Trash und Tragik

Zwei Domi­nan­ten heu­ti­ger Bel­le­tris­tik. Grenz­gän­ge der Lite­ra­tur (IV). Von Felix Phil­ipp Ingold
„… sich aus­zu­drü­cken für nichts und wie­der nichts.“

„dich­tung – nichd gut“
André Thom­kins

Als der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph und Publi­zist Gil­les Lipo­vets­ky in den frü­hen 1980er-Jah­ren die Her­auf­kunft einer „Ära der Lee­re“ (Ère du vide) annon­cier­te, wur­de er von links wie von rechts als Kul­tur­skep­ti­ker, da und dort sogar als leicht­fer­ti­ger Apo­ka­lyp­ti­ker, gerügt. Wer das Buch heu­te, fast vier­zig Jah­re danach, erneut in die Hand nimmt, ist frap­piert von sei­ner bestür­zen­den Aktua­li­tät: Nicht nur im gro­ßen Gan­zen, auch in zahl­rei­chen Ein­zel­hei­ten hat Lipo­vets­ky sou­ve­rän erfasst, was damals erst im Ansatz zu erken­nen war, inzwi­schen aber macht­voll die All­tags­welt und, nicht zuletzt, die Wel­ten der Kunst beherrscht.

Als die haupt­säch­li­chen Sym­pto­me der über­hand­neh­men­den Lee­re im Sozi­al­be­reich dia­gnos­ti­zier­te der Autor Indif­fe­renz, Selbst­re­fe­renz, Exhi­bi­tio­nis­mus, Ver­füh­rung (statt Über­zeu­gung), Belie­big­keit (statt Kon­se­quenz), Infan­ti­lis­mus und Humo­rig­keit (statt Ver­ant­wor­tung und Pro­blem­lö­sung). Vor­ab Letz­te­res hat sich der­weil in allen Lebens­be­rei­chen durch­ge­setzt, hat eine Spaß­kul­tur ent­ste­hen las­sen, die von der Wer­be­indus­trie, den sozia­len und indi­vi­du­el­len Medi­en, der poli­ti­schen und publi­zis­ti­schen Rhe­to­rik glei­cher­ma­ßen kol­por­tiert wird: Trash ist Trend, ist Mode, ist aber auch „Kul­tur“ und als sol­che not­wen­di­ger­wei­se sowohl auf Kurz­wei­lig­keit wie auf Kurz­le­big­keit getrimmt. Kür­ze, Unver­bind­lich­keit, Ver­fall – Qui­ckies jed­we­der Art bis hin zu Sel­fies, Fast­food, Short Mes­sa­ges, Shop­ping-Tou­ren, Graf­fi­ti-Aktio­nen oder „Spra­chen ler­nen über Nacht“ sind als punk­tu­el­le Sen­sa­tio­nen weit­hin gefragt. Moment und Event gerin­nen zu per­ma­nen­ter Gegen­wart.

„Es gibt so vie­le Schrift­stel­ler, wie es noch nie gege­ben hat“, meint dazu Nobel­preis­trä­ger Peter Hand­ke: „Vor lau­ter Ver­zweif­lung flüch­ten die Leu­te ins Schrei­ben.“

Als Signum der „Ära der Lee­re“  steht bei Gil­les Lipo­vets­ky der hedo­nis­tisch-kon­su­mis­ti­sche Nar­ziss­mus im Vor­der­grund. Dazu gehört nach sei­nem Dafür­hal­ten der Vor­rang des Akts der Kom­mu­ni­ka­ti­on vor deren Inhalt und Bedeu­tung, die Liqui­die­rung von Sinn­haf­tig­keit durch spie­le­ri­schen Non­sen­se – man ist bestrebt, auf alles sofort zu reagie­ren, form­los und unbe­dacht, auch unbe­küm­mert dar­über, ob man den objek­ti­ven Fak­ten und der eige­nen Mei­nung gerecht wird damit. Es geht nur noch um „die Mög­lich­keit und den Wunsch sich aus­zu­drü­cken, egal, wel­cher Art die ‚Nach­richt‘ ist“; es geht um „das Recht und das nar­ziss­ti­sche Ver­gnü­gen, sich aus­zu­drü­cken für nichts und wie­der nichts, näm­lich für sich selbst, aber ein­ge­bun­den in ein Medi­um und durch die­ses ver­stärkt“.

Lipo­vets­kys The­sen (wie auch er selbst als Autor) sind zwar weit­ge­hend ver­ges­sen, doch der Blick auf die der­zei­ti­ge Lebens­welt und den Sta­tus der künst­le­ri­schen Lite­ra­tur macht klar: Die weit zurück­lie­gen­den kul­tur­kri­ti­schen Pro­gno­sen haben sich voll­um­fäng­lich erfüllt.

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Längst gibt es zwi­schen U- und E‑Literatur kei­ne rote Linie mehr, das U wird zum E gemacht, das E ins U ver­kehrt: Lite­ra­tur ver­liert ihren Kunst­cha­rak­ter, wird aber nicht, wie einst bei der nun schon „klas­si­schen“ Avant­gar­de des frü­hen 20. Jahr­hun­derts, als Anti-Kunst prak­ti­ziert, son­dern läs­sig, bis­wei­len betont nach­läs­sig als Nicht-Kunst vor­ge­führt − ein Ges­tus, den schon vor einem hal­ben Jahr­hun­dert Andy War­hol mit sei­nem Trash-Roman a vor­ge­zeich­net hat und der nun offen­bar, fau­te de mieux, reak­ti­viert wer­den soll. Für War­hol war klar, dass es künf­tig kein Kön­nen mehr brau­chen wür­de, um sich als Künst­ler Auf­merk­sam­keit zu ver­schaf­fen, auch kei­ne Ori­gi­na­li­tät, schon gar kein Genie („jeder ein Künst­ler“); dass sich Kunst viel­mehr – mit kon­se­quent nega­ti­vem Tra­di­ti­ons­be­zug – auf „unkünst­le­ri­sche“ Ver­fah­ren wie das Kopie­ren, das Imi­tie­ren, das Pla­gi­ie­ren und Vari­ie­ren ver­le­gen wer­de, und dies unter bewuss­tem Ver­zicht auf Nach­hal­tig­keit, Sinn­haf­tig­keit und Lang­zeit­wir­kung, ange­legt auf punk­tu­el­le Sen­sa­ti­on („15 Minu­ten Welt­ruhm“) und per­sön­li­che Genug­tu­ung.

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Die Unter­schei­dung von U- und E‑, von „unter­hal­ten­der“ Trend- und „erns­ter“ Kunst­li­te­ra­tur ist der­weil längst obso­let gewor­den; sie ist nicht mehr anwend­bar und auch nicht oppor­tun, da die Lite­ra­tur­schaf­fen­den selbst an der Grenz­ver­wi­schung inter­es­siert sind und dafür auch bereits die pas­sen­den Tech­ni­ken ent­wi­ckelt haben. Diver­se Inter­net­fo­ren und lite­ra­ri­sche Blogs, Lesun­gen und Work­shops auf You­Tube las­sen erken­nen, dass sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eine weit­hin ver­netz­te Inter­es­sen­ge­mein­schaft jun­ger und nicht mehr ganz so jun­ger Autoren eta­bliert hat, denen an Spaß und Kitsch und Non­sen­se weit mehr gele­gen ist als an lite­ra­ri­schem Qua­li­täts­an­spruch oder für die allein schon der spie­le­ri­sche Gegen­zug zu her­ge­brach­ten Qua­li­täts­kri­te­ri­en zu einem Qua­li­täts­merk­mal gewor­den ist.

Per­sön­li­che Prä­senz und Per­for­manz haben hier Prio­ri­tät vor den Tex­ten selbst, die ihrer­seits zur Belie­big­keit, oft zu gewoll­ter Unbe­darft­heit ten­die­ren, nicht sel­ten ergänzt durch infan­til bewerk­stel­lig­te Illus­tra­tio­nen oder (beim Vor­trag) durch ama­teur­haf­te Gesangs­ein­la­gen. Bemer­kens­wert bleibt, dass all dies nicht auf künst­le­ri­sches Ver­sa­gen zurück­zu­füh­ren ist; dass vie­le, die meis­ten die­ser Trash­poe­ten lite­ra­risch weit­hin bewan­dert sind, den Ertrag ihrer Lek­tü­ren aber offen­kun­dig als Bal­last emp­fin­den, den es kon­se­quent zu ver­ball­hor­nen, dann abzu­wer­fen gilt.

Zu den Prot­ago­nis­ten die­ses nun macht­voll sich durch­set­zen­den Trends zäh­len in Deutsch­land diver­se Rap-Poe­ten, aber auch angeb­lich „dis­si­den­te“ bezie­hungs­wei­se „exzen­tri­sche“ Dich­ter­per­sön­lich­kei­ten wie Moni­ka Rinck oder Nora Gom­rin­ger oder Ann Cot­ten, die nach eige­nem Bekun­den