Germanophilie oder Wahlverwandtschaft?

Madame de Staël und Goe­the. Von Hans Chris­toph Buch

Wir haben die Restau­ra­tio­nen der moder­nen Völ­ker geteilt, ohne ihre Revo­lu­tio­nen zu tei­len.“ Mit die­sem berühmt gewor­de­nen Satz aus der Kri­tik von Hegels Rechts­phi­lo­so­phie schuf der jun­ge Marx ein Para­dig­ma, das sich zum Dog­ma ver­fes­tig­te, bevor es in die Tri­via­li­tät absank. Gemeint ist das lin­ke Kli­schee, dem­zu­fol­ge die Deut­schen kei­ne Revo­lu­ti­on zustan­de brach­ten, weil das Betre­ten des Rasens ver­bo­ten war – Stich­wort deut­sche Mise­re. Nichts ist fal­scher als das, denn Deutsch­land hat min­des­tens zwei epo­cha­le Umwäl­zun­gen erlebt. Die ers­te war die von Luther aus­ge­lös­te Refor­ma­ti­on, die sich auf geis­ti­gem Gebiet voll­zog, in der Theo­lo­gie, ehe sie real­po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen zei­tig­te: Vom Bau­ern­krieg über die euro­päi­schen Glau­bens­krie­ge des 17. Jahr­hun­derts bis zum West­fä­li­schen Frie­den unter dem Mot­to: Cui­us regio, eius reli­gio.

Die zwei­te deut­sche Revo­lu­ti­on war nicht weni­ger fol­gen­reich, wird aber häu­fig ver­kannt, obwohl sie an der Wen­de vom 18. zum 19. Jahr­hun­dert welt­weit Stau­nen und Bewun­de­rung her­vor­rief, unter Zeit­ge­nos­sen wie Nach­ge­bo­re­nen. Gemeint ist der Deut­sche Idea­lis­mus als Drei­klang von Auf­klä­rung, Klas­sik und Roman­tik, die kei­ne Gegen­sät­ze, son­dern eine Ein­heit bil­de­ten, kul­mi­nie­rend in Goe­thes Leben und Werk: Mit Wie­land und Win­ckel­mann, Les­sing, Her­der und Klop­stock als Anre­gern, Kant und Hegel als Men­to­ren, nicht zu ver­ges­sen Mozart und Beet­ho­ven, zu des­sen Neun­ter Sym­pho­nie, heu­te die Hym­ne Euro­pas, Schil­ler den Text lie­fer­te.

Gemeint ist das lin­ke Kli­schee, dem­zu­fol­ge die Deut­schen kei­ne Revo­lu­ti­on zustan­de brach­ten, weil das Betre­ten des Rasens ver­bo­ten war.

Der Deut­sche Idea­lis­mus war kein Wol­ken­ku­ckucks­heim der Fan­ta­sie, er ist mate­ria­lis­tisch geer­det durch die