Todesarten/hierorts

Von Eli­sa­beth Reich­art. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“

Todes­ar­ten wer­den zu Super­stars, das konn­te Inge­borg Bach­mann, die Köni­gin der Todes­ar­ten, nicht vor­her­se­hen. Das Mit­ge­fühl zuckt in den Mund­win­keln, zieht die Lip­pen nach innen. Nie­mand ver­schluckt sich ger­ne am Leid der ande­ren. Das Frem­deln der Klei­nen das ein­zig Blei­ben­de.

Elisabeth Reichart

Eli­sa­beth Reich­art

Todes­ar­ten – für Inge­borg Bach­mann waren es Ver­bre­chen, die nach den gro­ßen Ver­bre­chen pri­vat wei­ter­gin­gen: Dann … habe ich bemerkt, daß alle abwar­ten, sie tun nichts wei­ter, tun nichts beson­de­res, sie drü­cken den ande­ren die Schlaf­mit­tel in die Hand, das Rasier­mes­ser, sie sor­gen dafür, daß man kopf­los an einem Fel­sen­weg spa­zie­ren geht … oder daß sich ein­fach eine Krank­heit ein­stellt. Wenn man lan­ge genug war­tet, kommt ein Zusam­men­bruch … ein lan­ges oder ein kur­zes Ende. Man­che über­le­ben das ja, aber man über­lebt es eben nur. (Mali­na)

Der Stra­ßen­lärm schmeißt sich unein­ge­la­den in die Woh­nung, macht es sich gemüt­lich, wird zum Dau­er­gast, wäh­rend alles ande­re sich auf­löst. Der Lärm als Lebens­be­weis, dar­auf trin­ken wir ein Glas. Oder stop­fen uns die Ohren zu, je nach Lust, die längst ent­schwun­den ist in dem Gebir­ge der Zumu­tun­gen. Die Rol­le der Zuhö­re­rin von klein auf ein­ge­schrie­ben, sonst heißt es: Sie müs­sen schwei­gen ler­nen. Die Haut als Warn­si­gnal, schal­tet sie auf rot, ist sofor­ti­ger Rück­zug ange­sagt. Wel­che Frau will von macht­be­ses­se­nen Bubis zurecht­ge­wie­sen wer­den? Das Nein steht nur Bubis zu, die sich als Göt­ter fühlen/aufführen …
Größ­te Distanz/von hier bis zum Jupi­ter oder Merkur/ahnungslos alle, die sie nie zurück­le­gen muss­ten, wis­send alle, denen die schlimms­ten Krän­kun­gen wider­fuh­ren, ausgeblendet/hinuntergeschluckt/erduldet/erlitten/fast zu Grun­de gegan­gen an ihnen/an ihnen verdorrt/weidwund ster­ben …
Die Distanz kann gelin­gen, obwohl, nur von oben nach unten kann eli­mi­niert wer­den, nie umge­kehrt – die­ser Satz bleibt solan­ge gül­tig, bis das Sys­tem nicht nur wackelt, son­dern aus­ge­kehrt wird.
Der Wahn­sinn domi­niert längst die Mäch­ti­gen, ihre Uner­sätt­lich­keit bescher­te uns die Glo­ba­li­sie­rung, deren Scher­ben nie­mand ein­sam­meln will. Thea­ter beher­ber­gen unzäh­li­ge wahn­sin­nig wer­den­de Figu­ren, sodass sich der Wahn­sinn hin­ter der Büh­ne stän­dig her­aus­ge­for­dert sieht. Eli­sa­beth Wäger, Erfin­de­rin, Ideen­ge­be­rin, Inten­dan­tin der Zeit/Schnitte bei den Wie­ner Fest­wo­chen, wur­de vom Wahn­sinn ver­jagt. Vor­hang zu.
Es liegt in der Macht des Wahn­sinns, „sein“ Fes­ti­val zu kas­trie­ren, es damit belie­big zu machen, sich selbst zum Kauf­mann zu degra­die­ren, ohne Kon­se­quen­zen für ihn. Der Wahn­sinn jubelt, er gewinnt immer.

Eli­sa­beth Wäger schrieb spä­ter dar­über. Am Wort ein Jung­star-Regis­seur:

Alter ver­tra­ge ich nur bei mei­ner Mut­ter.
Übri­gens, man hat mir ein Stück ange­bo­ten.
Eine Frau, ein­mal gut aus­ge­se­hen, aber eben jetzt älter, macht einen guten Job in einer Fir­ma, das heißt irgend­wie auf der krea­ti­ven Schie­ne in einem Thea­ter­be­trieb.
Kommt ein Direk­ti­ons­wech­sel

Sie fällt in Pro­gramm­kon­fe­ren­zen unan­ge­nehm auf, nicht anpas­sungs­fä­hig, will über Inhal­te reden, hat Erfah­rung. Ansons­ten tadel­los, aber eben die­se Pro­ble­me, die hat man nicht so gern. Kei­ne Unter­wer­fung. Kei­ne Demut … die Direk­ti­on, nicht faul, bewil­ligt ihr trotz die­ser Schwie­rig­kei­ten, man hat halt lie­ber jun­ge, anpas­sungs­fä­hi­ge Leu­te, ein von ihr vor­ge­schla­ge­nes Pro­jekt … Sie kann das ja …
Man lässt sie auf­lau­fen … aber erst, nach­dem sie begon­nen hat, Auf­trä­ge zu ertei­len. Jetzt kann sie alles absa­gen.
Man lässt sie ein zwei­tes Mal auf­lau­fen … Sie wird auf dem Markt unglaub­wür­dig …
Stra­fe muss sein. Glau­be an Abma­chun­gen, Zusa­gen! Sträf­lich naiv. Und das nur, weil die vor­her­ge­hen­de Direk­ti­on Zusa­gen ein­ge­hal­ten hat? Ich bit­te dich.

Todes­ar­ten 1

Nach dem Schock fand sie in die Distanz, ent­deck­te den Mög­lich­keits­sinn für sich. End­lich Zeit zum Schrei­ben. Eli­sa­beth Wäger hat sich in die Zeit ein­ge­schrie­ben, war nicht län­ger Zeit­skla­vin. Die Zeit wur­de zu ihrer Ver­bün­de­ten, stell­te sich ihr groß­zü­gig zur Ver­fü­gung, ließ sie ihre Erfah­run­gen poe­tisch, iro­nisch, tief­grün­dig in Mate­ri­al ver­wan­deln, auch, um zu über­le­ben. Jedes Wort aus der Ver­su­chung zur Stumm­heit geret­tet, dem Gefühl der Sinn­lo­sig­keit abge­run­gen – als die Gefähr­dung bis in die Woh­nung vor­dringt und die pro­duk­ti­ve Schreib­pha­se abrupt been­det. Jah­re spä­ter die­se Zei­len dar­über:

Erin­ne­re dich, vor vier Jah­ren.
Wie das alles begann.
Als die neu­en Inves­to­ren antanz­ten.
Sei still.
Ich möch­te das nicht hören.

Wie­der der Ver­such von Distanz, wie­der schrei­bend in sie gefun­den, aber die vier Jah­re ohne sie mach­ten die Distanz brü­chig. Immer öfter durch­lö­cher­te die Angst sie.
Ich habe heu­te vie­le Wor­te gelöscht.
Oder:
Ich habe eini­ge Tage nicht geschrie­ben. Ich war der Mei­nung, nie wie­der schrei­ben zu kön­nen.

Inves­to­ren kauf­ten das Miets­haus, in dem sie wohn­te, und pro­zes­sier­ten vier Jah­re lang vor Gericht mit fal­schen Behaup­tun­gen, wider­leg­ten Behaup­tun­gen, gegen sie, vier Jah­re, in denen Eli­sa­beth Wäger trotz­dem eine Mehr­mie­te von hun­der­ten Euros im Monat zah­len muss­te. Woh­nung ist nicht nur Woh­nung, Woh­nung ist Schreib­bü­ro, ist Biblio­thek, Rück­zugs­ort, Lebens­mög­lich­keit, gefüllt mit aller Schreib­ener­gie, allen Erfah­run­gen, allem Ver­sa­gen und allen heim­li­chen Tri­um­phen über einen gelun­ge­nen Text oder eine Zei­le. Sie ist ein Ener­gie­feld, das durch all die Angst zer­stört wur­de und müh­sam wie­der auf­ge­baut wer­den muss. Vier Jah­re Unge­wiss­heit, Angst vor dem Ver­lust der Woh­nung, vier Jah­re ver­zer­ren die Stun­den, deh­nen sie im Gericht aus dem Erträg­li­chen hin­aus, zer­rei­ßen Ner­ven­strän­ge, bis die immer glei­chen Lügen und For­de­run­gen für das Gehör uner­träg­lich wer­den und sie, die Frau, in die Ohn­macht drän­gen und die Ohn­macht, der sie vier Jah­re lang aus­ge­setzt war, sicht­bar macht.
Ich möch­te das nicht hören – nichts mehr hören wol­len, all den Lärm, die Lügen, die wech­seln­den Rich­ter, nichts … End­lich vor­bei, end­lich den Pro­zess gewon­nen, end­lich die Schul­den begli­chen … Trotz­dem bleibt die Angst, wie immer gleich unter der Haut, hat sich längst ein­ge­nis­tet in den Zel­len.

Todes­ar­ten 2

Sie wird schrei­ben:
Das Alter ist ein unfrei­wil­li­ges Exil.
Es gibt kei­ne Rück­kehr.

Es begann – anfangs lang­sam – mit der Ent­ste­hung des Kapi­ta­lis­mus in Euro­pa, dass alte Frau­en nicht mehr ver­ehrt oder zumin­dest geach­tet wur­den, son­dern sich ein Jugend­kult ent­wi­ckel­te, wäh­rend die Men­schen mehr und mehr zur Ware wur­den – not­wen­di­ge Maschi­nen­skla­ven. So sahen es Tau­sen­de von ihrem klei­nen Stück Land Ver­trie­be­ne, die es vor­zo­gen, wan­dernd, bet­telnd von Stadt zu Stadt zu zie­hen, statt in Fabri­ken ein­ge­sperrt zu wer­den, allen vor­an Frau­en, vor allem alte Frau­en, die eben noch wei­se Frau­en waren, jetzt aus­sor­tiert, unbrauch­bar für die Repro­duk­ti­on. Die Unbrauch­ba­ren – sie wur­den anfangs von der katholischen/evangelischen Kir­che und zuneh­mend von den staat­li­chen Ein­rich­tun­gen als Hexen gebrand­markt, bevor sie über Jahr­hun­der­te ver­folgt und ver­brannt wur­den, nach Fol­tern, die unvor­stell­bar blei­ben. Es war der längs­te Krieg in Euro­pa. Es ist der ins Schwei­gen gehüll­te Krieg gegen die Hälf­te der Mensch­heit hier­orts, der unter der Schwei­ge­hül­le wei­ter­wir­ken kann.
Die­se Erin­ne­rung an die Gefah­ren des Alters lau­ert (meist unbe­wusst) in allen Frau­en.

Wir sind Ware; kei­ne ein­fa­che Ware wie ein Paar Schu­he; wir sind die Frau in den Schu­hen, samt Stim­me, Aus­se­hen, Auf­tre­ten, wir sind sogar das Pro­dukt, das wir ver­öf­fent­li­chen – eine Waren­ket­te mit mensch­li­chem Touch. Jung und schön funk­tio­niert die Ver­kaufs­stra­te­gie manch­mal sogar für bei­de Sei­ten, zeit­be­grenzt. Alt und alters­schön zer­reißt die Ket­te.
Aber, aber, aber … Aus­nah­men? Was wäre der Lite­ra­tur­be­trieb ohne Über­ra­schungs­ei­er? Auch die Aus­nah­men blei­ben Ware im Alt­wei­ber­som­mer.

Ilse Aichin­ger hat die­se Zumu­tun­gen im Alter umge­kehrt, ohne sich dar­um zu küm­mern, ob ihr Gegen­über die Iro­nie ihres Sat­zes durch­schaut: „Ich will nur noch ver­schwin­den!“ Ein­mal sahen wir uns, wäh­rend ihr Arm ein­ge­gipst war. Sie klopf­te dar­auf: „Der ist schon ver­schwun­den“, und freu­te sich, dass ich mit ihr lach­te.

Todes­ar­ten 3

Das Bild
Mut­ter mit Kind 1958. Ich schrei­be.
Ich begin­ne wie­der und wie­der …
Das Kin­der­bild steht zum Ver­kauf.
Es hat noch nie­mand zuge­schla­gen.

Doch, es hat einer zuge­schla­gen – einer, der nach Jahr­zehn­ten plötz­lich in Wien auf­tauch­te – ihre ers­te Mäd­chen­lie­be dräng­te sich mit einer Vehe­menz in ihr Leben, dass sie nur noch atem­los zuse­hen konn­te. Wäh­rend die Inves­to­ren die Mie­te erhöh­ten und die Angst um ihre Exis­tenz sie quäl­te, über­nahm der Groß­bür­ger das Spar­pro­gramm für sie. Er häng­te ihre Bil­der ab, um sie zu ver­kau­fen:

Das ver­schwun­de­ne Bild

Der Rote Baum
Es ist nicht ein­fach, sich von einem Bild zu tren­nen, das mich Jahr­zehn­te lang beglei­tet hat. Ges­tern war ich nicht imstan­de zu schrei­ben. Der Rote Baum war mei­ne Schwes­ter.
Er war wie ich.

Das Bild weint nicht.
Es hat kei­ne Erin­ne­rung.
Es geht auf die Rei­se. Irgend­wann.
Viel­leicht kommt es zurück.

Und in dem Gedicht „Schat­ten­men­schen“ heißt es:
Mög­li­cher­wei­se, wur­de mir mit­ge­teilt, gebe es einen Inter­es­sen­ten für das Bild Roter Baum. Mein Bild.
Ich sit­ze in einer klas­si­schen Frau­en­ge­schich­te …

Noch dazu in der einer alten Frau, was ihr auch scho­nungs­los von ihrer ersten/letzten Lie­be (?) wäh­rend des Bil­der­rau­bes mit­ge­teilt wird.

Ich bin die, der man sagt, aber du brauchst das nicht mehr.
Es ist schon genug. Vom Leben.
Das stimmt schon, sage ich dann …

Nach­dem ihre Bil­der als Geld­quel­le ent­deckt waren, mach­te sich die letz­te Lie­be (?) auf die Suche nach Ein­spa­rungs­mög­lich­kei­ten. Sein geüb­ter Blick fiel in die gemüt­li­che, klei­ne Schreib­kü­che, ihren Lieb­lings­platz beim run­den Tisch. Ein run­der Tisch braucht zu viel Platz, der Kühl­schrank ist zu groß, er braucht zu viel Strom, der Herd ist zu groß, eine Plat­te tut es. Armut macht wei­che Knie, Armut schreit nicht, sie krümmt dich, lässt alles mit sich gesche­hen.
Die Zeit in der unbe­nutz­bar gewor­de­nen Küche steht still. Die Frau dreht ihr den Rücken zu, doch die Zeit in dem bil­der­lee­ren Zim­mer legt sich wie eine Heiz­de­cke auf sie, will sie ver­bren­nen. Genug gelebt, schrei­en die hel­len Fle­cken.
Wir ster­ben nicht ein­fach, wir wer­den ermor­det, erwi­dert sie lei­se. Viel­leicht trös­tet sie das Wis­sen, nicht allein zu Grun­de zu gehen. Es war Mord. Der letz­te Satz der Köni­gin in Mali­na.

Todes­ar­ten 4

Ein Herz liegt herum/liegt im Grab des Sohnes/weit weg in Deutschland/liegt noch wei­ter weg/irgendwo in den USA/bei der Tochter/legt sich in den Trau­er­zy­klus: Ein Herz liegt her­um.
Wäh­rend ihr Herz her­um­liegt, schreit sie in einem Gedicht zwei immer noch ver­hal­te­ne Schreie gegen das Sterben/den Tod des Soh­nes:

du hast in unver­ständ­li­cher spra­che gespro­chen
wur­de gesagt
in unver­ständ­li­cher spra­che
schreie ich
wel­che unver­ständ­li­che spra­che
wel­che letz­te sprach­lo­se spra­che
schreie ich

Ihr Ex-Ehe­mann, Vater des Soh­nes, und ihre letz­te Lie­be (?) waren bei­de beim Begräb­nis ihres Soh­nes in der fer­nen deut­schen Stadt. Sie konn­te nur bruch­stück­haft davon erzäh­len, ent­setzt über bei­de, die ihr mit­teil­ten, ihr Sohn hät­te bereits vor einem Jahr ver­sucht, sich zu töten. Sie sei­en sicher, es sei auch die­ses Mal ein Selbst­mord gewe­sen.
War­um, es blieb nur das war­um, war­um haben sie mir die­se Wor­te ins Herz gesto­chen? War­um sind sie so sicher? War­um, war­um wuss­ten die bei­den es, nicht nur der Vater, auch er? War­um mein Sohn mir nichts von einem fehl­ge­schla­ge­nen – wie nen­ne ich es – Spiel erzähl­te, ver­ste­he ich, er war ja so voll Scham. Ich glau­be, er hat nur gespielt, oder ein ande­rer hat ihm das Jagd­ge­wehr in die Hand gedrückt. Er hass­te Waf­fen, ging nie mit auf die Jagd, war­um soll­te er sich aus­ge­rech­net damit umbrin­gen wol­len? Aber die zwei glau­ben ja, alles zu wis­sen, war­um muss­ten sie mir …

Bei mei­nen letz­ten Besu­chen war ihr Mini-Kühl­schrank jedes Mal leer. Ihr letz­ter Pro­test.

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Nach­schrift: Tan­go Tank­stel­le

Irgend­wann habe ich mei­ne Schul­freun­din­nen an den Tan­go ver­lo­ren, nach­dem sie sich längst an das Sys­tem Ehe, Mut­ter, Klein­fa­mi­lie, Dop­pel­be­las­tung, Haus­be­sitz, Sys­tem Jugend­wahn und vor allem das Sys­tem Angst ver­lo­ren hat­ten.
Einst tanz­ten wir allein, zu zweit, mit­sam­men, tanz­ten frei zu jeder Musik, tanz­ten uns den Frust aus dem Kör­per, den Lern­stress, Eltern­stress, die Lan­ge­wei­le eines anti­quier­ten Unter­richts, eines freud­lo­sen Lebens, das die Kir­che für uns vor­sah … Tanz­ten gegen alle Gren­zen, die uns ein­schränk­ten. Fühl­ten Freu­de, unbän­di­ge Freu­de, fühl­ten kör­per­li­che Frei­heit, Bewe­gungs­lust, Kör­per­lust. Wir über­leb­ten nicht nur, wir leb­ten. Es war wun­der­voll zu leben.
Wir wur­den beschimpft, bedroht, küm­mer­ten uns in unse­rer nai­ven Unschuld nicht dar­um, kicher­ten viel­leicht, tanz­ten wei­ter.
Die Unschuld gewann, die Frei­heit gewann, die Lebens­lust gewann. Ande­re Mäd­chen schlos­sen sich uns an, ver­zich­te­ten auf die lang­wei­li­gen Paar­tän­ze, ver­lieb­ten sich wie wir in die Sän­ger wech­seln­der Schü­ler­bands, harm­los, kurz, bis zum nächs­ten Fünf-Uhr-Tee.
Alle Mit-mir-Tan­zen­den wur­den Leh­re­rin­nen, unver­ständ­lich für mich, in Erin­ne­rung an unse­ren Hass auf die­ses Unter­drü­ckungs­sys­tem.
Viel­leicht noch unver­ständ­li­cher für mich, dass alle Tanz­freun­din­nen von damals bei zufäl­li­gen oder absicht­li­chen Begegnungen/Jahrzehnte spä­ter, Tan­go­be­ses­se­ne sind. Sie wol­len nichts mehr von wil­den Tän­zen, Unschuld, Frei­heit, Aus­bruch und Auf­bruch wis­sen, sie wol­len in die Unter­wer­fung star­ker Trai­ner­ar­me, mus­ku­lö­ser Kör­per, die ihnen jede Drehung/Verrenkung/Beugung/Anpressung/Wegwerfung vor­ge­ben, sie mit ihren Hüf­ten, Armen, Bei­nen in sich hin­ein­zwin­gen, jeden Schritt bestim­men
Dahin wol­len sie
Dafür bezah­len sie hun­dert Euro für eine Stun­de
Kei­ne hat den idea­len Tan­go­part­ner auf frei­er Wild­bahn gefun­den
Nur ihr Leh­rer weiß sie zu neh­men
Nur ihm erlau­ben sie, alles zu fil­men
Auch sie fil­men
Wenn wir uns sehen: Hier, mein neu­es­tes Video
Sie trai­nie­ren allein, um dem Leh­rer gerecht zu wer­den
Ihn für sich zu begeis­tern – um wie viel enger sie sich anpressen/leichter drehen/werfen/verrenken/beugen las­sen – ich ver­beu­ge mich vor dir, mein Herr und Gebie­ter, so war das bei unse­ren Müt­tern, so wur­de es uns ein­ge­pflanzt, und als Tan­go darf die Schei­ße auf­er­ste­hen, in die­ser ver­korks­ten Macho-Ero­tik
Tan­go ist eine Lebens­phi­lo­so­phie sagen sie; dann sagen sie noch im Chor, in der Sicher­heit des Chors, der Beru­fung auf alle Ur-Chö­re die­ser Welt: Ich habe mich noch nie so jung gefühlt wie beim Tan­go

Man­che über­le­ben das ja, aber man über­lebt es eben nur – schrieb die Köni­gin der Todesarten/hierorts

(Alle kur­si­ven Tex­te – außer Mali­na –  sind Zita­te aus dem Werk von Eli­sa­beth Wäger 1942 – 2019)

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Eli­sa­beth Reich­art wur­de in Steyregg/OÖ gebo­ren und lebt als freie Schrift­stel­le­rin in Wien. Sie stu­dier­te Geschich­te und Ger­ma­nis­tik an den Uni­ver­si­tä­ten Salz­burg und Wien und war mehr­fach als Wri­ter in Resi­dence in den USA und als Gast­pro­fes­so­rin in Japan tätig. Seit ihrem Roman Debüt Febru­ar­schat­ten (1984) ver­fass­te sie zahl­rei­che Roma­ne, Erzäh­lun­gen, Thea­ter­stü­cke, Hör­spie­le, Kin­der­bü­cher und Gedich­te. Für ihr Werk wur­de sie mehr­fach aus­ge­zeich­net, u. a. mit dem Öster­rei­chi­schen Wür­di­gungs­preis für Literatur1999, dem Anton-Wild­gans-Preis 2000, dem Lan­des­kul­tur­preis für Lite­ra­tur des Lan­des Ober­ös­ter­reich 2009 und 2015, mit dem Preis der Stadt Wien und dem Veza-Canet­ti-Preis 2020. Letz­te Publi­ka­tio­nen (Aus­wahl, alle Otto Mül­ler Ver­lag): Mein Gelieb­ter, der Wind, Gedich­te, 2019. Früh­stück bei For­tu­na, Roman, 2016. Das ver­ges­se­ne Lächeln der Ama­ter­asu, Roman, 2014. In der Mond­si­chel und ande­ren Herz­ge­gen­den, Gedich­te, 2013. Die Voest-Kin­der, Roman, 2011.

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Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 25. Novem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 25. Nov. 2022