Kerker, Klinik und Klausur

Literatur als Traumabewältigung. Von Felix Philipp Ingold

Online seit: 20. Juli 2020
Arthur Schopenhauer © J. Schäfer
Arthur Schopenhauer: „Dass ein Mal Einer eine tragische Litteraturgeschichte versuchte!“
Foto: Johann Schäfer, 1859

Der im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie verordnete allgemeine Ausnahmezustand hat sich auf den Literaturbetrieb, der seine Dynamik vorab aus Buchpremieren, Preisverleihungen, Messen, Workshops und Lesungen gewinnt, weit fataler ausgewirkt als auf die eigentliche, von Autoren und Autorinnen individuell bewerkstelligte Literaturproduktion. Denn die Quarantänesituation als solche entspricht ja doch weitgehend der schriftstellerischen Normalität, dem Bedürfnis, wenn nicht der Notwendigkeit, im wie auch immer gearteten Homeoffice zu arbeiten, mithin in einer Situation der Zurückgezogenheit, der Selbstverantwortung und Selbstgenügsamkeit.

Wie essenziell wichtig das Abseits – einst als „stille Kammer“, als Hort „schöpferischer Einsamkeit“ verklärt – für die Schriftstellerei schon immer gewesen ist, weiß man aus der Literaturgeschichte: Ciceros Villa im abgelegenen Tusculum, Hölderlins unwohnlicher Turm in Tübingen, Rilkes noble Rückzugsorte stehen beispielhaft dafür. Dass darüber hinaus auch Orte des Zwangs und der Gewalt als Gehäuse für kreatives Schreiben taugen können, ist belegt durch beliebig viele Werke, die im Kerker, im Arbeitslager, in der Quarantäne, in der Klinik, im Exil entstanden sind und die tatsächlich die althergebrachte Vermutung zu bestätigen scheinen, wonach äußere Repression und extreme räumliche wie zeitliche Einschränkungen die Entstehung starker Literaturwerke eher begünstigen als behindern.

Schon vor dem Ausnahmezustand der Covid-19-Pandemie dominierten in der Belletristik Stoffe und Themen aus dem Bereich privater und gesellschaftlicher Pathologie.

Mit dem Aufkommen des Humanismus und der zunehmenden Individualisierung des Künstlertums wuchs naturgemäß auch das Interesse an den privaten Prämissen und Bedingungen kreativen Tuns. Dass solches Tun in vielen Fällen mit schwerem „Ungemach“ (infelicitas) verbunden war, wurde damals zu einem Gemeinplatz der Biografik, der – zumindest hintergründig – über Jahrhunderte hin Bestand hatte und der nun unter dem aktuellen Eindruck der Coronakrise erneut an Interesse gewinnt. Vom „Hass der Fortuna“ auf das schöpferische Genie (auf herausragende Intellektuelle allgemein, auf Literaten im Besondern) wurde seit dem 16. Jahrhundert in einschlägigen Traktaten berichtet, wobei als „Ungemach“ persönliche und epochale Widrigkeiten gleichermaßen in Betracht gezogen wurden: Seuchen, Kriege, Naturkatastrophen, Gefangenschaft, Verbannung oder Armut einerseits; Verkennung, Verleumdung, Verrat, Wahnsinn, materielle oder familiäre Verluste andrerseits. Für Letzteres standen exemplarisch Autoren wie Machiavelli, Tasso, Campanella ein, aber auch frühere „Märtyrer“ um des Geistes und der Kunst willen wie Ovid oder Dante.

Dass kollektives wie individuelles „Ungemach“ nicht nur für Künstler- beziehungsweise Dichterbiografien konstitutiv ist, sondern jedermann, den „Menschen wie du und ich“, betreffen kann, wird darob häufig vergessen – ein Manko, das schlicht darauf zurückzuführen ist, dass die gewöhnlichen, die namenlosen Opfer tragischer Lebensumstände ihre Erfahrungen nicht in Schriftform bezeugen, sie schon gar nicht durch literarische Aufarbeitung überbieten können.

Als die europäische Romantik Weltschmerz, Einsamkeit und Todessehnsucht zu einer eigentlichen Leidensmagie synthetisierte, wurde die tragische Künstlerexistenz noch einmal markant aufgewertet, doch ihre machtvolle, weithin erfolgreiche Idealisierung bewirkte in der Folge auch eine gewisse Normalisierung, schließlich sogar die Typisierung des Dichters als Schmerzensmann, der Dichtung als Opfergang. Dass dann in der Mitte des 19. Jahrhunderts Arthur Schopenhauer (in Parerga und Paralipomena) wortreich die Forderung erhob, „dass ein Mal Einer eine tragische Litteraturgeschichte versuchte“, war demnach so überraschend nicht.

Womöglich ist ja die weitverbreitete „Tragik“ heutiger Dichtung eher ein Trend oder ein Fake als ihr Existenzgrund.

Für Schopenhauer stand fest, dass Künstlertum und Märtyrertum, Genie und Tragik in unauflöslicher, letztlich schicksalhafter Wechselbeziehung miteinander verquickt sind und dass nun eben eine „tragische“ Geschichte solcher Verquickungen das Desiderat der Stunde sei. Es müsse endlich „vorgeführt“ werden, wie die „wahren Erleuchter“ und die „großen Meister“ der Menschheit „ohne Anerkennung, ohne Anteil, ohne Schüler, in Armut und Elend sich dahingequält haben“, betont