Mein Ziel ist das Verschwinden

Ein Gespräch zwi­schen Micha­el Braun und der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Simo­ne Fäss­ler über das Werk von Ilse Aichin­ger.

MICHAEL BRAUN „Ich lebe am Rand. Nichts von der Strö­mung, die soll mich ver­scho­nen.“ Die hier am Rand blei­ben will, ist die Dich­te­rin Ilse Aichin­ger. Ilse Aichin­ger ist die letz­te leben­de Zeu­gin der deutsch­spra­chi­gen Nach­kriegs­li­te­ra­tur. Im fer­nen Jahr 1952 hat sie einen legen­dä­ren Lite­ra­tur­preis erhal­ten, den Preis der Grup­pe 47 für ihr Pro­sa­stück Spie­gel­ge­schich­te.  64 Jah­re ist das her, bald wird Ilse Aichin­ger ihren 95. Geburts­tag fei­ern kön­nen. Sie waren vor Kur­zem in Wien und haben dort die Wege, die Lebens­wel­ten der Ilse Aichin­ger erkun­det, die in ihren Tex­ten auch auf­schei­nen. Wie geht es der Dich­te­rin heu­te, in ihrem 95. Lebens­jahr?

SIMONE FÄSSLER Ich war in Wien, ich bin die Lebens­we­ge von Ilse Aichin­ger gegan­gen, ich habe die Autorin aber nicht besucht. Ich bin mehr­fach an ihrem Haus vor­bei­ge­lau­fen, vor dem es neu ein win­zi­ges Espres­so-Café gibt. Ich wür­de sagen, heu­te ist Ilse Aichin­ger nicht am Rand, sie lebt ja mit­ten in Wien, mit­ten im ers­ten Bezirk. Da hat sie seit eini­ger Zeit eine neue Art des Schwei­gens gewählt, sie spricht nur noch mit den Pfle­ge­rin­nen, die sie ger­ne mag, und mit den ande­ren Leu­ten nicht mehr.

BRAUN „Ich blei­be am Rand.“ Das ist viel­leicht kei­ne topo­gra­fi­sche Mar­kie­rung, aber eine exis­ten­zi­el­le. Seit ihr Roman Die grö­ße­re Hoff­nung erschien, war das doch ihr Stand­ort – am Rand einer lite­ra­ri­schen Welt, die ganz anders spricht. Die mit­tei­lungs­freu­dig ist, die üppi­ge Meta­pho­ri­ken ent­wi­ckelt. Dies alles möch­te Ilse Aichin­ger nicht, wenn ich ihr Werk rich­tig ver­ste­he …

FÄSSLER Ich den­ke schon, dass sie sich davon immer abge­setzt hat, dass sie anders spre­chen woll­te, dass sie vom Rand her spre­chen woll­te. Wenn Sie jetzt aber Die Grö­ße­re Hoff­nung erwäh­nen, dann muss ich ein­wen­den, dass in die­sem Roman nicht nur der Rand, son­dern auch die Mit­te eine gro­ße Bedeu­tung haben. Der Weg des Kin­des, der Weg von Ellen, die da durch Wien läuft, durch die­se hier nicht benann­te Stadt, die ganz deut­lich Wien ist, der zielt auf dem Umweg über die Peri­phe­rie auf die Mit­te, die Stadt­mit­te, wo der Roman beginnt und endet.

BRAUN Die grö­ße­re Hoff­nung, die­ses ers­te Buch, reflek­tiert ja auch auf den Lebens­weg der Ilse Aichin­ger, auf dem sie von Kind an die Erfah­rung einer Bedro­hung durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten machen muss­te. Sie galt ja in der Nomen­kla­tur der Natio­nal­so­zia­lis­ten als „Halb­jü­din“, ihre Groß­mutter wur­de umge­bracht in einem Ver­nich­tungs­la­ger in Minsk. Das ist eine Ursze­ne ihres Schrei­bens gewe­sen. Aber viel­leicht hat das auch etwas zu tun mit ihrem Ver­hält­nis zur Spra­che – die­se Erfah­rung, dass ihre Groß­mutter umge­bracht wur­de.

FÄSSLER Unbe­dingt. Ilse Aichin­gers Schrei­ben geht her­vor aus der Erfah­rung der Tren­nung. Und das nicht nur bild­lich gespro­chen, son­dern auch ganz kon­kret. Das hab ich gera­de neu­lich gese­hen, als ich zum ers­ten Mal die Kor­re­spon­denz las, die sie geführt hat mit ihrer Zwil­lings­schwes­ter, die 1939 noch aus­rei­sen konn­te nach Eng­land und mit der sie anfäng­lich noch Brie­fe aus­tau­schen konn­te. Erst rich­ti­ge Brie­fe, dann nur noch Rot-Kreuz-Tele­gram­me mit einer sehr beschränk­ten Wort­zahl. Schon hier sieht man: Es geht Ilse Aichin­ger beim Schrei­ben dar­um, eine Tren­nung zu über­brü­cken. Eine Tren­nung nicht von irgend­ei­nem Men­schen, son­dern von ihrem Alter Ego, mit dem sie in ihrem bis­he­ri­gen Leben immer zusam­men war – Ilse und ihre Schwes­ter Hel­ga sind ein­ei­ige Zwil­lin­ge. Sie ver­sucht die Tren­nung für Momen­te auf­zu­he­ben, indem sie Din­ge beschwört, die sie gemein­sam erlebt haben. Die Tren­nung von der Zwil­lings­schwes­ter war eine Tren­nung für zehn Jah­re, aber doch immer­hin nur eine Tren­nung auf Zeit. Hin­zu kam dann die Tren­nung von ihren Ver­wand­ten, die depor­tiert und ermor­det wur­den in Minsk: ihre jüdi­sche Groß­mutter, ihre liebs­te Tan­te. Von die­ser Tren­nung aus­ge­hend hat Ilse Aichin­ger ihren ers­ten Roman geschrie­ben und auch alle wei­te­ren Tex­te.

BRAUN Sie haben in Ihren Auf­sät­zen und Nach­wor­ten zu Ilse Aichin­ger immer wie­der dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es meh­re­re Pha­sen in ihrem Werk gibt. Bestimm­te Pha­sen, in denen sie zum Teil nicht geschrie­ben hat. Von 1979 bis 1999 gibt es eine Pha­se, in der sie voll­kom­men geschwie­gen hat. Und dann plötz­lich, im hohen Alter, fängt Ilse Aichin­ger wie­der an zu schrei­ben. Und die­se Tex­te haben Sie dann her­aus­ge­ge­ben. Wie kam es denn nach die­sem lan­gen Schwei­gen bis 1999 wie­der zu dem Ent­schluss: Ich schrei­be jetzt doch wie­der etwas auf.

FÄSSLER Ich glau­be, in ihrem eige­nen Bewusst­sein hat Ilse Aichin­ger nie auf­ge­hört zu schrei­ben. Das hat sie auch immer wie­der betont: Ich bin nicht ver­stummt, es sind nur die Abstän­de bis zum nächs­ten Text, die immer län­ger wer­den. Ob sie das mehr geglaubt hat oder mehr beschwo­ren, das weiß ich nicht. Es war ein War­ten, ein wahr­schein­lich nicht frei gewähl­tes War­ten. Was dann kam, was dann ein neu­es Schrei­ben ermög­lich­te, das waren ver­schie­de­ne, auch äuße­re Umstän­de. Ein Umstand war, dass Ilse Aichin­ger nach Jahr­zehn­ten in Deutsch­land sich ent­schie­den hat, nach Wien zurück­zu­keh­ren, wo sie ihre Jugend ver­bracht hat und ihr jun­ges Erwach­se­nen­le­ben, wo sie auch ange­fan­gen hat zu schrei­ben. Mit die­ser Rück­kehr hat­te sie in den Stra­ßen der Stadt auf ein­mal ihre frü­he Zeit wie­der vor Augen und damit auch die Erin­ne­run­gen. Ein gro­ßer Glücks­fall war dann die Freund­schaft mit Richard Rei­chen­sper­ger, der sehr viel von ihrem Werk ver­stand und auch per­sön­lich gut mit ihr konn­te. Richard Rei­chen­sper­ger, der selbst Lite­ra­tur­kri­ti­ker war, hat­te Kon­takt zu Zei­tun­gen und Jour­na­lis­ten – und er ver­mit­tel­te den Jour­na­lis­ten Kon­takt zu Ilse Aichin­ger. Zu ihrem 70. Geburts­tag gaben sich die Jour­na­lis­ten bei Ilse Aichin­ger die Klin­ke in die Hand, und sie war wohl selbst über­rascht von sich, dass sie ant­wor­ten kann, dass ihr die­ses Ant­wor­ten sogar Spaß macht. Wit­zi­ger­wei­se spricht sie in die­sen Inter­views noch ganz viel vom Nicht-Schrei­ben und vom Schwei­gen und bemerkt gar nicht, dass sie beim Ant­wor­ten wie­der ins Tex­te-Ver­fas­sen gekom­men ist.

BRAUN Das heißt doch: Das Schwei­gen war inso­fern kei­nes, als in der Zeit, da kei­ne Bücher von ihr erschei­nen, Inter­views gege­ben wer­den, die immer sehr exis­ten­zi­el­ler Natur gewe­sen sind. Kom­men wir mal zu einer Text­form der spä­ten Wer­ke. Unglaub­wür­di­ge Rei­sen heißt ein Buch von Ilse Aichin­ger, das Sie her­aus­ge­ge­ben haben, das Kolum­nen ver­sam­melt. Das heißt: Im Alter von 80 Jah­ren hat Ilse Aichin­ger wie­der ange­fan­gen, Kolum­nen für eine öster­rei­chi­sche  Tages­zei­tung zu schrei­ben. Die Kolum­nen begin­nen so: „Wenn einer eine Rei­se tut, so hat er nichts zu erzäh­len.“ Das ist auch ein State­ment. Eine Ver­wei­ge­rung einer Erzäh­lung …

FÄSSLER Genau. Erst hat sie über ein Jahr das Jour­nal des Ver­schwin­dens geschrie­ben, und als das aus­ge­reizt war als Ver­suchs­an­ord­nung, hat sie die Unglaub­wür­di­gen Rei­sen begon­nen. Sie hat gesagt: Mein Mus­ter sind Rei­se­füh­rer, Rei­se­be­rich­te, aber ich mache das anders. Ich gehe nicht in exo­ti­sche Län­der, son­dern ich blei­be bei mir. Die, die mög­lichst weit weg gehen, die haben eh nichts zu erzäh­len. Zu erzäh­len hat man etwas, wenn man immer die glei­chen Wege geht. Die­ses Immer-die-glei­chen-Wege-Gehen, das öff­net mei­ne Wahr­neh­mung, das ermög­licht mir, die Din­ge immer neu und anders zu sehen. Und das öff­net, vor allem wenn es Wege sind, die ich schon frü­her gegan­gen bin, Wege auch in die Erin­ne­rung und in die eige­ne Bio­gra­fie.

BRAUN Sie erwäh­nen die­ses Ele­men­ta­re: Ilse Aichin­ger ist immer die glei­chen Wege gegan­gen, die­se Lebens­we­ge durch die Stra­ßen und Gas­sen Wiens. Das Topo­gra­fi­sche spielt für sie offen­bar eine gro­ße Rol­le. Wie sieht es da in Aichin­gers Werk aus? Ist das eine Kon­stan­te in ihrem Werk von 1948 bis 2005 – die­se topo­gra­fi­sche Mar­kie­rung?

FÄSSLER Ja. Die aller­ers­ten Tex­te, die es von Ilse Aichin­ger gibt, machen genau das: Sie gehen durch Stra­ßen, durch die sie oft schon gegan­gen ist, auf der Suche nach der Ver­ge­gen­wär­ti­gung von Ereig­nis­sen und Erleb­nis­sen, die sie da frü­her gehabt hat. Das ver­sucht sie dann auch in der Grö­ße­ren Hoff­nung, wo sie nur auf kei­ne Wei­se sagen möch­te, dass es sich um die­ses Wien han­delt. Das hat wohl damit zu tun, dass sie in die­sem frü­hen Roman den Anspruch hat, ganz all­ge­mein­gül­ti­ge Aus­sa­gen zu machen. Und dass sie viel­leicht Angst hat, zu per­sön­lich zu wer­den. Die topo­gra­fi­sche Mar­kie­rung gibt es dann weni­ger in den sehr abs­trak­ten Tex­ten der sech­zi­ger, sieb­zi­ger Jah­re, die ja auch nicht in Wien ent­stan­den sind, son­dern in Ober­bay­ern, wo Ilse Aichin­ger mit ihrer Fami­lie lan­ge gelebt hat. Auch die­se Tex­te sind immer im Raum gedacht, aber sie haben kei­ne Boden­haf­tung in einer kon­kre­ten Topo­gra­fie. Wie sie dann nach Wien zurück­kam, wur­de das Topo­gra­fi­sche wie­der ganz wich­tig. Die Tex­te des Spät­werks sind ganz anders als die frü­hen. Über die Topo­gra­fie kom­mu­ni­zie­ren sie aber mit­ein­an­der. Die spä­te­ren Tex­te erin­nern, kom­men­tie­ren und kon­tern die frü­hen.

BRAUN Ich kom­me zu einem ganz ande­ren Ort, der nicht in Öster­reich liegt. Er heißt „Dover“. Das ist ein Ort, der nach mei­nem End­ruck sehr oft auf­ge­ru­fen wird bei Ilse Aichin­ger. Vor allem in ihrem Buch Schlech­te Wör­ter von 1976. Da muss man hier schon nach der Gat­tung fra­gen: Ist das ein Pro­sa­ge­dicht, sind das Erzäh­lun­gen, sind es Text­ver­wei­ge­rungs­tex­te? Wie wür­den Sie denn die Gat­tung der Tex­te des Ban­des Schlech­te Wör­ter beschrei­ben?

FÄSSLER Eine schwie­ri­ge Fra­ge. Ilse Aichin­gers Tex­te sind immer Voll­zug einer Bewe­gung, einer Bewe­gung im Raum. Und immer, wenn sie ein Mus­ter gefun­den hat, in dem sie eine Bewe­gung voll­zie­hen kann, dann war für sie eine neue Text­gat­tung defi­niert. Sie hat dann – das sieht man an ihrer Werk­ge­ne­se – in kur­zer Fol­ge vie­le Tex­te der glei­chen Gat­tung geschrie­ben. Sowie ein Mus­ter aus­ge­reizt war, war Schluss. Und Ilse Aichin­ger hat nach der nächs­ten Form gesucht. Ich glau­be, man kann die Tex­te im Band Schlech­te Wör­ter mehr als eine Wei­se defi­nie­ren, sich in der Spra­che und im Raum oder mit der Spra­che im Raum zu bewe­gen, als dass man sie einer Gat­tung zuord­nen kann. Wenn man den Sprach­ge­brauch ansieht, dann haben die­se Tex­te viel mit Lyrik zu tun. Gleich­zei­tig ten­die­ren sie aber auch zum Erzäh­len. Und sie ten­die­ren zur Münd­lich­keit. Also sind es viel­leicht sogar in einer gewis­sen Wei­se dra­ma­ti­sche Tex­te?

BRAUN Ich lese ein­fach mal den Anfang des Tex­tes „Dover“, den man in Ilse Aichin­gers Band Schlech­te Wör­ter fin­det. „Wult wäre bes­ser als Welt. Weni­ger brauch­bar, weni­ger geschickt. Arde wäre bes­ser als Erde. Aber jetzt ist es so. Nor­man­die heißt Nor­man­die und nicht anders. Das Übri­ge ist ein­ge­stellt. Auf­ein­an­der, wie man sagt. Und wie man auch sieht. Und wie man auch nicht sieht. Nur Dover ist nicht zu ver­bes­sern.“ Ich fin­de es ganz fan­tas­tisch. Es gibt hier immer so Wort­ent­zün­dun­gen an bestimm­ten Orts­na­men. Und es gibt auch Auf­sät­ze, in denen „Dover“ und die Nach­sil­be „ver-“ genau unter­sucht wer­den. Was hat es denn mit „Dover“ oder die­ser Sil­be „ver-“ auf sich, was ist dar­an so geheim­nis­voll?

FÄSSLER Ja, das „Ver-“ gefällt der Ilse Aichin­ger. Sie hat ein sehr eige­nes, sehr per­sön­li­ches Ver­hält­nis zu vie­len Wör­tern. Zwar hat sie ihre grund­sätz­li­che Skep­sis allen Wör­tern gegen­über. Aber es gibt auch Wör­ter, denen sie viel zutraut. „Dover“ ist eines davon. Und das „Ver-“ mag sie sehr ger­ne. Mit „Ver-“ beginnt auch „Ver­schwin­den“, der zen­tra­le Begriff im Spät­werk. Das „Ver-“ hat etwas Dyna­mi­sches, es ver­weist bei­spiels­wei­se auch auf das „Ver-gäng­li­che“, was Ilse Aichin­ger an der Spra­che gefällt. Ein Jour­na­list hat sie mal gefragt – „Sie sind ja jetzt berühmt?“. Dar­auf hat sie nicht gesagt: Nein, ich bin nicht berühmt. Sie hat gesagt: Das Wort „berühmt“ gefällt mir nicht, denn es hat die fal­sche Vor­sil­be. „Ver-“, das gefällt mir, aber das „be-“, das hat so etwas Behaf­ten­des. Es ist ein Wort, das mich fest­schreibt. Das mag ich nicht.

BRAUN Sie haben das Wort „Ver­schwin­den“ schon genannt, das soll nun unser The­ma sein. Und Sie haben da auch eine Unter­schei­dung getrof­fen. Es gibt eine Pha­se, in der sich Ilse Aichin­ger sehr auf die Kate­go­rie „Schwei­gen“ bezieht. Und dann haben Sie in Ihrem Auf­satz „Das Eti­kett ‚Schwei­gen‘“  sehr genau aus­ge­führt, dass irgend­wann die­se Pha­se auch zu Ende gegan­gen ist. Und dass dann eine Pha­se ein­setzt, in der Ilse Aichin­ger das Ver­schwin­den in den Vor­der­grund stellt. Kön­nen Sie ver­su­chen, die­se bei­den Pha­sen zu beschrei­ben und von­ein­an­der abzu­gren­zen?

FÄSSLER Das Wort „Schwei­gen“ war unter den Autoren der fünf­zi­ger Jah­re auch ein Code- und Mode­wort. Mit dem Schwei­gen woll­ten sie mar­kie­ren, dass sie mit dem Gebrauch der Spra­che grund­sätz­lich nicht ein­ver­stan­den sind. Dass sie sich distan­zie­ren von einem unre­flek­tier­ten Sprach­ge­brauch. Und natür­lich auch von einem Miss­brauch der Spra­che, wie ihn die Pro­pa­gan­da des Natio­nal­so­zia­lis­mus prak­ti­zier­te. Dem haben die Autoren das Schwei­gen ent­ge­gen­ge­setzt. Wobei Schwei­gen für die­se Autoren nicht heißt, dass sie nichts sagen oder nicht schrei­ben. Ilse Aichin­ger hat gesagt, Schwei­gen, das ist die rich­ti­ge Art, wie sie schrei­ben möch­te.  Schwei­gen, das ist auf eine Wei­se das Gegen­teil vom Schrei­ben. Es ist ihm aber auch ganz nah, wie man auch laut­lich hört: „Schwei­gen“ und „Schrei­ben“ klingt, zumal öster­rei­chisch aus­ge­spro­chen, sehr ähn­lich. Ilse Aichin­ger sagt einer­seits: In unse­rer Welt ist es schwie­rig gewor­den, über­haupt etwas zu sagen. Wir sind stumm gewor­den. Und die Welt ist auch stumm. Stumm und sinn­los. Wenn wir wie­der spre­chen wol­len, dann müs­sen wir aber nicht ver­su­chen, gegen die­se Stumm­heit anzu­ge­hen, son­dern wir müs­sen die­se Stumm­heit akzep­tie­ren und sozu­sa­gen bis zu ihrem Ende gehen. Denn dann kann es pas­sie­ren, dass die Stumm­heit in ihr Gegen­teil umschlägt. Und das wäre dann nicht eine sinn­lo­se Stumm­heit, son­dern ein Schwei­gen, das alles ent­hält. Das viel mehr ent­hält, als man mit einem Wort sagen kann. Die­ser Idee geht Ilse Aichin­ger nach in ihrem Schrei­ben. Erst wort­ge­wal­tig, dann immer knap­per. Dann schon auch stum­mer, indem sie immer weni­ger schreibt. So pas­siert es, dass die­ses Schwei­gen zum Eti­kett wird, das sich die Leu­te, die über Ilse Aichin­ger schrei­ben, zuwer­fen und auch gegen­sei­tig abschrei­ben. Ilse Aichin­ger wird zur gro­ßen Schwei­ge­rin erklärt. Und zwar nicht in dem Sin­ne, wie Ilse Aichin­ger das ursprüng­lich gemeint hat, son­dern in einem bana­le­ren Sinn: Ilse Aichin­ger ist die Autorin, die nicht mehr schreibt und auch sehr wenig spricht. Was inso­fern nahe­lie­gend ist, als Aichin­ger wirk­lich kaum Stim­me hat­te. In den Inter­views aus die­ser Zeit spricht sie immer sehr lei­se, mit gebrech­li­cher Stim­me, mit immer wie­der ver­sie­gen­den Sät­zen. Als sie dann wie­der anfängt zu spre­chen, wird in die­sen Inter­views immer noch viel über das Schwei­gen gespro­chen. Sie über­nimmt dies noch eine Wei­le, bis ihr bewusst wird, dass mit dem Wort genau das pas­siert ist, woge­gen sie sich mit dem Begriff gewen­det hat. Er schreibt sie fest, er ist zum Eti­kett gewor­den. In die­sem Moment beginnt Ilse Aichin­ger sich dann zu weh­ren: Die ande­ren reden vom Schwei­gen – aber ich, ich las­se mir nicht den Mund ver­bie­ten.

BRAUN Dann kommt das Ver­schwin­den ins Spiel. Jour­nal des Ver­schwin­dens ist eins der Bücher beti­telt. Was hat es mit dem Ver­schwin­den auf sich? Sie sag­ten vor­hin, es hand­le sich um eine dyna­mi­sche­re Kate­go­rie. Inwie­fern?

FÄSSLER Das Ver­schwin­den ist schon ver­wandt mit dem Schwei­gen, aber es ist ein viel dyna­mi­sche­res Prin­zip. Das Schwei­gen ver­harrt ja erst­mal in Stil­le und war­tet auf das Wort. In der Grö­ße­ren Hoff­nung steht der Satz: „Ellen war­te­te uner­bitt­lich wie alles Schwei­gen immer auf das erfül­len­de Wort war­tet.“ Das Ver­schwin­den funk­tio­niert umge­kehrt. Aichin­ger sagt, sie woll­te selbst schon immer nicht exis­tie­ren, sie will ver­schwin­den. Sie möch­te das nach­voll­zie­hen, was ihre Ange­hö­ri­gen unfrei­wil­lig getan haben, als sie ermor­det wur­den. Dabei wird ihr klar: Um ver­schwin­den zu kön­nen, muss sie erst ein­mal Anlauf neh­men, muss ich erst ein­mal anwe­send sein. Ganz kon­kret phy­sisch-kör­per­lich, im Leben, aber auch in der Spra­che. Ihr Ziel ist das Ver­schwin­den. Aber das erreicht sie nur über das Spre­chen, über das Schrei­ben. Jede ihrer Kolum­nen im Spät­werk ist ein neu­er Anlauf dazu.

BRAUN Mich inter­es­sie­ren mög­li­che Par­al­le­len zwi­schen der Poe­tik von Ilse Aichin­ger und ihrem Ehe­mann Gün­ter Eich. Bei dem Ver­schwin­den gibt es doch sicher­lich Par­al­lel­stel­len, wenn es in einem Gedicht von Gün­ter Eich heißt: „Nur kei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen.“ Das ist natür­lich para­dox, denn es ist ja auf­ge­schrie­ben in einem Gedicht. Aber sicher ähn­lich der Kate­go­rie des Ver­schwin­dens bei Ilse Aichin­ger.

FÄSSLER Das ist eine Para­do­xie. Oder auch nicht, weil das Ver­schwin­den ja die Anwe­sen­heit vor­aus­setzt und sich von da aus erst voll­zie­hen kann. Im Spät­werk ist das Bild, das Aichin­ger immer vor Augen hat, wenn sie vom Ver­schwin­den spricht, ihr täg­lich prak­ti­zier­tes Ins-Kino-Gehen. Denn im Kino­ge­hen kann sie ver­schwin­den, indem sie sich in den ver­dun­kel­ten Raum setzt. Solan­ge der Film läuft, ist sie nicht da.

BRAUN Ich glau­be, in den Unglaub­wür­di­gen Rei­sen spricht sie davon, sie gehe vier­mal am Tag ins Kino, um sich selbst zum Ver­schwin­den zu brin­gen und um die Zeit ihrer nichts­wür­di­gen Exis­tenz zu gestal­ten …

FÄSSLER Ja, sie sagt: End­lich habe ich eine Mög­lich­keit gefun­den, mei­nen ver­schwun­de­nen, ermor­de­ten Ange­hö­ri­gen zu fol­gen – wenn auch nur stüm­per­haft: Ich gehe ins Kino. Noch mehr macht sie es, indem sie schreibt. Indem sie nach dem Kino das Erleb­nis des Ver­schwin­dens noch ein­mal nach­voll­zieht, im Café sit­zend, schrei­bend auf ihren flie­gen­den Zet­teln.

BRAUN Noch­mal zurück zum Band Schlech­te Wör­ter. Das Titel­stück setzt ein: „Ich gebrau­che jetzt die bes­se­ren Wör­ter nicht mehr. Der Regen, der gegen die Fens­ter stürzt.“ Und spä­ter dann: „Ich begin­ne eine Schwä­che für das Zweit- und das Dritt­bes­se­re zu bekom­men … Nie­mand kann von mir ver­lan­gen, dass ich Zusam­men­hän­ge her­stel­le, solan­ge sie ver­meid­bar sind.“ Das sind mehr­fa­che Ver­wei­ge­rungs­hal­tun­gen. Ers­tens geht man ste­reo­typ davon aus, dass Lite­ra­tur „die bes­se­ren Wör­ter“ gebraucht. Und die zwei­te Ver­wei­ge­rung betrifft das Her­stel­len von Zusam­men­hän­gen. Ein Geschich­ten­er­zäh­ler strebt für gewöhn­lich nach Zusam­men­hän­gen. Und das ist doch ein sehr ambi­tio­nier­tes Kon­zept, all die­se Din­ge zu ver­wei­gern. Ist das eine Poe­tik der Ver­wei­ge­rung?

FÄSSLER Ja, das ist ein Ver­such, das Spre­chen zu befrei­en von allen Auf­ga­ben, die es im All­tag haben kann. Ilse Aichin­ger stellt hier einen Gegen­satz her zwi­schen einer­seits dem Gere­de und ande­rer­seits dem Spre­chen als ästhe­ti­schem Spre­chen.

BRAUN Mich inter­es­siert auch sehr, wie das Werk von Ilse Aichin­ger und Gün­ter Eich kor­re­spon­diert. Gibt es denn expli­zi­te Bezug­nah­men der bei­den in ihren Wer­ken auf­ein­an­der?

FÄSSLER Soviel ich weiß, gibt es bei ihr Nen­nun­gen, expli­zi­te Bezug­nah­men und Zita­te erst im Spät­werk. Wenn sie zum Bei­spiel nach einem Aus­gangs­punkt sucht für ihre Tex­te, dann fällt ihr ein Zitat ein von ihrem Mann, dann ent­deck­te sie beim Blät­tern in einem sei­ner Bücher einen Satz, den sie zitiert und davon aus­ge­hend wei­ter­schreibt. In der Zeit, in der Ilse Aichin­ger und Gün­ter Eich zusam­men gelebt und geschrie­ben haben, kann man sehen, dass sie sich mit den glei­chen The­men aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Gera­de poe­to­lo­gi­sche Aus­sa­gen sind sehr ähn­lich. Wie sie die­se dann umset­zen, da gibt es grö­ße­re Unter­schie­de.  Ein Bei­spiel einer ganz unter­grün­di­gen Zusam­men­ar­beit fällt mir ein. Es gibt ja von Gün­ter Eich die berühm­ten  Tex­te „Maul­wür­fe“. Die­ser Titel, der stammt von Ilse Aichin­ger. Bei Ilse Aichin­ger gibt’s ihn im gedruck­ten Werk nicht. Er war für sie aber mal eine Gat­tungs­be­zeich­nung für klei­ne Tex­te. Die Kurz­pro­sa, die heu­te Kurz­schlüs­se, Wien heißt, hat­te sie ursprüng­lich mal „Maul­wür­fe“ genannt. Der Titel ist auch sehr Aichin­ger-spe­zi­fisch: Indem die „Maul­wür­fe“ ihre Wege mit Hügeln mar­kie­ren, zeich­nen sie sie in die Topo­gra­fie ein. In der Fami­lie Eich-Aichin­ger war „Maul­wür­fe“ eine Gat­tungs­be­zeich­nung für kur­ze Pro­sa. In Gün­ter Eichs Werk ist sie dann auch als Gat­tungs­be­zeich­nung ver­öf­fent­licht wor­den.

BRAUN Bei Gün­ter Eich gibt es die extre­men Kurz­for­men des Gedichts, die „17 For­meln“, in denen die Ver­se mini­ma­lis­tisch ver­knappt sind auf ein­zel­ne kryp­ti­sche Wör­ter wie „Fisch­bein­schwä­che“ oder „Hor­ti­sil­ur“. Gibt es einen sol­chen Mini­ma­lis­mus auch bei Ilse Aichin­ger?

FÄSSLER Ja, das gibt es auch. Zum Bei­spiel in den Auf­zeich­nun­gen, die in Kleist, Moos, Fasa­ne (1985) ver­sam­melt sind, wo sie Gedan­ken in knap­pen Sät­zen for­mu­liert. Ich stel­le mir vor, die sind ihr ein- oder zuge­fal­len im All­tag. Wenn man das jetzt in gesam­mel­ter Form anschaut und durch­blät­tert von Jahr zu Jahr, dann fällt auf, dass es immer weni­ger wird. Es gibt Jah­re, da ist gar nichts mehr und man kann sich nicht vor­stel­len, wie es wei­ter­geht. Bei Paul Celan und Inge­borg Bach­mann, Aichin­gers lite­ra­ri­schen Weg­ge­fähr­ten, war die­ses Ver­stum­men auch der End­punkt, sie sind bei­de in den frü­hen 70er-Jah­ren gestor­ben. Wie anders ist das bei Aichin­ger: In ihrem  Spät­werk eröff­net sich noch ein­mal eine ganz ande­re Per­spek­ti­ve.

* * *

Simo­ne Fäss­ler ist Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Dozen­tin an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Thur­gau.

Micha­el Braun, gebo­ren 1958, lebt als Lite­ra­tur­kri­ti­ker und Her­aus­ge­ber in Hei­del­berg.

Ilse Aichin­ger: Schlech­te Wör­ter. S. Fischer Ver­lag, Frank­furt am Main 1976.

Ilse Aichin­ger: Es muss gar nichts blei­ben. Inter­views 1952–2005. Hrsg. von Simo­ne Fäss­ler. Edi­ti­on Kor­re­spon­den­zen, Wien 2011.

Ilse Aichin­ger: Unglaub­wür­di­ge Rei­sen. Hrsg. von Simo­ne Fäss­ler. S. Fischer Ver­lag, Frank­furt am Main 2005.

Ilse Aichin­ger: Film und Ver­häng­nis. Blitz­lich­ter auf ein Leben. S. Fischer Ver­lag, Frank­furt am Main 2001.

Quel­le: Voll­text 3/2016

Online seit: 11. Novem­ber 2016

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Zuletzt geän­dert: 12. Nov. 2016