Fragebogen: Hildegard E. Keller

Lite­ra­tur­kri­tik heu­te

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Gute Lite­ra­tur her­vor­he­ben, an- und aus­leuch­ten. Schlech­te Lite­ra­tur mit einem Warn­schild ver­se­hen. Wei­ter­hin an die gol­de­nen Haa­re auf dem Kopf des Teu­fels glau­ben.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Die Erwar­tung des Publi­kums, in jedem Fall etwas Bemer­kens­wer­tes zu hören oder zu lesen, im Guten, wie im Schlech­ten. Neue­ren Datums ist das Aus­ko­chen des Publi­kums unter Hoch­druck. Die Medi­en damp­fen es gar. Mehr Tra­di­ti­on haben Klein­gläu­big­keit und Selbst­über­schät­zung auf allen Sei­ten des Lite­ra­tur­be­triebs.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ke­rIn?
Im Hin­ter­grund schon, sie sen­si­bi­li­sie­ren für Les­ar­ten, sie hel­fen neue ent­wi­ckeln, aber im Tages­ge­schäft hel­fen sie im Grun­de nur mäßig: Sie machen kein ein­zi­ges Buch bes­ser oder schlech­ter. In sel­te­nen Fäl­len kann man mit ihrer Hil­fe den Leser stär­ker auf die Sei­te des Buches oder sei­ner Autorin zie­hen, aber es ist halt so: Ent­we­der ist ein Buch span­nend, inspi­rie­rend oder groß­ar­tig oder eben nicht. Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien hel­fen eher, wenn man Grün­de zitie­ren muss, um ein Buch schlecht zu fin­den.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Die ver­klei­de­ten Lite­ra­tur­kri­ti­ker der Vor­mo­der­ne, bei­spiels­wei­se Johann Fisch­art, der sich gna­den­los ein­ver­leib­te, was ihm zum spie­le­ri­schen Expe­ri­ment taug­lich schien. Jor­ge Luis Bor­ges, weil sei­ne lite­ra­tur­kri­ti­schen Essays sei­nen Dün­kel und sei­ne Bele­sen­heit glei­cher­ma­ßen zei­gen. Man­fred Papst, weil er Scharf­sinn mit Her­zens­bil­dung ver­bin­det. Sieg­lin­de Gei­sel, weil sie streng und unbe­stech­lich ist und des­halb sieht, wie nackt der Kai­ser in sei­nen neu­en Klei­dern ist.

Wie vie­le Bücher muss ein/e Kri­ti­ke­rIn gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen?
Von mei­nem sehr geschätz­ten ehe­ma­li­gen Pro­fes­sor Alo­is Maria Haas habe ich gehört, es sei­en genau 977, aber das ist mir zu kab­ba­lis­tisch. Bei Harold Bloom habe ich gele­sen, es sei­en exakt  9 mal 9 mal 9, also 729, aber das ist noch viel kab­ba­lis­ti­scher.  Ich neh­me den mathe­ma­ti­schen Mit­tel­wert: 853.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Etwa 50 bis 70.

Wel­che AutorIn­nen haben Sie mit 15 geschätzt?
Was ich geschenkt bekam. Das Gefäng­nis­ta­ge­buch, aus­ge­rech­net, der Lui­se Rin­ser. Der Stum­me von Otto F. Wal­ter und eine Antho­lo­gie mit Erzäh­lun­gen von Hein­rich Böll.

Wel­che AutorIn­nen schät­zen Sie heu­te?
Jen­ny Erpen­beck, Richard Fla­na­gan, Ange­li­ka Ove­r­ath, Robert Wal­ser, Marie-Lui­se Sche­rer, Judith Zan­der, Juli­an Bar­nes.

Was lesen Sie, wenn es nicht mit dem Beruf zu tun hat?
Leich­te Essays. Ame­ri­ka­ni­sche, deutsch­spra­chi­ge und argen­ti­ni­sche Blogs.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rIn je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Ja, ich habe Ben­no Mau­rers Das Kama­su­tra des Wald­ar­bei­ters gründ­lich miss­ver­stan­den. Es ist dar­in nicht das Schei­tern der ero­ti­schen Bezie­hun­gen der Wald­ar­bei­ter, son­dern das Sägen ohne Auf­trag … tja, ich schä­me mich heu­te ein wenig.

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Hil­de­gard E. Kel­ler, gebo­ren 1960 in St. Gal­len, ist Pro­fes­so­rin für Deut­sche Lite­ra­tur an den Uni­ver­si­tä­ten Bloomington/Indiana und Zürich. Im Herbst 2015 erscheint ihre Bio­gra­fie der argen­ti­ni­schen Autorin Alfon­si­na Stor­ni (Dis­tel im Wind, Lim­mat).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2015

Online seit: 17. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 18. Jan. 2016