Der Mensch ist des Menschen Virus

Neu zu lesen – ein ver­ges­se­nes „Phan­ta­sie­stück“ von F. M. Dos­to­jew­ski. Von Felix Phil­ipp Ingold
Fjodor Dostojewski

Fjo­dor Dos­to­jew­ski um 1876

Das Pan­de­mie­ge­sche­hen der ver­gan­ge­nen andert­halb Jah­re hat deut­lich gemacht, wie ein unsicht­ba­rer vira­ler Erre­ger sich ver­brei­ten und durch Muta­tio­nen über län­ge­re Zeit sich behaup­ten kann. Der schwer fass­ba­re, auch durch Imp­fung nicht zu hun­dert Pro­zent abzu­weh­ren­de Erre­ger figu­riert in dem Gesche­hen gemein­hin als „Täter“, als „Geg­ner“, der­weil der Mensch sich in den Sta­tus des „Opfers“ schi­cken muss. Dass aber auch „der Mensch“ viral unter­wegs sein und pan­de­mi­sches Unheil anrich­ten kann, bleibt dabei unbe­dacht. Der rus­si­sche Erzäh­ler Fjo­dor Dos­to­jew­ski, der im mitt­le­ren 19. Jahr­hun­dert eine Cho­le­ra­epi­de­mie mit mehr als einer Mil­li­on Opfern als Zeit­zeu­ge mit­er­leb­te, hat in einer sei­ner spä­ten Geschich­ten die Per­spek­ti­ve umge­kehrt und den Men­schen selbst als ein latent vira­les Wesen kri­tisch her­aus­ge­stellt.

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Ein namen­lo­ser Mann – ein Mensch wie du und ich – ent­schließt sich nach man­cher­lei selbst­quä­le­ri­schen Umtrie­ben, frei­wil­lig (also frei und wil­lig) aus dem Leben zu schei­den: Alles ist ihm „egal“, sei­ne Welt- und Selbst­ver­ach­tung pflegt er mit sol­cher Inbrunst, ja mit sol­chem Stolz, dass er dabei zur Witz­fi­gur mutiert – er glaubt als Ein­zi­ger hie­nie­den die „Wahr­heit“ zu ken­nen und gleich­zei­tig „lei­det“ er an ihr, obwohl er sie (gemeint ist die Wahr­heit als ratio­na­le Erkennt­nis) nur tri­vi­al fin­den kann. Egal und lächer­lich kommt ihm die Gegen­warts­welt eben­so vor wie die Ver­gan­gen­heit und dar­über hin­aus auch jede denk­ba­re Zukunft – alles ist „nich­tig“, und radi­ka­ler noch: Alles ist nichts.

Das Para­dox erweist sich als die zen­tra­le Denk­fi­gur des von Eigen­sinn und Fremd­be­stim­mung glei­cher­ma­ßen geplag­ten Men­schen. „… in mei­ner See­le ist ein schreck­li­ches Seh­nen nach einem Umstand her­an­ge­reift, der bereits unend­lich viel höher gewor­den war als ich selbst“, sin­niert der Ich­er­zäh­ler: „Näm­lich – die mir zuteil­ge­wor­de­ne Über­zeu­gung davon, dass auf Erden über­all alles egal ist. Sehr lan­ge schon hat­te ich das vor­aus­ge­ahnt, doch die vol­le Über­zeu­gung stell­te sich irgend­wie ganz plötz­lich im letz­ten Jahr ein. Plötz­lich gewann ich das Gefühl, dass es mir ganz egal sein könn­te, ob die Welt exis­tier­te oder ob es nir­gend­wo irgend­was gäbe. Mit mei­nem gan­zen Wesen begann ich zu spü­ren und zu füh­len, dass in mei­ner Gegen­wart nichts vor­han­den war.“

Der Traum (als Kri­se wie als Kathar­sis) kann die Lebens­ein­stel­lung des Träu­mers grund­le­gend ver­än­dern, erneu­ern oder gar zer­stö­ren.

Der zwi­schen Zynis­mus und Sen­ti­men­ta­li­tät schwan­ken­de Nihi­list ist sich sei­ner eige­nen Lächer­lich­keit (die zugleich sei­ne Tra­gik ist) durch­aus bewusst, für ihn ein Grund mehr, mit der Welt