#Fremdgelesen

Von Sebas­ti­an Gug­golz

Pirk­ko Sai­sio: Das rote Buch der Abschie­de und Gegen­licht, aus dem Fin­ni­schen von Eli­na Kritz­o­kat (Klett-Cot­ta)
Pirk­ko Sai­sio war mir vor die­ser Ent­de­ckung bis­her unbe­kannt. Eli­na Kritz­o­kat über­setzt sie nun end­lich – her­vor­ra­gend! – ins Deut­sche und ver­hilft Sai­sio auch hier­zu­lan­de zu spä­tem Ruhm. Es ist eine auto­bio­gra­phi­sche Hel­sin­ki-Tri­lo­gie der 1970er und 1980er Jah­re (der drit­te Band erscheint bald auch noch auf Deutsch), die das poli­ti­sche, sexu­el­le und künst­le­ri­sche Erwach­sen­wer­den, oder über­haupt erst Mensch­wer­den der Prot­ago­nis­tin beschreibt. Allein das ist schon toll, aber wie Pirk­ko Sai­sio mit Zeit­sprün­gen, lyri­schen, apho­ris­ti­schen, thea­tra­len und phan­tas­ti­schen Ein­spreng­seln arbei­tet, ist phä­no­me­nal gut. Wenn man sich das Satz­bild anschaut, mit vie­len kur­zen Abschnit­ten und Leer­räu­men, könn­te man mei­nen, ihr Schrei­ben sei impres­sio­nis­tisch hin­ge­tupft, doch das Gegen­teil ist der Fall: Die Bio­gra­phie der Prot­ago­nis­tin ver­dich­tet sich immer wei­ter, die aus­fran­sen­den Erzähl­stü­cke las­sen mich beim Lesen umso näher an sie her­an, las­sen das frag­men­tier­te, aus Ein­zel­tei­len und Ein­zel­be­ge­ben­hei­ten zusam­men­ge­setz­te Leben ein­dring­lich her­vor­tre­ten. Eine gro­ße fin­ni­sche Ent­de­ckung!

Franz Fried­rich: Die Pas­sa­gie­rin,S. Fischer
Wenn es eines Bewei­ses bedurft hät­te, dass die deutsch­spra­chi­ge Gegen­warts­li­te­ra­tur alles ande­re als ein­för­mig ist: Hier wäre er! So wie Franz Fried­rich schreibt kein ande­rer. Ein Erzähl­wun­der­werk ist die­ser Roman, man wird als Leser hin­ein­ge­wor­fen in eine Welt der Zukunft, die eigent­lich schon Ver­gan­gen­heit ist. Zeit­rei­sen, Eva­ku­ie­run­gen aus his­to­ri­schen Zei­ten in die Gegen­wart hin­ein sind tech­nisch mög­lich, wur­den aber nach eini­ger Zeit wie­der auf­ge­ge­ben. Die­se Welt der zukünf­ti­gen Gegen­wart wird in einem rei­chen, war­men Erzähl­fluss aus­ge­brei­tet – man kann auch ein­fach sagen: in einer sehr schö­nen Spra­che, der ich unend­lich wei­ter zuhö­ren könn­te. Wir gehen mit der Prot­ago­nis­tin Hea­ther durch die­se Welt, leben uns in dem Sana­to­ri­um für Zeit-Eva­ku­ier­te ein, ler­nen die ein­zel­nen Figu­ren aus ver­schie­de­nen Epo­chen ken­nen und den­ken dabei mit ihnen über gelun­ge­nes und geschei­ter­tes Leben nach. Wenn man auf­re­gen­de und außer­ge­wöhn­li­che Gegen­warts­li­te­ra­tur nicht ver­pas­sen will (und eines der am schöns­ten gestal­te­ten Bücher des Jah­res in Hän­den hal­ten will), soll­te man die­ses Buch unbe­dingt lesen.

Onur Erdur: Schu­le des Südens, Matthes & Seitz Ber­lin
Acht Kapi­tel zu acht fran­zö­si­schen Theo­re­ti­kern und Theo­re­ti­ke­rin­nen und den Ein­flüs­sen, den Nord­afri­ka auf ihr Den­ken und Leben hat­te (von Roland Bar­thes, Pierre Bour­dieu, Jean-Fran­çois Lyo­tard und Michel Fou­cault hin zu Jac­ques Der­ri­da, Étienne Bali­bar, Hélè­ne Cixous und Jac­ques Ran­ciè­re). Ob es die Her­kunft ist, Erwe­ckungs- und sexu­el­le Befrei­ungs­er­leb­nis­se (oder Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­se) bei Auf­ent­hal­ten in nord­afri­ka­ni­schen Län­dern oder die Refle­xio­nen über den Kolo­nia­lis­mus: Alle sind mit dem Maghreb ver­floch­ten, ihr aller Den­ken ist vom Eige­nen und Ande­ren, dem Blick dar­auf und der Dif­fe­renz dazu beein­flusst. Erdur fächert die ein­zel­nen Bei­spie­le auf, erzählt ele­gant und ein­leuch­tend und nicht ohne spöt­ti­schen Humor eine ganz ande­re Geschich­te der fran­zö­si­schen Post­mo­der­ne.

Ste­fan Zweig: Stern­stun­den der Mensch­heit, S. Fischer
Klas­si­ker sind auch dazu da, sie immer mal wie­der zu lesen und im Wie­der­le­sen fest­zu­stel­len, was man alles bei der ers­ten Lek­tü­re ÜBER­le­sen hat … Stern­stun­den der Mensch­heit ist ein beson­ders groß­ar­ti­ger und mit­rei­ßen­der Klas­si­ker. Ich bin wie­der ein­ge­taucht in den packen­den Wett­lauf zum Süd­pol, in die phan­tas­tisch anmu­ten­den Unter­neh­mun­gen, Euro­pa mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten per Atlan­tik­ka­bel fern­spre­chend zu ver­bin­den, in die dra­ma­ti­schen Ent­wick­lun­gen um Cice­ro nach dem Mord an Cae­sar, in das Schick­sal des Schwei­zers Suter, der den Gold­rausch her­vor­ruft und ihm dann, fast als Hiob­fi­gur, zum Opfer fällt. Lenin, Hän­del, Napo­le­on: Mit den Män­nern der Geschich­te fie­bert und lei­det man als Spä­ter­ge­bo­re­ner mit, ist aber auch manch­mal ganz froh, dass man uner­mess­li­chen Grö­ßen­wahn und unstill­ba­re Gel­tungs­sucht im Strom der Geschich­te als Schaum­krön­chen hin­ter sich las­sen kann.

Arthur Koest­ler: Son­nen­fins­ter­nis, nach dem wie­der­ge­fun­de­nen deut­schen Ori­gi­nal­ma­nu­skript, Elsi­nor Ver­lag
Mein Lek­tü­re-High­light der ver­gan­ge­nen Wochen: Son­nen­fins­ter­nis, das Legen­de gewor­de­ne Buch von Arthur Koest­ler, in der wie­der­ge­fun­de­nen deut­schen Ori­gi­nal­fas­sung (jahr­zehn­te­lang kann­te man nur die aus der eng­li­schen Erst­aus­ga­be rück­über­setz­te Ver­si­on). Was hier über die Ideo­lo­gien – kom­mu­nis­ti­sche und natio­nal­so­zia­lis­ti­sche – des 20. Jahr­hun­derts ver­han­delt und gezeigt wird, wie die Ver­hö­re und die Schau­pro­zes­se und auch die Zustän­de und Umstän­de in poli­ti­scher Haft lite­ra­risch geformt wer­den, ist schlicht groß­ar­tig. Ein so ins his­to­ri­sche und welt­an­schau­li­che Detail gehen­der Roman könn­te tro­cken wer­den oder lang­wei­lig, aber Koest­ler gelingt das Gegen­teil, ein bren­nen­der Roman, und ich habe mit ange­hal­te­nem Atem die gan­ze Nacht durch­ge­le­sen, weil ich nicht auf­hö­ren konn­te und so gefes­selt war. Rub­aschow, der auf­rech­te Prot­ago­nist, des­sen eige­ne Idea­le sich plötz­lich und unauf­halt­sam gegen ihn selbst wen­den, ist eine unsterb­li­che Figur, und Son­nen­fins­ter­nis ist ein unsterb­li­cher Roman.

 

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Online seit: 25. Juni 2024

Zuletzt geän­dert: 26. Juni 2024