„Und ich bin Schriftsteller“

Ralf Roth­mann in sei­nen Noti­zen. Von Felix Phil­ipp Ingold

Ich kom­me aus einer Arbei­ter­fa­mi­lie, mein Vater war erst Mel­ker, spä­ter dann Berg­mann, mei­ne Mut­ter Kell­ne­rin. Und ich bin Schrift­stel­ler. Arbeit gehört zu mei­nem Leben, sie gibt ihm Ord­nung, Form und, ja, auch Schön­heit.“ Die­ses auto­bio­gra­fi­sche, dar­über hin­aus auch poe­to­lo­gi­sche State­ment gab Ralf Roth­mann unlängst in einem Inter­view zu sei­nem 70. Geburts­tag gegen­über dem Wochen­ma­ga­zin STERN ab. Nichts Neu­es. Denn was hier über Her­kunft und Arbeit und Leben gesagt wird, hat Roth­mann in zahl­rei­chen doku­fik­tio­na­len Erzähl­wer­ken eben­so detail­liert wie kunst­voll bereits mehr­fach nach­ge­zeich­net. Wegen sei­nes kon­se­quent vor­der­grün­di­gen Wirk­lich­keits­be­zugs wur­de er schon früh als sozi­al­kri­ti­scher Rea­list rubri­ziert, viel zu wenig jedoch wahr­ge­nom­men als exzel­len­ter Sprach- und Stil­künst­ler, der bei zumeist düs­te­rer The­ma­tik – All­tags­hor­ror, Ver­elen­dung, Miss­brauch, Sucht, Gewalt – man­ches an „Schön­heit“ zu bie­ten hat.

„Schön­heit“? Wel­cher zeit­ge­nös­si­sche Autor wür­de noch auf die­ses obso­le­te Kri­te­ri­um abhe­ben?

„Schön­heit“? Wel­cher zeit­ge­nös­si­sche Autor wür­de noch auf die­ses obso­le­te Kri­te­ri­um abhe­ben? „Schön­heit“ prak­ti­zie­ren oder gar for­dern wol­len? Roth­mann wagt und tut es auf eige­ne, ziem­lich alt­vä­te­ri­sche Wei­se, indem er das Natur- wie das Kunst­schö­ne umstands­los mit dem Guten und Wah­ren zusam­men­führt. Wie er dies bewerk­stel­ligt und im Ein­zel­nen begrün­det, ist expli­zit den Auf­zeich­nun­gen zu ent­neh­men, die er jüngst unter dem Titel Theo­rie des Regens vor­ge­legt hat. Dass dar­in roman­ti­sche, kitsch­ver­däch­ti­ge Begrif­fe und Vor­stel­lun­gen wie Herz, See­le, Lie­be, Glück und eben auch Schön­heit mit erns­ter Selbst­ver­ständ­lich­keit – also ohne Anfüh­rungs­stri­che – oft­mals wie­der­keh­ren, ist eini­ger­ma­ßen ver­wun­der­lich bei einem Autor wie Roth­mann, der sich als erbar­mungs­lo­ser Fak­to­graf mensch­li­cher Gewor­fen­heit und Nie­der­tracht einen Namen gemacht hat.

Dar­in gleicht er Anton Tschechow, der als nüch­ter­ner Visio­när und sanft­mü­ti­ger Athe­ist zu sei­nen Vor­bil­dern gehört, ein wenig auch dem tief­gläu­bi­gen Fjo­dor Dos­to­jew­skij, für den zwei­fels­frei fest­stand, dass Jesus als Inkar­na­ti­on des Schö­nen zu gel­ten habe und dass „Schön­heit die Welt ret­ten“ wer­de. Roth­mann selbst macht aus sei­ner Reli­gio­si­tät kei­nen Hehl, Reli­gi­on ist für ihn – außer­halb kirch­li­cher Insti­tu­tio­nen – der „Gip­fel der Frei­heit“, die er am ehes­ten bei mys­ti­schen Den­kern und Dich­tern ver­wirk­licht sieht, ein wenig auch bei Wer­ner Hei­sen­berg, dem reli­gi­ös affi­zier­ten Quan­ten­phy­si­ker, den er als sei­nen bevor­zug­ten „Hei­li­gen“