Gedenkblatt für Friedo Lampe

Von Hans Chris­toph Buch
Friedo Lampe © DLA Marbach

„Am 1. Mai 1933 trat ich in die NSDAP ein – fra­gen Sie bes­ser nicht, war­um!“
Foto: © Deut­sches Lite­ra­tur­ar­chiv Mar­bach

Mein Name ist Frie­do Lam­pe, und so unspek­ta­ku­lär wie die­ser Vor- und Nach­na­me ver­lief mein nicht von Kris­tall­lüs­tern, son­dern von trü­ben Fun­zeln erhell­tes Leben, das am 4. Dezem­ber 1899 in Bre­men begann und am 2. Mai 1945 jäh ende­te – den Bericht dar­über, was an die­sem denk­wür­di­gen Tag in Klein­mach­now geschah, spa­re ich für spä­ter auf.

„Es ist bes­ser, wenn sie dein Werk gelun­gen und dein Leben trüb­se­lig fin­den als umge­kehrt“, schrieb Ende des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts ein Dich­ter aus dem Staat, des­sen Sol­da­tes­ka mich ins Jen­seits kata­pul­tier­te, und fuhr fort: „Ver­mut­lich inter­es­siert sie bei­des nicht.“ Ich weiß, wovon ich rede, denn ich war Schrift­stel­ler und Ver­lags­lek­tor von Beruf, eine Heb­am­me, die ande­rer Leu­te Wer­ke zum Druck beför­dert – mein eige­nes Schaf­fen stell­te ich not­ge­drun­gen zurück. Zusam­men mit Erzäh­lun­gen, Gedich­ten, Rezen­sio­nen und Brie­fen füll­te es zuerst einen, dann zwei Nach­lass­bän­de, und das ist viel in den trü­ben Zei­ten, um die es hier geht – ich wie­der­ho­le mich. Doch ich will die Geschich­te von Anfang an erzäh­len, so wie sie sich wirk­lich zuge­tra­gen hat.

2

Im Sep­tem­ber 1963 erhieltst du einen Brief von einem dir unbe­kann­ten Absen­der, der dich zur Tagung der Grup­pe 47 nach Saul­gau ein­lud. Dass es sich um ein Schrift­stel­ler­tref­fen han­del­te, wuss­test du, aber von Hans Wer­ner Rich­ter, dem Grün­der und Lei­ter der Grup­pe, hat­test du noch nichts gele­sen oder gehört. Die deut­sche Gegen­warts­li­te­ra­tur inter­es­sier­te dich nicht; neben dei­nen Haus­göt­tern Kaf­ka, Robert Wal­ser und Robert Musil ver­blass­te alles Übri­ge zur Unkennt­lich­keit.

Du warst neun­zehn Jah­re alt und furcht­bar arro­gant. Unter der Schul­bank am Beet­ho­ven-Gym­na­si­um hat­test du Abschied von den Eltern gele­sen und Flucht­punkt von Peter Weiss, dem du in den Feri­en dei­ne Auf­war­tung mach­test in sei­nem Ate­lier in der Alt­stadt von Stock­holm, wo er, stumm an sei­ner Pfei­fe sau­gend, Col­la­gen ver­fer­tig­te für Der Schat­ten des Kör­pers des Kut­schers. In dei­ner Erin­ne­rung rauch­ten alle Schrift­stel­ler Pfei­fe, rau­chen­de Köp­fe im buch­stäb­li­chen Sinn, und von dei­nem ers­ten Hono­rar kauf­test du dir eine Dunhill-Pfei­fe, die erst ein­ge­raucht wer­den muss­te, wie die Zeit­schrift Twen es den Lesern emp­fahl. Ohne Black & White-­Whis­ky und Pfei­fen­ta­bak der Mar­ke Erin­mo­re, glaub­test du, sei es unmög­lich, Bücher zu schrei­ben. Du last eine Erzäh­lung vor über eine archäo­lo­gi­sche Aus­gra­bung, die im San­de ver­läuft und nichts zuta­ge för­dert: Aus­druck dei­ner Wei­ge­rung, den oder die Leser für irgend­et­was zu inter­es­sie­ren – nicht mal ihre Neu­gier wecken woll­test du. Der aus Leip­zig nach Tübin­gen über­ge­sie­del­te Phi­lo­soph Ernst Bloch ent­larv­te dich als Relikt spät­bür­ger­li­cher Deka­denz und expe­dier­te dich auf den Müll­hau­fen der Geschich­te. Wal­ter Jens und Mar­cel Reich-Rani­cki pflich­te­ten ihm bei, aber Gün­ter Grass und Hans Magnus Enzens­ber­ger ver­tei­dig­ten dei­nen Text, und Wal­ter Höl­le­rer lud dich ein, am 4. Novem­ber in die Car­mer­stra­ße nach Ber­lin zu kom­men, wo das Lite­ra­ri­sche Col­lo­qui­um eine Werk­statt zum The­ma Pro­sa­schrei­ben eröff­ne­te. Eure Leh­rer hie­ßen Hans Wer­ner Rich­ter, Gün­ter Grass, Peter Weiss und Uwe John­son, mit dir auf der Schul­bank saßen Peter Bich­sel, Nico­las Born, Hubert Fich­te, Her­mann Piwitt und ande­re.

Nach der Lesung in Saul­gau sprach der Ver­le­ger Hein­rich Maria Ledig-Rowohlt dich an und schick­te dir das kürz­lich neu auf­ge­leg­te Gesamt­werk von Frie­do Lam­pe, damals noch in einem Band, mit dem Hin­weis, dei­ne Kurz­ge­schich­te hät­te ihn an die­sen zu Unrecht ver­ges­se­nen Autor erin­nert. Du hat­test kei­ne Ahnung, was dir die Ehre ver­schaff­te – Lam­pes Pro­sa kam dir anti­quiert, alt­frän­kisch oder unfrei­wil­lig komisch vor, und in dei­ne am Lite­ra­ri­schen Col­lo­qui­um ent­stan­de­nen Short Sto­ries füg­test du Sät­ze von Frie­do Lam­pe als Stil­blü­ten ein, Fuß­an­geln bes­ser gesagt, wie ihr es unter der Ägi­de von Peter Rühm­korf mit Kel­lers Grü­nem Hein­rich erprobt hat­tet.

Erst ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter gin­gen dir die Augen über beim Wie­der­le­sen von Frie­do Lam­pes Erzäh­lung Sep­tem­ber­ge­wit­ter und du begriffst, was Ledig-Rowohlt gemeint haben könn­te, als er dir die­sen Autor emp­fahl!

3

Ich kam zur Welt als Spross einer Bre­mi­schen, nicht Bre­mer Kauf­manns­fa­mi­lie, deren Selbst­ver­ständ­nis, Hal­tung und Stil vom neun­zehn­ten Jahr­hun­dert geprägt war, an des­sen Ende ich gebo­ren bin. Die ein­schnei­dends­te – im wah­ren Sin­ne des Worts – Erfah­rung mei­ner Kind­heit war eine Kno­chen­tu­ber­ku­lo­se am Fuß, die ich auf Nor­der­ney aus­ku­rier­te – nicht ein paar Wochen oder Mona­te, son­dern drei Jah­re lang, in denen ich Vater und Mut­ter nicht wie­der­sah, wie es der Lei­ter des Sana­to­ri­ums, Dr. Schild­horst, Eltern und Kin­dern emp­fahl. Als Mut­ter­er­satz fun­gier­te die Kran­ken­schwes­ter Toni Ober­stein, der ich Brie­fe an mei­nen Bru­der Georg und an die besorg­ten Eltern dik­tier­te. 1907 wur­de ich als geheilt ent­las­sen, und von der über­stan­de­nen Tor­tur, ver­gleich­bar den Reit- und Fecht­übun­gen des spä­te­ren Kai­sers Wil­helm II. mit ver­krüp­pel­tem Arm, blieb nur ein leich­tes Hin­ken zurück, das mich vor dem Mili­tär­dienst im Ers­ten und Zwei­ten Welt­krieg bewahrt hat. Dass der Kur­auf­ent­halt in Nor­der­ney die Wur­zel mei­ner in der Puber­tät sich her­aus­bil­den­den Homo­se­xua­li­tät gewe­sen sei, ist pure Spe­ku­la­ti­on. Mein Hang zum Träu­men aber, ver­bun­den mit Lesen, Schrei­ben und Thea­ter­spie­len, mag hier sei­nen Ursprung haben, denn schon in der Kin­der­kli­nik unter­hielt ich Ärz­te und Pati­en­ten mit Kas­per­ko­mö­di­en, die ich ersann, und mim­te Rot­käpp­chen und den Wolf so über­zeu­gend wie die Schmer­zen beim Zie­hen eines Zahns.

Über die tra­gi­schen Umstän­de mei­nes Todes sind ver­schie­de­ne, ein­an­der wider­spre­chen­de Ver­sio­nen im Umlauf.

In der Unter­pri­ma ver­ließ ich die Ober­re­al­schu­le in Bre­men und trat ins väter­li­che Kon­tor ein, wo mei­ne sau­be­re, gut les­ba­re Hand­schrift mir zugu­te­kam. Ich hass­te die Aus­bil­dung zum Ver­si­che­rungs­kauf­mann, den mein Vater in mir sah, und streb­te nach Höhe­rem. Mei­ne mitt­le­re Rei­fe – so hieß damals die Puber­tät – fiel