Krieg und Frieden

Eine Wie­der­vor­la­ge. Von Hans Chris­toph Buch
Leo Tolstoj © Bibliothèque de Genève

Leo Tol­s­toj Mit­te der 1860er-Jah­re, als er Krieg und Frie­den schrieb.
Foto: Biblio­t­hè­que de Genè­ve

Brechts Dik­tum, in fins­te­ren Zei­ten wer­de gesun­gen von den fins­te­ren Zei­ten, lässt sich nicht über­tra­gen auf die Coro­na-Pan­de­mie, da jedes wei­te­re Wort über Covid-19 das rand­vol­le Fass zum Über­lau­fen bringt. Statt­des­sen ist gut bera­ten, wer vor den Zumu­tun­gen des Zeit­geists bei Klas­si­kern Zuflucht sucht wie etwa im Deca­me­ro­ne, aus des­sen im Zei­chen der Pest erzähl­ten Geschich­ten das her­vor­ging, was wir heu­te Roman nen­nen. Aber ich las­se die Renais­sance in der Schub­la­de und gehe gleich in medi­as res, zu Krieg und Frie­den von Tol­s­toj, einem Haupt­werk rus­si­scher Lite­ra­tur, das ich mehr­fach ange­le­sen, frus­triert zuge­klappt und zur Wie­der­vor­la­ge bei­sei­te­ge­legt hat­te. Dabei erging es mir ähn­lich wie Tur­gen­jew, einem Zeit­ge­nos­sen und Bewun­de­rer Tol­s­to­js, der 1867, nach der Lek­tü­re des Roman­an­fangs, sei­ne Ein­drü­cke so for­mu­liert:

„Zu mei­ner tie­fen Ent­täu­schung muss ich geste­hen, dass die­ser Roman mir schlecht, lang­wei­lig und miss­lun­gen vor­kommt. […] Tau­send klei­ne Tricks, cle­ver notier­te, prä­ten­tiö­se psy­cho­lo­gi­sche Beob­ach­tun­gen, die Tol­s­toj unter dem Vor­wand der Wahr­heits­su­che aus den Ach­sel­höh­len und ande­ren dunk­len Stel­len sei­ner Hel­den her­vor­zieht – wie dürf­tig ist das vor dem his­to­ri­schen Hin­ter­grund des Romans!“

Tur­gen­jews har­tes Urteil ist leicht nach­voll­zieh­bar für Lese­rin­nen und Leser, die mit wach­sen­dem Befrem­den die ers­ten hun­dert von über tau­send Sei­ten durch­ackern: Eine büh­nen­rei­fe Expo­si­ti­on, mehr Thea­ter als Roman, Wal­len­steins Lager à la rus­se, wenn man so will: Kein reprä­sen­ta­ti­ver Quer­schnitt durch die zaris­ti­sche Gesell­schaft, wie von einem his­to­ri­schen Roman zu erwar­ten, son­dern eine end­lo­se Fol­ge von Bäl­len, Emp­fän­gen und Dîners, auf denen die Crè­me de la Crè­me, der Hoch­adel mit sei­nen Intri­gen und Eifer­süch­te­lei­en, Ticks und Marot­ten sich selbst fei­ert. Oder, mit den Wor­ten des Kri­ti­kers Dmit­rij Pis­arew aus einer 1868 publi­zier­ten Rezen­si­on des ers­ten Drit­tels von Tol­s­to­js Roman: „Was wird aus dem mensch­li­chen Geist in einer Gesell­schafts­schicht, die ohne Wis­sen, ohne Ideen, ohne Ener­gie und ohne Arbeit dahin­lebt?“ Gemeint ist der nicht nur von Oblo­mow ver­kör­per­te „über­flüs­si­ge Mensch“ in der rus­si­schen Lite­ra­tur.

Aus den sich über­schnei­den­den Krei­sen des Hoch- und Hof­adels schä­len sich nur lang­sam drei jun­ge Män­ner her­aus, die mehr pas­siv als aktiv zu Prot­ago­nis­ten der Hand­lung wer­den: Der „dicke“ Pierre, in dem Tol­s­toj sich selbst por­trä­tiert (rus­sisch „tol­s­toj“ heißt dick), ein unehe­li­cher Sohn, dem sein adli­ger Erzeu­ger ein Mil­lio­nen­er­be hin­ter­lässt, und die Freun­de Niko­laj und André – alle drei an Par­zi­val erin­nernd in ihrer idea­lis­tisch über­stei­ger­ten Nai­vi­tät. Hin­zu kommt, mit Proust gespro­chen, ein Strauß jun­ger Mäd­chen­blü­ten, allen vor­an Nata­scha, die wie ihre Cou­si­ne Son­ja nah am Was­ser gebaut ist und stän­dig grund­los weint oder lacht – über die Lie­be, den Früh­ling oder den Mond­schein: „Lau­ter albern affek­tier­te, däm­li­che Wesen“, merkt, beküm­mert über Tol­s­to­js lite­ra­ri­schen Absturz, Tur­gen­jew dazu an.

Red­un­dant und repe­ti­tiv

Doch das war nicht sein letz­tes Wort; nach Tisch las man es anders, und Tur­gen­jew zoll­te Krieg und Frie­den sei­nen Respekt. Fest­zu­hal­ten bleibt, dass der fast nur aus Dia­lo­gen bestehen­de Ein­stieg in den Roman selbst für wohl­mei­nen­de Leser eine Zumu­tung ist – nicht umsonst hat Tol­s­toj in einer spä­te­ren Ver­si­on pseu­do­phi­lo­so­phi­sche Erör­te­run­gen und auf Fran­zö­sisch geschrie­be­ne Pas­sa­gen ent­fernt und in den Anhang rele­giert. Nicht nur die ers­ten hun­dert Sei­ten, der gesam­te Roman­text ist red­un­dant und repe­ti­tiv: Von Niko­laj Ros­tow, der auf dem Schlacht­feld lie­gend in den blau­en Him­mel blickt, bis zu sei­nem Freund André, dem in Aus­ter­litz das­sel­be wider­fährt – ein häu­fig wie­der­keh­ren­des, gera­de­zu auf­dring­li­ches Sym­bol für reli­giö­se Tran­szen­denz: „Wie herr­lich sah der Him­mel aus! Wie blau, wie ruhig, wie tief! […] Die Angst vor den Trag­bah­ren und vor dem Tod, die Lie­be zur Son­ne und zum Leben – das alles schmolz in ihm zu einer ein­zi­gen […] Emp­fin­dung zusam­men. Herr­gott […] ret­te mich!“

„André sah jetzt zum ersten­mal wie­der jenen hohen und ewi­gen Him­mel, den er gese­hen hat­te, als er auf dem Schlacht­feld von Aus­ter­litz lag“, usw. usf.

Zu aus der Tri­vi­al­li­te­ra­tur bekann­ten Tricks, mit denen Tol­s­toj die Hand­lung moti­viert und Epi­so­den mit­ein­an­der ver­knüpft, gehört, dass Schwer­ver­letz­te wider Erwar­ten gene­sen, wäh­rend leicht Ver­wun­de­te ster­ben, Lie­ben­de nicht zuein­an­der­fin­den und Ehen zer­bre­chen wie im zu Recht berühm­ten ers­ten Satz sei­nes Romans Anna Kare­ni­na: „Alle glück­li­chen Fami­li­en glei­chen ein­an­der, jede unglück­li­che Fami­lie ist auf ihre eige­ne Wei­se unglück­lich.“

„Was wird aus dem mensch­li­chen Geist in einer Gesell­schafts­schicht, die ohne Wis­sen, ohne Ideen, ohne Ener­gie und ohne Arbeit dahin­lebt?“

Das ist das Gegen­teil sen­ti­men­ta­ler Kli­schees von Ehe- und Lie­bes­glück, doch solch bestür­zen­de Ein­sich­ten haben Tol­s­toj nicht gefeit vor schie­fen Ver­glei­chen und