Keine Schreibmaschine, keine Signierstunde

Gise­la Trahms im Gespräch mit dem Juli­en Gracq-Über­set­zer Die­ter Hor­nig.
Julien Gracq, Dieter Hornig (c) Jose Corti

Juli­en Gracq (links) und sein Über­set­zer Die­ter Hor­nig. In den letz­ten zwan­zig Jah­ren sei­nes Lebens wur­de Gracq zu einer Kult­fi­gur, zum größ­ten leben­den Mythos der fran­zö­si­schen Lite­ra­tur, zum letz­ten Klas­si­ker, „den man noch tele­fo­nisch errei­chen konn­te“. Fotos: Jose Cor­ti (Gracq), pri­vat

GISELA TRAHMS Wann sind Sie Juli­en Gracq zum ers­ten Mal begeg­net?

DIETER HORNIG Ich habe Gracq zum ers­ten Mal 1989 – auf sei­nen Wunsch hin – in sei­ner Pari­ser Woh­nung in der Rue de Gre­nel­le 71 besucht, nach­dem ich die Über­set­zung von Die Form einer Stadt abge­schlos­sen hat­te. Das Tref­fen kam durch die Ver­mitt­lung sei­nes Ver­le­gers zustan­de. José Cor­ti, der in sei­ner Buch­hand­lung in der Rue de Médi­cis auch sei­nen Klein­ver­lag führ­te, war vier Jah­re zuvor gestor­ben. Er hat­te wäh­rend der Okku­pa­ti­on klan­des­ti­ne Tex­te der Résis­tance gedruckt, sein Sohn war in den Lagern der Nazis umge­kom­men. Sein Nach­fol­ger, Bert­rand Fil­lau­deau, saß nun in dem wun­der­ba­ren Laden mit den hohen Rega­len, in dem es nach Holz, Leim und Dru­cker­schwär­ze roch. Die Bücher des Ver­lags wer­den auch heu­te unver­än­dert her­ge­stellt: Der Leser muss die Sei­ten sel­ber mit dem Papier­mes­ser auf­schnei­den. In einem der zwei Schau­fens­ter lagen seit Jah­ren aus­nahms­los die Wer­ke von Gracq, der sei­nem Ver­le­ger bis zum Ende treu geblie­ben war. Am 20. Mai traf ich also mit leich­ter Ver­spä­tung und etwas ver­schwitzt – ich hat­te mich, eine typi­sche Freud­sche Fehl­leis­tung, in der Adres­se geirrt – in Gracqs klei­ner Woh­nung im fünf­ten Stock ein. Ein Bal­kon erlaub­te den Blick über die Dächer und Schorn­stei­ne der umlie­gen­den Wohn­häu­ser: eine Sze­ne­rie, die in den Wit­te­run­gen wun­der­bar beschrie­ben ist. Die Wän­de waren kahl, Gracq wohn­te bereits in Saint-Flo­rent und kam nur mehr sel­ten nach Paris. Wir saßen auf Korb­mö­beln, die er anschei­nend gleich­zei­tig mit der Woh­nung erstan­den hat­te. „Je ne suis pas très meu­blant“, hat er mit sei­nem Sinn für die ori­gi­nel­le For­mu­lie­rung ein­mal geschrie­ben. Gracq war unprä­ten­ti­ös, beschei­den, bril­lant, luzi­de. Druck­reif kom­men­tier­te er Aktu­el­les und erhell­te es mit Abschwei­fun­gen in die Anti­ke oder ins neun­zehn­te Jahr­hun­dert. Er mono­lo­gi­sier­te nie­mals, ging auf den Besu­cher ein, stell­te Fra­gen und hör­te auf­merk­sam zu. Ein rich­ti­ges Gespräch kam den­noch nicht zustan­de. Wir waren bei­de schüch­tern, die Ver­le­gen­heit auf bei­den Sei­ten war spür­bar. Gracq war damals 79, vor ihm saß ein jun­ger Mann von 35 mit schul­ter­lan­gen Haa­ren und in abge­wetz­ten Jeans. Viel­leicht war er ein wenig gerührt, dass sich jemand aus einer ganz ande­ren Gene­ra­ti­on so inten­siv mit sei­nen Büchern beschäf­tig­te.

TRAHMS In Frank­reich ist Gracq ein Klas­si­ker, wie kam es zu sei­ner Kano­ni­sie­rung?

HORNIG Gracq wur­de in den letz­ten zwan­zig Jah­ren sei­nes Lebens – ohne es anzu­stre­ben – zu einer Kult­fi­gur, zum größ­ten leben­den Mythos der fran­zö­si­schen Lite­ra­tur, zum letz­ten Klas­si­ker, „den man noch tele­fo­nisch errei­chen konn­te“, wie ein Kri­ti­ker for­mu­lier­te. Natür­lich hat die Auf­nah­me sei­ner Wer­ke in die Biblio­t­hè­que de la Plé­ia­de, dem fran­zö­si­schen Lite­ra­tur­pan­the­on im Ver­lag Gal­li­mard, eine Rol­le gespielt. Nur ganz weni­ge Autoren errei­chen das zu Leb­zei­ten. Eine Wür­di­gung folg­te auf die ande­re, auch die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft tat das Ihre, aber bemer­kens­wer­ter­wei­se wur­de die Kano­ni­sie­rung auch von jün­ge­ren Schrift­stel­lern mit­ge­tra­gen. Dabei ist sie para­dox: Gracq hat­te seit 1970, seit der Halb­in­sel, kei­ne Roma­ne oder Erzäh­lun­gen mehr publi­ziert, son­dern nur noch Städ­te­por­träts (Nan­tes, Rom) und ver­misch­te Auf­zeich­nun­gen, zum Groß­teil über Lite­ra­tur (Lesend schrei­benWit­te­run­gen). Er hat aber prak­tisch bis zu sei­nem Tod wei­ter­ge­schrie­ben, bis die Arthro­se in den Fin­gern ihn end­gül­tig am Schrei­ben hin­der­te. Er tat es, wie er selbst sag­te, aus hygie­ni­schen Grün­den, um den Ver­lust des Wort­ge­dächt­nis­ses mög­lichst lan­ge hin­aus­zu­zö­gern. Im Jahr 2000 hat er sei­nen Sta­tus in der Zei­tung Le Mon­de selbst iro­nisch kom­men­tiert. Er war sich bewusst, der letz­te Ver­tre­ter einer bestimm­ten Kon­zep­ti­on von Lite­ra­tur zu sein: radi­kal außer­halb des Betriebs, ohne Schreib­ma­schi­ne oder Com­pu­ter, ohne Signier­stun­den auf Buch­mes­sen, ohne media­le Prä­senz. „In der Lite­ra­tur habe ich kei­ne Kol­le­gen mehr“, schrieb er und sah sich sel­ber als ein folk­lo­ris­ti­sches Über­bleib­sel, auf das man die Tou­ris­ten hin­weist wie auf den vom Bau­ern selbst geräu­cher­ten Schin­ken. Natür­lich gab es auch ein paar spöt­ti­sche Töne in die­sem Lobes­kon­zert: das Adjek­tiv sei sein Las­ter, sei­ne Pro­sa sei über­la­den und stel­len­wei­se wie eine „fet­te Gans“, aber selbst der Spott blieb lie­be­voll und zärt­lich. Gracq war ein humor­vol­ler Mensch, der Rug­by, Fuß­ball und Jules Ver­ne lieb­te, lei­den­schaft­lich gern sei­nen Bume­rang über die Wie­sen an der Loire schleu­der­te und sei­nen Gäs­ten Wein aus eige­nen Wein­gär­ten ser­vier­te.

„In der Lite­ra­tur habe ich kei­ne Kol­le­gen mehr“, schrieb Gracq und sah sich sel­ber als ein folk­lo­ris­ti­sches Über­bleib­sel, auf das man die Tou­ris­ten hin­weist wie auf den vom Bau­ern selbst geräu­cher­ten Schin­ken.

TRAHMS Wie wür­den Sie Gracqs Ver­hält­nis zur Spra­che cha­rak­te­ri­sie­ren?

HORNIG Gracq schrieb kei­ne enga­gier­te Lite­ra­tur und pass­te auch ideo­lo­gisch