Was noch lesen? Wie noch schreiben? Und wozu?

Beob­ach­tun­gen und Nota­te am Rand der Frank­fur­ter Buch­mes­se. Von Felix Phil­ipp Ingold

„Schon wäh­rend des Lesens fan­ge ich an zu ver­ges­sen, und die­ser Pro­zess, der unver­meid­lich ist, setzt sich so lan­ge fort, bis ich irgend­wann wie­der an dem Punkt bin, als hät­te ich das Buch nicht gele­sen …“ – Pierre Bayard

 

I. Je mehr des­to mehr!

Der Tri­umph der gro­ßen Zahl ist längst zur geheim­nis­lo­sen Aura des Lite­ra­tur­be­triebs gewor­den und behaup­tet sich, hier wie anders­wo, als signi­fi­kan­tes, wenn auch obso­le­tes Qua­li­täts­merk­mal: Das mehr­heit­li­che Lese­pu­bli­kum hält die meist­ver­kauf­ten Bücher beden­ken­los für die bes­ten, wes­halb sich Bes­ten­lis­ten und Best­sel­ler­lis­ten mehr und mehr anglei­chen.

Die Frank­fur­ter Buch­mes­se führt die­sen zwie­späl­ti­gen Tri­umph all­jähr­lich vor Augen, wenn die jeweils aktu­el­len Pro­duk­ti­ons­zif­fern ver­öf­fent­licht wer­den. Rund 80.000 Neu­erschei­nun­gen waren im vori­gen Jahr zu ver­zeich­nen, mehr als 30 Pro­zent davon im Markt­seg­ment der Bel­le­tris­tik. Die ent­spre­chen­den Umsät­ze wer­den bis zum Jah­res­en­de cir­ca neun Mil­li­ar­den Euro errei­chen – auch das ist bloß eine Zahl, dar­über hin­aus eine unvor­stell­bar hohe Sum­me, die die epo­cha­le Kri­se, in der sich das Buch und der Buch­han­del angeb­lich befin­den, eigent­lich doch demen­tiert.

Die Lis­te der Nobel­preis­trä­ger bestä­tigt, dass auch höchs­te aka­de­mi­sche Gre­mi­en beim Jurie­ren oft­mals über­for­dert sind.

Die wei­ter­hin zuneh­men­de Pro­duk­ti­on stellt die Rezi­pi­en­ten – Redak­teu­re, Kri­ti­ker, Mode­ra­to­ren, Juro­ren und auch das gewöhn­li­che Lese­pu­bli­kum – natur­ge­mäß vor enor­me, letzt­lich nicht zu bewäl­ti­gen­de Pro­ble­me: Wer soll und kann aus Tau­sen­den von Titeln jene paar Dut­zend ermit­teln, die sich dann als wirk­lich lesens­wert erwei­sen und allen­falls dazu tau­gen, bespro­chen oder gar aus­ge­zeich­net zu wer­den? Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen muss man gele­sen haben, um über die lau­fen­de lite­ra­ri­sche Sai­son Bescheid zu wis­sen? Um als Juror oder Rezen­sent objek­tiv argu­men­tie­ren und urtei­len zu kön­nen? Und wie viel Lese­zeit (die ja immer auch Lebens­zeit ist) kann über­haupt in die aktu­el­le Pro­duk­ti­on inves­tiert wer­den?

Oder noch­mals anders gefragt, ele­men­tar: Wie vie­le Tex­te unter den Aber­tau­sen­den, die von Mes­se zu Mes­se erschei­nen, las­sen sich eini­ger­ma­ßen adäquat bewäl­ti­gen? Die Rede ist hier von Sach­ver­stän­di­gen, die dem Lite­ra­tur­be­trieb zuzu­die­nen, ihn zu unter­hal­ten und auch zu regu­lie­ren haben.

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Ange­sichts der schie­ren Über­fül­le des Ange­bots bleibt die Aus­le­se, so oder anders, weit­ge­hend dem Zufall über­las­sen, selbst dann, wenn aner­kann­te Auto­ri­tä­ten und ein­schlä­gi­ge Medi­en sich als Ori­en­tie­rungs­hil­fe anbie­ten – auch sie ver­mö­gen die Quan­ti­tät nicht durch objek­ti­ve Qua­li­täts­vor­ga­ben zu sor­tie­ren und dem­entspre­chend „das Bes­te“ her­aus­zu­stel­len: per­sön­li­ches Gut­dün­ken, Vor­ur­tei­le, Abnei­gun­gen blei­ben durch­wegs bestim­mend, bei pro­fes­sio­nel­len Lite­ra­tur­ver­mitt­lern eben­so wie beim min­der­heit­li­chen Publi­kum, das Bücher über­haupt noch – und sei’s in gerings­tem Umfang – zur Kennt­nis nimmt.

Dass auch bei der Ver­ga­be von Lite­ra­tur­prei­sen oft­mals nicht künst­le­ri­sche Qua­li­tä­ten aus­schlag­ge­bend sind, son­dern außer­li­te­ra­ri­sche (poli­ti­sche, ideo­lo­gi­sche, regio­na­le, alters- oder geschlechts­spe­zi­fi­sche) Vor­aus­set­zun­gen und – in all­zu vie­len Fäl­len – pri­va­te Bezie­hun­gen, ist weit­hin bekannt, und es kann auch gar nicht anders sein, weil kein Juror, kei­ne Juro­rin in der Lage ist, auf­grund eige­ner gründ­li­cher Lek­tü­re eine Long­list zu einer Short­list zu ver­dich­ten und die­se pro­fes­sio­nell abzu­ar­bei­ten, bis der Preis­trä­ger fest­steht. Die Bana­li­tät so man­cher Lau­da­tio macht die dies­be­züg­li­chen juro­ri­schen Män­gel offen­kun­dig, und nicht zuletzt die Lis­te der Nobel­preis­trä­ger mit ihren unbe­greif­li­chen Lücken und ihren eben­so unbe­greif­li­chen Fehl­be­set­zun­gen bestä­tigt, dass auch höchs­te aka­de­mi­sche Gre­mi­en beim Jurie­ren oft­mals über­for­dert sind.

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Auch ich selbst – pri­vat wie beruf­lich, frei­wil­lig und not­wen­di­ger­wei­se ein Viel­le­ser – bin bei der Aus­wahl neu­er Lek­tü­ren auf Weg­lei­tung ange­wie­sen. Sol­che Weg­lei­tung bie­tet einer­seits, mit grund­sätz­lich posi­ti­vem Vor­ur­teil, die Wer­bung, ande­rer­seits das Feuil­le­ton (Pres­se, Radio, TV) mit wer­ten­den Bespre­chun­gen, die nach­fol­gend in Kurz­fas­sung via www.perlentaucher.de zusätz­lich ver­brei­tet und von Ver­lags­sei­te durch Lese­pro­ben ergänzt wer­den. Doch auch so blei­ben Neu­erschei­nun­gen groß­mehr­heit­lich unge­le­sen, zwei, drei Dut­zend wer­den allen­falls ange­blät­tert, ledig­lich vier bis fünf pro Sai­son kön­nen (neben andern Lek­tü­ren) seri­ös zur Kennt­nis genom­men wer­den.

Genügt es, ein kri­tisch zu bespre­chen­des Buch über­flo­gen zu haben, um ihm bezie­hungs­wei­se sei­nem Autor gerecht zu wer­den?

Mit solch deso­la­ten Vor­aus­set­zun­gen muss sich wohl jeder Lite­ra­tur­ver­mitt­ler abfin­den, egal, ob er – oder sie – das Tages­feuil­le­ton mit Bespre­chun­gen bedient, einer Jury als Refe­rent und Rich­ter bei­sitzt oder lite­ra­ri­sche Work­shops und Fes­ti­vals kura­tiert. Der ein­fa­che Leser hat es dies­be­züg­lich zwei­fel­los leich­ter: Er darf sich der Lek­tü­re (da er nicht dar­über berich­ten, nicht öffent­lich dar­über urtei­len muss) nach eige­nem Belie­ben und Ver­mö­gen wid­men, darf lesen, was er mag und wie er kann, wobei es ihm unbe­nom­men bleibt, einem so dif­fu­sen Kri­te­ri­um wie dem sub­jek­ti­ven „Geschmack“ zu fol­gen – nie­mand wird von ihm erwar­ten, dass er beim Lesen Kunst und Kitsch aus­ein­an­der­hält, dass er Stil- oder Ideo­lo­gie­kri­tik übt .

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Das Pro­blem der gro­ßen Zahl ist letzt­lich allein für Lite­ra­tur­schaf­fen­de und Lite­ra­tur­ver­mitt­ler rele­vant – für die Autoren des­halb, weil sie davon abhän­gig sind und des­halb dar­an inter­es­siert sein müs­sen, in irgend­ei­ne „Aus­wahl“ zu gelan­gen, das heißt unter unzäh­li­gen Kol­le­gen (die dann not­wen­di­ger­wei­se zu Kon­kur­ren­ten wer­den) eigens her­aus­ge­stellt zu wer­den, sei’s durch Bespre­chun­gen oder durch Ein­la­dun­gen zu Lese­rei­sen, sei’s durch die Ver­ga­be von Prei­sen, Werk­bei­trä­gen oder Sti­pen­di­en.

Im Unter­schied zu den Autoren, die auf all­fäl­li­ge Aus­zeich­nun­gen nur ein­fach war­ten kön­nen und bes­ten­falls hof­fen dür­fen, dass ihnen aus per­sön­li­chen lite­ra­tur­be­trieb­li­chen Bezie­hun­gen gewis­se Vor­tei­le erwach­sen, müs­sen die Ver­mitt­ler und Mul­ti­pli­ka­to­ren selbst tätig wer­den, müs­sen aus dem Groß­an­ge­bot die paar weni­gen Titel extra­hie­ren, auf die sie emp­feh­lend oder ableh­nend hin­wei­sen wol­len – ihre Her­aus­for­de­rung besteht dar­in, die jewei­li­ge (ob posi­ti­ve oder nega­ti­ve) Aus­le­se auf knap­pem, ja immer knap­per wer­den­dem Raum plau­si­bel zu machen, und dies nach wie vor in der kon­ven­tio­nel­len Form von Bespre­chun­gen, Essays, Inter­views.

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Die poli­tisch inkor­rek­te Fra­ge, ob und inwie­weit Rezen­sen­ten und ande­re Lite­ra­tur­ver­mitt­ler die Tex­te tat­säch­lich gele­sen haben, über die sie in den Medi­en refe­rie­ren oder dis­ku­tie­ren, bleibt in aller Regel dahin­ge­stellt. Manch ein Außen­ste­hen­der mag erstaunt sein dar­über, dass selbst tau­send­sei­ti­ge Wäl­zer – und sol­che erschei­nen neu­er­dings zuhauf – oft gleich nach Erschei­nen wort­reich bespro­chen wer­den, obwohl doch allein schon die auf­merk­sa­me Lek­tü­re solch anspruchs­vol­ler Wer­ke Wochen in Anspruch neh­men müss­te.

Die sich auf­drän­gen­de Ver­mu­tung, die Tex­te sei­en ledig­lich dia­go­nal durch­ge­nom­men, im Detail aber nicht aus­ge­lo­tet wor­den, bestä­tigt sich zumeist dar­in, dass in aller Regel schlicht deren Inhalt resü­miert wird (was sich leicht als Para­phra­se von Vor­schau- und Wer­be­tex­ten bewerk­stel­li­gen lässt), wäh­rend künst­le­ri­sche Qua­li­tä­ten (Kom­po­si­ti­on, Stil, Per­so­nen- oder Gegen­stands­dar­stel­lung) außer Acht blei­ben. Beim Sach­buch wie­der­um stellt sich bei der Rezen­si­on das Pro­blem, dass lang­fris­tig ein­ge­brach­te, oft recht kom­ple­xe For­schungs­er­trä­ge kurz­fris­tig auf­ge­ar­bei­tet und bewer­tet wer­den müs­sen. Auch hier ver­hin­dert der Aktua­li­täts­druck die detail­lier­te Lek­tü­re und damit die adäqua­te kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung.

Letzt­lich hat nie­mand irgend­ein Buch jemals zur Gän­ze gele­sen, kein Lite­ra­tur­lieb­ha­ber und auch kein pro­fes­sio­nel­ler Lite­ra­tur­ver­mitt­ler.

Damit stün­de denn auch unab­wend­bar die Berufs­ethik der Lite­ra­tur­ver­mitt­lung ins­ge­samt zur Debat­te. Doch wer soll­te an die­ser Debat­te inter­es­siert sein, da der Sach­zwang der gro­ßen Zahl nicht zu umge­hen, nicht ein­mal zu rela­ti­vie­ren ist? Ist denn aber, so wäre grund­sätz­lich zu fra­gen, nicht über­haupt davon aus­zu­ge­hen, dass bespro­che­ne Bücher in ihrer über­wie­gen­den Mehr­heit unge­nau und unvoll­stän­dig gele­se­ne Bücher sind? Genügt es (wie es viel­fach der Fall ist), ein kri­tisch zu bespre­chen­des oder juro­risch zu begut­ach­ten­des Buch über­flo­gen zu haben, um ihm bezie­hungs­wei­se sei­nem Autor gerecht zu wer­den?

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Das Pro­blem defi­zi­en­ter Lek­tü­re und die damit ver­bun­de­ne Pein­lich­keit sind im Übri­gen leicht zu behe­ben durch die sach­li­che Fest­stel­lung, dass letzt­lich nie­mand irgend­ein Buch jemals zur Gän­ze gele­sen hat, kein Lite­ra­tur­lieb­ha­ber und auch kein pro­fes­sio­nel­ler Lite­ra­tur­ver­mitt­ler. Der Grund dafür liegt ganz ein­fach dar­in, dass jede Lek­tü­re vor­ab schon ein­ge­spurt ist durch ein spe­zi­fi­sches Text­be­geh­ren, durch bestimm­te Inter­es­sen und Erwar­tun­gen, wes­halb man denn auch stets auf etwas hin liest, immer schon mit einem erhoff­ten oder gewünsch­ten Gewinn im Sinn, sei’s auch bloß span­nen­de Unter­hal­tung, nutz­brin­gen­de Beleh­rung, ästhe­ti­sches Ver­gnü­gen.

Man­ches wird bei der­ar­ti­ger Lek­tü­re gleich­sam auto­ma­tisch aus­ge­blen­det, man über­fliegt oder über­blät­tert, was einen nicht unmit­tel­bar inter­es­siert (oder „betrifft“), viel­leicht liest man ein Buch bloß an, legt es bei­sei­te, wenn der Autor schul­dig bleibt (also nicht „lie­fert“), was man sich ver­spro­chen hat. Dazu kommt, dass der Lese­vor­gang ohne­hin weit­ge­hend selbst­tä­tig ver­läuft und dass dabei, bei­spiels­wei­se, die Inter­punk­ti­on, der Satz­bau oder sti­lis­ti­sche Eigen­tüm­lich­kei­ten gar nicht erst wahr­ge­nom­men wer­den. Von daher ist die unvoll­stän­di­ge Lek­tü­re durch­aus als Nor­mal­fall zu akzep­tie­ren.

Dass auch gänz­lich unge­le­se­ne, ja sogar unge­schrie­be­ne Bücher bespro­chen, begut­ach­tet, ver­wor­fen wer­den kön­nen, hat vor Zei­ten der pol­ni­sche SF-Autor Sta­nisław Lem exem­pla­risch dar­ge­tan: In sei­nem Sam­mel­werk Die voll­kom­me­ne Lee­re lässt er vir­tu­el­le Tex­te allein dadurch ent­ste­hen, dass er sie vor­ab rezen­siert – der fik­ti­ve „sekun­där­li­te­ra­ri­sche“ Zugriff bringt das „Ori­gi­nal“ über­haupt erst her­vor.

Mit Michel de Mon­tai­gne könn­te man doch prag­ma­tisch und ganz all­ge­mein davon aus­ge­hen, dass ohne­hin alle Lek­tü­ren dem Ver­ges­sen unter­wor­fen sind, dass also auch gele­se­ne Bücher bei not­wen­di­ger­wei­se schwin­den­der Erin­ne­rung zu schlecht gele­se­nen oder gar unge­le­se­nen Büchern mutie­ren. Somit erwie­se sich das Lesen – das „Er-lesen“ und Gele­sen­ha­ben – in jedem Fall als ein natür­li­cher Pro­zess der „Ent-Lesung“.

 

II. Je mehr des­to weni­ger?

Einen Sach­ver­halt „kurz und bün­dig“ auf den Punkt zu brin­gen und dar­über hin­aus, soweit mög­lich, die „Kür­ze mit Wür­ze“ anzu­rei­chern, ist ein alt­her­ge­brach­ter Grund­im­puls des Sprach­ge­brauchs. Ent­spre­chend häu­fig begeg­nen einem – heu­te mehr denn je − in spon­ta­ner Rede und Nie­der­schrift abge­kürz­te Begrif­fe, unvoll­stän­di­ge Sät­ze, sim­pli­fi­zie­ren­de Ver­glei­che, undif­fe­ren­zier­te Super­la­ti­ve, mit­hin Defek­te und Defi­zi­te, die in gepfleg­ter Schrift­spra­che tun­lichst ver­mie­den wer­den.

Die durch eine Viel­zahl neu­er Medi­en vor­ge­ge­be­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken ver­stär­ken nun offen­kun­dig die­sen Trend, indem sie – man den­ke an Whats­App, Twit­ter und ande­re Kurz­nach­rich­ten­diens­te – die Infor­ma­ti­ons­über­tra­gung quan­ti­ta­tiv stark ein­schrän­ken, so stark, dass die alt­her­ge­brach­te Ten­denz zur Kür­ze nun sicht­lich zu einem Kür­zungs­zwang mutiert. Bei Twit­ter wie bei elek­tro­ni­schen Kom­men­tar- oder Kun­den­for­mu­la­ren weiß man genau, wie vie­le – wie weni­ge − Zei­chen maxi­mal ein­ge­ge­ben wer­den kön­nen, man lässt sich auf die Beschrän­kung ein und legt es natur­ge­mäß dar­auf an, den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zei­chen­be­stand trick­reich zu nut­zen.

Dies geschieht nicht allein durch gram­ma­ti­ka­li­sche und syn­tak­ti­sche Regel­brü­che oder durch die Ver­wen­dung von Kurz­for­men aller Art (dar­un­ter, beson­ders pri­vi­le­giert, #hash­tags), son­dern mehr und mehr auch durch den Ein­satz von Icons und Emo­jis, die jeweils auf einen Blick die über­mit­tel­te Nach­richt erken­nen las­sen. Sprach­li­che Zei­chen ver­lie­ren damit an Inter­es­se und Bedeu­tung, wäh­rend ein­fa­che, pro­blem­los ein­setz­ba­re und ent­zif­fer­ba­re Bild­sym­bo­le an Effi­zi­enz wie an Beliebt­heit deut­lich gewin­nen.

Der Gebrauch solch moder­ner Hie­ro­gly­phen – von der Sand­uhr über das trä­nen­de Herz bis zum Smi­ley – setzt kei­ner­lei syn­tak­ti­sche Fügung vor­aus, er bleibt auf schlich­te Set­zung oder addi­ti­ve Rei­hung beschränkt, ver­mag also weder eine Zei­ten­fol­ge (vor­zei­tig, nach­zei­tig) fest­zu­hal­ten noch eine Kau­sa­li­tät oder eine Kon­se­quenz, wie es bei gewöhn­li­chen Neben­sät­zen (mit „weil“, mit „sodass“) der Fall ist. Doch sol­che Defi­zi­te schei­nen für Smart­phone- oder Tablet­nut­zer ohne Belang zu sein. Der Kurz­nach­rich­ten­dienst selbst ist als Begriff zusam­men­ge­schnurrt auf das Kür­zel SMS (deut­sche Verb­form: „esse­mes­seln“ bzw. „SMSeln“), von dem kaum jemand noch weiß und auch nie­mand wis­sen muss, auf wel­chen ursprüng­li­chen Wort­be­stand es sich bezieht, dies umso weni­ger, als neu­er­dings Whats­App die ent­spre­chen­de Funk­ti­on über­nom­men hat.

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„Unse­re Zeit ist die Kür­ze“ – das hat­te schon in den 1930er-Jah­ren die Dich­te­rin Mari­na Zweta­je­wa notiert, ein Daseins­ge­fühl, das sich seit­her beängs­ti­gend inten­si­viert hat und heu­te unter einem gene­rel­len Beschleu­ni­gungs­zwang sich aus­zu­le­ben scheint. Der Sprach­ge­brauch (und in der Fol­ge auch die lite­ra­ri­sche Sprach­kul­tur) hat jenes „Gefühl“ und die­sen „Zwang“ inzwi­schen weit­ge­hend ver­in­ner­licht – das „Kür­zel“, wie auch immer bewerk­stel­ligt, ist heu­te als voll­wer­ti­ges sprach­li­ches Zei­chen eta­bliert, und es wird kei­nes­wegs bloß von pri­va­ten Nut­zern ein­ge­setzt, son­dern auch von der Wer­be­indus­trie und von der Poli­tik, die ihre Bot­schaf­ten meist auf knap­pem Raum (Pla­ka­te, Inse­ra­te, Abstim­mungs­pa­ro­len, Inter­net­ban­ner, Face­book- oder Insta­gram-Posts usw.) bezie­hungs­wei­se in kür­zes­ter Zeit (TV‑, Radio­wer­bung) ein­rü­cken müs­sen: Jeder Zen­ti­me­ter, jede Sekun­de zählt und muss bezahlt wer­den.

Eine beson­de­re, auch beson­ders häu­fi­ge Form der Ver­knap­pung stellt das Akro­nym dar. Bei die­sem alt­her­ge­brach­ten, ursprüng­lich poe­ti­schen, neu­er­dings wie­der gern ein­ge­setz­ten Ver­fah­ren wer­den die Anfangs­buch­sta­ben einer vor­ge­ge­be­nen Wort­fol­ge oder eines mehr­glied­ri­gen Namens sepa­riert und zu einem eigen­stän­di­gen Let­tern- bezie­hungs­wei­se Laut­ge­bil­de zusam­men­ge­fügt. Solch künst­li­che Neu­bil­dun­gen set­zen sich im bes­ten Fall als auto­no­me Begrif­fe durch (vgl. UNO, NATO, UNICEF, EDA, AIDS, LASER, LOL, VIP usw.) und gelan­gen so ins Wör­ter­buch, meis­tens aber bleibt es bei einer unver­bun­de­nen Buch­sta­ben­grup­pe wie SMS, EDV, USB, SUV, CEO, BMW, NRW, NGO. – Der oder die PC hat der­weil die unge­woll­te, eher ver­wirr­li­che Dop­pel­be­deu­tung von „per­so­nal com­pu­ter“ und „poli­ti­cal correct­ness“ ange­nom­men. Akro­ny­me die­ses Typs wer­den wohl zusam­men­hän­gend geschrie­ben, kön­nen aber nur im Stac­ca­to und nicht als selbst­stän­di­ge Kunst­be­grif­fe gespro­chen wer­den.

Akro­ny­me sind zum Stan­dard heu­ti­ger Kür­zel­spra­che gewor­den und fin­den neu­er­dings auch in der Rap­mu­sik brei­te Ver­wen­dung. Das gilt sowohl für die Künst­ler- wie für Grup­pen­na­men (vgl. Afrob, B‑Tight, Basstart, Dei­ne Eltan usw.) als auch für Lied­ti­tel (vgl. bei­spiels­hal­ber https://www.villagevoice.com/2011/02/01/top-ten-greatest-rap-acronym-anthems/), und eben­so funk­tio­niert es in der All­tags­kom­mu­ni­ka­ti­on, die kli­schee­haf­te Aus­sa­gen wie „you only live once“ (YOLO), „grea­test of all time“ (GOAT) oder „fear of miss­ing out“ (FOMO) akro­ny­misch auf den Punkt bringt. − Beson­ders sinn­reich sind der­ar­ti­ge Kür­zel dann, wenn sie sich gleich­zei­tig als ein Begriff mit ent­spre­chen­der Bedeu­tung gebrau­chen las­sen. So ist PEN nicht nur die Abkür­zung für „Poets Essay­ists Nove­lists“ (und als sol­che längst zum eigen­stän­di­gen Begriff gewor­den), son­dern kor­re­spon­diert gleich­zei­tig mit dem alt­be­kann­ten Wort zur Bezeich­nung des Schreib­ge­räts („pen“, engl. für „Feder“).

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Im all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch (sozia­le Medi­en und Gra­tis­pres­se inbe­grif­fen) wer­den Ver­kür­zung und Beschleu­ni­gung mehr­heit­lich durch Ein­zel­be­grif­fe bezie­hungs­wei­se Ein­wort­sät­ze bewerk­stel­ligt. Vor­ab der ein­sil­bi­ge Aus­ruf oder die Befehls­form kom­men dabei zum Zug: WOW! HIP! OUT! LOS! FUCK! GEIL! UPS! BINGO! usw. − Eine beson­ders inge­niö­se, viel­fach nach­ge­ahm­te Neu­bil­dung die­ser Art ist das schon älte­re Mode­la­bel JOOP!, das den Namen des Fir­men­grün­ders wie eine Befehls­form oder einen Auf­ruf optisch zur Gel­tung bringt.

Gene­rell wer­den Super­la­ti­ve gern zur Ver­all­ge­mei­ne­rung und Ver­knap­pung expli­zi­ter Aus­sa­gen ein­ge­setzt. Es ist ein Leich­tes, ein Pro­dukt oder eine Per­son ganz oben auf die Lis­te der „Bes­ten“ zu set­zen, um damit eine sin­gu­lä­re Son­der­stel­lung zu mar­kie­ren, statt deren jewei­li­ge Qua­li­tä­ten argu­men­ta­tiv oder doku­men­ta­risch auf­zu­zei­gen. Das „bes­te“ Buch, den „bes­ten“ Wein, das „bes­te“ Feri­en­ziel der Sai­son, des Jahr­gangs, des ver­gan­ge­nen Jahr­zehnts oder unse­res Jahr­hun­derts her­aus­zu­stel­len, ist eine zwar effi­zi­en­te, aber in kei­nem Fall fak­tisch beleg­ba­re Emp­feh­lung – was übri­gens auch umge­kehrt auf das „schlech­tes­te“ Pro­dukt und die Pau­schal­kri­tik dar­an, den „Ver­riss“, zutrifft.

Zur Sprach­ver­knap­pung fin­den nicht zuletzt so belieb­te Wort­ele­men­te wie MEGA, SUPER, EX, EXTRA, MONO, HETERO, HOMO, LOGO, PYRO, XENO, POP u. a. m. Ver­wen­dung, Rumpf­be­grif­fe also, die emo­tio­nal belie­big auf­ge­la­den und als Reiz­wör­ter oder Kol­lek­tiv­be­grif­fe gebraucht wer­den kön­nen. Bemer­kens­wert ist bei die­sen geläu­fi­gen Kür­zeln, dass sie aus frem­den, ja „toten“ Spra­chen (Latein, Alt­grie­chisch) her­ge­lei­tet sind und dass den Nut­zern ihre ursprüng­li­che Bedeu­tung zumeist gar nicht mehr geläu­fig ist. Aber das ist auch nicht erfor­der­lich, es genügt, die Kurz­form als sol­che zu ver­in­ner­li­chen − ihre Bedeu­tung ist im jewei­li­gen Let­tern­be­stand ange­legt und schwingt asso­zia­tiv jeder­zeit mit. So hat sich etwa die im Deut­schen gebräuch­li­che Grö­ßen­an­ga­be XL (extra lar­ge für „sehr groß“) von ihrer latei­nisch-eng­li­schen Her­kunft völ­lig abge­löst, ohne dass dadurch ihr Ver­ständ­nis erschwert wür­de.

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Weit kom­ple­xer, den­noch leicht nach­voll­zieh­bar sind sprach­li­che Kurz­for­men, die durch Kon­ta­mi­na­ti­on (Ver­schrän­kung) gewon­nen wer­den, mit­hin dadurch, dass aus zwei oder mehr Wör­tern will­kür­lich aus­ge­wähl­te Ver­satz­stü­cke (ein­zel­ne Buch­sta­ben, Sil­ben, Endun­gen) neue Ein­zel­be­grif­fe geschaf­fen wer­den, bei­spiels­wei­se aus „glo­bal Eng­lish“ – GLOBISH, aus „Bri­tish exit“ – BREXIT, aus „pass­word har­ve­s­t­ing“ (Pass­wor­te sam­meln) und „fishing“ (Angeln, Fischen) – PHISHING, ein heu­te inter­na­tio­nal gebräuch­li­ches Kunst­wort zur Benen­nung von Daten­fäl­schung und Daten­dieb­stahl im Inter­net.

Ver­gleich­ba­re Neu­bil­dun­gen fin­den sich in gro­ßer Zahl bei der Bezeich­nung von Fir­men und Insti­tu­tio­nen: REATCH als Namens­kür­zel für „Rese­arch and tech­no­lo­gy in Switz­er­land“, TENOR als Titel einer Schrif­ten­rei­he („Text und Nor­ma­ti­vi­tät“), STUBE für „Stu­di­en- und Bera­tungs­stel­le“ (Erz­bis­tum Wien). – Wenn von „ohr­gani­sier­ter Kri­mi­na­li­tät“ auf Strea­ming­platt­for­men die Rede ist, wird der Gleich­klang von „Ohr“ und „Organ“ genutzt, um in aller Kür­ze zwei unter­schied­li­che Din­ge aufs Mal zu benen­nen. Weit ver­track­ter noch ist die kon­ta­mi­nier­te Por­tal­be­zeich­nung „OkCu­pid“ einer Web­site für Part­ner­su­che: „Ok!“ und „occu­p­ied“ und „Cupid“ (Amor) gehen hier eine hoch­kom­pak­te, dabei unmit­tel­bar ein­leuch­ten­de Ver­bin­dung ein.

Ver­mehrt set­zen sich Neo­lo­gis­men durch, die auf rhe­to­ri­sche Figu­ren und lexi­ka­li­sche Ver­satz­stü­cke aus der Anti­ke und dem Mit­tel­al­ter zurück­ge­hen.

Auch bereits bestehen­de Begrif­fe las­sen sich durch die­ses Kon­ta­mi­na­ti­ons­ver­fah­ren nach­träg­lich umdeu­ten oder ins Mehr­deu­ti­ge ver­frem­den. So kann sich das fran­zö­si­sche Wort MASCULIN in femi­nis­ti­scher Les­art unver­se­hens als eine (fik­ti­ve) Ver­knüp­fung von „mas­que“, Mas­ke, und „cul“, Arsch, erwei­sen, oder man geht (wie vor eini­ger Zeit in Augs­burg) auf die Stra­ße, um unter dem Mot­to THEJATER – „Ja!“ zum „Thea­ter“ – für die Reno­va­ti­on der städ­ti­schen Büh­ne ein­zu­tre­ten. Mit dem Auf­ruf EURO PARAT! soll der „Euro­pa­rat“ zu ver­mehr­tem Ein­satz für wirt­schaft­li­che EQUALLITY (aus equal, all, qua­li­ty) ange­hal­ten wer­den.

Bei einer wirt­schafts­kri­ti­schen Kund­gebung in Frank­furt wie­der­um hat man den Slo­gan UMFAIR­TEILEN! mit­ge­tra­gen, der die dop­pel­te For­de­rung nach „Umver­tei­lung“ und nach „fai­rem Tei­len“ in einem ein­zi­gen Wort unmiss­ver­ständ­lich zum Aus­druck bringt. Der Slo­gan rich­te­te sich an die Ban­ken­welt von MAINHATTAN, soll­te mit­hin die Finanz­plät­ze Frank­furt am Main und Man­hat­tan glei­cher­ma­ßen betref­fen und dar­über hin­aus – sym­bo­lisch – den glo­ba­len „Raub­rit­ter­ka­pi­ta­lis­mus“. Auch das im sel­ben Kon­text ein­ge­setz­te Kür­zel­wort INWASTEMENT (aus „to was­te“, ver­geu­den, und „invest­ment“) steht exem­pla­risch für die heu­te weit ver­brei­te­te Tech­nik sprach­li­cher Kon­ta­mi­na­ti­on, und die Ver­un­glimp­fung von Flücht­lin­gen („refu­gees“) als RAPE-FUGEES (Ver­ge­wal­ti­ger) gehört zur all­täg­li­chen Twit­ter-Rhe­to­rik rechts­extre­mer Popu­lis­ten in der EU wie in den USA.

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Dass der­ar­ti­ge, eben­so schlich­te wie raf­fi­nier­te Begriffs- und Buch­sta­ben­spie­le heu­te ganz rasch popu­lär wer­den kön­nen und dass sie auch sofort in den sozia­len Medi­en Ver­brei­tung fin­den, lässt auf eine hohe schrift- und laut­sprach­li­che Sen­si­bi­li­tät der Anwen­der schlie­ßen. Erstaun­lich bleibt dem­ge­gen­über die Tat­sa­che, dass sich im All­tags­be­reich ver­mehrt Neo­lo­gis­men durch­set­zen kön­nen, die auf alt­her­ge­brach­te, aus dem gän­gi­gen Sprach­be­wusst­sein seit Lan­gem ver­schwun­de­ne rhe­to­ri­sche Figu­ren und lexi­ka­li­sche Ver­satz­stü­cke (aus der Anti­ke, dem Mit­tel­al­ter) zurück­ge­hen – als „gesun­ke­nes Kul­tur­gut“ keh­ren sie nun zurück, wer­den zu Tri­via der All­tags­re­de, obwohl kaum jemand über deren Her­kunft und Bedeu­tung noch Bescheid weiß.

 

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Felix Phil­ipp Ingold arbei­tet als frei­er Autor, Publi­zist und Über­set­zer in Romain­mô­tier; zuletzt erschie­nen von ihm der Essay­band Kör­per­bli­cke sowie die auto­bio­gra­phi­sche und zeit­kri­ti­sche Text­samm­lung End­no­ten (bei­des bei Rit­ter­books 2019).

Quel­le: VOLLTEXT 3/2019

Online seit: 17. Okto­ber 2019

Online seit: 17. Okto­ber 2019

Zuletzt geän­dert: 11. Dez. 2019