„Ich benutze YouTube höchstens, um Vogelstimmen zu hören“

Esther Kin­sky im Gespräch mit Ange­li­ka Klam­mer über das Über­set­zen, Schrei­ben und Unter­rich­ten von Lite­ra­tur.
Esther Kinsky © Heike Steinweg / SV

Esther Kin­sky: „Nimm dich raus, erwäh­ne dich selbst gar nicht.“
Foto: Hei­ke Stein­weg / SV

ANGELIKA KLAMMER Sie ken­nen sicher Situa­tio­nen, in denen Men­schen auf Sie zukom­men und sagen: „Ich habe etwas erlebt, ich habe etwas zu erzäh­len, ich möch­te einen Roman dar­über schrei­ben, wie fan­ge ich das an?“ Was ant­wor­ten Sie?

ESTHER KINSKY In mei­ner Erfah­rung ist es so, dass die inter­es­san­tes­ten Geschich­ten immer von denen kom­men, die nie auf den Gedan­ken kämen, dass man dar­über schrei­ben könn­te. Die­se Vor­stel­lung zu sagen, ich habe was zu erzäh­len, wie fan­ge ich das an, ist ja schon das Ende von allem, eigent­lich. Denn wenn man nicht weiß, wie man anfan­gen soll, dann fängt man auch bes­ser nicht an. Ich ken­ne natür­lich Men­schen, bei denen ich mer­ke, dass hin­ter dem Schrei­ben­wol­len ein Bedürf­nis steht, eine wirk­li­che Not. Wenn ein erns­ter Wunsch da ist, gebe ich immer den Rat oder ver­su­che Men­schen dort­hin zu steu­ern, dass sie erst­mal ganz von sich abse­hen, dass sie ver­su­chen, an einem Punkt anzu­set­zen, an dem sie drau­ßen blei­ben, dass sie ihre Spra­che erpro­ben, an einem Vor­fall mei­net­we­gen, den sie als defi­nie­ren­den Moment emp­fin­den in ihrem Leben, und das ver­su­chen ohne eine Bezie­hung zu sich selbst her­zu­stel­len, nur die äuße­ren Umstän­de zu beschrei­ben. Wenn Leu­te mei­nen, sie haben eine tol­le Geschich­te, in der sie sich selbst dar­stel­len wol­len, dann führt das nir­gend­wo­hin.

KLAMMER Nun wächst aber das Ange­bot, das sich an genau die­se Men­schen rich­tet, stän­dig: Lite­ra­tur­in­sti­tu­te, Semi­na­re, Work­shops, Ein­zel­be­treu­ung, Coa­ching … Könn­ten Sie inner­halb die­ses Spek­trums eine Emp­feh­lung abge­ben?

Auch Schreib­schu­len ste­hen ja unter dem Druck, sich öko­no­misch zu bewei­sen, in Form der Autoren mit Prei­sen und hohen Ver­kaufs­zah­len.

KINSKY Das wür­de mir schwer­fal­len. Ich habe frü­her immer gedacht, das kann doch gar nichts bewir­ken, aber ich glau­be, es gibt zwei Din­ge zu beden­ken, das eine ist eine Gefahr, das ande­re eine Chan­ce: Wenn man mal in einem Kurs ist oder auch Geld bezahlt an einen Pri­vat­be­treu­er, ist man auf eine ande­re Art gezwun­gen, sich zu arti­ku­lie­ren. Selbst wenn Men­schen wirk­lich schrei­ben wol­len, es gibt tau­send Ängs­te, die zu über­win­den sind. Aber wenn man ein­ge­bun­den ist in eine Struk­tur, zu der man sich ent­schlos­sen hat, wird man zu jedem Schritt wie­der neu gedrängt. Das ist das Gute. Für mich schwer vor­stell­bar aller­dings ist dabei die­ser Stem­pel, den die Lei­ter sol­cher Kur­se im crea­ti­ve wri­ting auf­drü­cken. Ich weiß nicht, wie viel Frei­heit es da noch gibt. Jeder kennt die Geschich­ten von dem ganz spe­zi­fi­schen Ton bestimm­ter Schreib­schu­len. Jeder Leh­rer hat sei­ne Vor­stel­lung, was kann dann ein gemein­sa­mer Nen­ner für einen Kurs sein? Und dazu der Druck in Gestalt von Agen­ten, Lek­to­ren, Fän­gern einer Stim­me, die sich zum Erfolgs­ton mani­pu­lie­ren lässt. Auch Schreib­schu­len ste­hen ja unter dem Druck, sich öko­no­misch zu bewei­sen, in Form der Autoren mit Prei­sen und hohen Ver­kaufs­zah­len. Das kann doch mit der Leh­re gedul­di­ger Übung der eige­nen Stim­me nicht ver­ein­bar sein. Ich glau­be, dass man in der Aus­ein­an­der­set­zung mit einer Ein­zel­per­son eher was errei­chen kann, dass man lei­se geführt wird, gesagt bekommt: Ver­such das mal so. Und dar­aus kann dann ein Dia­log erwach­sen. Alles Schöp­fe­ri­sche erwächst ja aus einer Form von Dia­log, von Zwie­spra­che. Aber wenn jemand eine gan­ze Grup­pe führt, kann ich mir das nur so vor­stel­len, dass es ein Aus­tausch, ein Gespräch ist, ein Geben und Neh­men auf allen Sei­ten.

KLAMMER Sie haben auch Unter­richts­er­fah­rung, aller­dings war die nicht insti­tu­tio­nell gebun­den.

KINSKY Ich habe die Tho­mas-Kling-Poe­tik­do­zen­tur gehabt, die kann man rela­tiv frei gestal­ten, und um die­sem Schreib­schul­kon­text zu ent­ge­hen, habe ich mich ganz auf Spra­che und Über­set­zen kon­zen­triert. Ich fin­de nach wie vor, Über­set­zen ist ein wun­der­ba­rer Weg, um die eige­ne Spra­che zu fin­den. Es ist eine Aus­ein­an­der­set­zung mit Spra­che, bei der man die eige­ne Per­son drau­ßen las­sen kann. Die­se Aus­ein­an­der­set­zung ist für mich sehr wert­voll und ich glau­be nach wie vor, dass es ein guter Ein­stieg ist und ein wun­der­ba­res Par­al­lel­gleis bleibt für Men­schen, die schrei­ben wol­len.

KLAMMER Sie wür­den es auch als Übung emp­feh­len?

KINSKY Ja, weil es zu die­sem Schritt zurück zwingt, wo man nicht von dem aus­geht, WAS man schrei­ben will, son­dern ganz in die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem WIE gezwun­gen ist, man muss sich stän­dig fra­gen: Was bie­tet die Spra­che für Mög­lich­kei­ten?

KLAMMER In Ihrem Buch Fremd­spre­chen, das ja die­sem The­ma gewid­met ist, bie­ten Sie für den schlich­ten Satz „I wal­ked to the river yes­ter­day“ mehr als zehn Über­set­zungs­va­ri­an­ten an: „Ich ging ges­tern zum/an den Fluss. Ges­tern ging ich zum/an den Fluss. Ich bin ges­tern zum/an den Fluss gegan­gen. Ges­tern bin ich zum/an den Fluss gegan­gen. Ges­tern bin ich zu Fuß zum/an den Fluss gegan­gen. Ich bin ges­tern zu Fuß zum/an den Fluss gegan­gen. Ges­tern bin ich zum Fluss spa­ziert. Ich bin ges­tern zum Fluss spa­ziert. Ich spa­zier­te ges­tern zum Fluss. Ges­tern spa­zier­te ich zum Fluss.“ Dann könn­te man noch „Fluss“ durch „Strom“ erset­zen. Kaum einer käme auf die Idee, dass so vie­le Mög­lich­kei­ten in dem Satz ste­cken.

Wenn Leu­te mei­nen, sie haben eine tol­le Geschich­te, in der sie sich selbst dar­stel­len wol­len, dann führt das nir­gend­wo­hin.

KINSKY Sobald man mit einer ande­ren Spra­che arbei­tet, wird man das natür­lich wis­sen. Das ist jetzt ein Extrem­bei­spiel, aber es gibt zahl­rei­che Bei­spie­le. Man kommt nicht dar­auf, wenn man liest und über­setz­te Lite­ra­tur kon­su­miert, man will im Lesen das sprach­li­che Kunst­werk ja als Gan­zes haben und nicht zu viel über die mög­li­chen Vari­an­ten nach­den­ken, aber es soll­te einem klar sein, dass man in der Über­set­zung immer nur eine Vari­an­te liest, eine der mög­li­chen Vari­an­ten. Es gibt so vie­le