­ne, ist ja nur ein Krat­zer, dach­te er, so viel muss­te man schon zu opfern bereit sein für einen Sieg. Dann hat­te er plötz­lich doch Angst, aber gera­de die Angst wür­de ihm dabei hel­fen, sich hin­kend in Sicher­heit zu brin­gen. Er wür­de ver­flucht noch­mal die Kong-Haa­kon-Medail­le ent­ge­gen­neh­men! Er und Sigurd. Die Boh­re-Brü­der, die Kriegs­hel­den! Und er muss­te sei­ner Mut­ter noch die Grü­ße von Kon­rad Steen aus­rich­ten. Im Som­mer wür­de er mit Maud Blau­beer­ku­chen in ihrer Hüt­te im Kroks­ko­gen essen. Er feu­er­te alle fünf Schuss aus dem Maga­zin gegen Schat­ten, die vom Fluss kamen, einer davon fiel immer­hin; mit stei­fen Fin­gern, zit­ternd vor Angst, pul­te er fünf neue Patro­nen aus einer der Gür­tel­ta­schen, leg­te sie ins Maga­zin ein und lief, hum­pel­te von der Anhö­he fort. Kugeln schlu­gen um ihn her­um ein, die Deut­schen muss­ten her­über­ge­kom­men sein, sie waren jetzt ganz in der Nähe, Maschi­nen­pis­to­len­sal­ven ertön­ten, Harald dreh­te sich um und schoss mit dem Kara­bi­ner, schoss ein­fach ins Blaue hin­ein, sah nichts, hat­te kei­ne Zeit zum Nach­la­den, lief ein­fach, lief aus purer Angst, er hör­te deut­sche Rufe, er ver­stand ein biss­chen Deutsch, konn­te aber trotz­dem nicht ver­ste­hen, was sie rie­fen, wuss­te nicht, ob es ihnen galt oder ob es Befeh­le an ihre deut­schen Lands­leu­te waren, ein hef­ti­ges Knal­len erklang hin­ter ihm, die Teu­fel hat­ten Hand­gra­na­ten, Licht fla­cker­te zwi­schen den Stäm­men auf, als wäre ihm ein feu­er­spei­en­des Mons­ter auf den Fer­sen.

Wuss­te er, dass er getö­tet wer­den wür­de? Dass er ster­ben wür­de? Dass die Dov­re­gub­ben, das schwar­ze Unge­heu­er, zu guter Letzt doch noch gekom­men war, um ihn zu holen? Sich pau­sen­los umwen­dend, wie um zu sehen, wer den töd­li­chen Schuss abge­ben wür­de, lief er fast rück­wärts, rutsch­te im Schnee aus auf der Stra­ße, die nach Askim führ­te. Er kam am Haupt­mann vor­bei, erschos­sen. Harald dach­te, dass er sich selbst etwas vor­ge­macht hat­te, sei­ne Angst sag­te es ihm. Der gan­ze Unsinn von wegen Mut. Von wegen Wider­stand. Er hät­te es machen sol­len wie die ande­ren. Dafür sor­gen, dass er am Leben blieb. Sei­ner Mut­ter zulie­be. Maud zulie­be. Nicht den Hel­den spie­len, wie er es jetzt tat, ein Held, der sich vor Angst fast in die Hosen mach­te. Er knie­te sich hin, konn­te ein paar Patro­nen ein­le­gen, leg­te das Gewehr an, sah meh­re­re Schat­ten auf sich zulau­fen, konn­te Hel­me sehen, erkann­te sie als deut­sche, er schoss in Panik, kei­ne Schat­ten fie­len, Schuss­sal­ven ertön­ten, und da, da kam sie, er konn­te sie auf ihrem Weg beob­ach­ten, sah die Kugel auf sei­ne Stirn zuflie­gen, sah sie in der Luft vor sich anhal­ten, als woll­te sie ihm Zeit geben für einen letz­ten Gedan­ken, aber es stimmt nicht, dass in einem letz­ten dra­ma­ti­schen Augen­blick das Leben an einem vor­bei­zieht, son­dern statt­des­sen bleibt die Zeit ste­hen, gibt einem Gele­gen­heit zum Nach­den­ken, so lan­ge nach­zu­den­ken, wie man will, sein gan­zes Leben zu durch­den­ken, jede Sekun­de, wenn man das woll­te, doch Harald ist müde, ihm fehlt die Kraft dazu, er ent­deckt einen Fich­ten­zweig am Weges­rand, selt­sam deut­lich in dem Licht­schein der über ihnen hän­gen­den Leucht­gra­na­ten, er sieht die fei­ne Struk­tur, die mit einer dün­nen Frost­schicht über­zo­ge­nen Nadeln; und bevor die Kugel wei­ter auf sei­ne Stirn zusteu­ert, klam­mert er sich, wie im Tri­umph, in Gedan­ken an Maud fest, an sie, die das Ein­zi­ge ist, was ihn jetzt noch küm­mert, an sei­ne Lie­be zu ihr und dar­an, wie trau­rig es ist, ohne Ver­ge­bung zu ster­ben, und dann, fast mit einem Nicken, nimmt er das tod­brin­gen­de Blei ent­ge­gen und ent­schwin­det.

Aus dem Nor­we­gi­schen von Bern­hard Stro­bel.

© Sep­ti­me Ver­lag, Wien 2020

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Jan Kjær­stad, gebo­ren 1953 in Oslo, zählt zu den bedeu­tends­ten Autoren Nor­we­gens. Für sein umfang­rei­ches Werk wur­de er viel­fach aus­ge­zeich­net, unter ande­rem mit dem Lite­ra­tur­preis des Nor­di­schen Rates. Zuletzt erschie­nen die Roma­ne Ich bin die Wal­ker Brü­der (Sep­ti­me, 2013), Das Nor­man-Are­al (Sep­ti­me, 2017) und Ber­ge (Sep­ti­me, 2019). Der hier publi­zier­te Text stammt aus dem eben erschie­ne­nen Roman Femi­na erec­ta.

Jan Kjær­stad: Femi­na Erec­ta
Roman. Aus dem Nor­we­gi­schen von Bern­hard Stro­bel
Sep­ti­me, Wien 2020
832 Sei­ten, € 28 (D) / € 28,80 (A)

Quel­le: VOLLTEXT.net

Online seit: 16. Okto­ber 2020

Online seit: 16. Okto­ber 2020

Zuletzt geän­dert: 16. Okt. 2020