Wortkunst statt Belletristik

Ist das Erbe der Avant­gar­den zu ret­ten? Von Felix Phil­ipp Ingold

Fast wäre es zu einer lite­ra­ri­schen Grund­satz­de­bat­te gekom­men, als im ver­gan­ge­nen Früh­som­mer der Ger­ma­nist Moritz Baß­ler mit einer rasan­ten Pau­schal­kri­tik an der aktu­el­len deutsch­spra­chi­gen Bel­le­tris­tik Furo­re mach­te. Doch mehr als ein kurz­fris­ti­ges „Furo­re“ hat sei­ne Inter­ven­ti­on („Der neue Mid­cult“, Pop. Kul­tur und Kri­tik, XVIII) nicht erbracht. Der Grund dafür dürf­te dar­in lie­gen, dass sich Baß­ler vor­zugs­wei­se an Wer­ken popu­lä­rer Unter­hal­tungs­bel­le­tris­tik abar­bei­tet, und nicht an jener ambi­tio­nier­ten Lite­ra­tur­pro­duk­ti­on, die vom Feuil­le­ton zumeist unkri­tisch prä­sent gehal­ten wird, obwohl sie sich ins­ge­samt – in the­ma­ti­scher wie in for­ma­ler Hin­sicht – nicht wesent­lich vom gän­gi­gen Pop­kitsch unter­schei­det.

Kitsch? Baß­ler prä­zi­siert: „Die­ser Kitsch ent­steht, wenn immer schon vor­aus­ge­setzt und der Ziel­grup­pe klar ist, was rele­vant und rich­tig ist; wenn die ent­spre­chen­de Arbeit nicht geleis­tet wird, eine Arbeit an Form und Kon­text.“ Und noch eine Prä­zi­sie­rung: „… es gibt die­sen Kitsch nicht nur pro­duk­ti­ons­sei­tig, in Form von Gedich­ten oder Roma­nen, son­dern auch rezep­ti­ons­sei­tig.“ Das heißt mit andern Wor­ten, dass auch Kri­tik und Publi­kum zur Popu­la­ri­sie­rung sol­cher Lite­ra­tur bei­tra­gen; und sol­che Lite­ra­tur ist nun eben heut­zu­ta­ge tat­säch­lich die „gän­gi­ge“, die viel­fach belo­big­te, die „aus­ge­zeich­ne­te“, eine Lite­ra­tur, die sich mehr­heit­lich in eine The­men- bzw. Pro­blem­bla­se zurück­ge­zo­gen hat, in der vor­ran­gig – bald in doku­men­ta­ri­scher Auf­rich­tig­keit, bald in halb­fik­tio­na­ler Dar­bie­tungs­wei­se – von eige­nen Befind­lich­kei­ten die Rede ist, von Her­kunft, fami­liä­rer Prä­gung, von Ent­beh­rung, Miss­brauch, Tren­nung, Dro­gen, Krank­heit, Flucht, Fremd­sein, mit­hin vom eige­nen Unheil, das nicht sel­ten zum Unheil der Welt mutiert.

Das Inter­es­se an Sprach­form und  ‑qua­li­tät lite­ra­ri­scher Tex­te ist bei Autoren, Kri­ti­kern, Lesern glei­cher­ma­ßen gering.

Gemein­hin wer­den Tex­te die­ser Art mit Adjek­ti­ven wie „authen­tisch“, „ehr­lich“, „wirk­lich­keits­nah“, „ein­drück­lich“, „span­nend“ cha­rak­te­ri­siert, gele­gent­lich auch als „anrüh­rend“ oder gar „erschüt­ternd“. Dass die ent­spre­chen­den Plots durch­wegs pro­blem­los nach­zu­voll­zie­hen, zu ver­ste­hen und zu resü­mie­ren sind, wirkt sich auf ihre Ver­brei­tung (Best­sel­ler­lis­te) natur­ge­mäß eben­so posi­tiv aus wie auf ihre Erfolgs­chan­cen (Bes­ten­lis­te).

Dass frei­lich auch der­ar­ti­ge Befind­lich­keits- und Bericht­erstat­tungs­bel­le­tris­tik nicht allein aus Emo­tio­nen gemacht ist, dass sie