Die Säuberung

Von Franz­obel. Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur – Teil IV
Franzobel © Bernhard Holub

Franz­obel: „Glaubst lebt noch wer? Manch­mal träu­me ich, außer dem Paket­zu­stel­ler sind alle tot.“ Foto: Bern­hard Holub

Wie wir aus­schau­en? Fünf Kilo, min­des­tens. Wahr­schein­lich acht. Wenn wir so wei­ter­fres­sen, krie­gen wir noch eine Post­leit­zahl. Bald ist unse­re Anzie­hungs­kraft so groß, dass Mon­de um uns krei­sen. Dabei war für uns extrem attrak­ti­ve Men­schen die Mas­ken­pflicht anfangs eine enor­me Benach­tei­li­gung. Und jetzt? Mir passt kei­ne Hose mehr.

Seit der Paket­zu­stel­ler unse­re ein­zi­ge Ver­bin­dung zur Außen­welt ist … Selbst der stellt die Kar­tons nur vor die Tür und rennt davon. Wie wärs mit Ing­wer­ge­mü­se? Fisch? Papri­ka? Irgend­was für das Immun­sys­tem. Oder Kai­ser­schmar­ren? Was? Auf kei­nen Fall ein süßes Mit­tag­essen, das geht am The­ma kom­plett vor­bei. Sagst du immer. War­um kein Apfel­stru­del? Nach der Leh­re des Kon­trasts macht Auf­re­gung Sinn.

Nein, ich nehm dich ernst, du bist kein Gespenst, auch wenn du in einem Lein­tuch lebst. Hast dein Mor­gen­ge­sicht? Schlaf­grind in den Augen? Traum­sand hört sich schö­ner an. Was hast heu­te vor? Wie immer? Aus dem Fens­ter schau­en? Den gan­zen Tag?

Gut, dass im Home-Office die Pend­ler­pau­scha­le ver­gü­tet wird. Jetzt bekommt man Kilo­me­ter­geld und darf die Hauspat­schen in Rech­nung stel­len. Aber was, wenn man am Weg vom Bett zum Com­pu­ter mit einem Blu­men­stock kol­li­diert? Es gab ein­mal eine Zeit, da haben wir uns gefragt, wie es am Arbeits­weg mit Helm­pflicht und Han­dy­nut­zung ist. Frü­her.
Pst. Ruhig. Hörst du das? Nichts! Abso­lut nichts. Kein Auto­lärm. Nur ein paar Vögel zwit­schern. Schön. Was? Ges­tern hast du Wild­schwei­ne gese­hen? Mit­ten in der Stadt. Die Luft ist bes­ser gewor­den. Scha­de, dass wir nicht raus­dür­fen. Und alles das ver­dan­ken wir Coro­na. Der Name ist geni­al. Stell dir vor, das wür­de wie irgend­ein Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel hei­ßen. Hät­te nie­mals funk­tio­niert. Aber Coro­na! Das macht was her. Klingt majes­tä­tisch. Coro­na Patro­na.

Glaubst, lebt noch wer? Manch­mal träu­me ich, außer dem Paket­zu­stel­ler sind alle tot. Viel­leicht sind die gan­zen Pres­se­kon­fe­ren­zen Auf­zeich­nun­gen? Viro­lo­gen, Sta­tis­ti­ker, Poli­ti­ker … viel­leicht leben die alle längst nicht mehr. Nur wir. Der Paket­zu­stel­ler und noch ein paar, mit denen man ein gigan­ti­sches sozio­lo­gi­sches Expe­ri­ment durch­führt. Was willst mit dem Gewehr? Geh, gib das weg. Und wisch dir das Schweiß­bärt­chen von der Ober­lip­pe.
Ist heut Mon­tag oder Don­ners­tag? Egal. Was wir brau­chen, ist Struk­tur. Wir könn­ten Heim­trai­ning machen? Oder Lesen? Ja, stimmt schon, der Mann ohne Eigen­schaf­ten ist auch beim drit­ten Mal lang­wei­lig … und Heim­ki­no? Gut, dass die in Fil­men kei­nen Abstand hal­ten, ist natür­lich skan­da­lös. Da kom­men sich wel­che beim Spre­chen in kami­ka­ze­haf­ter Gleich­gül­tig­keit auf zwan­zig Zen­ti­me­ter nahe. Die geben sich die Hän­de, umar­men und küs­sen sich. Lau­ter Selbst­mör­der! Gut, dass sol­che Fil­me jetzt ver­bo­ten sind.

Mir ist trotz­dem nicht lang­wei­lig. Nie. Hast du gewusst, dass in einer Zünd­holz­schach­tel zwi­schen 67 und 81 Hölz­chen sind? Jetzt komm vom Fens­ter weg? Siehst eh nie­mand. Was? Nein, bit­te, kei­nen Klo­pa­pier­witz, da bekom­me ich Ohren­krebs. Ja, wir haben dar­über mal gelacht … Hams­ter, Hän­de­wa­schen, Klo­pa­pier. Wie lan­ge ist das her? Mona­te? Jah­re! Das war eine ande­re Zeit. Damals haben wir den Zusam­men­hang zwi­schen Aus­gangs­sper­re und Alko­hol­kon­sum getes­tet. Weißt noch? Ver­nich­ten­des Ergeb­nis. Und wir haben ernst­haft geglaubt, wir dürf­ten eines Tages wie­der raus. Lächer­lich. Wenigs­tens ste­hen jetzt kei­ne Leu­te mehr auf Bal­ko­nen und sin­gen. Hat sich ange­hört, als wür­den sie Per­chlor­ethy­len gur­geln.
Weißt du noch? Damals hat es gehei­ßen, wir wür­den vie­le Wun­den haben, in Qua­ran­tä­ne mehr­ten sich die Haus­halts­un­fäl­le. Die Zahl der ampu­tier­ten Heim­wer­ker sei gestie­gen, mehr Men­schen in den Not­auf­nah­men, weil Kör­per­tei­le in Gegen­stän­den fest­steck­ten, oder umge­kehrt.

Wie wir aus­schau­en? Schau mich an. Kennst du das Gesicht? Zwölf Kilo, min­des­tens. Geschätzt. Wahr­schein­lich mehr.

Hast du das mit den Volks­fein­den gele­sen? Stell dir vor, die­se sub­ver­si­ven Ele­men­te haben sich in still­ge­leg­ten Fabri­ken getrof­fen, um sich … jetzt kommts … zu berüh­ren. Wider­lich, gell. Es heißt, die haben gemein­sam gekocht und geges­sen und abge­wa­schen, und das­sel­be Klo benutzt, ohne Schutz­an­zug! Einen Tag der Umar­mung sol­len die gefei­ert haben. Wahn­sinn. Oder? Wur­den alle eli­mi­niert, die­se pro­le­to­iden Hirn­schlei­mer. Hugs and Bugs? Geht’s noch? Ges­tern hat man eine mafiö­se Ver­ei­ni­gung hoch­ge­hen las­sen, die dar­auf spe­zia­li­siert war, Vor­er­kran­kun­gen von E‑cards zu löschen. Das sind die Schlimms­ten! Ver­bre­cher! Dabei soll­te man den­ken, Leu­te mit Vor­er­kran­kun­gen wären längst abge­holt. Sind alle in ein Sana­to­ri­um gekom­men. Da gings ihnen nicht schlecht. Bis dann die Post­kar­te mit dem Auf­druck gekom­men ist … Todes­ur­sa­che und so wei­ter. Es klingt viel­leicht hart, aber für die Gesell­schaft ist es gut, dass die­se Alten und Kran­ken weg sind. Weißt du, nur so wird die Gesell­schaft wie­der gesund.

Wann hast du wie­der eine Video­kon­fe­renz? Du, nächs­tes mal gehe ich im Tau­cher­an­zug durchs Bild. Erst tro­cken, dann nass und mit har­pu­nier­ter Wärm­fla­sche. Na? Oder ich schlei­che als Steh­lam­pe durch den Hin­ter­grund. Die wür­den schau­en. Was? Ah ja, es gibt kei­ne Kon­fe­ren­zen mehr. Hat alles dicht­ge­macht. Gera­de jetzt, wo ich Ideen hät­te.
Jetzt sitzt du immer noch am Fens­ter. Was? Zwei Leu­te im Schutz­an­zug? Und Min­dest­ab­stand? Passt. Nein, wegen denen steh ich nicht auf. Ja, du hast ein­mal einen Mann ohne Mund­schutz gese­hen. Hast ihn auch, wie es dei­ne Staats­bür­ger­pflicht ist, ange­zeigt und eine Prä­mie bekom­men. Und den Orden. Pan­de­mie­be­kämp­fer ers­ter Klas­se. Aber das ist Mona­te, Jah­re ist das her.

Schau, was ich gefun­den hab. 100 Euro. Kann man sich nicht mehr vor­stel­len, dass wir alle mal mit Geld bezahlt haben. Wer das alles ange­grif­fen hat. Unglaub­lich. Ekel­haft. Ich bin froh, dass mit die­sem EU-Scheiß Schluss ist. Jetzt haben wir wie­der Natio­nal­staa­ten, und jedes Volk hat das, was es sich gewählt hat. Recht so. Seit alles online läuft, ist es vor­bei mit dem Gemau­schel.

Im Inter­net hat jemand gemeint, der Virus sei so lust­feind­lich und humor­los wie die ärgs­ten reli­giö­sen Fana­ti­ker. Am nächs­ten Tag war der Account gelöscht und der Schrei­ber weg … für immer. Die­se Leu­te, die behaup­ten, die Welt­ach­se hät­te sich ver­scho­ben … man hät­te Krank­hei­ten erfun­den, um Medi­ka­men­te zu ver­kau­fen. Lau­ter Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker!
Was ich zuge­nom­men hab? Seit es kei­ne Ziga­ret­ten und kei­nen Alko­hol mehr gibt, bleibt als Mög­lich­keit zur Selbst­zer­stö­rung nur das Essen. Ob man uns das auch ver­bie­ten wird? Es heißt, man plant eine Volks­di­ät. Wir sind nicht mehr gesund, um zu leben. Wir leben, um gesund zu sein.

Dafür ist jeder Tag ein Sonn­tag. Gut, dass es noch Essen gibt. Ing­wer­ge­mü­se, Fisch, Papri­ka? Zu Mit­tag muss man schon ein­mal Apfel­stru­del essen, wenn man ein Ich ist. Was kann pas­sie­ren? Wir kön­nen höchs­tens von der Couch fal­len. Schau mich an. 20 Kilo, sicher.
Weißt noch, wie ich das letz­te Mal drau­ßen war? Mit dem Plüsch­hund auf Rädern hab ich der Aus­gangs­sper­re eins aus­ge­wischt. Was hätt pas­sie­ren sol­len? Im Schutz­an­zug mit Ein­weg­hand­schu­hen, Gum­mi­stie­fel, Schutz­bril­le und dem Abstand-Hal­ten-Schild. Damals woll­te ich den Abstand­hal­ter aus dem Auto aus­bau­en, aber der hät­te nur beim Rück­wärts­ge­hen funk­tio­niert. Schon nach zwei­hun­dert Metern kam mir der ers­te Mensch ent­ge­gen, im Gum­mi­an­zug. Er wech­sel­te vor­schrifts­mä­ßig die Sei­te, ich auch. Wenig spä­ter die Kata­stro­phe, jemand stieg unver­mit­telt aus dem Auto aus, zwei Meter vor mir, ohne Schutz­klei­dung. Ita­lie­ner? Ira­ner? Tiro­ler? Jeden­falls ein Ter­ro­rist! Ich Herz­ra­sen, Schweiß­aus­bruch. Grau­en­haft. Mit­ten auf dem Geh­weg lag ein Aus­wurf, eine schleim­grü­ne Viren­bom­be. Und dann kam die­ses klei­ne Mäd­chen an. Eh lieb. Es sag­te Hal­lo. Ich, kurz davor zu explo­die­ren, den­ke nur, geh weg, du Viren­schleu­der. Hal­lo? Wo sind dei­ne Eltern? Die kön­nen doch ihre bio­lo­gi­sche Waf­fe nicht unbe­auf­sich­tigt her­um­lau­fen las­sen. Hal­lo? Tat­säch­lich ist mir die­se min­der­jäh­ri­ge Selbst­mord­at­ten­tä­te­rin bis auf einen Meter nahe­ge­kom­men. Kann die nicht lesen? Abstand hal­ten! … Hal­lo! … Gut, dass du geschos­sen hast. Nach dem Voll­bad im Des­in­fek­ti­ons­mit­tel gings wie­der.

Ein lau­ter Knall. Er zuckt zusam­men.

Was war das? Hast du geschos­sen? Ich weiß nicht, ob das in Ord­nung ist. Nur weil sich einer an den Schutz­an­zug greift und ihn viel­leicht einen Spalt öff­nen könn­te, um aus­zu­at­men? Alles Kon­junk­tiv. Ja, ich weiß, dass das ein gemein­ge­fähr­li­ches Ver­bre­chen ist. Aber gleich erschie­ßen? … Du hast recht, es geht nicht anders. Geh, wisch dir das Schweiß­bärt­chen von der Lip­pe. Wir sind gesund, und wir müs­sen uns schüt­zen. Etwas ande­res gibt es nicht. Das ist alles, was jetzt zählt.

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Franz­obel, geb. 1967 in Vöck­la­bruck, absol­vier­te die Höhe­re Tech­ni­sche Lehr­an­stalt für Maschi­nen­bau in Vöck­la­bruck und stu­dier­te von 1986 bis 1994 in Wien Ger­ma­nis­tik und Geschich­te. Schloss das Stu­di­um er mit einer Diplom­ar­beit über Visu­el­le Poe­sie ab. Seit 1989 frei­er Schrift­stel­ler. Neben sei­ner lite­ra­ri­schen Tätig­keit (im Eigen­ver­lag, in Klein­ver­la­gen und inner­halb von Mail-Art-Pro­jek­ten) arbei­te­te er bis 1992 als Maler (Con­cept Art). Er hat zahl­rei­che Thea­ter­stü­cke, Pro­sa­tex­te und Lyrik ver­öf­fent­licht, die in der Span­nung zwi­schen Struk­tu­ren und Expe­ri­ment ste­hen. Sei­ne gro­ßen Roma­ne sind dage­gen eine Mischung aus phan­tas­ti­schem Rea­lis­mus, Sprach­spiel und Wie­ner Volks­stück.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 12. März 2021

Zuletzt geän­dert: 12. März 2021