Was Literatur ist / Was Literatur nicht ist

Eine Poe­tik­vor­le­sung von Ernst-Wil­helm Händ­ler.
Ernst-Wilhelm Händler © Thomas Dashuber / Agentur Focus

Ernst-Wil­helm Händ­ler: In der Sum­me ist die Lite­ra­tur stur, sie pro­du­ziert wei­ter Indi­vi­du­en.
Foto: Tho­mas Dashu­ber / Agen­tur Focus

Die zahl­rei­chen Mög­lich­kei­ten, sich der Fra­ge: Was Lite­ra­tur ist / Was Lite­ra­tur nicht ist, zu nähern, las­sen sich in fünf Haupt­den­k­li­ni­en ein­tei­len. Ers­tens: Die Defi­ni­ti­on durch not­wen­di­ge und hin­rei­chen­de Bedin­gun­gen; zwei­tens: die Anga­be von not­wen­di­gen oder von hin­rei­chen­den Bedin­gun­gen; drit­tens: para­dig­ma­ti­sche Bestim­mung; vier­tens: Kon­text­de­fi­ni­ti­on; fünf­tens: meta­pho­ri­sche Bestim­mung.

Denk­li­nie 1: Die rus­si­schen For­ma­lis­ten haben eine Com­me-il-faut-Defi­ni­ti­on des Lite­ra­tur­be­griffs durch einen Kanon von lite­ra­ri­schen Ver­fah­ren ver­sucht, bei deren Vor­lie­gen garan­tiert ist, dass ein Text Lite­ra­tur ist. Ein rich­tungs­wei­sen­der Essay von Vik­tor Schklovs­kij, 1893–1984, trägt den Titel Kunst als Ver­fah­ren. Ein pro­mi­nen­tes und viel­fach unter­such­tes lite­ra­ri­sches Ver­fah­ren ist das­je­ni­ge der Ver­frem­dung. Dane­ben wid­met sich Schklovs­kij vor allem dem, was er das Ver­fah­ren der erschwer­ten Form nennt. Er zeigt, auf wel­che Wei­se Lite­ra­tur gezielt die Schwie­rig­keit und die Län­ge der Wahr­neh­mung stei­gert. Somit ist der beschrie­be­nen Rea­li­tät in der Lite­ra­tur etwas hin­zu­ge­fügt. Lite­ra­tur hat eine eige­ne Qua­li­tät, die sie von ande­ren Tex­ten unter­schei­det. Die star­ke Kon­zen­tra­ti­on auf den Ein­fluss der Form beim Schaf­fen von Lite­ra­tur führt dazu, dass Schklovs­kij letzt­lich dekre­tiert: „Die Form schafft sich den Inhalt.“ Not­wen­di­ge und hin­rei­chen­de Bedin­gung für das Vor­lie­gen von Lite­ra­tur ist, dass der in Fra­ge ste­hen­de Text min­des­tens ein Ver­fah­ren aus dem von den For­ma­lis­ten bereit­ge­stell­ten Kanon ver­wen­det.

Das Haupt­pro­blem einer Defi­ni­ti­on des Lite­ra­tur­be­grif­fes durch not­wen­di­ge und hin­rei­chen­de Bedin­gun­gen ist, dass die Zeit immer wie­der neue lite­ra­ri­sche Ver­fah­ren oder bes­ser: Stra­te­gien gebiert. Man hat dann zwei Mög­lich­kei­ten: Man passt den Lite­ra­tur­be­griff nicht an, die neu­en Her­vor­brin­gun­gen sind kei­ne Lite­ra­tur, oder man ver­än­dert den Lite­ra­tur­be­griff. Im Fall des in den Fünf­zi­ger­jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts auf­tau­chen­den, Furo­re machen­den Nou­veau Roman bestand der intui­ti­ve, nicht­theo­re­ti­sche Kon­sens, dass die ent­spre­chen­den Tex­te auch tat­säch­lich Lite­ra­tur sind. Über Hel­mut Hei­ßen­büt­tels D’Alemberts Ende aus dem Jahr 1970 und Wal­ter Kem­pow­skis Echo­lot aus den Jah­ren 1993 bis 2005 muss­te und muss man sich Gedan­ken machen.

Oft wird „Das ist kei­ne Lite­ra­tur“ als Syn­onym für „Gefällt mir nicht“ ver­wen­det.

Sol­len die Arbei­ten der bil­den­den Künst­ler und Künst­le­rin­nen On Kawa­ra, 1932–2014, Han­ne Dar­bo­ven, 1941–2009, („[…] ich schrei­be mathe­ma­ti­sche Lite­ra­tur und mathe­ma­ti­sche Musik.“), Law­rence Wei­ner, gebo­ren 1942, Joseph Kosuth, gebo­ren 1945, und Jen­ny Hol­zer, gebo­ren 1950, – auch – Lite­ra­tur sein, oder nicht? Hier stellt sich eine Grund­fra­ge: Soll man die Kunst­gat­tun­gen von­ein­an­der tren­nen, oder sind viel­leicht gera­de die Grenz­be­rei­che inter­es­sant? Anders gefragt: Ent­geht einem viel­leicht beson­ders gute Lite­ra­tur, weil sie nach bestimm­ten Kri­te­ri­en zu weit am Ran­de der Kate­go­rie steht?

Denk­li­nie 2: Die Ein­sicht, dass man Lite­ra­tur nicht defi­nie­ren kann, führt häu­fig zum Auf­stel­len ent­we­der von not­wen­di­gen oder von hin­rei­chen­den Bedin­gun­gen für deren Vor­lie­gen. Not­wen­di­ge Bedin­gun­gen sol­len als Kil­ler­kri­te­ri­en die­nen: Wenn sie nicht erfüllt sind, liegt kei­ne Lite­ra­tur vor. Es wird kei­ne genaue Gren­ze zwi­schen Lite­ra­tur und Nicht-Lite­ra­tur gezo­gen, aber alles, was mit die­sen Bedin­gun­gen nicht kon­form geht, ist garan­tiert kei­ne Lite­ra­tur.

Ein hüb­sches Bei­spiel für eine not­wen­di­ge Bedin­gung ist der Mar­tin Heid­eg­ger der Holz­we­ge: „Dich­tung aber ist kein schwei­fen­des Ersin­nen des Belie­bi­gen und kein Ver­schwe­ben des blo­ßen Vor­stel­lens und Ein­bil­dens in das Unwirk­li­che. Was die Dich­tung als lich­ten­der Ent­wurf an Unver­bor­gen­heit aus­ein­an­der­fal­tet und in den Riß der Gestalt vor­aus­wirft, ist das Offe­ne, das sie gesche­hen läßt, und zwar der­ge­stalt, daß jetzt das Offe­ne erst inmit­ten des Sei­en­den die­ses zum Leuch­ten und Klin­gen bringt.“ Wenn eine sprach­li­che Her­vor­brin­gung nicht das Offe­ne gesche­hen lässt und durch eben­die­se Offen­heit das Sei­en­de nicht zum Leuch­ten und Klin­gen bringt, ist es kei­ne Lite­ra­tur.

In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten wur­de das ame­ri­ka­ni­sche Schrei­ben – eher schlicht, eher gefühls­nah, eher unter­halt­sam – als die „wirk­lich“ gute Lite­ra­tur pro­pa­giert.

Die Ideo­lo­gie des fran­zö­si­schen Struk­tu­ra­lis­mus, mit der Blü­te­zeit in den Sech­zi­ger- und Sieb­zi­ger­jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts, ist durch drei zen­tra­le Begrif­fe mar­kiert: Zei­chen, Spra­che, Struk­tur. Alles ist Zei­chen. Die ver­schie­dens­ten Wis­sens- und Lebens­ge­bie­te wer­den in Ana­lo­gie zur Spra­che kon­stru­iert. Das ein­zel­ne Zei­chen ver­dankt sei­ne Bedeu­tung der Posi­ti­on in einer bestimm­ten Struk­tur. Der Struk­tu­ra­lis­mus hat das Erkennt­nis­kor­pus der rus­si­schen For­ma­lis­ten fast zur Gän­ze über­nom­men, dabei aber auf deren defi­ni­to­ri­schen Anspruch ver­zich­tet. Die vom Struk­tu­ra­lis­mus betrach­te­ten lite­ra­ri­schen Stra­te­gien sol­len hin­rei­chen­de, aber nicht not­wen­di­ge Bedin­gun­gen für die Lite­r­a­ri­zi­tät eines Tex­tes bil­den.

Denk­li­nie 3: Die para­dig­ma­ti­sche Bestim­mung eines Begriffs­in­halts geht phi­lo­so­phisch auf Lud­wig Witt­gen­steins Fami­li­en­ähn­lich­kei­ten zurück. Es gibt kein Ähn­lich­keits­kri­te­ri­um, das auf alle Fami­li­en­mit­glie­der zutrifft, es gibt nur Ähn­lich­keits­re­la­tio­nen zwi­schen den ein­zel­nen Fami­li­en­mit­glie­dern, genau­er gesagt: den Ele­men­ten von Unter­men­gen jeweils betrach­te­ter Fami­li­en­mit­glie­der. In der Lite­ra­tur ist die para­dig­ma­ti­sche Men­ge natür­lich der Kanon. Lite­ra­tur ist, was Ähn­lich­keits­be­zie­hun­gen mit den kano­ni­schen Wer­ken auf­weist. Das sieht auf den ers­ten Blick nach einem anschau­li­chen und zweck­mä­ßi­gen Ansatz aus. Aber Ach­tung: Die Lite­ra­tur ist kei­ne Fami­lie, Zwil­lin­ge wer­den ver­sto­ßen. Text­li­che Eins-zu eins-Imi­ta­tio­nen machen in der Lite­ra­tur kei­nen Sinn. Lite­ra­ri­sche Imi­ta­tio­nen kön­nen jedoch höchst erfolg­reich sein, aber ist eine Imi­ta­ti­on Lite­ra­tur? Man­che Imi­ta­tio­nen wer­den in der Fami­lie der Lite­ra­tur gedul­det. Eine Par­odie kann gut und ger­ne Lite­ra­tur sein. Lite­ra­tur als Fami­lie, mit Kin­dern und Kin­des­kin­dern, Bas­tar­den und Klo­nen?

Denk­li­nie 4: Die Kon­text­de­fi­ni­ti­on ist kei­ne Defi­ni­ti­on, sie heißt nur so. Ein Begriff wird ein­fach ver­wen­det, und der Kon­text der Ver­wen­dung soll dann Hin­wei­se auf einen mög­li­chen Begriffs­in­halt geben. Wie der Begriff Lite­ra­tur ver­wen­det wird, soll zei­gen, was er bedeu­tet. Die Kon­text­de­fi­ni­ti­on ist in hohem Maße inter­pre­ta­ti­ons­ab­hän­gig. Je nach­dem, wie man den Kon­text inter­pre­tiert, kann das zu sehr ver­schie­de­nen Inhal­ten für den von ihm „defi­nier­ten“ Begriff füh­ren.

Denk­li­nie 5: Die im deut­schen Sprach­raum erfolg­reichs­te meta­pho­ri­sche Bestim­mung des Lite­ra­tur­be­griffs ist eine – die Brief­stel­le von Kaf­ka: „[…] ein Buch muss die Axt sein für das gefro­re­ne Meer in uns.“

Es ist sinn­voll, die expli­zit mit dem Lite­ra­tur­be­griff befass­ten Akteu­re in sol­che der Objekt- und sol­che der Meta­ebe­ne ein­zu­tei­len. Dich­ter und Dich­te­rin­nen, Schrift­stel­ler und Schrift­stel­le­rin­nen gehö­ren zur Objekt­ebe­ne, pro­fes­sio­nel­le und nicht ganz so pro­fes­sio­nel­le Leser und Lese­rin­nen, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin­nen sowie Phi­lo­so­phen und Phi­lo­so­phin­nen sind der Meta­ebe­ne zuzu­rech­nen. Ten­den­zi­ell bemü­hen sich die Akteu­re der Meta­ebe­ne eher um kogni­ti­ve und emo­tio­na­le Distanz zu den jeweils betrach­te­ten Lite­ra­tur­bei­spie­len, wäh­rend die Akteu­re der Objekt­ebe­ne jede Men­ge Emo­tio­nen in die Lite­ra­tur­be­trach­tung ein­brin­gen. Die meta­pho­ri­sche Bestim­mung des Begriffs­in­halts von Lite­ra­tur eig­net sich beson­ders für den Trans­port von Emo­tio­nen.

Marcel Proust © Otto Wegener

Mar­cel Proust: Lite­ra­tur = mei­ne Lite­ra­tur.
Foto: Otto Wege­ner, 1895

Proust ist nicht weni­ger emo­tio­nal als Kaf­ka. Die Guer­man­tes sind die Kli­max der Gesell­schaft zu allen Zei­ten, die goti­schen Kathe­dra­len unein­hol­ba­re archi­tek­to­ni­sche Wun­der­wer­ke. Aber der Gla­mour der Recher­che ist nicht nur den Guer­man­tes und ihrer Welt geschul­det, er ver­dankt sich auch dem Auf­tre­ten des Erzäh­lers: Mar­cel lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, dass es sei­ne Gefüh­le und sei­ne Erzähl­wei­se sind, die die erzähl­ten Gegen­stän­de zu dem machen, was sie sind. Wären Weiß­dorn­he­cken ohne ihn, den Erzäh­ler, über­haupt einer Erwäh­nung wert? Er, der Erzäh­ler, ist Lite­ra­tur, muss man noch wei­ter bestim­men, was Lite­ra­tur ist und was nicht? Die Recher­che, theo­re­tisch gele­sen, bie­tet