Gegen den Strich

Für eine poe­to­lo­gi­sche Les­art der Bratz­la­wer Kab­ba­la. Von Felix Phil­ipp Ingold

Reb Tal: „Alle Buch­sta­ben bil­den die Abwe­sen­heit.“
(Edmond Jabès)

I.

Rab­bi Nach­man von Bratz­law (1772–1810) – auch „der Bratz­la­wer“, „der Bres­lover“ genannt – ist durch die wort­mäch­ti­ge Ver­mitt­lung Mar­tin Bubers als Ver­fas­ser eben­so erbau­li­cher wie abgrün­di­ger „Geschich­ten“ weit­hin bekannt, sogar popu­lär gewor­den. Seit deren deutsch­spra­chi­ger Erst­aus­ga­be von 1906 sind die Tex­te viel­fach nach­ge­druckt und aus dem Deut­schen auch in ande­re Spra­chen über­setzt wor­den. Mit einer erwei­ter­ten, phi­lo­lo­gisch auf­ge­bes­ser­ten, sti­lis­tisch aber glanz­lo­sen Neu­fas­sung der Erzäh­lun­gen des Rab­bi Nach­man von Bratz­law  hat Micha­el Bro­cke in den 1980er-Jah­ren das Inter­es­se an dem gro­ßen chas­si­di­schen Got­tes­mann noch ein­mal nach­hal­tig reaktiviert.(1)

Weder bei Bro­cke noch bei Buber ist aller­dings zu erfah­ren, dass Nach­man nicht nur ein ein­falls­rei­cher und wir­kungs­star­ker Geschich­ten­er­zäh­ler war, son­dern auch – in viel grö­ße­rem Umfang und viel höhe­rer Qua­li­tät – ein Lehr­meis­ter des Chas­si­dis­mus und der neu­zeit­li­chen Kab­ba­la. Selbst Gers­hom Scholem, der dem chas­si­di­schen Juden­tum und der kab­ba­lis­ti­schen Mys­tik meh­re­re Buch­pu­bli­ka­tio­nen gewid­met hat, geht an kei­ner Stel­le auf Rab­bi Nach­mans Glau­bens- und Lebens­leh­re ein, son­dern begnügt sich damit, ihn, der als Chas­sid wie als Kab­ba­list eine her­aus­ra­gen­de (wie­wohl umstrit­te­ne) Auto­ri­tät war, in sei­nem umfang­rei­chen Werk nur gera­de zwei‑, drei­mal bei­läu­fig zu erwähnen.(2)

Sol­che Miss­ach­tung (oder Ver­ken­nung) ist durch­aus bemer­kens­wert, wenn auch kaum begreif­lich, steht doch den rund 200 Druck­sei­ten nar­ra­ti­ver Pro­sa, die man von Nach­man gemein­hin kennt, ein Kon­vo­lut von didak­ti­schen, homi­le­ti­schen, her­me­neu­ti­schen, pole­mi­schen und apho­ris­ti­schen Schrif­ten gegen­über, das Tau­sen­de von Manu­skript- bezie­hungs­wei­se Druck­sei­ten umfasst. Unter anderm wur­de aus die­sem Fun­dus das Opus magnum des Bratz­la­wers kom­pi­liert, das 1808 und – pos­tum – 1811 in zwei Tei­len unter dem Titel Lik­ku­t­ei Moh­a­ran (Gesam­mel­te Lehr­mei­nun­gen des Rab­bi Nach­man) erschien und das neu­er­dings als kom­men­tier­te hebrä­isch-eng­li­sche Par­al­lel­aus­ga­be in fünf­zehn Text­bän­den greif­bar ist.3 Eine deut­sche Über­set­zung der „Lehr­mei­nun­gen“ wie auch der übri­gen dis­kur­si­ven Schrif­ten Nach­mans liegt bis­her nicht vor.

Die Rezep­ti­on von Rab­bi Nach­mans reli­giö­sen, mora­li­schen und lebens­prak­ti­schen Leh­ren war von Beginn an eben­so kon­tro­vers wie die Ein­schät­zung sei­ner Per­sön­lich­keit. Noch heu­te, mehr als 200 Jah­re nach sei­nem all­zu frü­hen Tod im ukrai­ni­schen Uman, sind sich Erfor­scher und Exege­ten sei­ner Tex­te uneins dar­über, ob man deren deli­rie­ren­de Rhe­to­rik als Aus­druck von Genie oder Wahn­sinn auf­zu­fas­sen habe. Der Rab­bi selbst hät­te dar­in ver­mut­lich kei­nen Unter­schied, schon gar kei­nen Gegen­satz erken­nen wol­len – er plä­dier­te für den „gesun­den Men­schen­ver­stand“ im Gegen­zug zu wis­sen­schaft­li­chem oder phi­lo­so­phi­schem Den­ken, sub­su­mier­te aber unter den Begrif­fen „gesund“ und „Ver­stand“ ganz ein­fach alles, was einem Men­schen durch den Kopf gehen kann: spon­ta­ne Ein­fäl­le, visio­nä­re Erleuch­tun­gen, absur­de Träu­me, kin­di­sche Macken, her­me­ti­scher Tief­sinn.

Als Ver­äch­ter aller Buch­weis­heit war Rab­bi Nach­man gleich­wohl weit­läu­fig und gründ­lich bele­sen; als Fun­da­men­tal­kri­ti­ker der Natur­wis­sen­schaf­ten und beson­ders der Medi­zin war er selbst ein kennt­nis­rei­cher Gelehr­ter; als dezi­dier­ter Asket war er ein Mann vol­ler Lebens­freu­de und schar­te eine viel­köp­fi­ge Fami­lie um sich; als Prä­zep­tor der ein­fa­chen, volks­tüm­li­chen, gemein­ver­ständ­li­chen Rede bedien­te er sich gleich­wohl häu­fig einer weit­schwei­fi­gen und unnö­tig kom­pli­zier­ten Aus­drucks­wei­se, die alles Gesag­te zum Rät­sel wer­den ließ; als anti­au­to­ri­tä­rer Eife­rer war er sei­ner­seits ein auto­ri­tä­rer Recht­ha­ber und Pole­mi­ker, der sei­ne eige­ne Wahr­heit für die Wahr­heit schlecht­hin und sich selbst für einen aus­er­wähl­ten Gerech­ten hielt; als unver­söhn­li­cher Kri­ti­ker des Zad­di­kis­mus hat­te er kei­ne Scheu, sich sel­ber als den erha­bens­ten, gott­ge­fäl­ligs­ten und wei­ses­ten aller Zad­di­kim zu emp­feh­len. Auch dass er den Rück­zug in die Natur und die welt­ab­ge­wand­te Selbst­er­kun­dung pro­pa­gier­te, der­weil er unab­läs­sig im In- und Aus­land auf Rei­sen war, um sei­ne Geschich­ten zu erzäh­len, sei­ne Leh­ren zu ver­brei­ten und Anhän­ger zu gewin­nen, konn­te man ihm zum Vor­wurf machen – wor­auf er jeweils zurück­gab, er sei eben nur dann mit sich allein, wenn er nicht allein sei …

Die pro­vo­kan­te Wider­sprüch­lich­keit sei­nes Auf­tre­tens wie auch sei­ne para­doxa­le Rhe­to­rik brach­ten dem Bratz­la­wer weit mehr Fein­de als Gefolgs­leu­te ein. Man­che Zeit­ge­nos­sen zwei­fel­ten an sei­nem Ver­stand und an sei­ner Auf­rich­tig­keit, und noch heu­te, da er als „Klas­si­ker“ des chas­si­di­schen Kab­ba­lis­mus kano­ni­siert ist, bleibt sein Sta­tus umstrit­ten. „Weder haben wir da einen kla­ren reli­giö­sen Gedan­ken noch den schö­nen Schein einer dich­te­ri­schen Schöp­fung vor uns“, stell­te einst Simon Dub­now im Hin­blick auf Nach­mans lehr­haf­te Geschich­ten fest, die er im Übri­gen für „Fie­ber­phan­ta­sien eines an Kör­per und Geist kran­ken, von reli­giö­sem Wahn beses­se­nen Men­schen“ hielt und denen er jeden Erkennt­nis­wert absprach.(4) Auch Elie Wie­sel hat schon ein­mal die Inko­hä­renz von Nach­mans Den­ken und Ver­hal­ten moniert, ver­wies aber gleich­zei­tig mit inge­niö­ser Ein­füh­lung dar­auf, dass der nur schein­bar ver­rück­te Rab­bi­ner tat­säch­lich als Ver­rück­ter wahr­ge­nom­men wer­den woll­te; dass er sich bewusst die Rol­le eines Witz­bolds und Idio­ten aneig­ne­te, um nicht als abge­ho­be­ner Lehr­meis­ter mit ver­bind­li­cher Lehr­mei­nung wahr­ge­nom­men zu wer­den.

Der Bratz­la­wer woll­te nicht ange­se­hen sein, auch wenn er eben dar­auf mit pein­li­cher Insis­tenz beharr­te; er woll­te viel­mehr durch­schaut wer­den in sei­ner Ver­wund­bar­keit, sei­ner Gebro­chen­heit, sei­nem viel­fäl­ti­gen und wan­del­ba­ren Cha­rak­ter. „Aber ja“, schreibt dazu Elie Wie­sel in sei­nem erhel­len­den Essay über Nach­man: „Ihm lag dar­an, dass die Leu­te ihn durch­schau­ten. Das ist der Grund, wes­halb er täg­lich sei­ne Iden­ti­tät und auch sei­ne Ver­klei­dung wech­sel­te – er woll­te anders sein. Lie­ber ein Komö­di­ant, ein Hoch­stap­ler, ein Narr denn ein Rab­bi­ner. Alles – nur kein Gerech­ter. Von daher sein befremd­li­ches Ver­hal­ten, sei­ne Unbe­darft­heit, sein frei schwe­ben­der Schwach­sinn; er woll­te als ein armer, vom Him­mel gefal­le­ner und von den Men­schen ver­ges­se­ner Vaga­bund wahr­ge­nom­men wer­den, als ein schwim­men­des Wrack ohne Her­kunft und ohne Ziel.“(5)

Nach­mans Wunsch war es, das Den­ken von vor­ge­ge­be­ner Begriff­lich­keit, von logi­scher Schlüs­sig­keit, von objek­ti­ver Ver­bind­lich­keit auf Sub­jek­ti­vi­tät hin zu befrei­en, statt es – wie unter ortho­do­xen Juden oder auf­ge­klär­ten Chris­ten üblich – metho­do­lo­gisch und insti­tu­tio­nell zu domes­ti­zie­ren. Zum frei­en, intui­ti­ven, noma­disch sich aus­le­ben­den Den­ken gehör­ten für ihn natur­ge­mäß eben auch Wider­sprü­che, Wie­der­ho­lun­gen, Leer­läu­fe, absur­de Ver­schlau­fun­gen, spon­ta­ne Ein­fäl­le, und wenn man ihm Tri­via­li­tät vor­warf, konn­te er dies leicht mit dem Hin­weis parie­ren, tri­via­le Gedan­ken sei­en alle­mal frei­er und wahr­haf­ti­ger als fixe Ideen. Für noch frei­er und noch wahr­haf­ti­ger als irgend­wel­che in Wor­te gefass­te Gedan­ken hielt er aller­dings das Lachen und das Tan­zen. Dass ein hoch­ka­rä­ti­ger Schrift­ge­lehr­ter wie Gers­hom Scholem damit nicht eben viel anfan­gen konn­te, ist leicht nach­voll­zieh­bar: Der Bratz­la­wer selbst hat die Gelehr­sam­keit – auch sei­ne eige­ne – bei der Wahr­heits­su­che als hin­der­lich emp­fun­den und eben des­halb dafür plä­diert, allem Vor­wis­sen und Erken­nen­wol­len zu ent­sa­gen.

II

Auch wenn sich Rab­bi Nach­man zu Fra­gen der Ästhe­tik und Poe­tik nur indi­rekt – etwa in sei­nen Bemer­kun­gen über das Erzäh­len oder zum bild­haf­ten Sprach­ge­brauch – geäu­ßert hat, bie­tet sein Werk diver­se Anhalts­punk­te, mit denen sich die Fra­ge nach den Spe­zi­fi­ka künst­le­ri­scher, vor­ab lite­ra­ri­scher Autor­schaft ver­knüp­fen lie­ße. Wo es um Autor­schaft geht, ist bei Nach­man durch­weg von Schöp­fer­tum die Rede, und jede Art von mensch­li­chem Schöp­fer­tum steht bei ihm (nicht anders als bei vie­len sei­ner „roman­ti­schen“ Zeit­ge­nos­sen) in stän­di­gem Ver­gleich zum gött­li­chen Schöp­fungs­akt – zu des­sen geheim­nis­vol­len Prä­mis­sen, zu des­sen dunk­lem Sinn und des­sen kata­stro­pha­len Kon­se­quen­zen.

Nach­man selbst hat sei­ne Autor­schaft als pro­ble­ma­tisch, sein Werk als unzu­rei­chend, mit­un­ter auch als fre­vel­haft und schäd­lich emp­fun­den. Wich­ti­ge Tei­le dar­aus (angeb­lich die wich­tigs­ten) hat er, geplagt von Selbst­zwei­feln und Wir­kungs­angst, dem Feu­er über­ge­ben – ein Ver­nich­tungs­akt, der den Text auf­wer­ten, ihn in den Bereich des Her­me­ti­schen, wenn nicht gar des Hei­li­gen ein­füh­ren soll­te: Nie­mand durf­te ihn zu lesen bekom­men, nur als unge­le­se­ner, als unles­ba­rer konn­te er, mein­te Rab­bi Nach­man, sei­nen vol­len Sinn ent­fal­ten – indem er als Geheim­nis bestehen blieb.

Als Autor hat sich Nach­man, erst 31 Jah­re alt, ein­ge­stan­de­ner­ma­ßen dadurch ent­mäch­tigt, dass er sei­ne gesam­te Text­pro­duk­ti­on einem Skri­ben­ten über­ant­wor­te­te, dem Rab­bi­ner Nathan Stern­hartz von Nemi­rov, der in der Fol­ge all sei­ne Geschich­ten, Reden, Brie­fe, Vor­trä­ge und Abhand­lun­gen aus dem Jid­di­schen ins Hebräi­sche über­trug, sie schrift­lich fixier­te, zum Teil auch aus­ar­bei­te­te und ergänz­te, sie zu „Samm­lun­gen“ kom­pi­lier­te und schließ­lich zum Druck beför­der­te. Nathan, der sich als Nach­mans treu­es­ter Jün­ger und ers­ter Bio­graf vor­be­halts­los in des­sen Dienst stell­te, über­nahm damit die Autor­schaft am Zei­chen­satz des Schrift­texts, zu dem Rab­bi Nach­man die münd­li­che Ori­gi­nal­fas­sung lie­fer­te. Reden, Hören, Schrei­ben (dazu auch Über­set­zen) wur­den also einer dop­pel­ten oder zwei­stu­fi­gen Autor­schaft über­ant­wor­tet. Auf die Text­pro­duk­ti­on wirk­te sich dies inso­fern aus, als nun die Ver­ant­wor­tung für das Kon­zept und die (münd­li­che) Ori­gi­nal­fas­sung getrennt war von der Nie­der­schrift des Tex­tes, der eben­falls als Ori­gi­nal gel­ten soll­te, obzwar es sich dabei ledig­lich um eine Nach­schrift und dar­über hin­aus um eine Über­set­zung han­del­te. So ergibt sich ein pre­kär anmu­ten­der Werk­sta­tus, der frei­lich in der jüdi­schen Tra­di­ti­on des Lesens und Schrei­bens ver­schie­de­ne Ent­spre­chun­gen kennt und des­halb auch nicht als etwas Beson­de­res oder gar Sin­gu­lä­res wahr­ge­nom­men wird.
Was bei der tal­mu­dis­ti­schen Exege­se schon lan­ge prak­ti­ziert wor­den war, näm­lich das fort­schrei­ten­de, nicht so sehr auf den Text ein­ge­hen­de als viel­mehr von ihm aus­ge­hen­de Den­ken (ein Wei­ter­den­ken „über den Vers hinaus“)(6), das hat Rab­bi Nach­man mit rück­sichts­lo­sem Eigen­sinn ins Extrem getrie­ben, bis zu einem Punkt, an dem Wahn und Sinn tat­säch­lich kaum noch aus­ein­an­der zu hal­ten sind. Indem er den Akt des Schrei­bens – des Nach­schrei­bens, Umschrei­bens, Über­schrei­bens – an einen Mit­au­tor dele­gier­te, wer­te­te er für sich selbst den Akt des Lesens zu einem pro­duk­ti­ven Vor­gang auf, der nicht mehr pri­mär dem Ver­ste­hen und Bewah­ren des Gele­se­nen ver­pflich­tet sein soll­te, son­dern der inno­va­ti­ven Sinn­pro­duk­ti­on – ein Lek­tü­re­ver­ständ­nis, das Fehl­deu­tun­gen gera­de­zu pro­vo­ziert, um dar­aus neue Les­ar­ten zu gewin­nen.

Die so ver­stan­de­ne und so ange­wand­te Lek­tü­re ist dem­entspre­chend eher als ein Gegen­le­sen denn ein Mit- oder Nach­le­sen auf­zu­fas­sen, und „schöp­fe­risch“ kann sie gera­de dann wer­den, wenn sie auch als „Ver­le­sung“, als Falsch­le­sung ihre Berech­ti­gung bekommt.(7) Der fran­zö­si­sche Tal­mu­dist Marc-Alain Oua­knin schlägt dafür die tref­fen­de wort­spie­le­ri­sche For­mu­lie­rung lire aux éclats vor, also „schal­lend lesen“ (mit impli­zi­ter Bezug­nah­me auf rire aux éclats, d. h. „schal­lend lachen“).(8) Da mit „éclats“ aber auch Fun­ken oder Scher­ben gemeint sein kön­nen (denen in der Kab­ba­la gro­ße sym­bo­li­sche Bedeu­tung zukommt), bedeu­tet der Aus­druck, als Homo­phon begrif­fen, auch so viel wie „in Trüm­mer lesen“. Bei­des – das lau­te Lesen wie das dekon­struk­ti­ve Lesen – gehört zu Rab­bi Nach­mans Lek­tü­re­kon­zept, das den Schrift­text – ob als Feu­er­werk oder als Trüm­mer­werk – über­haupt erst ermög­licht, ihn pro­duk­tiv und inno­va­tiv wer­den lässt. Dar­in ver­birgt sich die unge­wöhn­li­che, des­halb auch unbe­que­me Idee – oder Visi­on –, wonach Autor­schaft nicht Ord­nung, son­dern Cha­os schafft, dass sie Fun­ken und Scher­ben statt eines kohä­ren­ten Gan­zen erzeugt, um auf die­se (ein­zig mög­li­che) Wei­se den spä­te­ren Leser in die Pflicht zu neh­men, ihm aber auch die Mög­lich­keit zu geben, aus all den unver­bun­de­nen Frag­men­ten eine eige­ne, sub­jek­tiv beding­te Ord­nung her­zu­stel­len und damit selbst zum Autor zu wer­den – zum Urhe­ber eines Werks, das kraft krea­ti­ver Lek­tü­re ent­steht und in jedem Fall, unge­ach­tet sei­ner Qua­li­tät, als ori­gi­nell und sin­gu­lär gel­ten darf. Eben die­se Extrem­po­si­ti­on ver­tritt, zwei­hun­dert Jah­re danach, der ein­fluss­rei­che Groß­kri­ti­ker Harold Bloom, wenn er kurz und bün­dig fest­hält, lite­ra­ri­sches Schrei­ben bestehe dar­in, Vor­läu­fer­tex­te – ob von Goe­the oder Pound, von Homer oder Wal­lace Ste­vens – zu lesen, genau­er: sie fehl­zu­le­sen (mis­re­a­ding), um sie als Über­schrei­bung und Fort­schrei­bung erneut pro­duk­tiv zu machen.(9)

Ori­gi­nell kön­nen dem­zu­fol­ge bloß der Akt und die Art der Lek­tü­re von Fremd­tex­ten sein, nicht aber die angeb­li­che „Schöp­fung“ eines angeb­li­chen „Ori­gi­nal­tex­tes“. Was der sol­cher­art ent­mäch­tig­te Autor beim Lesen und durch das Lesen von Fremd­tex­ten zu unver­bun­de­nen (oder unsin­nig ver­bun­de­nen) „Fun­ken“ und „Scher­ben“ frag­men­tiert, das bie­tet sich dem nach­kom­men­den Leser zu eigen­mäch­ti­ger Rekon­struk­ti­on an, so dass die­ser Leser zum Kom­pli­zen jenes Autors und zum Voll­ender eines Werks von eige­ner Ord­nung und eige­nem Anspruch wird. Ein Glei­ches lie­ße sich in gene­rel­lem Hin­blick auf die Spra­che sagen, die als sol­che auch bloß einen chao­ti­schen Wort­hau­fen bil­det, der erst durch sei­ne regel­haf­te Aus­rich­tung und prak­ti­sche Erpro­bung zu sinn­vol­lem Ein­satz kom­men kann. Was gemein­hin als „Ori­gi­nal­text“ gilt, ist dem­nach ledig­lich eine wie immer gear­te­te, stets aber ver­än­der­te und ergänz­te „Kopie“ eines bereits gele­se­nen Vor-Tex­tes.

III

Wenn Rab­bi Nach­man, tal­mu­dis­ti­scher Tra­di­ti­on fol­gend, die in wei­tes­tem Ver­ständ­nis „lite­ra­ri­sche“ Autor­schaft an der krea­ti­ven Lek­tü­re fest­macht und das „Schöp­fer­tum“ mit pro­duk­tiv ver­frem­den­der Nach­be­rei­tung gleich­setzt, nimmt er damit um gut hun­dert Jah­re vor­weg, was die Poe­tik der klas­si­schen Moder­ne, beson­ders aber die euro­päi­sche Avant­gar­de der 1910er‑, 1920er- Jah­re zum Pro­gramm machen wird: Tra­di­ti­ons­bruch als inno­va­ti­ves Ver­fah­ren, Schmä­hung aner­kann­ter Auto­ri­tä­ten, Ableh­nung oder Par­odie­rung des bestehen­den Kanons, Schwä­chung ori­gi­na­ler Autor­schaft bei gleich­zei­ti­ger Auf­wer­tung des Sprach­ma­te­ri­als und sei­ner Eigen­dy­na­mik, sei­ner „Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on“ – all dies hat­te sich auch Rab­bi Nach­man mit stau­nens­wer­ter Radi­ka­li­tät und Kon­se­quenz zur Auf­ga­be gemacht. Doch ihm ging es, wohl­ver­stan­den, nicht um Lite­ra­tur als Kunst, sein Inter­es­se galt allein der reli­giö­sen Rede, deren viel­fäl­ti­ge Aus­drucks­for­men – von der Legen­de über den Lehr­satz bis zum Gebet – er glei­cher­ma­ßen beherrsch­te und die er zusätz­lich ergänz­te durch bald kryp­ti­sche, bald komi­sche oder auch absur­de Aus­sa­gen, deren Sinn dar­in bestehen soll­te, neu­en Sinn bezie­hungs­wei­se Wider­sinn her­vor­zu­ru­fen. Nach­mans bald schwär­me­ri­sche, bald nörg­le­ri­sche Rhe­to­rik war durch­weg von einer fun­da­men­ta­len Sprach­skep­sis kon­di­tio­niert, von der schlich­ten Ein­sicht, dass die Spra­che der rea­len Welt stets nach­ge­ord­net ist, sie ledig­lich benen­nen, nicht aber her­vor­brin­gen kann.

Das ursprüng­li­che „es wer­de“ als Prä­mis­se und Anlass dafür, dass „es ward“ (und dazu auch noch „gut“ war), bleibt allein Gott vor­be­hal­ten. Die gött­li­che Wahr­heit ist letzt­lich in dem beschlos­sen und auf das beschränkt, was Gott kraft des Urhe­ber­worts als Wirk­lich­keit geschaf­fen hat. Dem­ge­gen­über muss sich das Men­schen­wort mit der sekun­dä­ren Funk­ti­on des Bedeu­tens begnü­gen, dies bei hohem Risi­ko der Miss­ver­ständ­lich­keit, der Mehr­deu­tig­keit, der unstatt­haf­ten Ver­all­ge­mei­ne­rung, der Unklar­heit und dar­über hin­aus der Ver­füh­rung zur Lüge.

Rab­bi Nach­man, der meh­re­re Spra­chen beherrscht haben soll, ist mit die­sem Defi­zit nie wirk­lich zurecht gekom­men und hat eben des­halb eine Viel­falt von Sprech­sti­len ent­wi­ckelt und auf ver­wirr­li­che Wei­se ein­ge­setzt. Sei­ne rhe­to­ri­schen Regis­ter rei­chen vom Grum­meln und Stot­tern über den nar­ra­ti­ven Dis­kurs bis zur deli­rie­ren­den Rede und – dar­über hin­aus – zum Schwei­gen, das viel­sa­gend und nichts­sa­gend zugleich sein kann und das er in bewusst gesetz­ten Pau­sen gern zur Gel­tung bringt, um das Unsäg­li­che und Unaus­sprech­li­che wenigs­tens als Geheim­nis zu evo­zie­ren: Lee­re statt Leh­re.

Wo es um die Lee­re geht, ist in der Kab­ba­la die Leh­re vom Zimz­um angesagt.(10) Es han­delt sich dabei um eine hoch­kom­ple­xe, eben­so schlüs­si­ge wie para­doxa­le Schöp­fungs­leh­re, die dar­auf hin­aus­läuft, Gott auf die Nich­tig­keit eines Punkts zurück­zu­den­ken, ihn also mit dem Nichts zu iden­ti­fi­zie­ren und die Erschaf­fung wie auch den Erhalt der Welt ganz dem Men­schen zu über­ant­wor­ten. Urhe­ber die­ser viel­leicht kühns­ten Kosmo­go­nie über­haupt ist der aus Gali­läa stam­men­de Kab­ba­list Isaak Luria (1534–1572) – als Rab­bi­ner auch „der Löwe von Safed“ genannt – , der sie aus Medi­ta­tio­nen und Visio­nen erar­bei­tet, jedoch nur sei­nen engs­ten Ver­trau­ten münd­lich zur Kennt­nis gebracht hat. Wie spä­ter im Fall von Rab­bi Nach­man waren es Schrei­ber und Kom­men­ta­to­ren, die Luri­as Werk als Text fest­ge­hal­ten und ver­brei­tet haben; er selbst hin­ter­ließ bloß bei­läu­fi­ge Nota­te, sei­ne Leh­ren kön­nen also im ori­gi­na­len Wort­laut nicht veri­fi­ziert wer­den. Die Über­lie­fe­rung lässt aber, der Eigen­wil­lig­keit sei­ner Skri­ben­ten und Exege­ten zum Trotz, kei­nen Zwei­fel an ihrer Authen­ti­zi­tät aufkommen.(11)

Der Zimz­um ist nur eine von meh­re­ren inge­ni­ös auf­ein­an­der abge­stimm­ten kosmo­go­ni­schen Ideen, mit denen Luria den jüdisch-christ­li­chen Schöp­fungs­my­thos und all­ge­mein das reli­giö­se Den­ken in der begin­nen­den Neu­zeit erwei­tert, aber auch nach­hal­tig rela­ti­viert, wenn nicht über­haupt in Fra­ge gestellt hat. Der hebräi­sche Begriff des Zimz­um bedeu­tet so viel wie Kon­trak­ti­on, Rück­zug, Rück­nah­me und wird bei Luria als ein selbst­tä­ti­ger Pro­zess gedacht – sich selbst zusam­men­zie­hen, sich selbst zurück­neh­men, sich selbst auf­he­ben. Gott ver­nich­tigt sich damit zur Nul­li­tät und ist bloß noch als ein aus­deh­nungs­lo­ser Punkt vor­stell­bar. Durch sei­ne Selbst­ent­mäch­ti­gung und Selbst­ver­win­dung als Schöp­fer eröff­net er über­haupt erst den Raum für die Ent­ste­hung der Welt, deren Erschaf­fung und Bewah­rung nun zur Gän­ze dem Men­schen anheim­ge­stellt ist: Gott über­lässt die Schöp­fung sei­nem Geschöpf, nimmt kei­ner­lei Ein­fluss dar­auf, for­dert nichts, ver­hin­dert nichts, greift an kei­ner Stel­le und in kei­nem Moment in die von ihm fort­an geschie­de­ne Welt ein. Man könn­te das auch für einen Got­tes­be­weis ex nega­tivo hal­ten. Tat­säch­lich wur­de die luria­ni­sche Leh­re des Zimz­um, deren Fas­zi­na­ti­on bis heu­te unge­bro­chen ist, weit­hin als athe­is­ti­sche Häre­sie ver­wor­fen.

Dass sich Rab­bi Nach­man expli­zit in die Nach­fol­ge Isaak Luri­as gestellt und des­sen Schöp­fungs­kon­zept – gegen den Wider­stand kon­ser­va­ti­ver Chas­si­den wie auch ortho­do­xer Tal­mu­dis­ten – öffent­lich pro­pa­giert, dabei aber auch frei­den­ke­risch abge­wan­delt hat, ist weni­ger erstaun­lich als sein Behar­ren auf des­sen nihi­lis­ti­schem Got­tes­be­griff. Die von Luria vor­be­dach­te Welt­ka­ta­stro­phe („Bruch der Gefä­ße“) und der von ihm auf­ge­zeig­te Weg zu deren Repa­ra­tur und Über­win­dung („Tik­kun Olam“) fin­det bei Nach­man weit weni­ger Beach­tung als die fins­te­re Nega­ti­vi­tät des lee­ren Kos­mos und des fer­nen, auf sich und in sich zurück­ge­zo­ge­nen Got­tes. Der Kos­mos ist da, wo Gott nicht ist, und Gott ist das, was im Kos­mos kei­nen Platz hat, weil es – also er, der sich selbst zu nichts gemacht hat – einen sol­chen Platz weder bean­sprucht noch benö­tigt und auch gar nicht ein­neh­men kann. Da Gott ein Nichts bezie­hungs­wei­se das Nichts ist, kann er nur in sei­ner Abwe­sen­heit gegen­wär­tig sein, mit­hin nie­mals dort, wo die Welt ist, deren Ent­ste­hung er ja eben durch sei­nen Rück­zug auf die eige­ne Inexis­tenz ermög­licht hat.(12)

Von die­sem lee­ren Got­tes­be­griff (der eher eine Vor­stel­lung denn ein Begriff ist) lei­tet der Bratz­la­wer die durch­aus welt­li­che For­de­rung her, der Mensch müs­se sich von sich und aus sich selbst zurück­zie­hen, um sich sei­ner zu ver­si­chern. Um sich sei­ner als Indi­vi­du­um zu ver­si­chern, muss er, unter anderm, eine unver­wech­sel­bar per­sön­li­che Spra­che her­aus­bil­den, die sich von den durch Tra­di­tio­nen und Insti­tu­tio­nen ver­fes­tig­ten Dis­kur­sen frei­macht. Auch in die­sem Zusam­men­hang ver­steht Nach­man den Sprach­ein­satz zunächst als eine beson­de­re Art des Lesens, als eine Lek­tü­re „gegen den Strich“ des­sen, was tra­di­tio­nell und insti­tu­tio­nell bereits geschrie­ben steht. Was da steht, soll durch eigen­sin­ni­ges Lesen in Bewe­gung, wenn nicht gar in Unord­nung gebracht wer­den, damit es neu­en Sinn erzeu­gen und „ver­strah­len“ kann.

Jeder star­ke Text, meint Rab­bi Nach­man, rei­che über sich selbst hin­aus – sein Bedeu­ten­kön­nen über­trifft sein Bedeu­ten­wol­len. Sich bei dem auf­zu­hal­ten, was ein Text bedeu­ten will, mag hei­ßen, dass man ihn ver­stan­den hat, nicht aber, dass man dar­aus einen wei­ter­rei­chen­den Sinn gewinnt. „Treue“ Lek­tü­re kann kei­ne pro­duk­ti­ve Lek­tü­re sein und kann auch kein inno­va­ti­ves Schrei­ben akti­vie­ren, so wie umge­kehrt „star­ke“ Lek­tü­re kei­ne treue Lek­tü­re sein kann. Um es abschlie­ßend zu wie­der­ho­len: Ein­zig aus unbot­mä­ßi­gem – ob kri­ti­schem oder nai­vem – „Zer­le­sen“ vor­ge­ge­be­ner Tex­te kön­nen neue star­ke Tex­te erwach­sen. Was nach Rab­bi Nach­man für das jüdi­sche Schrift­tum zu gel­ten hat, trifft auf Lite­ra­tur all­ge­mein zu, auch wenn dies noch kei­nes­wegs all­ge­mein so akzep­tiert ist. „Schöp­fe­ri­sches Schrei­ben kann nicht ohne das Auf­rei­ßen und Aus­ein­an­der­bre­chen des­sen vor sich gehen, was schon [als Text] da ist – nicht ohne den Bruch und die Neu­schaf­fung des Hori­zonts des Gege­be­nen [d. h. der vor­ge­ge­be­nen Tex­te]“, heißt es in sei­nen dies­be­züg­li­chen Lehr­mei­nun­gen: „Unser wirk­li­cher Bei­trag zu einem der­ar­ti­gen Text und zu dem Den­ken, das in ihm aus­ge­spro­chen ist, kann nur dar­auf aus­ge­rich­tet sein, den Moment schöp­fe­ri­scher Zer­rei­ßung zu errei­chen, die­se ganz ande­re, erneu­er­te Däm­me­rung, in der sich alle Din­ge in unbe­kann­ter Land­schaft unver­se­hens anders darbieten.“(13)

Nach­mans luria­ni­sche Vor­stel­lung eines hin­ter sei­ne und für sei­ne Schöp­fung sich zurück­zie­hen­den Got­tes wie auch sei­ne Funk­ti­ons­be­stim­mung des Schrei­bens als krea­ti­ve Lek­tü­re wei­sen vor­aus auf den moder­nen Topos vom „Ver­schwin­den“ oder vom „Tod“ des Autors, der in den anti­au­to­ri­tä­ren 1968er-Jah­ren die inter­na­tio­na­le Lite­ra­tur­de­bat­te domi­nier­te und schließ­lich in der Tot­er­klä­rung der künst­le­ri­schen Lite­ra­tur schlecht­hin ihren Höhe­punkt fand. Heu­te, da jene For­de­run­gen weit­ge­hend ver­ges­sen sind und lite­ra­ri­sche Autor­schaft erneut – bei Buch­pre­mie­ren, Preis­ver­lei­hun­gen, Lese- und Mes­se­auf­trit­ten – vehe­ment per­so­na­li­siert wird, soll­te man sich viel­leicht ein­mal wie­der dar­an erin­nern, dass jeder Schrei­ben­de, ob er will oder nicht, an bereits Geschrie­be­nem mit- und wei­ter­schreibt, und dies in einem Aus­maß, dass man mit Edmond Jabès pro­sa­isch kon­sta­tie­ren darf: Schrei­ben heißt geschrie­ben wer­den.

Anmer­kun­gen
1    Die Geschich­ten des Rab­bi Nach­man, ihm nach­er­zählt von Mar­tin Buber, Leip­zig 1906; Die Erzäh­lun­gen des Rab­bi Nach­man von Bratz­law, aus dem Jid­di­schen und Hebräi­schen über­setzt und kom­men­tiert von Micha­el Bro­cke, Mün­chen 1985. Bei­de Aus­ga­ben ent­hal­ten bio­gra­fi­sche Auf­sät­ze zu Rab­bi Nach­man sowie Erläu­te­run­gen zu sei­nen Tex­ten; Buber ergänzt die Geschich­ten durch aus­ge­wähl­te „Wor­te des Rab­bi Nach­man“ aus andern Schrif­ten und durch all­ge­mei­ne Hin­wei­se auf die jüdi­sche Mys­tik.

2    Sie­he u. a. Gers­hom Scholem, Die jüdi­sche Mys­tik in ihren Haupt­strö­mun­gen, Zürich 1957, wo Rab­bi Nach­man zwar als „tie­fer Kopf“ (S. 380) genannt, aber nicht wei­ter gewür­digt wird. Man darf ver­mu­ten, dass der Bratz­la­wer wegen sei­ner inko­hä­ren­ten Lehr­mei­nun­gen, sei­ner radi­ka­len Sprach- und Wis­sen­schafts­skep­sis und gene­rell wegen sei­nes chas­si­di­schen Extre­mis­mus bei Scholem kein adäqua­tes Ver­ständ­nis fin­den konn­te.

3    Liku­tey Moh­a­ran („Coll­ec­ted Tea­chings of Our Tea­cher, Rab­bi Nach­man“), trans­la­ted to Eng­lish and anno­ta­ted by Rab­bis Cha­im Kra­mer and Mos­he Mykoff, I‑XV, Jerusalem/New York 1984–2014.

4      Simon Dub­now, Geschich­te des Chas­si­dis­mus, II, Ber­lin 1931, S. 216.

5    Elie Wie­sel, Célé­bra­ti­on has­si­di­que, Paris 1972, S. 202; deutsch von Felix Phil­ipp Ingold

6    Vgl. dazu u. a. Emma­nu­el Lévi­n­as, L’Au-delà du ver­set, Paris 1982.

7    In tal­mu­dis­ti­schem Ver­ständ­nis ist Tra­di­ti­on, als das zu Lesen­de, eng an Inno­va­ti­on und Offen­ba­rung gebun­den: Lek­tü­re als krea­ti­ver Pro­zess. Vom Exege­ten wird „Kühn­heit vor dem Text“ gefor­dert, er soll ver­fes­tig­te Tra­di­tio­nen (Les­ar­ten) unter­lau­fen und spren­gen, darf sich nicht zufrie­den geben mit dem, was er liest. Der vor­ge­ge­be­ne Text kann und soll nicht ein­deu­tig sein – nur in sei­ner Mehr­stim­mig­keit und Rät­sel­haf­tig­keit wird er sich als Leh­re behaup­ten. Sie­he dazu den auf­schluss­rei­chen Ver­such über die „unend­li­che“ Bibel­lek­tü­re jüdi­scher Kom­men­ta­to­ren von David Banon, La lec­tu­re infi­nie, Paris 1987.

8    Marc-Alain Oua­knin, Lire aux éclats, Paris 1989.

9    Harold Bloom, Kab­ba­lah and Cri­ti­cism, New York 1975, S. 102.

10    Zur Ent­ste­hung, Über­lie­fe­rung und Bedeu­tung der Leh­re vom Zimz­um sie­he u. a. Marc-Alain Oua­knin, Tsimt­so­um, Paris 1992; Chris­toph Schul­te, Zimz­um, Ber­lin 2014.

11    Zur Ein­füh­rung in die luria­ni­sche Kab­ba­lis­tik sie­he Gers­hom Scholem, Die jüdi­sche Mys­tik, Zürich 1957, Kap. VII; dazu diver­se Nach­dru­cke. Vgl. Gerold Necker, Ein­füh­rung in die luria­ni­sche Kab­ba­la, Frank­furt a.M. 2008.

12    Sie­he dazu die Hin­wei­se und Zita­te bei Chris­toph Schul­te, a.a.O., S. 274–288.

13    So Rab­bi Nach­man in Lik­ku­t­ei Moh­a­ran (II, § 24), hier zitiert und über­setzt nach Marc-Alain Oua­knin, a.a.O. (Anm. 10), S. 83.

* * *

Felix Phil­ipp Ingold lebt als Schrift­stel­ler, Publi­zist und Über­set­zer im Waadt­län­der Jura. Jüngs­te Buch­pu­bli­ka­tio­nen: Leben & Werk (Tages­be­rich­te zur Jetzt­zeit, 2014), Nee die Ideen (Gedich­te, 2014); als Her­aus­ge­ber: Lew Sches­tow, Apo­theo­se der Grund­lo­sig­keit (2015). Alle Titel bei Matthes & Seitz, Ber­lin.

Die­ser Arti­kel erschien zuerst in VOLLTEXT 1/2015.

Online seit: 3. März 2015

Zuletzt geän­dert: 26. Okt. 2015