Fragebogen: Mara Delius

Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te
Mara Delius © Jakob Hoff / Die Welt

Mara Deli­us: „Ich beob­ach­te bei eini­gen Kol­le­gen die Nei­gung, schnell in das Bedeu­tungs­ver­lust-Karao­ke des Betriebs ein­zu­stim­men.“
Foto: Jakob Hoff / Die Welt

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Die Welt der Bücher als eine der Ideen zu öff­nen, mit ver­spiel­ter Ernst­haf­tig­keit. Und: Sich aber dabei nicht erschre­cken zu las­sen von der Viel­falt der For­men, die es heu­te dafür gibt. Der gelehr­te Essay kann neben der Video-Rezen­si­ons-Kolum­ne ste­hen oder der Insta­gram-Kurz­kri­tik, wenn sie von einem durch­dach­ten, leben­di­gen Rah­men zusam­men­ge­hal­ten wer­den.

Was sind die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen und Pro­ble­me für die Kri­tik heu­te?
Ver­un­si­che­rung und Selbst­zwei­fel. Ich beob­ach­te bei eini­gen Kol­le­gen die Nei­gung, schnell in das Bedeu­tungs­ver­lust-Karao­ke des Betriebs ein­zu­stim­men und, als Kon­se­quenz davon, sich selbst ent­we­der etwas zu ernst zu neh­men oder sich selbst nicht mehr ganz ernst zu neh­men. Ich bin Teil der selt­sa­men Ana­log-Digi­tal-Hybrid-Gene­ra­ti­on. Das heißt: Ich erin­ne­re mich noch an Fest­netz­te­le­fo­ne, den Gong der Tages­schau und dar­an, wie mor­gens, wenn ich zur Schu­le fuhr, drei dicke Zei­tun­gen auf der Tür­schwel­le lagen. Und spä­ter an Schirr­ma­cher, den aus­dau­ern­den Hand­schlag von Hen­ning Rit­ter, die schnar­ren­den Anru­fe von Mar­cel Reich-Rani­cki; das 20. Jahr­hun­dert war noch nicht vor­bei. Heu­te kann ich jeden mei­ner Tex­te unmit­tel­bar live aus­wer­ten las­sen: wie vie­le Leser er hat, was gele­sen wird, was nicht, wer liest, die Ord­nung der Gedan­ken durch den Andruck, die Dead­line ver­schwin­det, alles muss immer schon ges­tern fer­tig gewe­sen sein. Die Kri­tik ist trans­pa­rent gewor­den, der Kri­ti­ker ist nicht mehr allein. Ist das ein Pro­blem? Nein, aber man muss sein kri­ti­sches Gefühl anders jus­tie­ren als das in der Gene­ra­ti­on vor mei­ner. Von all dem abge­se­hen: Die größ­te Her­aus­for­de­rung ist, Lite­ra­tur und Lebens­welt mit­ein­an­der in ein intel­lek­tu­el­les Gespräch zu brin­gen, ohne dass es die Home­sto­ry­sie­rung der Kri­tik bedeu­tet.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit?
Unbe­dingt. Aber nicht ein­zel­ne Theo­rien, eher das Bewusst­sein für eine Form, die es zu beschrei­ben und von ande­ren zu unter­schei­den gilt.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Wil­ly Haas, der ja eigent­lich kein Lite­ra­tur­kri­ti­ker war und viel­leicht gera­de des­we­gen sei­ne Lite­ra­ri­sche Welt so spie­le­risch gestal­ten konn­te; Karl Heinz Boh­rer für sein Fest­hal­ten dar­an, dass die Lite­ra­tur eige­nen ästhe­ti­schen Geset­zen folgt, die es zu ergrün­den gilt, auch wenn es mit­un­ter bedeu­tet, mit dem Rücken zum Leser zu schrei­ben; Maxim Bil­ler für sei­ne eigen­wil­li­ge Ver­bin­dung von Uner­bitt­lich­keit, Neu­gier­de und Witz. In mei­ner Gene­ra­ti­on: Katha­ri­na Teutsch, Marie Schmidt, Insa Wil­ke, Julia Encke.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen? Wie vie­le haben Sie gele­sen?
Wenn Sie schon so fra­gen, gebe ich Ihnen eine Mari­lyn-Mon­roe-Ant­wort! Unge­fähr 189.867. Ich selbst: 189.864 oder 189.865.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Immer zu weni­ge und immer zu vie­le.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Mit 15 oder 16 ertapp­te mich mei­ne Leh­re­rin auf einer Klas­sen­fahrt mit Sar­tres Ekel, besorgt wur­de ich befragt, ob ich das Welt­bild des Autors tei­le. Mir gefiel das Buch, sei­ne Stim­mung, auch der war­me, stau­big-hol­zi­ge Geruch der roten Rowohlt-Taschen­buch­aus­ga­be aus dem Regal mei­ner Eltern. Als Kri­ti­ke­rin schät­ze ich die Autoren, die man, weil sie ihr Schrei­ben ernst neh­men und mit ihm exis­ten­zi­ell zu rin­gen schei­nen, auch ernst neh­men muss: als Künst­ler.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Ein Aus­schnitt aus der letz­ten Woche: Hil­ke Rad­datz, Hel­mut das Erd­fer­kel, Ken­neth Gra­ha­me, Der Wind in den Wei­den, Tomi Unge­rer, War­wick und die drei Fla­schen. Eine alte Times, zwei Post­kar­ten, drei Sei­ten eines unge­le­se­nen Klas­si­kers, Auto­an­zei­gen, die fran­zö­si­sche Vogue, einen zer­fled­der­ten Band der New Left Review. Aber so gut wie alles in mei­nem Leben hat auch mit mei­nem Beruf zu tun, zum Glück.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rin je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Liegt nicht die Schön­heit und der Schre­cken der Kri­tik dar­in, dass sich Urtei­le, wenn sie ein­mal in der Welt sind, eben nicht mehr so leicht zurück­neh­men las­sen? Mit der grund­le­gen­den Revi­si­on fan­ge ich an, wenn ich 60 bin.

 

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Mara Deli­us, gebo­ren 1979, schrieb unter ande­rem für die FAZ und das Stand­point Maga­zi­ne, ab 2011 arbei­te­te sie für das Feuil­le­ton der Welt, deren Lite­ra­tur­bei­la­ge „Lite­ra­ri­sche Welt“ sie seit 2017 lei­tet. Am 18. Okto­ber wird sie mit dem Juli­us-Cam­pe-Preis aus­ge­zeich­net.

Quel­le: VOLLTEXT 3/2019

Online seit: 17. Okto­ber 2019

Online seit: 17. Okto­ber 2019

Zuletzt geän­dert: 11. Dez. 2019