Das war gestern, das war heute

Von Ger­hard Zeil­lin­ger. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 79
Gerhard Zeillinger © Manfred Weis

Ger­hard Zeil­lin­ger. Foto: Man­fred Weis

Auf dem Bild­schirm erscheint plötz­lich das Mäd­chen im pink­far­be­nen Ano­rak, viel­leicht acht oder neun Jah­re alt: In der War­te­hal­le des Bahn­hofs von Kra­ma­torsk sitzt sie auf einem der vie­len Gepäck­stü­cke, die um sie her­um abge­stellt sind, sie selbst hat ihre Schul­ta­sche umge­hängt, mit müden, trau­ri­gen Augen blickt sie in die Kame­ra. Hat jemand zu ihr gesagt: Sieh her! oder: Wie heißt du?, und ist schnell wei­ter­ge­gan­gen? Man erfährt: Am Mor­gen wur­de die Schu­le im Zen­trum von Kra­ma­torsk bom­bar­diert – am Tag 41 des Krie­ges, das war am 5. April. Noch fah­ren Züge, mit denen man die Stadt ver­las­sen kann.

Dann ist das Bild auch schon ver­schwun­den, als wäre es selbst nur eine Flüch­tig­keit gewe­sen. Wäh­rend seit Jah­ren jene sepia­ge­tön­te, halb schon ver­blass­te Foto­gra­fie auf mei­nem Schreib­tisch liegt, ein Bild aus einem ande­ren, längst ver­gan­ge­nen Krieg. Man sagt das so leicht: Wie sich Geschich­te wie­der­holt!, wenn Bil­der von damals und heu­te ein­an­der ähneln, als wür­de über die Zei­ten hin­weg immer das Glei­che gesche­hen. Auf die Rück­sei­te hat jemand geschrie­ben: „10. Febru­ar 1915 / in Lun­den­burg / auf der Flucht“. Da waren sie schon seit Wochen da, in einer der kurz­fris­tig ein­ge­rich­te­ten Unter­künf­te, ver­mut­lich einem Schul­ge­bäu­de, behelfs­mä­ßig, in den Klas­sen­räu­men hat­te man Stroh auf­ge­schüt­tet. Hät­te ein Repor­ter sie damals befragt, sie hät­ten von zu Hau­se erzählt, wie es war, ihr Leben, bevor das rus­si­sche Mili­tär nach Gali­zi­en kam. Im Novem­ber hat­ten sie auch Jasło besetzt, eine Klein­stadt, unbe­deu­tend, irgend­wo zwi­schen Kra­kau und Lem­berg, im Vor­land der Kar­pa­ten. Die Öster­rei­cher zogen sich schnell zurück, die Beam­ten, und mit ihnen die Juden flo­hen aus der Stadt, weil sie wuss­ten, was ihnen pas­siert, wenn die Sol­da­ten des Zaren kom­men.

Auf dem Bild Wochen spä­ter, auf­ge­nom­men in einem Foto­ate­lier in Lun­den­burg (heu­te ein tsche­chi­scher Grenz­ort), ist vom Grau­en des Krie­ges nichts zu bemer­ken, oder soll­te man Angst und Schre­cken den Gesich­tern anse­hen kön­nen? Ein Fami­li­en­bild, wie es so vie­le damals, vor­her und nach­her wie­der, gege­ben hat. Man zog die Kin­der hübsch an, ging im Sonn­tags­ge­wand ins Ate­lier und nahm vor einem fan­tas­ti­schen Hin­ter­grund Platz, einer unwirk­li­chen Land­schaft, um das, was man war, für die Ewig­keit fest­zu­hal­ten. Nicht viel mehr als ein Büh­nen­bild mit Fami­lie. Und was bedeu­tet schon ewig?

Über­haupt hat­ten sie sich zum ers­ten Mal foto­gra­fie­ren las­sen, als Flücht­lin­ge in einer frem­den Stadt, wo sie nie­man­den kann­ten und nie­mand sie gekannt hat. So vie­les geschieht in einem Krieg zum ers­ten Mal. Dabei ist nicht zu erken­nen, dass sie Geflo­he­ne sind, Frem­de, die nicht hier­her­ge­hö­ren. Cha­im und Cha­ja Sil­ber, bei­de auf­recht sit­zend, er im schwar­zen Anzug, eine Jar­mul­ke auf dem Kopf, sie in hoch­ge­schlos­se­ner, spit­zen­be­setz­ter Blu­se und boden­lan­gem Rock, den rech­ten Arm ein wenig steif über die Hüf­te gelegt. Zwi­schen ihnen der Jüngs­te, Sala­mon, ein drei­vier­tel Jahr alt. Links außen Wolf, den sie Wowek nann­ten. Auch er auf einem Stuhl, die Bei­ne selbst­be­wusst über­ein­an­der­ge­schla­gen; er trägt einen Hut wie ein Erwach­se­ner, aber da war er erst sie­ben. Hin­ter ihm Yitz­hak, der Älte­re, zwölf oder drei­zehn. Rechts die Töch­ter, Rachel und Git­ka. Die eine fast schon eine jun­ge Frau, obwohl sie erst vier­zehn ist, sie steht ker­zen­ge­ra­de hin­ter einem run­den Tisch, auf dem Tisch eine Vase mit Blu­men. Vor ihr sitzt Git­ka, den rech­ten Arm auf den Tisch auf­ge­legt. Sie ist zehn, trägt Schul­mäd­chen­uni­form, im gefloch­te­nen Haar eine wei­ße Schlei­fe. Ganz vor­ne in der Mit­te Aron, er hat eine Matro­sen­müt­ze auf, die Hän­de wie ein klei­ner Sol­dat an der Hosen­naht, in einem Monat wird er drei Jah­re alt. Wird er sich spä­ter noch an den Augen­blick erin­nern?

Als sie nach Jasło zurück­kehr­ten, war die hal­be Stadt zer­stört. Zu Pessach, ja, zu Pessach, hat­ten sie gesagt, da sind wir wie­der zu Hau­se! Sie kamen mit den ers­ten Schwal­ben. Und erschra­ken. Lee­re, demo­lier­te Häu­ser war­te­ten auf sie, nack­te Wän­de. Die Rus­sen hat­ten alles, was sie tra­gen konn­ten, mit­ge­nom­men, und was sie nicht plün­der­ten, zer­schlu­gen und zer­tram­pel­ten sie. Zum Bei­spiel das irde­ne Geschirr in der Küche, es lag zer­schla­gen auf dem Boden. War­um nur, war­um? Aber ist das nicht immer so im Krieg? Und wie sah es erst in der Schu­le aus! Die Türen und Fens­ter her­aus­ge­ris­sen, sogar die Dach­spar­ren fehl­ten. Man blick­te sich um in der Stadt, vor allem die Häu­ser der Juden waren zer­stört, und die, die geblie­ben waren, erzähl­ten, was sie täg­lich erdul­den muss­ten. Sie wur­den beschimpft, geschla­gen, bestoh­len auf offe­ner Stra­ße. Und wäre es nur das gewe­sen. Von eini­gen hat­te man nichts mehr gehört, nur dass die Rus­sen sie ver­schleppt hät­ten, als Gei­seln mit­ge­nom­men wie den Rab­bi Men­del (er ist nie mehr zurück­ge­kehrt). Gibt es ein Bild von ihm? Weiß man, wie auch die ande­ren aus­ge­se­hen haben, die in die­sem Krieg ver­schwan­den?

Nach mehr als hun­dert Jah­ren weiß man immer­hin: Das waren die Sil­ber, das sind sie gewe­sen. Auch wenn es nur eine Zufäl­lig­keit war, denn die Foto­gra­fie hät­te genau­so gut irgend­wann spä­ter ver­lo­ren gehen kön­nen, so lan­ge dau­ert die Ewig­keit. In die­ser Ewig­keit bli­cken sie ernst, aber nicht bedrückt zum Foto­gra­fen. Der übli­che Gesichts­aus­druck und die ein wenig stei­fe Kör­per­hal­tung auf bür­ger­li­chen Foto­gra­fien. Nur im Gesicht von Git­ka und Wowek ist der Anflug eines klei­nen Lächelns zu erken­nen – oder ist das Unsi­cher­heit? Git­ka, die mich jetzt an das Mäd­chen auf dem Bahn­hof von Kra­ma­torsk erin­nert – das ganz ähn­li­che Gesicht, die fast glei­chen Augen –, wenn nur das Mäd­chen in Kra­ma­torsk auch lächeln könn­te, den­ke ich, sie weiß doch, dass sie foto­gra­fiert wird. Statt­des­sen der ver­wein­te Blick. Offen­bar war im Foto­stu­dio von Lun­den­burg die Ver­zweif­lung schon aus den Gesich­tern gewi­chen, man war am Leben geblie­ben und hat­te die Hoff­nung, alles wer­de wie­der gut. Viel­leicht ist es die­se schein­ba­re Gelas­sen­heit, die Zuver­sicht, die den Betrach­ter über­rascht. Aber ist es so? Die Auf­nah­me sagt: Hier sind wir – wir, die Geflüch­te­ten, Geret­te­ten –, seht her. Als bräuch­te es in sol­chen Situa­tio­nen ein Bild, das alles, was jetzt und noch geschieht, über­dau­ert. Etwas, das von den Men­schen bleibt.

Spä­ter gab es dazu offen­bar kei­nen Anlass mehr. Die Foto­gra­fie von 1915, an einem frem­den Ort auf­ge­nom­men, ist das ein­zi­ge Bild, auf dem man die gesam­te Fami­lie zusam­men sieht. Ist das nicht merk­wür­dig? Viel­leicht weil die Augen­bli­cke so rar sind, wo alle in einem Bild zusam­men­rü­cken, um sich der Erin­ne­rung zu über­las­sen. Im Sep­tem­ber 1939 flo­hen die Sil­ber noch ein­mal – es gibt kei­ne Garan­tie, dass einem im Leben nur ein Krieg wider­fährt. Eine Auf­nah­me, die sie alle noch ein­mal zeigt, wur­de nicht mehr gemacht, auch kei­ne zum Abschied. Die Flucht ging dies­mal nach Osten, und jeder weiß: Osten war unge­wiss, doch es gab nur die­se eine Rich­tung. Im Osten ver­lo­ren sie sich, ver­schwan­den, ver­lösch­ten, wie all die ande­ren auch. Aber das ist wie­der eine eige­ne Geschich­te, eine noch dunk­le­re, und sie wird vom glei­chen Elend ein­ge­holt, das das Gewe­se­ne hier noch schwe­rer macht.

Das war ges­tern, das war heu­te. Die Augen­bli­cke gesche­hen schnell. Auf dem Bahn­hof von Kra­ma­torsk, wo sich die Flüch­ten­den zusam­men­drän­gen, groß­teils Frau­en und Kin­der, wird nichts von ihnen blei­ben als die­ses und jenes Bild, von einem Pres­se­fo­to­gra­fen ein­ge­fan­gen im Vor­bei­ge­hen und Minu­ten spä­ter hoch­ge­la­den für unse­ren Blick. Man braucht kei­ne Beschrei­bun­gen, man muss nicht ein­mal genau hin­se­hen, und nach­her wird sich ohne­hin nie­mand mehr umdre­hen kön­nen nach dem, was zurück­blieb. Bleibt denn etwas zurück, wenn man geht?

An dem Tag, an dem das rus­si­sche Mili­tär auch den Bahn­hof angreift, haben sich ein paar Tau­send hier auf­ge­hal­ten, haben auf ihre Eva­ku­ie­rung gewar­tet, dar­auf, dem Krieg zu ent­kom­men. Auf einem der Bil­der spä­ter sieht man Lei­chen auf dem Vor­platz des Bahn­hofs lie­gen, not­dürf­tig zuge­deckt. Dane­ben aus­ge­brann­te Autos. Auf einem ande­ren Bild ste­hen, lie­gen ein­zel­ne Kof­fer her­um, ver­waist, die nun nie­man­dem mehr gehö­ren, da und dort Kin­der­spiel­zeug, wie hin­ge­streut oder ein­fach lie­gen geblie­ben, ver­ges­sen wor­den zwi­schen dem ein­ge­trock­ne­ten Blut. Jemand hat auch die Trüm­mer einer Rake­te foto­gra­fiert, dar­auf kann man auf Rus­sisch noch lesen: „Für unse­re Kin­der“.

Man schreibt jetzt Kom­men­ta­re über das Töten und den Zynis­mus, mit dem das Töten bedacht wird. Das sagt man so ein­fach, und irgend­wann wird es fast selbst­ver­ständ­lich, und die Bil­der von Flucht und Ver­trei­bung und Schmerz, von Ver­wun­de­ten und all den frem­den toten Kör­pern, die in Hin­ter­hö­fen ver­scharrt oder ein­fach so auf der Stra­ße lie­gen, wer­den aus­tausch­bar. Wie jedes Wort. Und sie wer­den – so wie die Bil­der der Geret­te­ten – irgend­wann die Auf­merk­sam­keit ver­lie­ren, die wir ihnen schul­den.

Weil Bil­der flüch­tig sind, auch die, die man nicht mehr los­wird. Einen Augen­blick sieht man noch die jun­ge Frau, die ihr Kind im Arm hält und den klei­nen Kör­per fest an sich drückt, wäh­rend sie mit der ande­ren Hand eine Sträh­ne aus ihrem Gesicht streicht. Ein unschein­ba­rer Moment, in dem der Foto­graf auf den Aus­lö­ser drückt. Man notiert den Tag 44.

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Ger­hard Zeil­lin­ger, geb. 1964, Schrift­stel­ler, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und His­to­ri­ker, lebt in Wien und Amstet­ten. Zuletzt erschie­nen bei Kre­mayr & Sche­ri­au Über­le­ben. Der Gür­tel des Wal­ter Fantl (2018) und im Stu­di­en­ver­lag Juli­an Schutt­ing. Schreib­pro­zes­se (2019).

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Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 19. August 2022

Zuletzt geän­dert: 20. Aug. 2022