Immer Ihr Oe. – Immer Ihr G. B.

Gott­fried Ben­ns und Fried­rich Wil­helm Oel­zes furio­ser Brief­wech­sel. Von Tho­mas Sparr

Nach­dem mich schon in Ihrem letz­ten Brief Ihr Wap­pen beschäf­tig­te, erschlägt mich heu­te gera­de­zu Ihr rät­sel­haf­tes Mai­glöck­chen­par­fum“, schreibt Gott­fried Benn am 2. Okto­ber 1936 an Herrn Oel­ze. Sei­ne Spür­na­se bleibt ihm auf den Fer­sen; er schließt: „Ihr Par­fum ist ja Jas­min, nicht muguet! Herz­lich Ihr Benn.“

Der Dich­ter ver­lässt sich, wie auch sonst, auf sei­ne fünf Sin­ne, er fühlt, ertas­tet, schmeckt und riecht das Gegen­über, das ihm, ganz anders, höchs­te Ver­eh­rung, tief­grün­di­ge Deu­tung von des­sen Essays und Gedich­ten, viel­fa­che Bemü­hun­gen und his­to­ri­sche Remi­nis­zen­zen ent­ge­gen­bringt. „Das Höchs­te, was mei­nem Leben zu errei­chen ver­gönnt war, ist Ihre Freund­schaft. In Ihrem Namen liegt für mich höchs­tes Sein und tiefs­te Ver­pflich­tung glei­cher­ma­ßen beschlos­sen“, ver­kün­det Oel­ze an Sil­ves­ter 1935.

Der Emp­fän­ger hat es gern, wie man in Ber­lin sagt, ’ne Num­mer klee­ner. Bei­de Cha­rak­te­re könn­ten unter­schied­li­cher nicht sein, am ehes­ten gehö­ren sie noch dem Alter nach zusam­men, Benn wur­de 1886, Oel­ze 1891 gebo­ren. Aber gera­de in ihrer Gegen­sätz­lich­keit ver­bin­den sich bei­de umso mehr. Fast ein Vier­tel­jahr­hun­dert tau­schen Benn und Oel­ze Brie­fe, manch­mal täg­lich, mit eini­gen Unter­bre­chun­gen, fast wie ein Tage­buch, 2.334 Sei­ten lie­gen erschlos­sen, mus­ter­gül­tig ediert in vier kom­pak­ten Bän­den vor uns. Von den 1.349 Brie­fen waren etwas mehr als die Hälf­te, Ben­ns Brie­fe, 1978 bis 1980, erschie­nen. Nun kom­men die Gegen­brie­fe von Oel­ze hin­zu. Beim Wie­der­le­sen des einen, beim Ent­de­cken des ande­ren Teils wird man gewahr, wie viel bei­de ein­an­der ver­dan­ken an Anre­gun­gen, Fra­gen wie Ant­wor­ten, Zwei­feln, hal­ben, zuwei­len gan­zen Gewiss­hei­ten.

Die Kor­re­spon­denz bei­der reicht von der Wei­ma­rer Repu­blik, deren Schluss­lich­ter noch zu erspä­hen sind, dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staat, dem Benn am Beginn sei­ne Reve­renz erweist und mit dem er spä­ter hef­tig in Kon­flikt gerät, der Ideo­lo­gie von Krieg und Völ­ker­mord, dem Zwei­ten Welt­krieg mit allen sei­nen Schre­cken, die unmit­tel­ba­re Nach­kriegs­zeit im geteil­ten Ber­lin und im eine hal­be Welt­rei­se ent­fern­ten bri­tisch besetz­ten Bre­men und schließ­lich in die frü­he Bon­ner Bun­des­re­pu­blik in ihrem Auf­bruch und ihrer Restau­ra­ti­on. Wohl kei­ne ande­re Kor­re­spon­denz des reich ver­brief­ten 20. Jahr­hun­derts gibt ein so anschau­li­ches Bild ihrer Zeit poli­tisch, gesell­schaft­lich, lite­ra­risch, bio­gra­fisch, vor allem in ihrem All­tag. Schon in der Cho­reo­gra­fie des Auf­tritts der bei­den Prot­ago­nis­ten, erst recht aber in dem, wovon sie bei­läu­fig oder sti­li­siert gezielt berich­ten, müss­te die­ser Brief­wech­sel eine Fund­gru­be für Thea­ter­au­to­ren, für ein fil­mi­sches Dop­pel­por­trät von, sagen wir,  Hein­rich Bre­lo­er sein.

Oel­ze hat­te sei­ne Brie­fe an Benn von der auch pos­tu­men Ver­öf­fent­li­chung aus­ge­schlos­sen; ihnen kom­me „nicht mehr zu als die Bedeu­tung von Anre­gun­gen, Stich­wor­ten, Fra­ge­stel­lun­gen; alles Wesent­li­che ent­hal­ten die Ant­wor­ten des Dich­ters“. Oel­zes Beschei­den­heit ist in der Kon­stel­la­ti­on die­ses Brief­wech­sels begrün­det, wie in der Kon­sti­tu­ti­on von Herrn Oe. – die neue Edi­ti­on weist ihn als einen glän­zen­den, viel­sei­ti­gen, eigen­sin­ni­gen Brief­schrei­ber aus. Erst auf dem Ster­be­bett hat­te Oel­ze 1978 sei­ne tes­ta­men­ta­ri­sche Ver­fü­gung gegen­über sei­nem lite­ra­ri­schen Nach­lass­ver­wal­ter und spä­te­ren Her­aus­ge­ber Harald Stein­ha­gen in die­sem Punkt gelo­ckert. Die bald dar­auf so berühmt gewor­de­nen Brie­fe an Oel­ze neh­men jetzt, fast vier­zig Jah­re spä­ter, neue und end­gül­ti­ge Gestalt in ihrem ursprüng­li­chen Aggre­gat­zu­stand der Kor­re­spon­denz an. In deren Hin und Her tritt in 569 Brie­fen (eini­ge dar­über hin­aus müs­sen als ver­lo­ren gel­ten) die zwei­te Haupt­per­son aus dem selbst­ge­wähl­ten Schat­ten: Herr Oel­ze aus Bre­men. Über 24 Jah­re blie­ben bei­de Her­ren bei dem ver­läss­lich distan­zier­ten wie nahen Sie.

Extra­va­gant ele­gant

„Hören Sie“, schreibt Benn am 16. Juni 1936 an Oel­ze, „was ich an eine Ber­li­ner Bekann­te anläss­lich unse­res letz­ten Zusam­men­seins schrieb: ‚sei­ne äuße­re Per­son hat die Sicher­heit der Raum­glie­de­rung wie ein gros­ser Schau­spie­ler, manch­mal wirkt er über­haupt wie aus einer Revue, etwa Hoff­manns Erzäh­lun­gen, am Ran­de zwi­schen Rea­li­tät u. Hal­lu­zi­na­ti­on. Sein gröss­ter Moment wäre, wenn er aus der Kulis­se tritt: hyper­bo­lisch, ban­nend, extra­va­gant. Neh­men Sie nun noch sei­nen Geist u. sei­ne noto­ri­sche Tie­fe dazu, so wer­den Sie ver­stehn, dass ich ihn eine ein­zig­ar­ti­ge deut­sche Erschei­nung nann­te.‘“

Tat­säch­lich schrieb Benn fünf Tage zuvor an Til­ly Wede­kind: „Mit Oel­ze war es nett. Tra­fen uns bei Kas­ten, gin­gen aber in mein Wein­haus Wolf, wo man sich bes­ser unter­hal­ten kann. (…) Oe. sah extra­va­gant ele­gant aus. Wirk­lich ein merk­wür­dig unge­wöhn­li­cher Typ, gänz­lich undeutsch. Sieht älter aus, als er ist (45 J.), Haar fast weiß, sehr schlank, schma­les spit­zes Gesicht, Gesichts­far­be röt­lich wie bei Lun­gen­kran­ken, unwahr­schein­lich gut ange­zo­gen. Er sieht eigent­lich aus wie aus einer Revue, Hoff­manns Erzäh­lun­gen, am Rand von Wirk­lich­keit u. Hal­lu­zi­na­ti­on. Wir saßen bis 12 ½. Er fuhr nachts wei­ter. Ich habe ihm auf­ge­ge­ben, das nächs­te­mal Bil­der von sei­nem Haus, Frau, Sohn mit­zu­brin­gen, damit ich end­lich wüß­te, mit wem ich es zu tun habe! Ob er im Unter­be­wußt­sein doch homo.. ist? Ohne­dem ist er eigent­lich uner­klär­lich.“

Kal­te ero­ti­sche Per­ver­si­tät

Auch hier ließ Benn sei­ne Spür­na­se nicht im Stich.  Vie­les deu­tet dar­auf hin, dass der Bre­mer Kauf­mann, bri­tisch kolo­ni­al geprägt, groß­bür­ger­lich ele­gant, mit vie­len Ver­bin­dun­gen ins euro­päi­sche Aus­land und Über­see, tipp­topp geklei­det, kul­ti­viert emp­find­sam, gebil­det, magen­krank, ver­hei­ra­tet, der ein­zi­ge Sohn fällt im Krieg, homo­se­xu­ell war.

Dr. Benn dia­gnos­ti­ziert knapp: „Was Sie haben, ist mir klar. Eine mit­tel­schwe­re Neu­ro­se, eine Sexu­al­neu­ro­se, an die­ser Dia­gno­se zweif­le ich nicht.“ Bei aller Camou­fla­ge und Selbst­mys­ti­fi­ka­ti­on berich­tet der dar­auf­hin offen von sei­ner „kal­ten ero­ti­schen Per­ver­si­tät“ Frau­en gegen­über, „bis ins Straf­recht­lich Ver­bo­te­ne“. Unwill­kür­lich denkt man an den § 175 des deut­schen Straf­ge­setz­bu­ches, der in der von den Natio­nal­so­zia­lis­ten ver­schärf­ten Form weit in die Nach­kriegs­zeit Tau­sen­de von Män­nern ins Zucht­haus brach­te. Da war gute Regie bes­ser als Geset­zes­treue.

Der ver­meint­lich küh­le Benn, der in einem Brief Pas­si­on auf Illu­si­on reimt, zeigt sich nach dem Tod sei­ner zwei­ten Frau ganz anders. Her­ta Benn hat­te sich im Som­mer 1945 ange­sichts der gera­de anste­hen­den Ablö­sung der ame­ri­ka­nisch-eng­li­schen durch die rus­si­sche Besat­zung von Neu­haus an der Elbe, wohin sie aus dem zer­bomb­ten Ber­lin eva­ku­iert war, das Leben genom­men – „Das Nähe­re ist zu trau­rig, um es zu erzäh­len.“ Wochen spä­ter schreibt Benn dem Freund: „Ich war im Sep­tem­ber an dem Grab. Dies Grab u. die­ser Tag dort! Mit jedem neu­en Tag wird jetzt mein Kum­mer uner­träg­li­cher, es trifft wohl gar­nicht zu, dass die Zeit einen Ver­lust lin­dert.“

Oel­ze ver­wahrt Ben­ns Schrif­ten, auch vor dem dro­hen­den Zugriff der Gesta­po, er liest Kor­rek­tur, rät bei allen Ver­öf­fent­li­chun­gen, hilft mit Rat und Tat, wo immer er es ver­mag, er schickt zu den Fei­er­ta­gen Nel­ken, Stol­len und immer wie­der Rum in die Boze­ner Stra­ße, er über­setzt für Benn aus dem Eng­li­schen, tauscht mit ihm Lek­tü­re­ein­drü­cke von Wil­de, Céli­ne, Mil­ler, Auden, Eli­ot, Tho­mas Mann, den Oel­ze nicht aus­ste­hen kann und mit dem er doch kurz vor des­sen Tod 1955 sei­nen Frie­den fin­det. Über­haupt ist das Res­sen­ti­ment bei ihm viel aus­ge­präg­ter als bei Benn, auch der nach­ge­tra­ge­ne Hass auf „jüdisch Ver­sipp­te“, Johan­nes R. Becher nennt er 1948 „einen Ost­ju­den“, der Kom­men­tar weist treu­her­zig dar­auf hin, dass der aus einem assi­mi­lier­ten Mün­che­ner Eltern­haus stamm­te. „Oel­zes her­ab­set­zend gemein­te Bemer­kung kann sich also nur auf Bechers Funk­ti­on als Prä­si­dent des Kul­tur­bun­des in der sowj. Besat­zungs­zo­ne bezie­hen.“ Nein, man darf davon aus­ge­hen, dass Oel­ze um die gan­ze his­to­ri­sche Reich­wei­te von „Ost­ju­den“ wuss­te. Die­se Kor­re­spon­denz liest sich wie ein Lehr­stück des Anti­se­mi­tis­mus der gebil­de­ten Stän­de in Deutsch­land nach 1945 und ihrer durch­gän­gi­gen Kon­ver­si­on, die Opfer zu Tätern, Täter zu Opfern macht.

Wahl­emp­feh­lung für Ade­nau­er

Davon blieb der robus­te­re, sin­nen­freu­di­ge Benn, dem die jun­ge Bun­des­re­pu­blik bald Aner­ken­nung zoll­te, frei. Den selbst­mit­lei­di­gen Kauf­mann erin­nert er dar­an, dass der dem Wirt­schafts­sys­tem „alle Vor­zü­ge und Schön­hei­ten“ sei­nes Lebens ver­dan­ke: „Dass dahin­ter Raub und Mord steht, war Ihnen ja zur Genü­ge bekannt.“ Und er gibt für die nahe Bun­des­tags­wahl 1953 eine Emp­feh­lung: „(Also gehen Sie doch wäh­len! Ade­nau­er ist ja doch der bes­te Mann, der ein­zi­ge mit etwas Hal­tung und Erfol­gen und bei­des ist doch das Ein­zi­ge, was man von einem Poli­ti­ker ver­lan­gen kann).“ Von Poli­ti­kern erwar­te­te Benn nach allem nur noch des Kanz­lers spä­te­re Losung: „Kei­ne Expe­ri­men­te“.
Was immer unse­re bei­den Brief­schrei­ber trenn­te, sie ver­band wech­sel­sei­ti­ge Ach­tung, Auf­merk­sam­keit für­ein­an­der, Sor­ge um den ande­ren, ideo­lo­gisch über­höht bei dem einen, skep­tisch-lako­nisch beim ande­ren. Als Oel­ze ein­mal resi­gniert nach­sinnt, nicht ein­mal als Mäzen tau­ge er etwas, wider­spricht ihm Benn: „Sie sind ein luxu­riö­ser Mäzen für mich gewe­sen, Strö­me von Gaben haben Sie an mich gerich­tet, ohne die ich ver­mut­lich mich auf­ge­ge­ben hät­te …“ In die­ser Kor­re­spon­denz wal­tet eine ganz eige­ne, wun­der­ba­re Dia­lek­tik von Herr und Herr.

Am 7. Juli 1956 starb Gott­fried Benn in Ber­lin. Fried­rich Wil­helm Oel­ze soll­te ihn fast so lan­ge über­le­ben, wie ihre Kor­re­spon­denz dau­er­te, er starb 22 Jah­re spä­ter, 1978. Jahr­zehn­te spä­ter hält die erstaun­te Nach­welt einen groß­ar­ti­gen Fund in Hän­den, der phan­tas­tisch tie­fe Ein­bli­cke in die Geschich­te gewährt, die mit­un­ter wie unse­re Gegen­wart anmu­tet. Die­se Kor­re­spon­denz soll­te nach sech­zig Jah­ren ein Nach­spiel haben. Ein knap­pes Jahr vor sei­nem Tod schickt Benn die mit vie­len Gedan­ken­stri­chen ver­se­he­ne Stro­phe eines Gedichts nach Bre­men: „ – Kei­ner weiss, wo sich die Kei­me näh­ren, / Kei­ner, ob die Kro­ne ein­mal blüht. / – Hal­ten, Har­ren, Sich gewäh­ren / Dun­keln, Altern – Après­lude –.“

 

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Tho­mas Sparr ist Edi­tor-at-lar­ge des Suhr­kamp Ver­la­ges.

Harald Stein­ha­gen, Ste­phan Kraft (Hg):  Gott­fried Benn – Fried­rich Wil­helm Oel­ze. Brief­wech­sel 1932–1956. Klett-Cot­ta Ver­lag und Wall­stein Ver­lag. Stutt­gart und Göt­tin­gen 2016. Vier Bän­de. 2.334 Sei­ten, € 199 (D) / € 204,60 (A).

Quel­le: Voll­text 2/2016

Online seit: 22. Sep­tem­ber 2016

Online seit: 22. Sep­tem­ber 2016

Zuletzt geän­dert: 22. Sep. 2016