One or two cultures? Für Oswald Wiener

Von Franz Josef Czern­in.
Oswald Wiener © Heribert Korn

Fun­da­men­ta­le Mecha­nis­men der Kogni­ti­on: Oswald Wie­ner.
Foto: Heri­bert Korn

Vor­be­mer­kung

Oswald Wie­ners Dich­ten und Den­ken, das mich bewegt, bei­na­he seit ich lite­ra­risch zu schrei­ben begon­nen habe, ver­dan­ke ich mehr, als ich in weni­gen Sät­zen sagen kann. Wie­ners Gedan­ken, die er, spä­tes­tens seit Ende der sech­zi­ger Jah­re, als Weg zum Ziel einer natur­wis­sen­schaft­li­chen Theo­rie mensch­li­cher Kogni­ti­on ver­steht, sind für mich auch eine Her­aus­for­de­rung, da jenes Ziel eine Ein­schrän­kung, ja eigent­lich eine Zurück­wei­sung nicht der Lite­ra­tur, der Poe­sie selbst, doch ihres Erkennt­nis­an­spruchs ent­hält. Für Wie­ner schei­tert Lite­ra­tur zwangs­läu­fig in ihrem Anspruch, wie er es nennt, kla­re Erkennt­nis zu sein; kla­re Erkennt­nis ist für ihn, wenn ich ihn rich­tig ver­ste­he, nur mit­tels natur­wis­sen­schaft­li­cher Theo­rien mög­lich, Lite­ra­tur dage­gen habe bes­ten­falls den Wert des Weges zu einer sol­chen Theo­rie. Zum einen, indem sie Sen­si­bi­li­tät und Kom­pe­tenz für sprach­li­chen Umgang und für Selbst­be­ob­ach­tun­gen stei­gern kön­ne; ande­rer­seits, indem die Beob­ach­tung von Dich­tern und Rezi­pi­en­ten von Dich­tun­gen (und da schließt Wie­ner sich wohl auch selbst bzw. sei­ne lite­ra­ri­schen Arbei­ten ein) als Bei­spie­le für fun­da­men­ta­le Mecha­nis­men der Kogni­ti­on fun­gie­ren kön­nen. Den­noch: Man ermisst nach Wie­ner erst dann die eigent­li­che Bestim­mung von Lite­ra­tur, wenn man ein­sieht, dass natur­wis­sen­schaft­li­che Kogni­ti­ons­theo­rien das sind, wonach Lite­ra­tur dun­kel und ohn­mäch­tig ana­lo­gi­sie­rend strebt. Als wäre eine sol­che Theo­rie die im Hegel­schen Sinn des Wor­tes auf­ge­ho­be­ne Lite­ra­tur. Ich will oder kann Wie­ners Zurück­wei­sung des Erkennt­nis­an­spruchs von Poe­sie nicht akzep­tie­ren. Was aber ent­ge­gen­set­zen? Und war­um eigent­lich etwas ent­ge­gen­set­zen? Ist die Poe­sie als Mit­tel kla­rer Erkennt­nis nicht tat­säch­lich denk­bar unge­eig­net? Ist sie nicht eigent­lich ein abson­der­li­cher Ata­vis­mus, ein mythisch-vor­be­griff­li­cher Rest, ganz ähn­lich, wie es die Reli­gio­nen sind? Ich weiß kei­ne end­gül­ti­ge Ant­wort auf die­se Fra­gen.

1

Der Titel die­ses Essays bezieht sich auf Charles Per­cy Snows The Two Cul­tures and the Sci­en­ti­fic Revo­lu­ti­on (1959). Snow, Phy­si­ker, aber auch Autor von Roma­nen, behaup­tet in die­sem Text, dass die west­li­che Kul­tur in zwei Kul­tu­ren zer­fal­len ist. Die eine nennt er, eng­li­schem Sprach­ge­brauch gemäß, sci­ence, die ande­re huma­ni­ties. Für Snow war, wenn ich das rich­tig in Erin­ne­rung habe, jener Zer­fall Anlass zu einem gene­rel­len Kul­tur­pes­si­mis­mus. Die­sen tei­le ich nicht ohne Wei­te­res (denn Zer­fall kann durch­aus wün­schens­wert sein und zu Opti­mis­mus ver­an­las­sen), ich tei­le aber sei­ne Dia­gno­se. Dass die bei­den Kul­tu­ren in vie­len Hin­sich­ten unver­ein­bar sind, mei­ne ich jeden­falls oft genug im Umgang mit natur­wis­sen­schaft­lich Ori­en­tier­ten erlebt zu haben. Ein Mann ohne Eigen­schaf­ten, jemand, der in den huma­ni­ties und in einer sci­ence glei­cher­ma­ßen zu Hau­se ist, ist kaum zu fin­den und viel­leicht heu­te schwer mög­lich. Da sich, wie ich mei­ne, der von Snow dia­gnos­ti­zier­te Zer­fall beson­ders deut­lich an den Extre­men Natur­wis­sen­schaft und Poe­sie zeigt, stel­le ich je ein Bei­spiel aus die­sen bei­den Berei­chen ein­an­der gegen­über.

Für Wie­ner schei­tert Lite­ra­tur zwangs­läu­fig in ihrem Anspruch, wie er es nennt, „kla­re“ Erkennt­nis zu sein.

2

Mit dem Ein­ver­ständ­nis Oswald Wie­ners zitie­re ich eine Stel­le aus einem Brief aus dem Jah­re 2009 an mich: „Ich ver­ste­he