Bedingt brauchbar

Ein Streif­zug durch neue­re ger­ma­nis­ti­sche Kom­pen­di­en. Von Uwe Schüt­te
Germanistische Kompendien

Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Kom­pen­di­en: In Rest­be­stän­den zumin­dest zahlt sich die Arbeit der Ger­ma­nis­tik auch für eine all­ge­mei­ne Leser­schaft noch aus.

Anfang die­ses Jah­res war es wie­der ein­mal soweit: Eine im Spie­gel publi­zier­te Gene­ral­ank­la­ge gegen die Ger­ma­nis­tik sorg­te für sofor­ti­ge Empö­rung in der Dis­zi­plin, gefolgt von einer vor­über­ge­hen­den Dis­kus­si­on samt Gegen­stel­lung­nah­men übli­cher Ver­däch­ti­ger. Natür­lich sei die Ger­ma­nis­tik unver­zicht­bar, so gaben Juni­or- wie Seni­or­pro­fes­so­ren zu Pro­to­koll, die Stu­die­ren­den dür­fe man – als Kin­der ihrer medi­en­über­flu­te­ten Zeit – nicht für die Unkennt­nis zen­tra­ler Autoren oder unver­zicht­ba­rer Bücher kri­ti­sie­ren, wie auch die Bereit­schaft der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, sich Berei­chen jen­seits ihrer Kern­auf­ga­be der Text­ana­ly­se zu wid­men, doch Belo­bi­gung ver­die­ne, war da etwa zu lesen.

Viel­leicht hät­te man lie­ber per unbe­zahl­ter Pflicht­leh­re aus­ge­beu­te­te Pri­vat­do­zen­ten befragt, die jah­re­lang mit schwin­den­der Hoff­nung auf eine Pro­fes­sur dem Abstieg in den Sta­tus eines über­qua­li­fi­zier­ten und damit schwer­ver­mit­tel­ba­ren Lang­zeit­ar­beits­lo­sen ent­ge­gen­se­hen. Deren Blick auf ihre Pro­fes­si­on wäre ein zwei­fel­los inter­es­san­te­rer gewe­sen, denn er hät­te ein ande­res Bild die­ses Mas­sen­fachs erge­ben, das mas­sen­haft in pre­kä­re Ver­hält­nis­se ent­las­se­ne Prak­ti­kan­ten und Kurz­zeit-Pro­jekt­an­ge­stell­te mit Dok­tor­ti­tel pro­du­ziert. In Anleh­nung an Tho­mas Bern­hards Kla­ge, dass es in Öster­reich bald schon mehr Ober mit Pro­fes­so­ren­ti­tel als ohne gäbe, darf man ange­sichts des Eifers, mit dem in saf­tig dotier­ten Son­der­for­schungs­be­rei­chen dut­zend­fach pro­mo­vier­te Ger­ma­nis­ten pro­du­ziert wer­den, davon aus­ge­hen, dass es bald mehr Arbeits­lo­se mit Dok­tor­ti­tel gibt als ohne.

Peri­odi­scher Selbst­zwei­fel

Zu kri­ti­sie­ren an der Ger­ma­nis­tik gibt es also eini­ges. Wenigs­tens ist sich die Dis­zi­plin die­ses Umstands sel­ber bewusst. Schon vor vie­len Jah­ren hat­te Karl Heinz Boh­rer lako­nisch kon­sta­tiert: „Die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten befällt seit län­ge­rem schon peri­odisch ein Anfall von Selbst­zwei­fel.“ Zur Fra­ge nach der gesell­schaft­li­chen Rele­vanz der Ger­ma­nis­tik gehört aber nicht nur ihre sozia­le Ver­ant­wor­tung, son­dern eben­so der Aspekt der Brauch­bar­keit ihrer Pro­duk­te über den enge­ren Fach­kreis hin­aus. Was die in den Dok­to­ran­den­schmie­den ent­ste­hen­den Pro­mo­ti­ons­schrif­ten betrifft, so ist min­des­tens seit den letz­ten zehn Jah­ren ein ste­ti­ger quan­ti­ta­ti­ver Anstieg in Zahl wie Län­ge zu ver­zeich­nen ohne kor­re­spon­die­ren­de qua­li­ta­ti­ve Ver­bes­se­rung. Man­che jün­ge­re und jüngs­te Pro­mo­ti­ons­schrif­ten – auf Nen­nung kon­kre­ter Bei­spie­le sei hier bewusst ver­zich­tet – sind nach­ge­ra­de unles­bar. Doch wie steht es um ger­ma­nis­ti­sche Publi­ka­tio­nen, in denen es gera­de um eine brei­te Ver­ständ­lich­keit gehen soll­te, da die ent­spre­chen­den Wer­ke wie Hand­bü­cher, Ein­füh­run­gen und Über­blicks­dar­stel­lun­gen pri­mär für Stu­di­en­an­fän­ger geschrie­ben wer­den, zugleich aber auf ein Markt­seg­ment jen­seits der Pro­se­mi­na­re schie­len.

Denn pas­sio­nier­te Leser, die einen Bedarf an – wie es so schön heißt – „Sekun­där­li­te­ra­tur“ haben, weil sie vom Fach­wis­sen der Exper­ten zu pro­fi­tie­ren hof­fen, um den Lese­ge­nuss an Büchern ihrer Lieb­lings­au­toren zu ver­stär­ken oder auf ihnen noch unbe­kann­te Autoren zu sto­ßen, mögen heut­zu­ta­ge viel­leicht einen Ata­vis­mus dar­stel­len, doch gibt es sie durch­aus noch. Wer­den sie von der Ger­ma­nis­tik ange­mes­sen bedient? Ver­su­chen wir eine Ant­wort zu fin­den anhand von vier exem­pla­ri­schen Wer­ken.

Den Anfang macht eine umfas­sen­de Geschich­te der deut­schen Lite­ra­tur, die 2016 in vier­ter, aktua­li­sier­ter Auf­la­ge als Taschen­buch erschie­nen ist. Inter­es­sant ist die­ses lite­r­ar­his­to­ri­sche Unter­fan­gen allein des­halb schon, weil es ein Pro­dukt der Aus­lands­ger­ma­nis­tik reprä­sen­tiert, ent­stan­den in den 1990er-Jah­ren an der Uni­ver­si­tät von Oden­se in Däne­mark als Gemein­schafts­pro­jekt unter der Feder­füh­rung des (mitt­ler­wei­le ver­stor­be­nen) Bengt Algot Søren­sen. (Ein ähn­li­ches lite­r­ar­his­to­ri­sches Nach­schla­ge­werk hat übri­gens auch die kroa­ti­sche Ger­ma­nis­tik vor­ge­legt, näm­lich die von Vik­tor Žme­gač in drei Bän­den publi­zier­te Geschich­te der deut­schen Lite­ra­tur vom 18. Jahr­hun­dert bis zur Gegen­wart, wel­che erst­mals 1984 erschien.)

Der zwei­te Band von Søren­sens deut­scher Lite­ra­tur­ge­schich­te umfasst etwas über 500 Sei­ten und reicht vom 19. Jahr­hun­dert bis in die Gegen­wart. Genau­er gesagt, beginnt er um 1815, also im Zeit­al­ter von Bie­der­mei­er und Vor­märz; eine ange­sichts der offen­kun­di­gen Par­al­le­li­tä­ten zur Gegen­wart unver­än­dert reiz­vol­le Epo­che der deut­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te. Zunächst wird die bis 1848 rei­chen­de Peri­ode kurz in ihren poli­ti­schen und sozia­len Grund­zü­gen erklärt, um den Zeit­ho­ri­zont zu defi­nie­ren, vor dem die lite­ra­ri­schen Tex­te ent­stan­den sind. Auf gera­de mal elf Sei­ten muss dies not­wen­di­ger­wei­se knapp aus­fal­len, zugleich aber darf man sol­che Grund­kennt­nis­se kaum mehr auto­ma­tisch vor­aus­set­zen. In der Skiz­zie­rung des his­to­ri­schen Hin­ter­grunds drückt sich die zu befür­wor­ten­de Sicht­wei­se die­ser Lite­ra­tur­ge­schich­te aus, näm­lich Lite­ra­tur dezi­diert vor dem rea­len Hin­ter­grund ihrer Ent­ste­hungs­um­stän­de zu begrei­fen. Bevor das Buch dann kon­kret auf acht exem­pla­ri­sche Autorin­nen und Autoren der Zeit ein­geht, wid­met es sich einer grund­sätz­li­chen Ein­schät­zung, wie sich die Ent­wick­lung der Gat­tun­gen Lyrik, Epik und Dra­ma im Zeit­al­ter poli­ti­scher Repres­si­on und kei­men­den Auf­be­geh­rens gestal­te­te.

Wie bei einem außer­halb der „Inlands­ger­ma­nis­tik“ ent­stan­de­nen Werk nicht erstau­nen wird, ver­mei­det es jene impe­ria­le Sicht­wei­se, wel­che etwa in einer 1994 von Mar­cel Reich-Rani­cki her­aus­ge­ge­be­nen Antho­lo­gie zum Aus­druck kommt, deren noto­ri­scher Titel Deut­sche Erzäh­ler des 20. Jahr­hun­derts: Von Arthur Schnitz­ler bis Robert Musil lau­tet. Das Bie­der­mei­er-Kapi­tel berück­sich­tigt näm­lich Grill­par­zer wie Stif­ter, und auch in fast allen wei­te­ren Epo­chen-Abschnit­ten machen Öster­rei­cher und Schwei­zer bis zu 50 Pro­zent der bespro­che­nen Autoren aus. Im Kapi­tel zur Lite­ra­tur der zwan­zi­ger Jah­re ste­hen dem Deutsch­land allein reprä­sen­tie­ren­den Döb­lin sogar mit Broch und Musil gleich zwei öster­rei­chi­sche Schrift­stel­ler gegen­über.

Deut­sche Iden­ti­täts­pro­ble­ma­tik

Ganz im Gegen­satz dazu ist das letz­te Kapi­tel, das die Gegen­warts­li­te­ra­tur im Zeit­raum von 1990 bis 2016 behan­delt, ganz der lite­ra­ri­schen Refle­xi­on deut­scher Iden­ti­täts­pro­ble­ma­tik seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung gewid­met und räumt daher ins­be­son­de­re Autoren aus Ost­deutsch­land gebüh­ren­den Raum ein. Am Test­fall Tho­mas Bern­hard wie­der­um lässt sich exem­pla­risch erken­nen, wie eine sol­che Lite­ra­tur­ge­schich­te an dem Ver­such schei­tern kann, die Viel­zahl rele­van­ter Autoren einer Zeit­pe­ri­ode ein­zu­ord­nen in eine über­grei­fen­de Epo­chen­er­zäh­lung: abge­se­hen von ein paar Namens­rei­hen, in denen er en pas­sant vor­kommt, wird ledig­lich Bern­hards Dra­ma­tik in einem Absatz sum­ma­risch abge­han­delt. Das dürf­te nicht nur öster­rei­chi­schen „Nut­zern“ die­ses Wer­kes unbe­frie­di­gend erschei­nen.

Nicht ganz befrie­di­gend ist auch der Umstand, dass die Ver­fas­ser offen­sicht­lich vor der not­wen­di­gen Revi­si­on der Bewer­tung man­cher Autoren zurück­schre­cken; so wird Gün­ter Eich unver­än­dert als unbe­las­te­ter Autor einer enga­gier­ten „jun­gen Gene­ra­ti­on voll kri­ti­schem Huma­nis­mus“ ins Feld geführt, was sich ange­sichts von des­sen Schwei­gen über sei­ne Rol­le im Natio­nal­so­zia­lis­mus ja kaum hal­ten lässt. Vor über­mä­ßi­ger Glo­ri­fi­zie­rung der Grup­pe 47, ein Man­ko vie­ler Lite­ra­tur­ge­schich­ten, schreckt der Band hin­ge­gen ver­dienst­vol­l­er­wei­se zurück und punk­tet zudem dadurch, dass der Wie­ner Grup­pe ein ihr gebüh­ren­der Platz im sel­ben Abschnitt ein­ge­räumt wird. Ins­ge­samt darf so resü­miert wer­den, dass ein Publi­kum jen­seits des Uni­ver­si­täts­be­triebs mit die­ser Über­blicks­dar­stel­lung gut bedient wird, weiß man doch, dass sol­che Unter­fan­gen es ohne­hin nie allen recht machen kön­nen. Eines aber gelingt den Dänen: eine im Gro­ßen und Gan­zen ver­läss­li­che Hand­rei­chung zu einem kom­pli­zier­ten Feld zu lie­fern.

Bemer­kens­wert an der neu­en Auf­la­ge von Søren­sens Lite­ra­tur­ge­schich­te ist im Übri­gen das Cover­de­sign. Vier reprä­sen­ta­ti­ve Autorin­nen und Autoren sind dar­auf in bewuss­ter Gen­der­ba­lan­ce abge­bil­det: Inge­borg Bach­mann und Her­ta Mül­ler ste­hen Tho­mas Mann und W. G. Sebald gegen­über. Letz­te­res wie­der­um darf man als Indiz wer­ten für den mitt­ler­wei­le auch im deutsch­spra­chi­gen Raum nicht mehr auf­zu­hal­ten­den Ruhm die­ses Aus­lands­ger­ma­nis­ten, der aus Frus­tra­ti­on über die neo­li­be­ra­len Refor­men des bri­ti­schen Uni­ver­si­täts­we­sens, aber auch auf­grund sei­ner Aver­si­on gegen die meis­ten Her­vor­brin­gun­gen der deut­schen Nach­kriegs­li­te­ra­tur in den acht­zi­ger Jah­ren sel­ber zu schrei­ben begann. Was er kaum ahnen konn­te, war, dass er gera­de mal drei Jahr­zehn­te spä­ter ver­ein­nahmt wer­den soll­te, von just jener Insti­tu­ti­on, gegen die er ange­tre­ten war: obgleich, oder viel­leicht gera­de weil Sebald zeit­le­bens ein erbit­ter­ter, oft auch res­sen­ti­men­ter­füll­ter Kri­ti­ker sei­ner Pro­fes­si­on war, macht die­se ihn nun zu einem ihrer Para­de­ob­jek­te.

Schlam­pig zitiert

Able­sen lässt sich die­se Kano­ni­sie­rung eines Wider­spens­ti­gen am jüngst erschie­ne­nen W. G. Sebald-Hand­buch, mit dem der ver­lo­re­ne Sohn der deut­schen Ger­ma­nis­tik in eine Rei­he gestellt wird mit Grö­ßen wie Höl­der­lin, Büch­ner, Kaf­ka, Ador­no oder Hei­ner Mül­ler, zu denen bereits auto­ri­ta­ti­ve Nach­schla­ge­wer­ke im Metz­ler Ver­lag erschie­nen sind. Die renom­mier­te Rei­he hat sich mit dem von Micha­el Nie­haus und Clau­dia Öhl­schlä­ger her­aus­ge­ge­be­nen Band, der auch eini­ge Bei­trä­ge des Ver­fas­sers ent­hält, aller­dings kei­nen son­der­li­chen Gefal­len getan. Sebald-Leser, die an sei­ner Pro­sa zumal deren Genau­ig­keit wert­schät­zen, wer­den gleich ein­gangs ungut über einen Schreib­feh­ler im ers­ten Satz stol­pern. Sie soll­ten ihn als Omen für das Wei­te­re ver­ste­hen: Im Band wird schlam­pig zitiert, Autoren­na­men wie Buch­ti­tel durch Fehl­schrei­bung ver­un­stal­tet, Text­ge­ne­sen falsch datiert und so wei­ter.

Zwei­fel am Sach­ver­stand

Das sind aber eben nicht nur Indi­zi­en ober­fläch­li­cher Lek­to­rie­rung, die in einem sol­chen, wis­sen­schaft­li­che Ansprü­che erhe­ben­den Werk ohne­hin schon mehr als nur unschön sind. Es lässt sich an man­chen Stel­len auch ernst­haft am Sach­ver­stand der pro­fes­so­ra­len Her­aus­ge­ber zwei­feln, denn sie schei­nen nicht zu erken­nen, dass bei­spiels­wei­se in Bei­trä­gen von Lai­en sach­lich halt­lo­se Behaup­tun­gen auf­ge­stellt wer­den, die man selbst Stu­die­ren­den im Pro­se­mi­nar so nicht dürf­te durch­ge­hen las­sen. Bei­spiels­wei­se behaup­tet gleich der zwei­te Ein­trag, dass der im Deut­schen Lite­ra­tur­ar­chiv in Mar­bach in zwei Fas­sun­gen lagern­de Jugend­ro­man „ver­schol­len“ sei, obwohl der gegen­tei­li­ge Sach­ver­halt schon seit vie­len Jah­ren bekannt ist, wes­halb dar­über auch bereits eine Dis­ser­ta­ti­on und ein Kapi­tel in einem zuvor erschie­ne­nen Sam­mel­band publi­ziert wur­den.

Von ähn­li­chem Kali­ber ist die Falsch­mel­dung am Ende des letz­ten Bei­trags, die ein (noch) gar nicht exis­tie­ren­des Buch – näm­lich die eng­li­sche Über­set­zung von Sebalds zwei Essay­bän­den zur öster­rei­chi­schen Lite­ra­tur – als im Jah­re 2012 erschie­nen ver­mel­det. Doch der­glei­chen mag aka­de­misch unbe­leck­ten Sebald-Lesern zuge­ge­bener­wei­se gar nicht auf­fal­len, noch sie son­der­lich stö­ren. Auf jeden Fall zumin­dest wer­den sie in die­sem Band eine gan­ze Men­ge her­vor­ra­gen­der Ein­trä­ge fin­den, in denen die lite­ra­ri­schen Wer­ke die­ses Aus­nah­me­au­tors nach allen Regeln phi­lo­lo­gi­scher Kunst auf dem aktu­el­len Stand der For­schung ana­ly­siert wer­den. Dass dabei teil­wei­se Fach­jar­gon oder theo­re­ti­sche Aus­füh­run­gen die Lek­tü­re erschwe­ren, muss als unver­meid­lich in Kauf genom­men wer­den; den­noch kön­nen die sozu­sa­gen gewöhn­li­chen Sebald-Leser durch­aus pro­fi­tie­ren von die­ser Fach­pu­bli­ka­ti­on.
Hin­ters Licht geführt wer­den aller­dings jene, die Sebalds Werk nur in Aus­schnit­ten ken­nen, soll hei­ßen: nur sei­ne viel­ge­rühm­ten Erzähl­wer­ke gele­sen haben, nicht aber die lite­ra­tur­kri­ti­schen Schrif­ten des reni­ten­ten Außen­sei­ter-Ger­ma­nis­ten. Aus deren Kennt­nis ergibt sich ein durch­aus ande­res Bild des Autors, als es die­ses Hand­buch zeich­net, das doch bean­sprucht eine umfas­sen­de Dar­stel­lung zu sein. Der oft­mals unge­rech­te, hart an der Gren­ze zur Ent­glei­sung ope­rie­ren­de Pole­mi­ker Sebald kommt nur neben­bei vor, eben­so sein Fai­ble für geis­tes­ver­wand­te Außen­sei­ter­fi­gu­ren wie den anar­chi­schen Auto­di­dak­ten Her­bert Ach­tern­busch oder den schi­zo­phre­nen Lyri­ker Ernst Her­beck, ganz zu schwei­gen von den so vita­len wie ver­deck­ten Ein­flüs­sen einer Rei­he von Anstoß­ge­bern, die unter­halb wis­sen­schaft­li­cher Satis­fak­ti­ons­fä­hig­keit ste­hen, wie etwa der Bio­lo­ge Rupert Sheld­ra­ke oder der ober­baye­ri­sche Ruten­gän­ger und Hell­se­her Alo­is Irl­mai­er. Sie alle blei­ben außen vor, weil der­glei­chen einer ortho­do­xen Ger­ma­nis­tik viel­leicht gar nicht vor­stell­bar ist. Die­se macht sich lie­ber das geschön­te Bild eines Unor­tho­do­xen zurecht, der ortho­do­xen Sicht­wei­sen genü­gen muss, weil man sel­ber nicht über den pro­fes­sio­nel­len Tel­ler­rand hin­aus­zu­bli­cken wagt. Sebald aber war anders. Kein Wun­der, dass er der Ger­ma­nis­tik als jun­ger Mann ins Aus­land ent­lau­fen war.

Sebald ord­ne­te in sei­ner über drei Jahr­zehn­te ent­stan­de­nen Lite­ra­tur­kri­tik die von ihm behan­del­ten Schrift­stel­ler stets einem Schwarz-Weiß-Mus­ter fol­gend als Freund oder Feind ein, weil für ihn – im Gefol­ge von Ben­ja­min – das Ästhe­ti­sche nicht zu ablö­sen war von der poli­ti­schen Moral. Daher sind sei­ne essay­is­ti­schen Schrif­ten ent­we­der von empa­thi­scher, geis­tes­ver­wandt­schaft­li­cher Nähe oder von ein­sei­ti­ger, affekt­ge­la­de­ner Ableh­nung geprägt, sobald er in der Bio­gra­fie des Autors Indi­zi­en für ein ihm poli­tisch pro­ble­ma­ti­sches Ver­hal­ten erkennt – wie dies ins­be­son­de­re in der Cau­sa Alfred Andersch der Fall war. Sebalds 1993 erschie­ne­ne Pole­mik beschä­dig­te nach­hal­tig das Anse­hen die­ser Por­tal­fi­gur der deut­schen Nach­kriegs­li­te­ra­tur, die er als Mit­läu­fer und Oppor­tu­nis­ten angriff, zumal im Gefol­ge der teil­wei­se über­zo­ge­nen Atta­cke noch wei­te­re Evi­den­zen ans Licht kamen, die sein pau­scha­les Ver­dam­mungs­ur­teil nach­träg­lich unter­mau­er­ten.

Oder neh­men wir die bei­ßen­de Pole­mik, mit wel­cher der wegen sei­ner bemer­kens­wer­ten lite­ra­ri­schen Beschäf­ti­gung mit jüdi­schen Opfer­schick­sa­len viel­ge­lob­te Sebald den Holo­caust-Über­le­ben­den Jurek Becker noch zu des­sen Leb­zei­ten atta­ckier­te (wes­halb der betref­fen­de Essay unge­druckt blieb und erst knapp zwei Jahr­zehn­te spä­ter aus dem Nach­lass publi­ziert wur­de). Die­se, und noch eini­ge ande­re Aspek­te des Werks und der Per­sön­lich­keit Sebalds blei­ben im Hand­buch weit­ge­hend unter­be­lich­tet, was das bestehen­de ein­sei­ti­ge Por­trät des eigen­sin­ni­gen Ein­zel­gän­gers wei­ter befes­tigt, und schlim­mer noch, dabei den fal­schen Anschein wis­sen­schaft­li­cher Objek­ti­vi­tät ver­mit­telt. Lai­en­le­ser müs­sen inso­fern damit rech­nen, dass gera­de das, was mit einem Anspruch auf aka­de­mi­sche Qua­li­tät und Ver­läss­lich­keit auf­tritt, den zumal in die­sem Fall hohen Laden­preis für den Pri­vat­ge­brauch nur begrenzt lohnt.

Ver­läss­li­che Qua­li­tät

Einen veri­ta­blen Beweis dafür, war­um man sich ansons­ten durch­aus unbe­sorgt auf die Qua­li­tät der Hand­buch-Rei­he ver­las­sen darf, lie­fert das unlängst in zwei­ter, aktua­li­sier­ter Auf­la­ge erschie­ne­ne Kom­pen­di­um zur Lyrik. Des­sen Her­aus­ge­ber, Die­ter Lam­ping, gehört übri­gens zu den Advo­ka­ten von Alfred Andersch und hat ver­sucht, das von Sebald demo­lier­te Image des als Klit­te­rer sei­ner Bio­gra­fie ent­blöß­ten Schrift­stel­lers zu repa­rie­ren. Im Lyrik-Hand­buch jedoch leis­tet er als Her­aus­ge­ber gan­ze Arbeit: Auf knapp 500 Sei­ten behan­deln aus­ge­wie­se­ne Exper­ten alle nur denk­ba­ren Aspek­te die­ses wei­ten Felds, ent­spre­chend der im Unter­ti­tel genann­ten Vor­ga­ben, also Theo­rie, Ana­ly­se und Geschich­te. Dies geschieht zudem auf dem letz­ten Stand der Din­ge, da die Neu­auf­la­ge nun auch die Lyrik der unmit­tel­ba­ren Gegen­wart berück­sich­tigt.
Natür­lich sind auch in die­sem pri­mär wis­sen­schaft­lich aus­ge­rich­te­ten Band eini­ge Ein­trä­ge irrele­vant für nicht-aka­de­mi­sche Lyrik­freun­de, vor allem im theo­re­tisch aus­ge­rich­te­ten ers­ten Teil des Hand­buchs, wo eine vir­tuo­se Beherr­schung theo­re­ti­schen Jar­gons erfor­der­lich ist, will man bei­spiels­wei­se Pro­zes­se der Seman­ti­sie­rung durch his­to­risch-transtex­tu­el­le Refe­ren­zia­li­sie­rung in archi­tex­tu­el­ler oder hyper­tex­tu­el­ler Hin­sicht ver­ste­hen. Der „Typo­lo­gie der Lyrik“ über­schrie­be­ne Teil des Hand­buchs hin­ge­gen lie­fert vie­le span­nen­de und auf­schluss­rei­che Betrach­tungs­wei­sen des Phä­no­mens der Lyrik, etwa anhand sol­cher Stich­wor­te wie Lie­bes­ly­rik, poli­ti­sche Lyrik oder Lyrik und Komik. Eben­so sind vie­le der Ein­trä­ge, die sich mit der Bezie­hung von Lyrik zu ande­ren Kunst­for­men beschäf­ti­gen, mehr als fes­selnd – so etwa im Hin­blick auf Pop­songs, Film, bil­den­de Kunst und nicht zuletzt Dra­ma­tik und Epik.

Dem schwe­ren, aber ver­dienst­vol­len und nicht zuletzt auch gesell­schaft­lich not­wen­di­gen Geschäft der Ver­mitt­lung von Lyrik in Zei­ten digi­ta­ler Dau­er­be­rie­se­lung wid­met sich ein eige­ner Abschnitt: Lyrik in der Schu­le, Lyrik­über­set­zun­gen, Lyrik in der Lite­ra­tur­kri­tik, aber auch die schwie­ri­ge Lage der Lyrik im aktu­el­len Buch­markt wer­den gewinn­brin­gend ver­han­delt. So erfährt man bei­spiels­wei­se im Abschnitt über Dich­ter­le­sun­gen Inter­es­san­tes über die Rol­le sub­ver­si­ver wie staat­lich ver­ord­ne­ter Lyri­k­le­sun­gen unter dem Natio­nal­so­zia­lis­mus wie in der DDR.

Gewis­ser­ma­ßen das Kern­stück des Ban­des ist der rund 160 Sei­ten umfas­sen­de Über­blick zur Ent­wick­lung der Lyrik, von den archai­schen Anfän­gen im alten Grie­chen­land bis zu ihrer Zukunft im digi­ta­len Zeit­al­ter. Ganz im Sin­ne eines solch umfas­sen­den Ansat­zes bleibt stets die inter­na­tio­na­le Lyrik im Blick der Dar­stel­lung, auch wenn der Fokus selbst­re­dend auf der deutsch­spra­chi­gen Dich­tung ruht. Öster­rei­chi­sche Lyri­ker sind eben­so stark prä­sent; bezeich­nen­der­wei­se endet das Hand­buch sogar mit einem Hin­weis auf Franz Josef Czern­in und des­sen Band Meta­mor­pho­sen.

Als mar­kan­te Absenz mag man das Feh­len eines ande­ren öster­rei­chi­schen Lyri­kers erach­ten, näm­lich Ernst Her­beck und des­sen in der Iso­la­ti­on der psych­ia­tri­schen Heil­an­stalt in Gug­ging bei Wien ent­stan­de­nen lyri­schen Tex­te, die eine gan­ze Zeit lang auf erheb­li­che Reso­nanz in der Leser­schaft stie­ßen, die Ger­ma­nis­tik auf­grund ihrer Kon­sti­tu­ti­on an einem qua­si extra­ter­ri­to­ria­len Ort aber wohl über­for­der­ten, nicht zuletzt weil sie ihren heh­ren Ana­ly­se­ap­pa­rat in Fra­ge stell­ten. (Wie oben erwähnt, inter­es­sier­te sich vor allem Sebald für die Tex­te eines lei­den­den Mit­men­schen und wid­me­te ihnen berüh­ren­de Essays.) Gesell­schaft­li­che Rele­vanz der Ger­ma­nis­tik invol­viert, so könn­te man in sei­nem Gefol­ge argu­men­tie­ren, auch die ethi­sche Dimen­si­on, sich neben tri­via­len Pro­duk­ten der Popu­lär­kul­tur oder modi­scher Digi­tal­trends, auch der Benach­tei­lig­ten und Min­de­ren anzu­neh­men, um mit dem Leit­fa­den der Ästhe­tik dem nach­zu­spü­ren, was sich in sozi­al mar­gi­na­li­sier­ten Zonen ereig­net. Doch der­glei­chen war, ist und bleibt ein uto­pi­sches Pro­gramm, das sich nur für vor­über­ge­hen­de Zeit im Ger­ma­nis­tik­be­trieb Gel­tung ver­schaf­fen konn­te.

Betriebs­kli­ma­wan­del

Zuletzt noch ein Band, der sich im Bereich des Erschwing­li­chen befin­det, und zudem sein Geld mehr als wert ist: Die von Sil­ke Horst­kot­te und Leon­hard Herr­mann erar­bei­te­te Gegen­warts­li­te­ra­tur. Eine Ein­füh­rung rich­tet sich an Stu­die­ren­de, aber auch älte­re Semes­ter jen­seits der Hör­sä­le kön­nen ordent­lich etwas draus ler­nen. Der Ein­füh­rungs­band ver­steht es näm­lich, auf etwas über 200 Sei­ten nicht nur Stu­den­ten zu erklä­ren, was gegen­wär­tig der Stand der Din­ge in Sachen Lite­ra­tur ist.

Dabei wer­den die (für jeder­mann nach­voll­zieh­ba­ren) theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen durch eine sehr facet­ten­rei­che Dar­stel­lung des „Betriebs­kli­ma­wan­dels“ des Lite­ra­tur­be­triebs ergänzt, den die bei­den Wis­sen­schaft­ler als Ent­wick­lung in Rich­tung Media­li­sie­rung, Even­ti­sie­rung und Skan­da­li­sie­rung ver­ste­hen. Dem­entspre­chend fun­giert ein Über­blick über die wich­tigs­ten Lite­ra­tur­de­bat­ten in Deutsch­land seit 1990 als Grund­la­ge. Danach wer­den in sie­ben über­sicht­li­chen Abschnit­ten zen­tra­le The­men der erzäh­len­den Lite­ra­tur ab der Wie­der­ver­ei­ni­gung vor­ge­stellt: neben Unver­meid­li­chem wie Wen­de, Pop­ro­man und Geschich­te im Gedächt­nis kom­men aber auch inter­es­san­te­re The­men wie Post­hu­ma­nis­mus, Glo­ba­li­sie­rung und fan­tas­ti­sche Lite­ra­tur zum Zug.

Ästhe­tik vor Kom­merz

Die Aus­wahl der Roma­ne zu jedem The­ma ist breit gestreut, sodass man als inter­es­sier­ter Leser sicher die eine oder ande­re Ent­de­ckung machen wird, wobei jeweils ein Text beson­ders aus­führ­lich vor­ge­stellt wird, weil er nach Ansicht der Ver­fas­ser als exem­pla­risch gel­ten darf. Die­se Ehre wider­fährt in vie­len Fäl­len aber nicht unbe­dingt der offen­kun­di­gen Wahl, son­dern weist ohne Anse­hen kom­mer­zi­el­len Erfolgs auf genui­ne lite­ra­ri­sche Leis­tun­gen; so wird etwa im Abschnitt zur Fan­tas­tik eine aus­führ­li­che Wür­di­gung des unge­heu­er­li­chen Roman­pro­jekts The­tis. Anders­welt von Alban Niko­lai Herbst unter­nom­men. Auch ist ein ein­ge­hen­der Hin­weis auf Patrick Roths Chris­tus­tri­lo­gie zu fin­den, deren immense lite­ra­ri­sche Qua­li­tä­ten ange­sichts Vor­ur­tei­le aller Art gegen die­sen Text außer­halb gläu­bi­ger Krei­se lei­der weit­hin unbe­kannt sind.

Zwar prangt der etwas abschre­cken­de Begriff „Lehr­buch“ auf dem Umschlag die­ses bro­schier­ten Ban­des, aber als ein „Abfall­pro­dukt“ uni­ver­si­tä­rer Schu­lung ist die­ser Band eben­so eine Dienst­leis­tung für alle, die sich für die Lite­ra­tur unse­rer Zeit inter­es­sie­ren. In Rest­be­stän­den kann sich die Arbeit der Ger­ma­nis­tik so noch für eine all­ge­mei­ne Leser­schaft aus­zah­len in einer Zeit, in der Ein­füh­rungs­rei­hen und Autoren­bü­cher quer durch die Ver­lags­land­schaft ein­ge­stellt wor­den sind, weil kein Markt mehr für der­glei­chen Bän­de besteht, mit denen bis in die 1990er-Jah­re noch ein erfolg­rei­cher Brü­cken­schlag zwi­schen Uni­ver­si­tät und Gesell­schaft unter­nom­men wur­de. Allen­falls alt­ge­dien­te Leser wer­den sich heu­te noch an sie erin­nern: die hell­bei­gen „Mate­ria­li­en“ von Suhr­kamp, die dun­kel­blau­en „Rea­li­en zur Lite­ra­tur“ von Metz­ler, die ocker­far­be­nen „Autoren­bü­cher“ von Beck oder die „Köp­fe des 20. Jahrhunderts“-Reihe des Mor­gen­buch Ver­lags.

Heu­te lässt sich mit etwas Glück noch ein ver­gilb­tes Exem­plar aus einer Ramsch­kis­te zie­hen und mag einen an die eige­ne Lese­so­zia­li­sa­ti­on erin­nern, als jedes neue Buch von Tho­mas Bern­hard noch ein tat­säch­li­ches lite­ra­ri­sches Ereig­nis war oder man sich sei­nen Weg durch das impo­san­te Werk von Tho­mas Mann mit­hil­fe sol­cher Hand­rei­chun­gen bahn­te.

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Uwe Schüt­te ist Dozent für Ger­man Stu­dies an der Aston Uni­ver­si­ty, Bir­ming­ham. Zuletzt erschie­nen u. a. die umfang­rei­che Stu­die Inter­ven­tio­nen. Lite­ra­tur­kri­tik als Wider­spruch bei W. G. Sebald (Edi­ti­on text & kri­tik, Mün­chen 2014), Über W. G. Sebald. Bei­trä­ge zu einem neu­en Bild des Autors (Hg., De Gruy­ter, Ber­lin 2016) und der Band GODSTAR – Der ver­que­re Weg des Gene­sis P‑Orridge (Der Kon­ter­fei).

Bengt Algot Søren­sen (Hg.): Geschich­te der deut­schen Lite­ra­tur. Bd. 2: Vom 19. Jahr­hun­dert bis zur Gegen­wart. 4. Auf­la­ge. C.H. Beck, Mün­chen 2016. 512 Sei­ten,
€ 17,95 (D) / € 18,50 (A).

Micha­el Nie­haus / Clau­dia Öhl­schlä­ger (Hg.): W. G. Sebald-Hand­buch. Leben – Werk – Wir­kung. Metz­ler, Stutt­gart 2017. 335 Sei­ten, € 89,95 (D) / € 92,47 (A).

Die­ter Lam­ping (Hg.): Hand­buch Lyrik. Theo­rie, Ana­ly­se, Geschich­te. 2. Auf­la­ge. Metz­ler, Stutt­gart 2016. 506 Sei­ten, € 99,95 (D) / € 102,75 (A).

Leon­hard Herr­mann / Sil­ke Horst­kot­te: Gegen­warts­li­te­ra­tur. Eine Ein­füh­rung. Metz­ler, Stutt­gart 2016. 232 Sei­ten, € 24,95 (D) / € 24,95 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2017 (5. Juli 2017)

Online seit: 16. Janu­ar 2018

Online seit: 16. Janu­ar 2018

Zuletzt geän­dert: 16. Jan. 2018