Fragebogen: Uwe Wittstock

Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te.

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Las­sen Sie mich mit einer Geschich­te ant­wor­ten: Kürz­lich ver­öf­fent­lich­te Thi­lo Sar­ra­zin ein neu­es Buch, und ich bekam Gele­gen­heit ihn zu besu­chen, um ein Por­trät über ihn zu schrei­ben. Auch wenn man Sar­ra­zin nicht mag, muss man zuge­ben dass er ein bele­se­ner Mann ist. Über­all im Haus wach­sen Bücher­re­ga­le die Wän­de hoch vol­ler Lite­ra­tur: Klas­si­ker, Roma­ne, Erzäh­lun­gen. Wir spra­chen über eini­ge Autoren, wir waren nicht immer einer Mei­nung, aber sei­ne lite­ra­ri­schen Ansich­ten waren durch­dacht und kom­pe­tent. Dann spra­chen wir über sein Buch, dar­über, dass er nicht die gerings­te Ver­pflich­tung dazu sieht, Flücht­lin­gen aus ande­ren Län­dern in Deutsch­land Zuflucht zu gewäh­ren, und mehr noch: dass er es offen­kun­dig noch nicht ein­mal bedau­ert, Not­lei­den­de abzu­wei­sen.
Aber wofür, frag­te ich mich in Sar­ra­zins Gäs­te­ses­sel, wofür all die­se end­lo­sen Bücher­wän­de, all die­ser lite­ra­ri­sche Bil­dungs­ei­fer, wenn dabei nichts ande­res her­aus­kommt als rhe­to­risch glän­zend ver­pack­te Mit­leid­lo­sig­keit? In gewis­ser Hin­sicht erin­nert Sar­ra­zin an Alex­an­der Gau­land, den Vize­chef der AfD: Auch der ein hoch­kul­ti­vier­ter, hoch­be­le­se­ner Kon­ser­va­ti­ver mit dem mora­li­schen Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl eines Klei­der­bü­gels. Einer der deut­schen Klas­si­ker, auf die sich Sar­ra­zin und Gau­land so gern beru­fen, hieß Fried­rich Schil­ler. Er glaub­te fest an die „ästhe­ti­sche Erzie­hung des Men­schen“, also dar­an, dass Kunst und Bil­dung die Leu­te nicht nur zu klu­gen, son­dern auch zu guten, zu mit­füh­len­den, Anteil neh­men­den Zeit­ge­nos­sen machen.
Ende der Geschich­te. Was betrach­te ich als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik? Schön wäre es, wenn Lite­ra­tur­kri­tik dazu bei­trägt, dass Lite­ra­tur die­se beson­de­re Fähig­keit ent­fal­ten kann, die Schil­ler an ihr zu ent­de­cken glaub­te. Tat­säch­lich hat die Lite­ra­tur die unge­wöhn­li­che Fähig­keit, Men­schen zur Ein­füh­lung in ande­re Men­schen zu ver­füh­ren, sie an den see­li­schen Vor­gän­gen Frem­der teil­ha­ben zu las­sen. Ob das aus­reicht, sie zu mit­füh­len­den, Anteil neh­men­den Zeit­ge­nos­sen zu machen, wie Schil­ler hoff­te? Ich weiß es nicht, der Besuch bei Sar­ra­zin war ein ernüch­tern­des Erleb­nis.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Lite­ra­tur spiel­te mal als gesell­schaft­li­ches Leit­me­di­um eine gro­ße Rol­le. Heu­te bie­tet es kaum noch gesell­schaft­li­che Vor­tei­le, Lite­ra­tur zu lesen. Unter die­sen Bedin­gun­gen die Auf­merk­sam­keit für Lite­ra­tur zu erhal­ten, Kom­mu­ni­ka­ti­on über Lite­ra­tur her­zu­stel­len, Leser für sie zu gewin­nen, zählt für mich zu den gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen heu­te. Zu den Pro­ble­men zäh­len sicher die schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen: Wenig Platz in Zei­tun­gen oder Sen­de­an­stal­ten, gerin­ge Hono­ra­re für Kri­ti­ker.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ker?
Ja, klar. Im Ide­al­fall ver­fügt der Kri­ti­ker über jede lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che oder sons­ti­ge theo­re­ti­sche Kom­pe­tenz, die dabei hilft, das jewei­li­ge Buch mög­lichst ange­mes­sen zu beur­tei­len und dem Leser vor­zu­stel­len. Aller­dings: Es gibt nur Annä­he­run­gen an den Ide­al­fall, erreicht wird er nie.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Mar­cel Reich-Rani­cki. Er war (und ist) der tem­pe­ra­ment­volls­te und wirk­mäch­tigs­te deut­sche Kri­ti­ker. Hans Magnus Enzens­ber­ger ist wahr­schein­lich einer der klügs­ten. Ulrich Wein­zierl ist ein Freund, den ich für sei­ne schier end­lo­sen Kennt­nis­se und sei­nen ele­gan­ten Witz schät­ze. Vol­ker Wei­der­mann für sei­ne rhe­to­ri­sche Ver­ve. Chris­ti­ne Wes­ter­mann für ihre Mensch­lich­keit. Vol­ker Hage und Ulrich Grei­ner für ihre Genau­ig­keit und Kom­pe­tenz.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen? Wie vie­le haben Sie gele­sen?
Ich habe kei­nen blas­sen Schim­mer. Der Erwerb lite­ra­tur­kri­ti­scher Fähig­kei­ten steht, gebe ich zu beden­ken, ver­mut­lich nicht in direk­ter Rela­ti­on zu Lek­tü­re­quan­ti­tä­ten.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Im Durch­schnitt eine pro Woche. In letz­ter Zeit mehr, da ich eine wöchent­li­che Kolum­ne füt­tern muss. Vie­le ande­re Bücher fan­ge ich nur zu lesen an und höre auf, sobald ich mer­ke, dass sie mich nicht inter­es­sie­ren.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Reich-Rani­cki hat es geliebt, sol­che Lis­ten zusam­men­zu­stel­len. Ich mag es nicht.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Sobald die Zeit es zulässt, grei­fe ich auf Klas­si­ker zurück. Das hilft, die lite­ra­tur­kri­ti­schen Maß­stä­be zurecht­zu­rü­cken. Es ist immer wie­der ein Ver­gnü­gen zu sehen, was ech­te Meis­ter auf dem Papier zustan­de gebracht haben.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ker je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Sobald ich in die Ver­le­gen­heit kom­me, alte Kri­ti­ken von mir zu lesen, wer­de ich skep­tisch. Waren die Bücher wirk­lich so gut/so schlecht, wie ich damals geschrie­ben habe? Ich den­ke, Skep­sis ist immer eine gute Hal­tung beim Lesen von Kri­ti­ken, auch der eige­nen. Aber „grund­le­gend revi­die­ren“ muss­te ich bis­lang kei­ne – viel­leicht des­halb, weil die Anläs­se, die dazu zwin­gen, eine Kri­tik nach Jah­ren noch ein­mal ein­ge­hend zu über­prü­fen, sel­ten sind.

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Uwe Witt­stock, gebo­ren 1955 in Leip­zig, war Lite­ra­tur­kri­ti­ker bei der FAZ und der Welt und ist gegen­wär­tig Lite­ra­tur-Redak­teur des Nach­rich­ten­ma­ga­zins Focus.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2016

Online seit: 8. Sep­tem­ber 2016

Online seit: 8. Sep­tem­ber 2016

Zuletzt geän­dert: 8. Sep. 2016