Opportunismus, der sich bezahlt macht

Zu Recht ver­ges­sen: Franz Karl Ginz­key, Dich­ter von Hat­schi Brat­schis Luft­bal­lon. Von Kle­mens Renold­ner

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Er sei „einer die­ser Stil­len im öster­rei­chi­schen Lan­de, einer die­ser bes­ten Nach­fah­ren in der Stif­ter-Art“, sag­te einer über ihn, sein Ruhm sei „aus unend­lich viel lei­ser Lie­be zusam­men­ge­setzt und nicht aus papier­nem Lob“. So kann man media­le Nicht­be­ach­tung auch erklä­ren. Über­haupt sei sei­ne Welt „aus Stil­le gebaut, nur von Natur­ele­men­ten genährt“, bestimmt „von einem sehr ech­ten, aber gar nicht feind­se­li­gen Ein­sam­keits­ge­fühl“. Und so geht es dahin über drei Sei­ten im Nach­wort eines Reclam-Bänd­chens aus dem Jah­re 1924, wobei dem Ver­fas­ser noch die Autoren Grill­par­zer und von Saar ein­fal­len, in deren Tra­di­ti­ons­li­nie man das Werk des Stil­len bit­te sehen sol­le.

Franz Karl Ginzkey

Wen­dig­keit, je nach Bedarf, dar­in war Franz Karl Ginz­key groß und bei­spiel­haft.

Ste­fan Zweig war der Loben­de, Franz Karl Ginz­key der Stil­le. Die in dem Bänd­chen abge­druck­te Novel­le des Letz­te­ren, „Bri­git­te und Regi­ne“, mit klas­si­scher Rah­men­hand­lung, zuerst 1922 erschie­nen, han­delt von einem Schrift­stel­ler, einem gei­len Voy­eur, der Abend für Abend am Fens­ter hängt, um einer jun­gen Leh­re­rin im Hau­se vis-à-vis beim Aus­klei­den zuzu­se­hen. Als er ihr schließ­lich bei einer Berg­wan­de­rung buch­stäb­lich nach­steigt, um sie end­lich anspre­chen zu kön­nen, stürzt die­se in den Tod, was den Dich­ter in der Fol­ge dazu brin­gen wird, Damen in kör­per­en­ger Bade­mo­de nicht aus­ste­hen zu kön­nen. Und dar­an wird, kon­se­quent gedacht, eine wei­te­re Bezie­hung zu einer Frau schei­tern. Bedau­er­li­cher­wei­se hat Zweig uns nicht wis­sen las­sen, was das mit Grill­par­zer oder Stif­ter zu tun hat.

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Bemer­kens­wert ist auch: Bei­de Schrift­stel­ler haben im Jahr 1901 ihr ers­tes Buch, je einen Gedicht­band, ver­öf­fent­licht. Zweig war zwan­zig, Stu­dent im zwei­ten Semes­ter, Ginz­key schon drei­ßig, Mit­ar­bei­ter des mili­tär­geo­gra­phi­schen Insti­tu­tes der k. u. k. Armee, in dem man Land­kar­ten für künf­ti­ge Erobe­run­gen zeich­ne­te. Nicht still wird es um Ginz­key jedoch bis heu­te, und das hat mit sei­nem zwei­ten Buch zu tun, das älte­re Damen und Her­ren nicht ver­ges­sen haben, es heißt Hat­schi Brat­schis Luft­bal­lon und fand nach ver­geb­li­chen Bemü­hun­gen des Ver­fas­sers durch den beson­de­ren Eifer Zweigs 1904 einen Ver­lag. Die ers­te Epi­so­de die­ses Kin­der­bu­ches erhitzt bis heu­te die Gemü­ter, denn der böse Hat­schi Brat­schi hat einen dunk­len Teint, einen groß­mäch­ti­gen Tur­ban am Schä­del und er fängt ger­ne klei­ne Kin­der, die er zuerst beißt und danach ins Tür­ken­land bringt, „da hilft kein Schrei’n und Wei­nen, kein Stram­peln mit den Bei­nen!“ Für die­ses unsitt­li­che Ansin­nen erfährt Hat­schi Brat­schi jedoch ein paar Sei­ten wei­ter sei­ne gerech­te Stra­fe und stürzt kopf­über in einen güns­ti­ger­wei­se bereit­ste­hen­den Brun­nen.

Hans Magnus Enzens­ber­ger erklär­te 2004 in der FAZ „Hat­schi Brat­schi“ zu sei­nem Lieb­lings­buch.

Karl-Mar­kus Gauß und vie­le ande­re haben in den ver­gan­ge­nen zwan­zig Jah­ren – mit Recht – den Ras­sis­mus Ginz­keys kri­ti­siert, wor­auf die Erben zu mehr­fach revi­dier­ten Fas­sun­gen ihre Zustim­mung gaben. Hans Magnus Enzens­ber­ger hin­ge­gen erklär­te 2004 in der FAZ Hat­schi Brat­schi zu sei­nem Lieb­lings­buch: „Das Buch war näm­lich gereimt, es hat­te schö­ne Bil­der und han­del­te von Zau­be­rern, Hexen und Men­schen­fres­sern. […] Nur dem Buch war ein gräss­li­ches Schick­sal beschie­den. Nichts­wür­di­ge Ver­le­ger haben es ver­stüm­melt, blö­de Illus­tra­to­ren ver­fälscht, päd­ago­gi­sche Auf­se­her kas­triert, und am Ende wur­de es ganz aus dem Ver­kehr gezo­gen, weil es ja, wie jeder auf­ge­klär­te Mensch weiß, gar kei­ne Hexen gibt und kei­ne Zau­be­rer im Mor­gen­land und erst recht kei­ne Men­schen­fres­ser in Afri­ka, und weil man scharf auf­pas­sen muss, dass die klei­nen Kin­der nicht