mit geliehener zunge.

Von Franz Josef Czern­in „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XX
Franz Josef Czernin

Franz Josef Czern­in

 

para­di­se lost (al fres­co)

an man­che wand sich malt hier ein gesicht,
so nass gewillt zum träu­fels­kreis;
schein­ei­lig hand am farb­ge­rinn­sel,
drin selbst bin licht- und per­len­schweiss.

akt für akt intrin­sisch erb­verb bannt,
im bild- und wun­der­sa­men strahlt,
har­mo­nisch warm, mir sinn- und ein­falls­in­sel,
dass eilands­heil sich der bereich ver­heisst.

doch fällt es in den arm, nein aus dem rah­men,
bru­ta­ler fakt, krass blu­tig der ver­weis:

wir sehn nur einen nack­ten ein­falts­pin­sel.

 

apri­ko­sen

dies bon­bon ist zwei mal gut,
doch ite­ra­tiv auch sehr von übel:
denn bald spie gel um gel; latin bin,
also refle­xiv das klebe‑, lebens­nas­se;
die glu­co­sen, ja zum kosen oder kot­zen,
latrin zum über­druss. mir vis a vis und wie
fal­li­bel gewahr war in daca­po­po­sen.
sie spie­geln süss wie wider­lich das kras­se
in die tie­fe schicht: mir bin bar­bar,
daher im arsch­ge­sicht mein dou­ble­du;
im sel­ben kübel sind die dext‑, tex­tro­sen,
die gri­mas­se muss den über­do­sen trot­zen.

das kon­vo­lut bin ich, der musen­sohn, und du
mein bibel­a­li­bi, die infi­ni­te klon­per­son.

 

ope­ra

im ein­sa­men oval und ozea­nisch
viel gebraus, sehr unge­stalt und anonym;
bald hor­chi­deen und vogel‑, blu­men­schall,
die küs­te dann, über höhn die pla­ne­ta­ri­en.
noch unge­stüm, was sich da hass­te, küss­te,
bis orches­tral gemein­sam vor‑, nach­ah­men,
kos­tüm­ver­liehn mir viel gehalt ver­pass­te:
sinn­ge­walt im vol­len saal, die arka­na­rie,
orga­nen graus ganz aus dem leib geschrien,
im orgel­schwall fast bis zum eigen­nu­men, ‑namen.

applaus­or­kan. doch wars wohl lari­fa­ri;
im are­al liegt nur die büs­te unge­tüm.

der kana­rie ist längst aus­ser allem haus.

 

omnia sua secum por­tat

ja, aller ort ist abge­grif­fen,
wie auch jedes ande­re wort,
so meint es auch der mün­zer;
vita­le­lan, robo­ten im akkord,
das eint uns im sozi­al­or­gan.
es hat sich so viel abge­schlif­fen.
was uns trägt, ist längst gebo­ten,
ja das geld klingt in der kas­sa.
kol­le­gi­al mit allem bin an bord,
denn der oze­an ist ein­ge­prägt
und and­rer­seits der sinn­trans­port.
was blinkt, fällt nun ins was­ser,
und der ver­fas­ser in den wein

und der ist auch der win­zer.

 

album

doch als mich blank hier weiss, ein blatt
ist gleich gelöscht, da die als-ob-sze­ne
als urspur zieht den kreis: syn­chro­nisch
alpha­be­ten und auch ‑bet­ten, nota bene
im area­len. der pri­ma­ten­takt, und wir
ver­schau­keln uns als amo­ret­ten; ja albern
ist der schwank, da das obs­zö­ne als alb­raum
kras­ser lei­chen uns ent­fuhr: der akt dual,
und chto­nisch daher mei­ne lie­ge­statt,
da atem­oral und atem­po­ral vor­gau­keln.

nein, nichts ist sakro­sankt: auch der zen­sur
viel dank und preis. denn die­se scham‑,
schaum­schö­ne, die ist pur, und seis in ket­ten:
ein was­ser­zei­chen, das sich selbst rein wäscht.

 

palim­psest

so zele­briert es, ob latent, ob mani­fest,
unter der hand ver­mes­sen auch hostil,
doch auf­ge­deckt liegts kaum am tisch;
es wiegt nicht viel der zucker­guss,
noch, schroff benannt, der zuck­ge­nuss:
ja, dort, im essens- und im lei­bes­fest,
war aspi­rant und bloss kan­dier­ter daten.

als es am ort sich wen­det ekla­tant,
tota­le kan­di­da­ten waren. denn stoff
erst gene­riert exzess, der zoff den über­fluss
auch im mor­ta­len rest: die tat­es­senz
wird trans­pa­rent als ein gemisch geschmeckt
in der wort­spen­de: so offe­riert, der wisch
am ende muss nichts mehr ver­ra­ten.

 

no way out, nietz­sche!

die aver­si­on durch jede fas­sung spür­te,
da die­se kaum vorm kult, dem reim, bewahrt,
vor ster­ni­ko­ne, tricks und takt­trak­tat;
bloss nor­men­schuld täuscht vor der pakt,
da mich, als for­men­part, keusch her­zier­te,
ja mit glücks- und fixideen her­zi­tier­te.

vom angel­punkt jedoch der anglo­pho­ne akt
in den tumult; durchs art- und fahrt­ge­räusch
insult im halb­ver­dau­ten trakt; bru­ta­ler
fakt im kako­pho­nen, als in inti­men kicks,
im innen­mix uns wider­kau­ten: es pas­siert,
ja paart dies auch per keim­kon­takt, da mich,

durch sol­che selbst­aus­las­sung, ins dua­le klo­ne,
ob in die zeu­ge- oder todes­zo­ne.

 

natu­ra mor­te

was soll der plun­der in der kam­mer,
das inva­li­de win­ken mit ver­gei­chen?
unter trau­er klopf- und kel­ler­zei­chen,
durch exege­sen wird der tisch nicht run­der.

der schau­er wird im rah­men immer klam­mer,
was wir auch lesen aus den tel­ler­lei­chen.
auf dau­er aus, nach den pro­the­sen kra­men,
als wär mein hin­ken dann pro­fun­der.

der jam­mer: käse lässt sich nicht mehr strei­chen,
denn der fisch von unserm kopf muss stin­ken,
woher auch kamen und wohin ver­we­sen.

was wun­der nah­men, wird allein nur blau­er.

 

auto­graph

zuerst der schwanz, sein wedeln mit dem hund;
dann ein balg aus fle­cken, ja sehr roten.
um einen oder ande­ren schlund der bart:
ver­narrt und schalk bist, zum erschre­cken.

am zäh­ne­ble­cken warst, am lip­pen­le­cken,
da bein­hart zoten ziehn, an dei­nen strip­pen;
das kleid zer­riss sich, dir gabst pfo­ten,
beknurrst das nar­ra­tiv von lie­bes­durst

und glie­der­glanz. dein popanz, halb­fik­tiv
gerip­pe­tanz, voll wut vor noten­schä­deln;
dein letz­tes haar musst fädeln jeder­zeit
in den toten kranz; doch, ums ver­re­cken,

nichts blieb zu ver­edeln übrig: egal, ob angst,
ob schiss, ob blut, ob hans und wurst:
mein mund biss nur in mei­nen eig­nen franz.

 

 

* * *

Franz Josef Czern­in, Schrift­stel­ler, Publi­ka­tio­nen, vor allem von Gedich­ten, Apho­ris­men und Essays seit 1978. Zuletzt erschie­nen: zun­gen­eng­lisch. visio­nen, vari­an­ten (Gedich­te), Han­ser-Ver­lag, Mün­chen 2014. Beginnt ein Staub­korn sich zu drehn. Orna­men­te, Meta­mor­pho­sen und ande­re Ver­su­che. (Essays). Brü­te­rich-Press, Ber­lin, 2015. Der gol­de­ne Schlüs­sel und ande­re Ver­wand­lun­gen, Matthes & Seitz, Ber­lin 2018. Das ande­re Schloss. Zu Mär­chen Grimms, Ver­wand­lun­gen und ande­ren Din­gen, Matthes & Seitz, Ber­lin 2018. rei­sen, auch win­ter­lich (Gedich­te), Han­ser-Ver­lag, Mün­chen 2019.

* * *

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 2. Juli 2021

Zuletzt geän­dert: 3. Juli 2021