„Jetzt ist es mir todernst“

Hele­na Adler im Gespräch mit Anton Thus­wald­ner über ihr Schrei­ben und den Roman Fret­ten.
Helena Adler © Eva trifft

Hele­na Adler: Zu Hau­se gab es Gewalt, Geweh­re, Jäh­zorn, Trotz.

Hele­na Adler sorg­te vor zwei Jah­ren mit ihrem wil­den und sprach­mäch­ti­gen Roman Die Infan­tin trägt den Schei­tel links für Auf­se­hen. Nun hat sie mit Fret­ten (süddeutsch/österreichisch: sich abmü­hen, sich pla­gen, müh­sam über die Run­den kom­men, sich auf­rei­ben) einen wei­te­ren Roman vor­ge­legt, der auf der Short­list zum Öster­rei­chi­schen Buch­preis stand. Der Lite­ra­tur­kri­ti­ker und Her­aus­ge­ber Anton Thus­wald­ner führ­te mit der Salz­bur­ger Autorin per E‑Mail ein Inter­view.

ANTON THUSWALDNER Liest man Ihre Bücher, bekommt man den Ein­druck, dass die öster­rei­chi­sche Pro­vinz eine Men­ge an Spreng­stoff birgt.

HELENA ADLER Rich­tig. Und ich lass es gern kra­chen. Da muss man ledig­lich die Augen und Ohren offen und den Schreib­block gezückt hal­ten, sich viel­leicht noch in den Zug von Graz nach Salz­burg set­zen, schon wird man Zeu­ge der per­fi­des­ten mensch­li­chen Abgrün­de. So muss­te ich vor ein paar Tagen mit­an­hö­ren, wie sich eine älte­re Dame, fein her­aus­ge­putzt, über einen Bett­ler ent­rüs­te­te, weil die­ser vor dem Ein­gang von Swa­rov­ski lag. Sie meu­ter­te dar­über, dass nicht ein­mal die Stadt Graz imstan­de wäre, sol­che Unan­nehm­lich­kei­ten zu besei­ti­gen, da es sich um einen öffent­li­chen Platz hand­le. Dann frag­te sie unge­niert: „Wie kom­me ich dazu, dass ich ein schlech­tes Gewis­sen bekom­me, nur weil ich zum Swa­rov­ski gehe und die­ses Geschöpf mit­an­se­hen muss? Wie kom­me ich dazu?“ Das wird ein neu­er Text, sag ich Ihnen, sol­che Din­ge gehö­ren gehört. Und es ist mir ein Fest, unter die schwe­ren Barock­kit­tel unse­rer Pro­vinz­stadt zu spech­teln und die Dyna­mit­schnü­re zu zün­den, die da aus allen engen Win­keln her­vor­lu­gen und aus Nobel­ni­schen und Roset­ten­fens­tern her­aus­hän­gen. Noch eine Anek­do­te: Erst neu­lich habe ich mit mei­nem Sohn den Ruper­ti­kir­tag besucht und muss­te mich, einer Abkür­zung wegen, durch ein prall gefüll­tes Zelt zwän­gen, in dem gera­de Brue­gels Bau­ern­hoch­zeit statt­fand. Ich habe mei­nem Sohn schnell die Augen zuge­hal­ten, um ihm die­ses Hoch­le­ben­las­sen der irdi­schen Höl­le mit den auf­ge­schnür­ten Busen in den Dirndln, den Stel­zen und Poma­den, den Brat­würs­ten und den schmalz­ver­schmier­ten Krach­le­der­nen, den dar­in ein­ge­zwick­ten Bur­schen, den Anblick vom Rosen­kranz, den man dort im Bier­zelt rechts gera­de begrüßt hat, wäh­rend im Dom links dane­ben für sei­ne Ver­ge­hen gebe­tet wur­de, zu erspa­ren. Er ist noch viel zu jung dafür. Wir konn­ten dann aber am Ende des Tun­nels erleich­tert die Geis­ter­bahn betre­ten. Ich bezeich­ne mich gern als Gen­re­ma­le­rin. Es sind Milieu­stu­di­en, die ich anfer­ti­ge. Und es ist mein Milieu, das ich dar­stel­le, manch­mal auch vom Rand aus. Ich mache nichts wei­ter, als mei­nen All­tag zu doku­men­tie­ren. Ich gebe mei­ne Wahr­neh­mung wie­der, die ja wie­der­um auch nicht die Wahr­heit ist, aber ein gro­ßes Stück weit halt mei­ne Wahr­heit. Und ich sehe mich auch als Sprach­be­wah­re­rin. Ich möch­te schier aus­ge­stor­be­ne Begrif­fe wie­der ani­mie­ren. Die deut­sche Spra­che beinhal­tet viel unsym­pa­thi­sche Begriff­lich­kei­ten. Und doch ist da auch viel Mes­ser­schar­fes und Humor­vol­les dabei. Kreu­chen und Fleu­chen zum Bei­spiel, viel­leicht wird das der nächs­te Titel. Ein knusp­ri­ger Aus­druck für etwas, vor dem es jeden graust.

Es sind Milieu­stu­di­en, die ich anfer­ti­ge. Und es ist mein Milieu, das ich dar­stel­le, manch­mal auch vom Rand aus.

THUSWALDNER Die Gesell­schaft auf dem Land, schlimm genug, dann kommt auch noch die Fami­lie dazu. Frie­den schaut anders aus.

ADLER Ja, ich weiß gar nicht mehr genau, wie Frie­den aus­schaut. Aber ich hät­te ger­ne mehr davon. Ich wün­sche ihn mir vor allem für unse­re Kin­der. Aber manch­mal kann man den Frie­den eben lei­der nicht prak­ti­zie­ren, oft muss man sich vor­her wund­rei­ben und kämp­fen.

THUSWALDNER Sehen Sie sich in der Tra­dition der öster­rei­chi­schen Anti-Hei­ma­t­­li­te­ra­tur?

ADLER Das kann ich nicht beur­tei­len. Ich lie­be jeden­falls den Grund und Boden, auf dem ich auf­ge­wach­sen bin. Der Blick vom Hügel auf die­ses saf­ti­ge Berg­pan­ora­ma: Stau­fen, Watz­mann, Unters­berg, die Nacht­lich­ter der Stadt. Noch heu­te träu­me ich von unse­rem Som­mer­feld hin­term Stall, Hang­la­ge. Manch­mal gleicht es einem Schlacht­feld, da sehe ich abge­stürz­te Flug­zeu­ge, die bren­nen. Dann wie­der­um träu­me ich vom alten Haus, das ja in mir drin­nen immer noch nicht abge­ris­sen ist. Mit den Men­schen in mei­ner Hei­mat hade­re ich häu­fig. Ihre Bor­niert­heit widert mich an, mich ekelt’s, wenn jemand über Bett­ler läs­tert, da gelüs­tet es mich, tät­lich zu wer­den, und wenn ich schon kei­ne Gnack­wat­schen aus­tei­len darf, dann mache ich das halt zumin­dest auf dem Papier. Auf die hin­lan­gen, die glau­ben, dass nie­mand zu ihnen hin­reicht.

THUSWALDNER Mit dem Roman Die Infan­tin trägt den Schei­tel links haben Sie jede Men­ge Auf­merk­sam­keit und viel Zuspruch erhal­ten. Erleich­tert das die Arbeit am nächs­ten Buch oder ist so eine Vor­ga­be ein Hemm­nis?

ADLER Weder noch. Es ist immer ein Gfrett. Mit dem Leben und mit dem Schrei­ben. Frei­lich möch­te ich Reso­nanz, und wenn die posi­tiv aus­fällt, freut es mich umso mehr. Aber ob der Zuspruch tat­säch­lich mein Wei­ter­schrei­ben erleich­tert?

Ver­mut­lich kann man sich auf dem Land nicht dar­auf her­aus­re­den, dass alles nur Lite­ra­tur sei?

THUSWALDNER Ihr Debüt Hertz 52 erschien in einem klei­nen Ver­lag abseits der Öffent­lich­keit. Das geht so weit, dass die Infan­tin als Ihr Debüt bezeich­net wird, das eigent­li­che aber gar nicht vor­kommt. Wie ste­hen Sie heu­te zu die­sem Roman?

ADLER Ich ste­he dazu, mehr nicht, aber weni­ger auch nicht. Pein­lich sind mir immer nur