Inniger Schiffbruch

Eine Lese­pro­be aus Frank Wit­zels Roman.
Frank Witzel © Maja Bechert

Frank Wit­zel: „Was war es, an das ich nicht den­ken durf­te, und wel­chen Schatz galt es aus mei­nem Unbe­wuss­ten zu heben?„
Foto: Maja Bechert

Zwei Mona­te nach dem Tod mei­nes Vaters hat­te ich einen Traum: Aus einer erhöh­ten Per­spek­ti­ve näher­te sich mein Blick durch den mor­gend­li­chen Dunst eines ers­ten Früh­lings­ta­ges einer Sied­lung mit bun­ga­low­ar­ti­gen Ein­fa­mi­li­en­häu­sern, wie sie Ende der Sech­zi­ger­jah­re modern wur­den. Er streif­te suchend über die Dächer und senk­te sich schließ­lich in eine Stra­ße, die in einem Wen­de­ham­mer ende­te, wo er vor einem Haus mit einer gro­ßen Blau­ze­der im Vor­gar­ten anhielt. Wie eine Ansichts­kar­te, die etwas zeigt, das einem so ver­traut ist, dass es als Abbil­dung fremd blei­ben muss, fror die­ses Bild ein, wäh­rend der Blick ins Inne­re des Hau­ses drang und sich dort mit mei­nem Kör­per ver­band, der, gera­de erst auf­ge­stan­den, vom Schlaf­zim­mer in Rich­tung Küche ging, wohl, um sich dort einen Tee zu machen. Bevor ich jedoch die Küche erreich­te, fiel mir ein, dass ich seit Län­ge­rem ver­säumt hat­te, nach dem Haus mei­ner Eltern zu sehen, das sich direkt gegen­über auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te befand und seit ihrem Tod leer stand. Ich ging zur Gar­de­ro­be, zog mir einen Man­tel über, nahm den Schlüs­sel mit den Initia­len E. H. aus dem Schlüs­sel­kas­ten, ver­ließ das Haus und eil­te hin­über. Bereits beim Öff­nen der Tür und Ein­tre­ten in den Flur bemerk­te ich, dass die Woh­nung leicht über­hitzt war. Ich dach­te an die Kos­ten, die das ver­ur­sa­chen wür­de, und ärger­te mich, die Hei­zung nicht abge­dreht zu haben. Zöger­lich, da mir die Umge­bung völ­lig unbe­kannt zu sein schien, ging ich den Flur ent­lang bis zu einer Trep­pe, die nach oben, wahr­schein­lich zum Spei­cher führ­te, jedoch nicht zu betre­ten war, weil die unters­te Stu­fe direkt an der Wand ansetz­te, in der auch die Gelän­der ver­an­kert waren. Ver­geb­lich ver­such­te ich einen Zugang zu fin­den, wand­te mich schließ­lich ab und ging zur Wohn­zim­mer­tür. Als ich sie öff­ne­te, schlug mir eine sti­cki­ge­re, streng rie­chen­de Luft ent­ge­gen. Vor­sich­tig betrat ich den Raum, des­sen Mobi­li­ar von der Zim­mer­mit­te an die Wän­de gescho­ben war, so, als hät­te man für etwas Platz schaf­fen wol­len. Gera­de war ich im Begriff, die Tür hin­ter mir zu schlie­ßen, als mir lang­sam und erschöpft ein lebens­gro­ßes, jedoch völ­lig abge­ma­ger­tes Rhi­no­ze­ros ent­ge­gen­kam. Erst in dem Moment fiel mir mit Schre­cken ein, dass ich nicht nur die­ses Rhi­no­ze­ros, son­dern auch die fünf Hun­de mei­ner Eltern zu füt­tern und mit Was­ser zu ver­sor­gen ver­ges­sen hat­te. Kei­ner­lei Geräu­sche waren zu hören und auch das Rhi­no­ze­ros ver­harr­te eigen­ar­tig still und unbe­weg­lich vor mir, fast, als habe es nur so lan­ge aus­ge­harrt, um nun vor mei­nen Augen zu ver­en­den. Vor­sich­tig schau­te ich mich im Zim­mer um, da ich befürch­te­te, etwas Ekel­er­re­gen­des, etwa eine Rei­he von Kada­vern, zu ent­de­cken. Und tat­säch­lich ent­pupp­te sich das, was ich aus eini­ger Ent­fer­nung anfäng­lich für Tep­pich­vor­le­ger gehal­ten hat­te, im Näher­kom­men als aus­ge­trock­ne­te Fell­res­te. Zu mei­nem gro­ßen Ent­set­zen befand sich an einem die­ser Fel­le der noch leben­di­ge Kopf eines Hun­des. Ähn­lich wie das Rhi­no­ze­ros rühr­te auch er sich kaum, sah mich nur trau­rig an und beweg­te stumm die aus­ge­trock­ne­ten Lef­zen. In Panik rann­te ich aus dem Haus und hin­über zu mir, von wo aus ich eine Freun­din anrief, die mir ver­sprach, sofort einen Vete­ri­när zu ver­stän­di­gen.

Dass sich der vier­zig­jäh­ri­ge Ador­no als „Archi­bald Stumpf­na­se Kant von Bauch­schlei­fer“ bezeich­net und sei­ne Mut­ter als „Mari­mum­ba, mei­ne Stu­ten­sau“, ver­weist auf eine der­art vor-ödi­pa­le Nai­vi­tät, dass man als Außen­ste­hen­der nur ungern dar­an teil­ha­ben möch­te.

Obwohl der Traum inten­siv war und ich ver­stört aus ihm erwach­te, hat­te ich nicht die gerings­te Lust, mich wei­ter mit ihm zu beschäf­ti­gen. Die letz­ten Mona­te mei­nes Wach­zu­stan­des waren anstren­gend genug gewe­sen, und auf wei­te­re Ein­bli­cke in den kon­fu­sen Zustand mei­ner Psy­che konn­te ich momen­tan gern ver­zich­ten. Es gibt Traum­bil­der, die etwas zusam­men­fas­sen, auf das man von allein nie­mals gekom­men wäre, hier aber hat­te ich das Gefühl, einem frem­den Traum bei­gewohnt zu haben, einer fil­mi­schen Insze­nie­rung, die mit bil­li­ger Effekt­ha­sche­rei arbei­te­te. Mei­ne Eltern waren nicht mehr am Leben, das stimm­te, aller­dings hat­ten sie ihr Haus bereits zwei Jah­re vor ihrem Tod ver­las­sen und waren in ein Senio­ren­heim gezo­gen. Auch wohn­te ich nicht in ihrer Nähe, schon gar nicht in der­sel­ben Stra­ße. Am her­vor­ste­chends­ten, neben der Bezeich­nung Rhi­no­ze­ros, die mein träu­men­des Ich ver­wen­det hat­te, wäh­rend ich nor­ma­ler­wei­se Nas­horn sagen wür­de, war die Erschei­nung die­ses Tiers, das in sei­ner auf­dring­li­chen Sym­bo­lik einem bil­li­gen Rat­ge­ber zur Deu­tung von Träu­men ent­stie­gen schien. Soll­te es das ver­sinn­bild­li­chen, was ich unwis­sent­lich ver­nach­läs­sigt und damit dem Tod über­ant­wor­tet hat­te, das, was ich in mei­nem Ver­hält­nis zu mei­nen Eltern bis­lang nicht hat­te sehen wol­len oder kön­nen?

Das Stück Rhi­no­cé­ros von Ionesco fiel mir ein, das ich nur dem Namen nach kann­te. Ich wider­stand der Ver­su­chung, nach­zu­schau­en, von was genau es han­del­te, denn was könn­te sich dar­aus schon für mich erschlie­ßen, selbst wenn mir wie­der ein­fal­len wür­de, doch vor vie­len Jah­ren einer Insze­nie­rung bei­gewohnt und die­sen Abend in der Zwi­schen­zeit ledig­lich ver­ges­sen zu haben? Als Nächs­tes erin­ner­te ich mich an eine Erzäh­lung Bert­rand Rus­sells, in der er eine sei­ner ers­ten Begeg­nun­gen mit Witt­gen­stein beschreibt. „Mein deut­scher Inge­nieur ist, befürch­te ich, ein Narr. Er ver­tritt die Mei­nung, nichts Empi­ri­sches sei erfass­bar. Ich bat ihn zuzu­ge­ben, dass sich kein Rhi­no­ze­ros im Raum befän­de, doch selbst das lehn­te er ab.“ Wie leicht schien es mir nach die­sem Traum, zuzu­ge­ben, dass sich kein Rhi­no­ze­ros im Raum befin­det, ver­gli­chen mit der umge­kehr­ten Erkennt­nis sei­nes Vor­han­den­seins, noch dazu im Zustand der Ago­nie, die man mehr oder min­der selbst ver­schul­det hat­te. Unwill­kür­lich dräng­te sich mir eine Para­bel in dem Sin­ne „Weil du mich gese­hen hast, Tho­mas, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glau­ben!“ auf, doch gelang es mir nicht, die­se Kon­struk­ti­on auch nur ansatz­wei­se zu durch­den­ken und in Wor­te zu fas­sen. Ein Zustand, der mir in mei­nem momen­ta­nen All­tag, und nicht nur in Bezug auf mei­ne Träu­me, mitt­ler­wei­le recht ver­traut war.

Plötz­lich sah ich mich nicht ein­mal mehr imstan­de, mit ein, zwei Sät­zen in mei­nem Kalen­der zu notie­ren, was ich am jewei­li­gen Tag unter­nom­men hat­te, wie es sonst mei­ne Ange­wohn­heit war.

Ich hat­te rela­tiv bald nach dem Tod mei­nes Vaters ange­fan­gen, mir eini­ge Din­ge zu notie­ren und war des­halb in einen unaus­ge­spro­che­nen Kon­flikt mit mei­ner The­ra­peu­tin gera­ten, da ich das Gefühl hat­te, sie akzep­tie­re die­sen Schreib­vor­gang nicht als eine ange­mes­se­ne Form der Trau­er­ar­beit, und mir bereits der Begriff „Trau­er­ar­beit“ pro­ble­ma­tisch erschien, denn wenn ich etwas nicht ver­spür­te, war es Trau­er, und wenn ich auf etwas kei­nen Wert leg­te, war es zusätz­li­che Arbeit. Ich hat­te beim Tod mei­ner Mut­ter vor zwei Jah­ren kei­ne Trau­er