Kalte Mieter

Uwe Schütte im Gespräch mit dem Berliner Künstler, Musiker und Autor Hendrik Otremba über Kryonik, Scott Walker, Roberto Bolaño, W. G. Sebald und seinen Roman Kachelbads Erbe.

Online seit: 26. Oktober 2019
Hendrik Otremba © Kat Kaufmann
Hendrik Otremba: „Ich spürte dieser erfundenen Figur gegenüber sogar eine Art Verlustangst.“
Foto: Kat Kaufmann

Wie entkommt man dem Einheitsbrei der immer selben Themen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, ohne die billige Lösung der Provokation zu wählen? Hendrik Otremba zeigt es exemplarisch mit seinem Roman Kachelbads Erbe. Das Buch behandelt die dubiose Praxis der Kryonik, jener Wissenschaft also zwischen Esoterik und Science-Fiction, die verheißt mit den Mitteln der Technik die Endgültigkeit des Todes überwinden zu können. Ihr Versprechen ist einfach: Die Körper werden bis auf weiteres bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff eingefroren, bis die Medizin der Zukunft in der Lage sein wird, tödliche Krankheiten wie Krebs zu heilen oder gar ein ewiges Leben zu ermöglichen. Über 250 Menschen lagern in den USA wie Russland derzeit kopfunter in Kryostaten genannten Stickstofftanks, hoffnungsvoll ihrer sich ohne jedes göttliche Zutun vollziehenden Wiederauferstehung harrend.

Über 250 Menschen lagern in den USA wie Russland derzeit kopfunter in Kryostaten genannten Stickstofftanks.

Die seit Mitte der Sechzigerjahre betriebene Kryonik steht in einem Spannungsfeld aus Kommerz, Philosophie, Religion und dem akademischen Transhumanismus-Diskurs, der in den letzten Jahren einen veritablen Aufschwung erlebt hat. Man darf die Kryonik insofern als eine Art Überbrückung ins heranbrechende Zeitalter der künstlichen Intelligenz und technisch aufgerüsteten Mensch-Maschinen verstehen. Ihre Anfänge hingegen verweisen auf das Blockdenken und den technologischen Wettlauf des Kalten Krieges, denn obwohl gesicherte Informationen nicht zugänglich sind, ist anzunehmen, dass auch in China und Russland schon seit den Sechzigerjahren mit der Tiefkühlung von Leichen experimentiert wird. Zumal den sowjetischen Forschern dürfte die Konservierung von Lenin als Vorbild vor Augen gestanden sein.

In den USA, der in der Kryonik führenden Nation, bezog das technologisch unterfütterte Versprechen auf ein neues Leben nach dem Tod wesentliche Impulse aus der Gegenkultur der Sechzigerjahre. Das wiederum macht die Kryonik zu einem Vorläufer des heutigen Digitalkapitalismus aus dem Silicon Valley, der uns – nicht so weitgreifend, aber dafür umso aufdringlicher – ein von Digitaluhr und Smartphone gesteuertes Gesundheitsregime für ein langes, glückliches Leben im Neoliberalismus verheißt.
Ein faszinierendes Feld mithin, das Hendrik Otremba in Kachelbads Erbe in einer literarisch ausgetüftelten Weise auf über 400 Seiten bearbeitet, indem er die verschiedensten Erzählformen, ein Arsenal an interessanten Figuren sowie diskursive Überlegungen, metaphysische Spekulationen und nicht zuletzt eine spannende Handlung in ein polyphones Romanwerk verpackt, dessen Linearität zersplittert ist und dessen Ende in mehrfacher Hinsicht offen bleibt. Kachelbads Erbe liefert so ein anspruchsvolles Lektürevergnügen, an dem nicht zuletzt fasziniert, dass das Buch gleichsam Teil eines intermedialen Werkzusammenhangs ist.

Man hat das Gefühl, die Autoren wollen vor allem einen bestimmten Diskurs erfüllen und haben dazu einfach rundherum etwas erfunden.

Otremba nämlich fällt etwas aus dem gängigen Muster eines deutschen Gegenwartsautors. Eigentlich arbeitet er als bildender Künstler, fungiert aber zugleich als Texter und Sänger der Postpunkband Messer und lehrt zudem kreatives Schreiben an der Fachhochschule Münster. Daher bestehen in seinem Werk zahlreiche Verbindungen, Übergänge und versteckte wie offene Referenzen zwischen den unterschiedlichen Gattungen, in denen er künstlerisch unterwegs ist. Die Schriftstellerei ist dabei die neueste Kunstform, in der er sich betätigt: Im März 2017 erschien im Berliner Verbrecher Verlag sein Debütroman Über uns der Schaum, eine dystopische Neo-Noir-Detektivgeschichte, die in einer unbestimmten Zukunft angesiedelt ist und von einem drogensüchtigen Privatdetektiv erzählt, der den Auftrag bekommt eine mysteriöse Frau zu observieren. Es war ein beachtliches Gesellenstück.

Wegen seiner künstlerischen Vielseitigkeit hatte ich Otremba eingeladen, als Künstler und Praktiker an meiner im Juni 2019 in Birmingham organisierten Konferenz zur literarischen und intermedialen Dimension der Popmusik teilzunehmen, um über seine die Genregrenzen überschreitende künstlerische Arbeit zu berichten. Otremba nahm in seinem Vortrag den damals noch nicht erschienenen Roman Kachelbads Erbe als Beispiel dafür, das Netzwerk der Zusammenhänge zwischen Erzählprosa, Songtexten, Malerei und Fotografie exemplarisch aufzuschlüsseln. Dabei konnte er unter anderem zeigen, wie sehr er beim kreativen Prozess auf die Eigenbewegung des Materials vertraut und seine Motive und Stoffe transformiert durch sein mehrspartiges Werk vagabundieren lässt.

Der Anfang August bei Hoffmann & Campe publizierte Roman markiert einen veritablen Qualitätssprung für den 1984 im Ruhrgebiet geborenen Autor. Dass Kachelbads Erbe nicht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises aufgenommen wurde, ist ein kapitales Versäumnis, mag aber zugleich symptomatisch sein für einen Literaturbetrieb, der vornehmlich das Einhalten des Konventionellen zu belohnen scheint. Anlass genug jedenfalls, Hendrik Otremba in seiner in der Nähe des Tempelhofer Feldes in Berlin gelegenen Altbauwohnung zu besuchen, um über Kachelbads Erbe und anderes zu sprechen.

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UWE SCHÜTTE Zwischen deinem ersten und zweiten Buch gibt es einen in mehrfacher Hinsicht markanten Sprung. Der neue Verlag hat es sogar zum deutschsprachigen Spitzentitel der Herbstsaison gemacht.

HENDRIK OTREMBA Ich habe schon am Anfang des Prozesses gemerkt, dass mit dem neuen Buch das Schreiben noch mehr ins Zentrum rückt. Über uns der Schaum habe ich hauptsächlich auf den Zugfahrten zwischen Berlin und Münster geschrieben, ich habe dran gearbeitet, wann immer etwas Zeit übrig war. Mit Kachelbads Erbe hingegen bin ich morgens aufgestanden und abends schlafen gegangen. Ich hatte ein einjähriges Stipendium des Berliner Senats, was mir neben konzentriertem Arbeiten zudem erlaubte, Recherche-Reisen an die Orte zu unternehmen, an denen das Buch spielt. Als ich in New York war und das Manuskript erst halb fertig war, bekundete Hoffmann & Campe schon mehr als Interesse. Dann ging das alles wahnsinnig schnell, weil auch mehrere Angebote reinkamen. Als ich also merkte, andere glauben auch an den Text, hat das mein Selbstbewusstsein gestärkt. Ich konnte mich mehr darauf konzentrieren, auch weil ich gemerkt habe: Ich werde damit Geld verdienen können und muss mich als selbstständiger Künstler nicht ständig auf andere Sachen und Nebenjobs verlegen, um mein Brot zu verdienen.

SCHÜTTE Was ist mit deiner Dozentur für kreatives Schreiben an der Fachhochschule Münster?

OTREMBA Das ist zwar eine regelmäßige Beschäftigung, aber nur eine Nebeneinkunft. Auch mit dem literarischen Schreiben, wie es in Hildesheim und Leipzig an den Literaturinstituten gelehrt wird, hat es wenig zu tun. Ich leite vielmehr Designstudenten dazu an, das freie Schreiben als Katalysator für kreatives Arbeiten zu verstehen. Natürlich wird vom Dekan wegen der zwei Romane wahrgenommen und anerkannt, dass mein Zugang zum kreativen Schreiben nicht nur rein theoretisch ist. Das gilt auch für die Studierenden. Die meisten finden schnell heraus, dass ich Romane schreibe und Mitglied in einer Rockband bin. Manchmal habe ich den Eindruck, sie glauben mir mehr und hören auch genauer zu, wenn die sehen: Ah, der macht Sachen, die sind für mich greifbar und interessant. Daher schätze ich mich glücklich, nicht unbedingt irgendeinen öden Brotjob ausüben zu müssen, um Geld zu verdienen, sondern kreative und künstlerische Dinge machen zu können, die sich gegenseitig befeuern. In Kachelbads Erbe etwa gibt es ziemlich am Anfang eine Stelle, wo Kachelbad seiner Assistentin Rosary beibringt, wie man seine Wahrnehmung der Umgebung trainieren kann, indem man auf Farben läuft. Das habe ich in der Ursprungsidee von William Burroughs übernommen, der in seinem Essay Ten Years And A Billion Dollars in einem knappen Exkurs davon spricht, es ist aber eigentlich eine Übung, die ich ausgebaut habe und gerne mit den Studierenden mache, um sie für ihre Umwelt zu sensibilisieren.

SCHÜTTE In Kachelbads Erbe wird beiläufig viel Faktenwissen über die Geschichte der Kryonik wie über deren wissenschaftliche Grundlagen vermittelt: Eine Chance, dass tiefgefrorene Körper eines fernen Tages unbeschädigt aufgetaut werden können, besteht nur dann, wie die Natur am Beispiel des amerikanischen Waldfrosches zeigt, wenn sich im gefrorenen Blut keine Eiskristalle bilden, die die Venen verletzen würden. Deshalb muss sofort nach dem Eintritt des klinischen Todes eine Prozedur in Gang gesetzt werden, bei der das Blut schließlich durch eine Transfusionsmaschine mit einer Vitrifikationslösung ausgetauscht wird. Der so präparierte Körper muss nach dem Eintreten des Todes und der sachgemäßen Bestätigung durch einen Arzt gekühlt und schnell an seinen neuen Aufbewahrungsort transportiert werden: Eine Lagerhalle, in der große Flüssigstickstofftanks stehen, in welche die Leichen nach dem Blutaustausch kopfüber hineingetaucht werden, um dort auf die Auferstehung und ihre zweite Geburt zu warten. „Kalte Mieter“ heißen diese hoffnungsvollen Kryonauten in Kachelbads Erbe. Anders als in der Realität, in der die Kryonik angesichts der horrenden Kosten eine entsetzlich elitäre Option nur für Wohlhabende darstellt, die sich die Unsterblichkeit erkaufen wollen, hast du dir in deinem Roman eine heterogene Mischung ungewöhnlicher Menschen aus allen Teilen der Erde ausgedacht, die auf das technoreligiöse Versprechen der Kryonik vertrauen.

OTREMBA Meine „kalten Mieter“ sind ein bewusster Gegenentwurf zu den privilegierten Superreichen. Vielleicht kann man sich den für den Roman zentralen Tank C87 als meine Idee einer Arche Noah vorstellen: da sind Leute zusammen eingefroren, die haben AIDS, sind Mörder, sind größenwahnsinnig, dabei mittellos und zum Teil sterbenskrank. Ein total schräges Ensemble also, das der Norm widerspricht. Diese sechs merkwürdigen Menschen sind jetzt die, die potenziell übrig bleiben werden, während die Menschheit untergeht. Das will ich auch als Kritik zur Arroganz der elitären Kryonik verstanden wissen, die meiner Recherche nach eben doch nur wieder die Gewinner einfriert.

SCHÜTTE H. G. Kachelbad, der mit einem gewissen Lee Won-Hong in Los Angeles das Kryonikinstitut Exit U.S. (sprich: Exitus) betreibt, ist zwar der Titelheld des Romans, bleibt aber das Buch hindurch eher eine irgendwie geisterhafte Figur, die immer wieder aus dem Blick des Lesers verschwindet, was ihn freilich umso interessanter macht. Auch worum es sich eigentlich bei dem „Erbe“, das der Titel annonciert, handeln könnte, wird in der Schwebe gehalten. Ist es die Verantwortung für die „kalten Mieter“ nach dem Tod von Won-Hong? Ist es jenes schwarze Mineral, das auf dem Cover zu sehen ist und eine ganz besondere Wirkung besitzt?

OTREMBA Kachelbad ist mir von allen Figuren im Roman am vertrautesten, gleichzeitig bleibt er ein Phantom. Das war auch im Schreibprozess schon so: Ich wähnte ihn stets an meiner Seite, trotzdem behielt er ein Geheimnis. Das hat ihn für mich so bedeutsam gemacht: Er ist wichtig, mit dem Zentrum des Romans verbunden, scheint etwas zu wissen, hat eine dubiose Vergangenheit und bleibt doch auf eine Art unsichtbar. Ich weiß etwa gar nicht, wofür seine Initialen H. G. stehen. Auch über seine Auswandererbiografie weiß ich als sein Erfinder nicht alles.

Hendrik Otremba: „Kachelbad 1988“.
Hendrik Otremba: „Kachelbad 1988“.

SCHÜTTE Das klingt, als hättest du diesen mit komplexen Rück- und Vorblenden konstruierten Roman keineswegs wie ein Ingenieur am Reißbrett entworfen, sondern auch dem Zufall und äußeren Einflüssen im Prozess des Schreibens einen Platz eingeräumt?

OTREMBA Ja, das war mir wichtig. Es gab von Anfang an ein klares Gerüst, das jedoch viel Raum für Entwicklungen zuließ, die sich erst im Schreiben ergeben konnten. Da konnten dann über Umwege auch Texte, die für Messer entstanden oder die ich als Gedichte geschrieben habe, eine Rolle spielen, etwa als Motivgeber oder erste Annäherungen. Die Fotos im Roman waren ein weiterer Aspekt, die wurden sogar zu Möglichkeiten, Erinnerungen wie Räume zu betreten. Es gibt auch einige Gemälde, die in dieser Zeit entstanden sind und die Auftakte oder Ableitungen von Orten aus dem Roman waren. „Kachelbad 1988“ etwa, das als Szenario auch im Roman vorkommt. Auch im Hinblick auf Kachelbad war die Offenheit im Prozess wichtig: Was er für ein Mensch ist, hat er mir erst im Arbeitsprozess gezeigt. Das gilt ja ebenso für das Spiel mit dem Erzähler – wer spricht denn da überhaupt? Am Ende offenbart sich ja, dass Kachelbad derjenige ist, der die Lebensgeschichten der „kalten Mieter“ erzählt. Ich wollte dabei zugleich subtil auf ein Rätsel hinführen: Vielleicht ist Kachelbad ja sogar der Erzähler des gesamten Romans? Vielleicht ist auch einiges so nie passiert, wie es im Buch beschrieben wird, vielleicht sind die Tagebucheintragungen im vorletzten Kapitel alle von ihm erfunden? Wohin verschwindet er am Schluss? Wer weiß … Kachelbad ist mir stark ans Herz gewachsen. Ich wollte am Ende keine Klarheit, er sollte daher nicht einfach sterben. Im Grunde spürte ich dieser erfundenen Figur gegenüber sogar eine Art Verlustangst. Deswegen entschied ich mich dafür, ihn langsam verschwinden zu lassen. Kachelbad verliert sich im Nebel; demselben Nebel, in dem er auch auftritt. Am Ende ist nur klar: Er bringt sich nicht um.

SCHÜTTE Auffällig an Kachelbads Erbe ist die weitgehende Absenz von Popmusik und Popkultur: Obgleich das Buch in den Achtzigerjahren spielt, unternimmst du das Gegenteil einer TV-Serie wie Stranger Things, die gerade durch das dezidierte Vorführen zeittypischer Dinge wie Walkman, Zauberwürfel oder Achtzigermusik ein bestimmtes Kolorit zu erzeugen versucht.

OTREMBA Vielleicht wollte ich auch wegen meiner Rolle bei Messer nicht als ein Autor von Popliteratur wahrgenommen werden. Ich versuche mich von einer solchen Rezeption zu distanzieren, deswegen wollte ich mit dem Buch auch nicht zu bestimmten Verlagen gehen, die viele schreibende Musiker und Pop­literaturautoren im Programm haben. In meinem Schreiben geht es mir um etwas anderes als das, was die Popliteratur betreibt, vor allem um ein anderes Verhältnis zur Zeit. Diese gewisse Naivität, die in der Umarmung des Pops lag, ist in meiner Wahrnehmung mittlerweile völlig zerschellt. Mir geht es aber darum etwas zu machen, was zeitunabhängiger ist. Deswegen spielt der erste Roman in einer undefinierten Zeit, der zweite in den Achtzigerjahren bzw. einer unbestimmten Zukunft.

SCHÜTTE Neben deiner Stereoanlage steht ein einziges Buch, mit dem Cover repräsentativ nach vorne gekehrt – Sundog, die 2018 publizierte Anthologie der Songtexte des Ausnahmemusikers Scott Walker.¹ Walkers Songtext zur Ballade „If You Go Away“ ist auch das erste Motto von Kachelbads Erbe.

OTREMBA Bevor ich mit dem Roman angefangen habe, hatte ich eine wahnsinnig intensive Scott-Walker-Phase, die dann während des Schreibens noch stärker geworden ist. Ich konnte zu Scott Walker schreiben, weil ich das Gefühl hatte: diese Musik gehört mir, die ist nur für mich geschrieben. Dadurch hat sich eine Art Vertrauen, eine richtige Glücksstimmung bei mir gebildet, und so hat Scott Walker dann über Umwege Eingang in Kachelbads Erbe gefunden: „Rosary“ heißt der letzte Song auf Walkers Album Tilt, den ich dann als Namen der ersten Erzählerin gewählt habe. Die Textzeilen aus „If You Go Away“ am Anfang des Buches habe ich ausgewählt, weil sie so unfassbar gut passen auf die Liebesgeschichte im Roman einerseits wie auf die Kryonik andererseits: Die Hoffnung ist, dass man die Geliebten eben nur gehen lassen kann, weil man weiß, dass sie irgendwann wiederkehren werden – auf welcher Ebene auch immer. Die Texte und die musikalischen Narrative von Scott Walker spielen an ganz vielen Stellen eine versteckte Rolle im Roman. Auch habe ich mich inspirieren lassen von seinem Vertrauen darauf, dass sich Rezipienten trotz bewusster Irritationen einfühlen können in einen Text; außerdem erzählt Walker seine Songs, wie ich den Roman, nicht immer linear.

SCHÜTTE Das hätte ich dem Einfluss von Roberto Bolaño zugeschrieben, über den du dich bei früheren Gesprächen immer sehr enthusiastisch geäußert hast.

OTREMBA Ich verehre Bolaño als Leser, weil er eine Literatur schreibt, in die man abtauchen kann, sodass man alles um sich herum vergisst und mehr im Buch lebt als in der Realität. Das waren für mich intensive Leseerlebnisse, und in mir ist der Anspruch gewachsen, auch in meiner Literatur etwas Derartiges herzustellen. Außerdem ist Bolaño jemand, der das Schreiben selber zu einer derartig glückbringenden, intensiven Beschäftigung verklärt, dass man immer sofort selber mit dem Schreiben beginnen möchte. Als Über uns der Schaum erschienen war, bin ich in einer Buchhandlung zufällig auf seinen Roman Die wilden Detektive gestoßen. Da ja in meinem ersten Roman auch ein „wilder Detektiv“ die Hauptfigur ist, habe ich mir Bolaños Buch gekauft und gleich zweimal gelesen. Danach habe ich mir 2666 und den ganzen Rest besorgt. Von Bolaño habe ich gelernt, dass selbst aus starker Fragmentierung eine große Erzählung entstehen kann, weil man eben auch zersplittert erzählen und gleichzeitig einen zusammenhängenden Roman erzählen kann. Das habe ich ganz klar von ihm gelernt, und ich halte es auch für eine zeitgemäße Form des Erzählens heutzutage. Es muss nicht immer geradlinig von A nach Z gehen.

SCHÜTTE Bleiben wir bei den Einflüssen. Während du an deinem zweiten Roman geschrieben hast, haben wir öfter über die Bücher von W. G. Sebald gesprochen. Bei der Lektüre von Kachelbads Erbe kamen mir manche Aspekte wie verdeckte Bezugnahmen auf Sebald vor. Die im Roman als erlernbar dargestellte Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen, zum Beispiel. Sebald vertrat ja die Meinung, dass realistische Literatur stets eines inkompatiblen Elements bedarf, das die Wirklichkeitstreue überschreitet.

OTREMBA Ich habe bei dir gelesen, dass Sebald von seinen Kollegen öfter beobachtet wurde, wie er am Fotokopierer Fotos immer wieder so obsessiv kopiert hat, bis deren Qualität so verschwommen und geisterhaft war, wie er sie für seine Bücher haben wollte. Und diese Vorstellung hat mir sehr gefallen. Sie hat mich dann inspiriert, dass ich Fotos, die ich seit Jahren schon nur für mich mache, für das Buch verwende. Es gibt ein Riesenarchiv von sicher mehr als tausend analogen Fotografien bei mir, daraus habe ich einige ausgewählt. Die beziehen sich zwar klar auf die Schauplätze der Handlung, ich glaube aber, ähnlich wie Sebald, dass sie zugleich die Qualität haben, wie Portale zu wirken; wie eine Tapetentür, durch die man in die Erinnerung, aber auch die Fantasie der Figuren einsteigen kann. Auch der schwarze Stein spielt im Roman im Sebaldschen Sinne so eine Rolle.

SCHÜTTE Dieses Phänomen der Unsichtbarkeit im Roman reicht vom Umstand, dass sich eine Person wie Kachelbad unbemerkt im öffentlichen Raum bewegen kann bis zu der absurden Vorstellung, dass ein vietnamesischer Auftragskiller es schafft, als Unsichtbarer ohne Ticket oder Passkontrolle eine Flugreise zu unternehmen. Was hat es damit auf sich?

OTREMBA Es sollte ein Element geben, das den Realismus überschreitet und gleichzeitig einen Bezug zu der Welt hat, in der wir leben. Ich gehe davon aus, dass es tatsächlich Menschen gibt, die unsichtbar sind, die übersehen werden. Deren Leid wird nicht in Romanen beschrieben, sie kommen nicht in die Nachrichten, sie haben keinen Anwalt und keine Lobby. Es gib ein Messer-Album, das heißt Die Unsichtbaren, damit wollte ich damals diesen Leuten eine Art Widmung schreiben. Im Roman formulierte ich diesen Gedanken dann weiter aus. Es handelt sich bei der Unsichtbarkeit, wie ich sie erzähle, dabei also auch um einen Appell, sich seinen Mitmenschen gegenüber einfühlsamer zu verhalten und die Unsichtbaren wieder sichtbar zu machen. Der überwiegende Teil der Menschheit ist dem Leid der Menschen gegenüber, die nicht in unmittelbarer Verbindung mit einem stehen, praktisch blind. Es gibt so gesehen in meiner Wahrnehmung Menschen, die sichtbar sind, und im Kontrast dazu jene, die übersehen werden. Die „kalten Mieter“ stehen alle in einem individuellen Verhältnis dazu, durch ihre Biografien und ihre poetischen Neigungen sind sie selbst zum Teil unsichtbar, befinden sich aber als Grenzgänger auch dazwischen. Es ist doch so: Es gibt auf der Welt ein komplexes Gefüge von Leidenden und den daran Schuldigen. Man könnte auch sagen: Menschen, die sich auf den zwei Seiten des Kapitalismus gegenüberstehen. Und Künstler können oder müssen für mich Menschen sein, die an dieser Grenze operieren; sie sehen das eine und wissen das andere. Und manchmal verschwinden sie in dem Dazwischen.

SCHÜTTE Zeitlich verankert ist der Roman in den Achtzigerjahren, als du selbst noch ein Kleinkind warst. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und das Aufkommen von AIDS als zentrale Vorkommnisse der damaligen Zeit, deren Halbwertszeit freilich bis in unsere Gegenwart reicht, spannen ein Spektrum auf, in dem die in Kachelbads Erbe zwischen Wissenschaft und halbseidenem Geschäftsmodell operierende Kryonik porträtiert wird. Warum spielt der Roman eigentlich nicht in der Gegenwart?

OTREMBA Die Kryonik ist mir jetzt viel zu erschlossen, viel zu technologisch. Mich interessieren mehr die fragilen, unsicheren, dubiosen Zeiträume in solchen irgendwie auch sektenartigen Konstellationen. Das Spannende passiert doch gerade dann, wenn Sachen sich erst durchsetzen müssen. Weil nämlich dann diejenigen, die sich durchsetzen wollen, noch gegen viele Widerstände kämpfen müssen, da es mehr Hürden als Chancen gibt. Da kann man auch erzählerisch mehr daraus machen. Aber es gibt noch einen anderen Grund: Ich hasse Literatur, in der Handys vorkommen. Mir missfällt das vor allem aus dramaturgischen Gründen, weil man sich damit als Romanfigur so leicht aus misslichen Situationen retten kann. Mir gefallen, vielleicht auch aus nostalgischen Gründen, alte Posttelefone und Telefonzellen besser. Verkabelte Telefone kommen häufig im Roman vor. Die analoge Technologie bietet für mich einfach erzählerisch ein größeres Spannungspotenzial als die digitale Gegenwart.

SCHÜTTE War die ungewöhnliche Themenwahl der Kryonik davon motiviert, sich von den immer selben, vorausberechenbaren, vom Mediendiskurs und aktuellen Diskussionen vorgegebenen Themen der deutschen Gegenwartsliteratur abzugrenzen?

OTREMBA Also, es war keine konkrete Abgrenzung. Aber es gibt eine Tendenz derzeit, in der man klar bemerkt, dass diese ganzen zentralen Themenblöcke, die es derzeit gibt, vielen Büchern so deutlich eingeschrieben sind, dass man eher das Gefühl hat, die Autoren wollen vor allem einen bestimmten Diskurs erfüllen und haben dazu einfach rundherum etwas erfunden. Ich denke jedoch, Literatur sollte etwas anderes tun: nämlich etwas Neues erfinden, und sie sollte neue Erkenntnisse und Perspektiven nutzen, statt sie nachzuerzählen. In der deutschsprachigen Literatur geht es so häufig nur darum, sich in einer chaotischen Welt selbst zu verorten und zu positionieren, dabei liegt doch im Schreiben viel mehr Potenzial. Ich mag Dinge nicht, die bloß mitmachen, die sich einem System anschließen und die versuchen, darin zu glänzen. Mich interessiert vielmehr, Fragen zu stellen, die darüber hinausgehen und die das Erfinden poetisch nutzen, um größere Zusammenhänge zu erkunden.

Anmerkung
¹ Schütte, „Zwischen Beuys und Bambi.“ VOLLTEXT 4/2018

Hendrik Otremba, 1984 im Ruhrgebiet geboren, lebt als Schriftsteller, bildender Künstler und Sänger der Gruppe Messer in Berlin. Bislang erschienen die beiden Romane Über uns der Schaum (Verbrecher Verlag, 2017) und Kachelbads Erbe (Hoffmann und Campe, 2019).

Uwe Schütte ist Dozent für German Studies an der Aston University, Birmingham. Zuletzt erschienen u. a. Über W. G. Sebald. Beiträge zu einem neuen Bild des Autors (Hg., De Gruyter, Berlin 2016), Mensch-Maschinen-Musik. Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk (Hg., C. W. Leske, Düsseldorf 2018) und Annäherungen. Sieben Essays zu W. G. Sebald (Böhlau, Wien 2019).

Quelle: VOLLTEXT 3/2019 – 15. Oktober 2019

Online seit: 26. Oktober 2019

Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe.
Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2019. 432 Seiten, € 24 (D) / € 24,70 (A).

Hendrik Otremba: Über uns der Schaum. Roman. Verbrecher Verlag, Berlin 2017.
250 Seiten, € 22 (D) / € 22,70 (A).