Grenzgänge der Literatur VII

Russ­lands Lite­ra­tur und Selbst­ver­ständ­nis / Hans Erich Nossacks Plä­doy­er für eine „wahr­haf­ti­ge“ Lite­ra­tur. Von Felix Phil­ipp Ingold
Michail Prischwin Portrait

Michail Prischwin: Sys­tem­kri­tik blieb sei­nen gehei­men Hef­ten vor­be­hal­ten.

I.

Wie vie­le rus­si­sche Lite­ra­tu­ren?
Eine klei­ne Aus­le­ge­ord­nung

Die eine rus­si­sche Natio­nal­li­te­ra­tur gibt es nicht; es gibt diver­se „russ­län­di­sche“ Lite­ra­tu­ren in man­cher­lei Spra­chen. Man kennt die rus­sisch­spra­chi­ge Klas­sik von Pusch­kin bis Tol­s­toj und Koro­len­ko, im Anschluss dar­an die mehr­spra­chi­ge „mul­ti­na­tio­na­le“ Sowjet­li­te­ra­tur mit nam­haf­ten ukrai­ni­schen, litaui­schen, geor­gi­schen, usbe­ki­schen, kir­gi­si­schen Autoren, dazu die eigen­stän­di­ge rus­si­sche Exil­li­te­ra­tur des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts (von Her­zen bis Bunin, Nabo­kov und Mari­na Zweta­je­wa), danach das inof­fi­zi­el­le Lite­ra­tur­schaf­fen der sowje­ti­schen Dis­si­den­ten, das bis in die aus­ge­hen­den 1980er-Jah­re von ver­bo­te­nen „Selbst­ver­la­gen“ (Sami­s­dat) im Inland oder von Ver­la­gen im west­li­chen Aus­land (Tamis­dat) ver­brei­tet wur­de – pro­mi­nen­te, inzwi­schen kano­ni­sier­te Namen wie Brod­skij, Sin­jaw­skij (Terz), Sols­he­ni­zyn, Ajgi oder Wene­dikt Jero­fe­jew ste­hen für die­se sin­gu­lä­re Art lite­ra­ri­scher Pro­duk­ti­on und Dis­tri­bu­ti­on.

Und noch eine Unter­schei­dung ist zu beach­ten; sie betrifft jene Sowjet­schrift­stel­ler, die dem offi­zi­el­len Lite­ra­tur­be­trieb for­mell zwar zudien­ten, gleich­zei­tig aber des­sen ideo­lo­gi­sche und künst­le­ri­sche Vor­ga­ben zu unter­lau­fen ver­such­ten – Walen­tin Kata­jew und Wen­ja­min Kawe­rin haben dies in ihren spä­ten Jah­ren bei­spiel­haft vor­ge­führt. Weit radi­ka­ler noch und viel ris­kan­ter war dem­ge­gen­über das Vor­ge­hen jener Autoren, die neben ihrer aner­kann­ten Berufs­schrift­stel­le­rei ins­ge­heim Tex­te von ganz eige­ner Prä­gung schu­fen, die für die Ver­öf­fent­li­chung abseh­bar nicht in Fra­ge kamen. Auf sol­che Wei­se sind denn auch bedeut­sa­me Par­al­lel­wer­ke ent­stan­den – Bul­ga­kows Meis­ter und Mar­ga­ri­ta, Sost­schen­kos Vor Son­nen­auf­gang, Gross­mans Leben und Schick­sal,¹ Pas­ter­naks Dok­tor Shi­wa­go gehö­ren dazu.

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Beson­ders zu erwäh­nen ist in die­sem Zusam­men­hang der Schrift­stel­ler Michail Prischwin (1873–1954), der als bot­mä­ßi­ger Sowjet­au­tor sei­ne poli­tisch unbe­denk­li­chen Reise‑, Tier- und Kin­der­bü­cher bei staat­li­chen Ver­la­gen in Mil­lio­nen­auf­la­ge publi­zie­ren konn­te und man­cher­lei Pri­vi­le­gi­en genoss, die ihm selbst in der fins­ters­ten Sta­lin­zeit eine luxu­riö­se Lebens­füh­rung ermög­lich­ten, der­weil ande­re Autoren zu Hun­der­ten geheim­po­li­zei­lich ver­folgt, in Straf­la­gern inter­niert oder nach qual­vol­len Ver­hö­ren exe­ku­tiert wur­den. Gleich­zei­tig hielt er in zahl­rei­chen geheim­ge­hal­te­nen Hef­ten sei­ne sys­tem­kri­ti­schen Über­le­gun­gen fest, sei­ne Lek­tü­re­no­ti­zen, sei­ne eige­nen phi­lo­so­phi­schen Refle­xio­nen, sei­ne völ­lig ideo­lo­gie­frei­en Natur- und Selbst­be­ob­ach­tun­gen sowie eine sub­jek­ti­ve Chro­nik der lau­fen­den Ereig­nis­se, die erst lang nach sei­nem Tod als Tage­bü­cher in acht­zehn Bän­den (1991–2018) erschei­nen konn­ten – ein Opus magnum von epo­cha­lem Rang,