Kerker, Klinik und Klausur

Lite­ra­tur als Trau­ma­be­wäl­ti­gung. Von Felix Phil­ipp Ingold
Arthur Schopenhauer © J. Schäfer

Arthur Scho­pen­hau­er: „Dass ein Mal Einer eine tra­gi­sche Lit­te­ra­tur­ge­schich­te ver­such­te!“
Foto: Johann Schä­fer, 1859

Der im Zusam­men­hang mit der Covid-19-Pan­de­mie ver­ord­ne­te all­ge­mei­ne Aus­nah­me­zu­stand hat sich auf den Lite­ra­tur­be­trieb, der sei­ne Dyna­mik vor­ab aus Buch­pre­mie­ren, Preis­ver­lei­hun­gen, Mes­sen, Work­shops und Lesun­gen gewinnt, weit fata­ler aus­ge­wirkt als auf die eigent­li­che, von Autoren und Autorin­nen indi­vi­du­ell bewerk­stel­lig­te Lite­ra­tur­pro­duk­ti­on. Denn die Qua­ran­tä­ne­si­tua­ti­on als sol­che ent­spricht ja doch weit­ge­hend der schrift­stel­le­ri­schen Nor­ma­li­tät, dem Bedürf­nis, wenn nicht der Not­wen­dig­keit, im wie auch immer gear­te­ten Home­of­fice zu arbei­ten, mit­hin in einer Situa­ti­on der Zurück­ge­zo­gen­heit, der Selbst­ver­ant­wor­tung und Selbst­ge­nüg­sam­keit.

Wie essen­zi­ell wich­tig das Abseits – einst als „stil­le Kam­mer“, als Hort „schöp­fe­ri­scher Ein­sam­keit“ ver­klärt – für die Schrift­stel­le­rei schon immer gewe­sen ist, weiß man aus der Lite­ra­tur­ge­schich­te: Cice­ros Vil­la im abge­le­ge­nen Tus­cu­lum, Höl­der­lins unwohn­li­cher Turm in Tübin­gen, Ril­kes noble Rück­zugs­or­te ste­hen bei­spiel­haft dafür. Dass dar­über hin­aus auch Orte des Zwangs und der Gewalt als Gehäu­se für krea­ti­ves Schrei­ben tau­gen kön­nen, ist belegt durch belie­big vie­le Wer­ke, die im Ker­ker, im Arbeits­la­ger, in der Qua­ran­tä­ne, in der Kli­nik, im Exil ent­stan­den sind und die tat­säch­lich die alt­her­ge­brach­te Ver­mu­tung zu bestä­ti­gen schei­nen, wonach äuße­re Repres­si­on und extre­me räum­li­che wie zeit­li­che Ein­schrän­kun­gen die Ent­ste­hung star­ker Lite­ra­tur­wer­ke eher begüns­ti­gen als behin­dern.

Schon vor dem Aus­nah­me­zu­stand der Covid-19-Pan­de­mie domi­nier­ten in der Bel­le­tris­tik Stof­fe und The­men aus dem Bereich pri­va­ter und gesell­schaft­li­cher Patho­lo­gie.

Mit dem Auf­kom­men des Huma­nis­mus und der zuneh­men­den Indi­vi­dua­li­sie­rung des Künst­ler­tums wuchs natur­ge­mäß auch das Inter­es­se an den pri­va­ten Prä­mis­sen und Bedin­gun­gen krea­ti­ven Tuns. Dass sol­ches Tun in vie­len Fäl­len mit schwe­rem „Unge­mach“ (infe­li­ci­tas) ver­bun­den war, wur­de damals zu einem Gemein­platz der Bio­gra­fik, der – zumin­dest hin­ter­grün­dig – über Jahr­hun­der­te hin Bestand hat­te und der nun unter dem aktu­el­len Ein­druck der Coro­na­kri­se erneut an Inter­es­se gewinnt. Vom „Hass der For­tu­na“ auf das schöp­fe­ri­sche Genie (auf her­aus­ra­gen­de Intel­lek­tu­el­le all­ge­mein, auf Lite­ra­ten im Beson­dern) wur­de seit dem 16. Jahr­hun­dert in ein­schlä­gi­gen Trak­ta­ten berich­tet, wobei als „Unge­mach“ per­sön­li­che und epo­cha­le Wid­rig­kei­ten glei­cher­ma­ßen in Betracht gezo­gen wur­den: Seu­chen, Krie­ge, Natur­ka­ta­stro­phen, Gefan­gen­schaft, Ver­ban­nung oder Armut einer­seits; Ver­ken­nung, Ver­leum­dung, Ver­rat, Wahn­sinn, mate­ri­el­le oder fami­liä­re Ver­lus­te and­rer­seits. Für Letz­te­res stan­den exem­pla­risch Autoren wie Machia­vel­li, Tas­so, Cam­pa­nella ein, aber auch frü­he­re „Mär­ty­rer“ um des Geis­tes und der Kunst wil­len wie Ovid oder Dan­te.

Dass kol­lek­ti­ves wie indi­vi­du­el­les „Unge­mach“ nicht nur für Künst­ler- bezie­hungs­wei­se Dich­ter­bio­gra­fien kon­sti­tu­tiv ist, son­dern jeder­mann, den „Men­schen wie du und ich“, betref­fen kann, wird dar­ob häu­fig ver­ges­sen – ein Man­ko, das schlicht dar­auf zurück­zu­füh­ren ist, dass die gewöhn­li­chen, die namen­lo­sen Opfer tra­gi­scher Lebens­um­stän­de ihre Erfah­run­gen nicht in Schrift­form bezeu­gen, sie schon gar nicht durch lite­ra­ri­sche Auf­ar­bei­tung über­bie­ten kön­nen.

Als die euro­päi­sche Roman­tik Welt­schmerz, Ein­sam­keit und Todes­sehn­sucht zu einer eigent­li­chen Lei­dens­ma­gie syn­the­ti­sier­te, wur­de die tra­gi­sche Künst­ler­exis­tenz noch ein­mal mar­kant auf­ge­wer­tet, doch ihre macht­vol­le, weit­hin erfolg­rei­che Idea­li­sie­rung bewirk­te in der Fol­ge auch eine gewis­se Nor­ma­li­sie­rung, schließ­lich sogar die Typi­sie­rung des Dich­ters als Schmer­zens­mann, der Dich­tung als Opfer­gang. Dass dann in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts Arthur Scho­pen­hau­er (in Parer­ga und Para­li­po­me­na) wort­reich die For­de­rung erhob, „dass ein Mal Einer eine tra­gi­sche Lit­te­ra­tur­ge­schich­te ver­such­te“, war dem­nach so über­ra­schend nicht.

Womög­lich ist ja die weit­ver­brei­te­te „Tra­gik“ heu­ti­ger Dich­tung eher ein Trend oder ein Fake als ihr Exis­tenz­grund.

Für Scho­pen­hau­er stand fest, dass Künst­ler­tum und Mär­ty­rer­tum, Genie und Tra­gik in unauf­lös­li­cher, letzt­lich schick­sal­haf­ter Wech­sel­be­zie­hung mit­ein­an­der ver­quickt sind und dass nun eben eine „tra­gi­sche“ Geschich­te sol­cher Ver­qui­ckun­gen das Desi­de­rat der Stun­de sei. Es müs­se end­lich „vor­ge­führt“ wer­den, wie die „wah­ren Erleuch­ter“ und die „gro­ßen Meis­ter“ der Mensch­heit „ohne Aner­ken­nung, ohne Anteil, ohne Schü­ler, in Armut und Elend sich dahin­ge­quält haben“, betont er mit pau­scha­li­sie­ren­dem Pathos, und pole­misch fügt er hin­zu, dass gleich­zei­tig „Ruhm, Ehre und Reich­tum den Unwür­di­gen“ zuteil­ge­wor­den sei­en, die sich jeg­li­cher Tra­gik ent­zo­gen hät­ten. Damit stellt Scho­pen­hau­er unmiss­ver­ständ­lich klar, dass ein­zig die „tra­gisch“ beglau­big­te Krea­ti­vi­tät künst­le­risch taug­lich sei, glück­li­ches Schöp­fer­tum jedoch stets nur fal­schen Schein erzeu­ge, und er scheut sich nicht, dafür einen bibli­schen Ver­gleich her­an­zu­ziehn: „… wie dem Esau, dem, wäh­rend er für den Vater jag­te und Wild erleg­te, Jakob, in sei­nem Gewan­de ver­klei­det, zu Hau­se den Segen des Vaters stahl.“

II

Den Begriff der „tra­gi­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te“ hat ein Jahr­hun­dert nach Scho­pen­hau­er der Schwei­zer Ger­ma­nist Wal­ter Muschg – angeb­lich unab­hän­gig von ihm – auf­ge­nom­men und zu einem welt­li­te­ra­ri­schen Kon­zept ent­fal­tet, das ab 1948 in Buch­form zu einem Best­sel­ler wur­de. Tra­gi­sche Stof­fe waren in der dama­li­gen Nach­kriegs­li­te­ra­tur mit ihrem Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gungs­fu­ror gang und gäbe, und Muschg konn­te denn auch mit sei­nem monu­men­ta­len Werk weit­hin punk­ten – es erleb­te meh­re­re Neu­auf­la­gen, wur­de breit und kon­tro­vers dis­ku­tiert, bis es in den 1960er-Jah­ren, als in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft Struk­tu­ra­lis­mus und Mar­xis­mus die Feder­füh­rung über­nah­men, rela­tiv rasch in Ver­ges­sen­heit geriet.

Was Scho­pen­hau­er einst in ein paar weni­gen prä­gnan­ten Sät­zen skiz­ziert hat­te, legt Muschg auf vie­len hun­dert Text­sei­ten noch ein­mal expli­zit dar und rei­chert es mit belie­big vie­len Fall­bei­spie­len an, die die Geschich­te der Welt­li­te­ra­tur und das Wesen aller künst­le­ri­schen Krea­ti­vi­tät als eine per­ma­nen­te mensch­li­che Tra­gö­die aus­wei­sen sol­len: „schö­ne Lite­ra­tur“ lässt sich nicht ein­fach pro­du­zie­ren, sie muss auf Leben und Tod erlit­ten, muss unter kon­se­quen­tem Glücks- und Erfolgs­ver­zicht abver­dient wer­den. Muschg lässt eine Viel­zahl von Dich­ter­bio­gra­fien in Kür­zest­fas­sung Revue pas­sie­ren, um zu bele­gen, dass sei­ne Grund­the­se für die Lite­ra­tu­ren aller Epo­chen Gel­tung hat. Dabei för­dert er man­chen Über­ra­schungs­fund zuta­ge, lie­fert reich­lich Fak­ten und Zita­te, die dar­tun sol­len, „dass das Tra­gi­sche im Wesen der Dich­tung begrün­det ist“ und dass eben „dar­aus sowohl das über die Lite­ra­tur­ge­schich­te wal­ten­de Schick­sal wie das viel­ge­stal­ti­ge per­sön­li­che Unglück der Dich­ter“ erwächst.

Muschgs groß ange­leg­te Mono­gra­fie erweist sich letzt­lich als eine weit­läu­fi­ge Kran­ken- und Lei­dens­ge­schich­te des Dich­ter­tums gene­rell, geht also über gän­gi­ge lite­ra­tur­so­zio­lo­gi­sche Betrach­tun­gen dezi­diert hin­aus und will sich als eine all­ge­mein­gül­ti­ge Lite­ra­tur­an­thro­po­lo­gie behaup­ten. Recht­fer­ti­gung und Stüt­ze dafür fin­det er vor­ab bei Fried­rich Nietz­sche, der das Leben „gro­ßer Men­schen“ (gemeint sind genia­le Autoren) schon früh als „fort­ge­setz­te Tier­quä­le­rei“ qua­li­fi­zier­te und davon aus­ging, dass „die gröss­ten Erzeug­nis­se des Geis­tes einen schreck­li­chen und bösen Hin­ter­grund haben“. Im Rück­blick auf die anti­ke Geis­tes­welt Grie­chen­lands präg­te er spä­ter die glei­cher­ma­ßen resi­gna­ti­ve und heroi­sche For­mel: „Je mehr Geist, des­to mehr Leid.“

Wal­ter Muschg hat sich die­se For­mel sinn­ge­mäß zum Leit­satz gemacht: „Alle gro­ße Dich­tung“, so liest man auf Sei­te 405 der Tra­gi­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te (4. Aufl., Bern/München 1969), „ist eine Frucht des Lei­dens.“ Dem­ge­gen­über gel­ten ihm „glück­li­che“, erfolg­rei­che Autoren, die die­ser patho­lo­gi­schen Prä­mis­se nicht ent­spre­chen, grund­sätz­lich als nichts­nut­zi­ge, ja ver­ächt­li­che „Gauk­ler“, „Akro­ba­ten“, „Schar­la­ta­ne“ – Jean Coc­teau, Gott­fried Benn, Tho­mas Mann sind die moder­nen Para­de­bei­spie­le dafür.

Zwei Din­ge soll­te man gegen­über Muschg eigens beto­nen: Ers­tens ent­ste­hen in „tra­gi­schen“ Lebens­si­tua­tio­nen kei­nes­wegs nur Tex­te, die eben die­se „Tra­gik“ – ob per­sön­lich erlit­ten oder kol­lek­tiv ertra­gen – auch zum The­ma haben, und zwei­tens wird die „Tra­gik“ von den Betrof­fe­nen auf vie­ler­lei Wei­se, mit­un­ter auch durch­aus posi­tiv erfah­ren.

In Pest‑, Kriegs- und andern Kri­sen­zei­ten haben man­che Autoren demons­tra­tiv das komi­sche Gen­re bevor­zugt – statt ihr Unglück her­aus­zu­stel­len und es zu bekla­gen, mach­ten sie sich einen Jux dar­aus, es mit skur­ri­len, obs­zö­nen, genüss­li­chen Geschich­ten und Gedich­ten zu über­blen­den. Gio­van­ni Boc­c­ac­ci­os Deca­me­ro­ne ist pro­to­ty­pisch dafür.

Auch lie­ßen sich zahl­rei­che Bei­spie­le dafür nam­haft machen, dass rea­les Unglück als glück­li­cher Aus­nah­me­fall belo­bigt wird. „Nur dort leb­te ich ein gesun­des glück­li­ches Leben“, beteu­er­te Fjo­dor Dos­to­jew­skij im Rück­blick auf sei­ne mehr­jäh­ri­ge Haft im sibi­ri­schen Arbeits­la­ger: „All mei­ne bes­ten Gedan­ken sind mir dort gekom­men …“. Und für Alex­an­der Pusch­kin wur­den die Jah­re des Exils und der Qua­ran­tä­ne (Cho­le­ra) nicht nur zu unver­gess­li­chen Pha­sen per­sön­li­chen Glücks, son­dern auch höchst pro­duk­ti­ven Schaf­fens. Die gän­gi­ge Rede vom „Glück im Unglück“ fin­det in sol­chen Fäl­len ihre über­zeu­gen­de Bestä­ti­gung: Es ist gera­de nicht die „Tra­gik“, die da tri­um­phiert, es ist viel­mehr – man den­ke an Ovid, Boe­ti­us, Dan­te, an Hei­ne und Kaf­ka – der Tri­umph des krea­ti­ven Wol­lens und selbst­be­stimm­ten Schaf­fens in Situa­tio­nen extre­mer Ein­schrän­kung durch Gefan­gen­schaft, Krank­heit, Armut oder Sucht.

III

Schon vor dem gegen­wär­ti­gen Aus­nah­me­zu­stand der Covid-19-Pan­de­mie domi­nier­ten in der inter­na­tio­na­len Bel­le­tris­tik Stof­fe und The­men aus dem Bereich pri­va­ter und gesell­schaft­li­cher Patho­lo­gie. Weit­hin ist da – zumeist in auto­fik­tio­na­lem Set­ting – die Rede von Dro­gen­sucht, Alko­ho­lis­mus, Mob­bing, Migra­ti­on, sexu­el­lem Miss­brauch, Depres­si­on oder Burn­out. Autoren wie Knaus­gård, Hou­el­le­becq, Ernaux, Eri­bon, Bil­ler, Wink­ler und belie­big vie­le ande­re haben dazu mit bemer­kens­wer­ten Erzähl­tex­ten bei­getra­gen: „unglück­li­che“ Ver­fas­ser, die sich immer auch als unglück­li­che Prot­ago­nis­ten gerie­ren. Man könn­te die­se Hal­tung, die­se Leis­tung mit E. M. Cioran recht­fer­ti­gen, der einst in sei­nen Cahiers lako­nisch fest­hielt: „Armut, Krank­heit, Tod – die ein­zi­gen Dau­er­zu­stän­de, mit­hin wahr­haf­tig. Alles ande­re ist Unfall oder duperie.“

Eine unver­ges­se­ne Bestä­ti­gung dafür lie­fer­te damals Fritz Zorn mit dem Ein­gangs­satz zu sei­nem pos­tum erschie­ne­nen auto­bio­gra­fi­schen Erzähl­werk Mars (1977): „Ich bin jung und reich und gebil­det; und ich bin unglück­lich, neu­ro­tisch und allein …“ Zorn (der eigent­lich Angst hieß) starb 32-jäh­rig an einer Krebs­er­kran­kung; er kann als Vor­bild und Initia­tor der heu­ti­gen lite­ra­ri­schen bezie­hungs­wei­se lite­r­a­ri­sie­ren­den Patho­gra­fie gel­ten. – Man mag die­sen neu­en „tra­gi­schen“ Trend inzwi­schen über­an­strengt und all­zu red­un­dant fin­den, wenn man in einer aktu­el­len Buch­prä­sen­ta­ti­on Sät­ze wie die­se zu lesen bekommt: „Auf weni­gen Sei­ten fängt die Autorin gan­ze Lebens­schick­sa­le von gebro­che­nen Figu­ren ein. Es sind Geschich­ten von weib­li­cher Selbst­be­stim­mung, Aus­wan­de­rung und lebens­un­fä­hi­gen Intel­lek­tu­el­len, sie erzäh­len vom Trau­ma von Tot­ge­bur­ten, feh­len­den Vätern, ver­härm­ten Müt­tern, von Demenz und Auf­op­fe­rung.“ Das ist, wohl­ver­stan­den, als Emp­feh­lung gemeint, soll also zur Lek­tü­re von durch­weg „tra­gi­schen“ Geschich­ten anre­gen.

„Der Schrift­stel­ler braucht einen Man­gel, einen Angst­druck, um die wei­ße Sei­te zu fül­len.“

Die Autoren selbst ten­die­ren ver­mehrt dazu, ihr eige­nes Malai­se öffent­lich zu machen, sich in Inter­views, bei Lesun­gen oder Preis­ver­lei­hun­gen als „Opfer“ wid­ri­ger Lebens­um­stän­de zu outen. Nicht Lite­ra­tur oder Poe­tik ste­hen hier im Vor­der­grund, es geht um indi­vi­du­el­le Krän­kun­gen und Defi­zi­te, die schrift­stel­le­ri­sche Ambi­tio­nen über­haupt erst akti­vie­ren. Erfolgs­li­te­ra­ten wie Kracht, Schin­del, Mel­le, Kirch­hoff oder Has­lin­ger haben dies in direk­ter Rede öffent­lich bezeugt. In der Dank­sa­gung für den Büch­nerpreis 2019 hat Lukas Bär­fuss sein lite­ra­ri­sches Werk „in wei­ten Tei­len als ein Zeug­nis für die mensch­li­che Nie­der­tracht und Grau­sam­keit“ aus­ge­wie­sen – als eine „den wid­ri­gen Umstän­den abge­run­ge­ne äußers­te Mög­lich­keit“; und mehr als das: „Ich habe in den letz­ten Jahr­zehn­ten eine Exis­tenz mit, durch und auf dem Leid errich­tet, auf Mord und Tot­schlag, Fol­ter und Ver­ge­wal­ti­gung.“

Die zeit­ge­nös­si­sche Bel­le­tris­tik, mit­hin die „schö­ne Lite­ra­tur“ hält denn auch eine Über­fül­le ent­spre­chen­der Ange­bo­te bereit, und man fragt sich, ob an die­sem Punkt die obso­let gewor­de­ne „tra­gi­sche Lite­ra­tur­ge­schich­te“ von ehe­dem nicht erneut auf­ge­grif­fen, fort­ge­führt und wei­ter aus­dif­fe­ren­ziert wer­den könn­te. – Der fran­zö­si­sche Neu­ro­psych­ia­ter und Lebens­phi­lo­soph Boris Cyrul­nik scheint mit sei­nem jüngs­ten Werk (La Nuit, j’écrirai des sol­eils, Paris 2019) an das alte Kon­zept anzu­knüp­fen, wenn er die schlech­te, die „tra­gi­sche“ All­täg­lich­keit – Ver­lus­te, Tren­nun­gen, Depres­sio­nen, Süch­te, Ver­ge­hen aller Art – als eine abgrün­di­ge „Nacht“ vor­aus­setzt, die es dem Schrei­ben­den über­haupt erst ermög­licht, sein Licht (sei­ne „Son­nen“) auf­ge­hen zu las­sen: „Der Man­gel ruft nach Krea­ti­vi­tät. Der Ver­lust ruft nach Kunst … Es gilt die Spra­che zu fin­den, die dem Unge­mach eine Form geben, es bes­ser begreif­lich machen kann.“ Man müs­se, meint Cyrul­nik, das eige­ne Unglück noch ein­mal schrei­bend in Sze­ne set­zen, um es defi­ni­tiv zu bewäl­ti­gen. Wenn Wal­ter Muschg „das Tra­gi­sche“ in der Dich­tung selbst ver­or­tet sieht, geht Cyrul­nik – offen­bar ohne Kennt­nis von des­sen Vor­ar­beit – umge­kehrt davon aus, dass Lite­ra­tur kom­pen­sie­rend, klä­rend und prin­zi­pi­ell posi­tiv auf die unent­rinn­ba­re Tra­gik der Lebens­welt reagiert und sol­cher­art zur Bewäl­ti­gung rea­ler Trau­ma­ta bei­trägt.

„Bewäl­ti­gung“ (auch „Resi­li­enz“) ist der mehr­deu­ti­ge Begriff dafür, dass und wie Lite­ra­tur als The­ra­pie wirk­sam wird. Bei Cyrul­nik figu­riert das Tra­gi­sche als das Trau­ma­ti­sche, und die­ses spannt sich zu einer Art von Tram­po­lin, das den Sprung über das Malai­se hin­aus erst ermög­licht. „Der Schrift­stel­ler braucht“, so argu­men­tiert er in Über­ein­stim­mung mit Scho­pen­hau­er wie auch mit Muschg und andern Patho­gra­fen, „einen Man­gel, einen Angst­druck, um die wei­ße Sei­te zu fül­len.“ Was eine pro­blem­lo­se, gar glück­li­che Nor­mal­si­tua­ti­on nicht bie­ten kann: „In einer Umge­bung affek­ti­ver Wär­me bleibt die Spra­che ohne Wür­ze. Nur das Grab, das Gefäng­nis, die Unter­welt ver­lei­hen ihr ein Aro­ma. Nur in der Fins­ter­nis kann man auf Licht hof­fen, nur des Nachts wer­den Son­nen erschaf­fen.“ Ein­zig in einer deso­la­ten Lebens­welt, so fügt Cyrul­nik hin­zu, ver­mö­ge die Spra­che Hoff­nung auf­kom­men zu las­sen. Und er scheut auch nicht die ver­we­ge­ne Behaup­tung, dass gera­de Autoren mit aus­ge­präg­ten affek­ti­ven Bedürf­nis­sen – Arthur Rim­baud, Jean Genet, Paul Celan, Pri­mo Levi, Romain Gary – eben die­se Bedürf­nis­se frei­wil­lig zurück­ge­stellt hät­ten, ein­zig „um ihre Krea­ti­vi­tät zu sti­mu­lie­ren“. Resi­li­enz (von lat. resi­li­re, abpral­len, zurück­sprin­gen) ist frei­lich nicht bloß ein Sti­mu­lans, sie ist ein unab­wend­ba­rer „Zwang zur Krea­ti­vi­tät“.

Die­se und ähn­li­che, durch­aus streit­ba­re The­sen soll­ten kri­tisch auf­ge­nom­men und für ein tie­fe­res Ver­ständ­nis der aktu­el­len „tra­gisch“ grun­dier­ten Lite­ra­tur­pro­duk­ti­on genutzt wer­den. Dar­aus braucht aller­dings nicht noch eine „tra­gi­sche Lite­ra­tur­ge­schich­te“ zu erwach­sen. Denn womög­lich ist ja die weit­ver­brei­te­te „Tra­gik“ heu­ti­ger Dich­tung eher ein Trend oder ein Fake als ihr Exis­tenz­grund. Und viel­leicht gilt ohne­hin, vor allem andern, das deso­la­te Dik­tum von René Girard: „Kul­tur bil­det sich immer nur als Grab­stät­te her­aus.“

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Felix Phil­ipp Ingold arbei­tet als frei­er Autor in Romain­mô­tier (wel­sche Schweiz); zuletzt erschie­nen von ihm die Bän­de End­no­ten (Rit­ter­books, 2019) und Tri­lo­gie des einen Sat­zes (I–III, Molo­ko Print, 2020).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2020 – 26. Juni 2020

Online seit: 20. Juli 2020

Zuletzt geän­dert: 20. Sep. 2020