„Distant Reading“ und magische Lektüren

Das neue Handbuch Lesen widmet sich facettenreich dem Stand einer alten Kulturtechnik im Zeitalter der Digitalisierung. Von Uwe Schütte

Online seit: 25. August 2019
Illustration: Gabriel Ritter von Max – "Die Gelehrten"
Close Reading.
Illustration: Gabriel Ritter von Max – „Die Gelehrten“

Was du jetzt tust ißt eine komplexer Vorgang, bei dem schriftlich enkodierte Zeichen in einem kognitive, intellektuelle und kulturelle Fähigkeiten verbindenden Prozess verarbeitet werden müssen, um etwas eigentlich Selbstverständliches zu ermöglichen: lesen. Schriftlich verschlüsselten Sinn erfolgreich zu erfassen. Nicht nur gelingt es, diese Satzkonstruktionen zu verstehen, obwohl eingangs grammatikalische Fehler und Verstöße gegen soziale Konventionen einen Stolperstein darstellen. Kompetente Leser werden auch sofort den selbstreflexiven Charakter des Anfangssatzes erkennen. Und darin wiederum einen gewollten stilistischen Manierismus des Autors. All das aber setzt eine Abstraktionsleistung voraus, die über einen rein utilitaristischen Umgang mit Texten hinausgeht und eine Vertrautheit mit literarisch-rhetorischem Sprachgebrauch involviert.

Das Lesen wird eine unabdingbare Basiskompetenz unserer Gesellschaft bleiben, auch wenn die Flut der Bilder und der Siegeszug des Digitalen unsere Konfrontation mit Text weniger reduziert als vielmehr in kleinere Portionen zerhackt hat. Das Lesen befindet sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts – wieder einmal in seiner Geschichte – in einem radikalen Umbruchprozess. Insofern erscheint ein gewichtiges Kompendium des Verlags De Gruyter zur rechten Zeit, um sich dem vielschichtigen Komplex des Lesens en detail zu widmen. Das von Alexander Honold und Rolf Parr herausgegebene Handbuch ist in der Reihe Grundthemen der Literaturwissenschaft erschienen und kostet knapp 160 Euro.

Von den insgesamt 900.000 deutschsprachigen belletristischen Publikationen seit dem 16. Jahrhundert sind mehr als 650.000 im 20. Jahrhundert erschienen.

Der stolze Preis von Lesen macht die Anschaffung für Privatpersonen zwar etwas schwierig, doch so lange es noch die kulturelle Institution der Bibliothek gibt, sollte jeder, für den das Lesen mehr bedeutet, als Reklameaufschriften wahrzunehmen, SMS mit Emojis zu entziffern und in Gebrauchsanleitungen zu blättern, einen Blick in das Handbuch werfen. Es lohnt sich nämlich. In fast 30 Kapiteln wird auf knapp 700 Seiten die Kulturtechnik des Lesens vor allem aus der Perspektive der Literaturwissenschaft in den Blick genommen. Unter den Beiträgern finden sich folglich durchwegs Germanisten, die oftmals in dem ihre Zunft kennzeichnenden Jargon für ihresgleichen schreiben, doch sind die allermeisten Kapitel auch für Interessierte außerhalb der Fachgemeinde mit Gewinn lesbar.

Sinnvollerweise beginnt das Handbuch mit einem umfangreichen sozialgeschichtlichen Überblick von den Anfängen bis zum heutigen Stand, den Jost Schneider verfasst hat. Er erinnert daran, dass Lesefähigkeit fast die gesamte Zivilisationsgeschichte lang eine Fähigkeit war, die den Eliten vorbehalten blieb. Eine weitgehende Alphabetisierung haben selbst die am höchsten entwickelten Länder erst vor rund 100 Jahren erreicht. Der Überblick kann mit einigen erstaunlichen Fakten aufwarten. So sind von den insgesamt 900 000 deutschsprachigen belletristischen Publikationen seit dem 16. Jahrhundert mehr als 650 000 im 20. Jahrhundert erschienen. Rechnet man noch die Auflagenhöhen ein, so Schneider, sind „weit über 90 Prozent aller belletristischen Bücher im demokratisch-pluralistischen Zeitalter publiziert und rezipiert worden.“

Solche Zahlen zeigen eindringlich, wie sehr die Literatur der Moderne und die Nachkriegsliteratur nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ für eine Blütezeit der deutschsprachigen Literatur stehen, aus der heraus wiederum sich eine reiche Lesekultur und beachtliche soziale Relevanz von Literatur von den 1960er- bis 1980er-Jahren herausbilden konnte. Diese besondere Stellung des Buches begann sich ab den 1990er-Jahren durch die vielfältigen Alternativangebote der elektronischen Unterhaltungsmedien aufzulösen.

Das Nichtlesen macht unsere vornehmliche Beziehung zum Geschriebenen aus.

Lesen, das bedeutet doch in seinem eigentlichen, emphatischen Sinne insbesondere die Lektüre von Büchern belletristischer Natur, das Lesen fiktionaler Literatur. Was nun diese Art der Lektüre betrifft, sieht die Zukunft bekanntlich nicht sonderlich rosig aus. Beständiger Rückgang prägt die Statistiken von Buchlesern und, damit verknüpft, belletristischen Buchverkäufen. Der (vielleicht subjektive) Eindruck, dass die Gegenwartsliteratur keine sozial relevanten oder literarisch herausragenden Lektüren mehr zu bieten vermag, kommt hinzu. Dass zugleich komplexe Videospiele (wie Red Dead Redemption II) oder grandiose TV-Serien (wie Black Mirror oder The Fall) eine veritable Medienkonkurrenz zum althergebrachten Buch bieten, ist die Kehrseite dieser Entwicklung.

Die Digitalisierung, dies eine Binsenweisheit, ist ein unumkehrbarer Entwicklungssprung, der die Stellung des Buches als Leitmedium unserer Kultur weniger in Zukunft ablösen wird als vielmehr bereits zerstört hat. Vermutlich erleben wir derzeit eine der letzten Schülergenerationen, die in der Volksschule noch mit Büchern konfrontiert wird. Das freilich hat mehr mit der mangelnden finanziellen Ausstattung zu tun als einer Zurückhaltung, die jungen digital natives von Anfang an vor Bildschirme zu setzen, mit dem Tablet als Ersatz fürs Schreibheft. Aber in Deutschland stehen für die Schulen schon die fünf Milliarden Euro des Digitalpakts bereit, um die Klassenzimmer in Testlaboratorien der großen Tech-Firmen zu verwandeln, indem diese – getarnt als gemeinnützige Stiftungen – das digitale Lernen unterstützen wollen, um sich so ein neues, entscheidendes Marktfeld zu öffnen.

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In den Universitäten ist man mit der Durchdigitalisierung schon weiter: An meiner englischen Institution wurden erst die Bücher und dann die Fotokopien abgeschafft. Die Bibliothek ist zum Provider digitaler Informationen umgewidmet. Die gesamte Kommunikation mit den Studierenden erfolgt per E-Mail und von einer einfachen Filmanalyse im ersten Studienjahr bis zur abschließenden Diplomarbeit wird alles digital eingereicht und korrigiert. Als Dozent steht man nun mit einer Fernbedienung für die Powerpoint-Präsentationen vor den Studenten, auf welche diese zugleich im Virtual Learning Environment (VLE) mit ihren aufgeklappten Laptops zugreifen. Und sollte doch mal eine Tafelanschrift didaktisch nötig sein, wird diese kurzerhand mit dem Mobiltelefon abfotografiert.

Irgendwas Altes

Was Worte wie „ambivalent“ oder Begriffe wie „Imperialismus“ bedeuten, darf bei Uniabgängern nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Der Titel Odyssee sagt sowohl den meisten deutschen und englischen Studenten der Geisteswissenschaften nichts, rein gar nichts mehr („Irgendwas Altes halt …“). Lesefähigkeit, Textverständnis und Schreibfertigkeit gehen ebenso spürbar verloren – was allerdings kaschiert wird durch die beständig zunehmende Attestierung von Legasthenie. Das wiederum führt dazu, dass Vorlesungen und Seminarveranstaltungen mitgeschnitten werden müssen, um dann als Audiodateien auf dem VLE verfügbar zu sein. Schöne neue Digital-Welt.

Hat in nicht allzu ferner Zukunft die gesamte Gesellschaft digitale „Lernumgebungen“ durchlaufen mit den entsprechenden Folgen für Lese- und Lernfähigkeit, so werden auch in den vermeintlich „gebildeten Schichten“ immer mehr von allgemeiner Verdummung und weitgehender Kritikunfähigkeit geprägte Milieus entstehen, die den einfachen Wahrheiten des Populismus einen so frucht- wie furchtbaren Humus bieten. Aber vielleicht ist das zu digital-pessimistisch gedacht? Immerhin ist die Digitalisierungsdebatte durchaus geprägt von solchen Pauschalisierungen und Polarisierungen, die auch den Erfolg des politischen Populismus ausmachen.

Aus der theoretischen Sicht der Dekonstruktion resultiert jede Lektüre eines literarischen Textes in einem misreading.

Differenzierter gesagt müsste es nun vielmehr darum gehen, jene neuen Möglichkeiten produktiv zu nutzen, die sich durch die digitale Verarbeitung, Veröffentlichung und Verbreitung von Texten bieten, wie auch das emanzipierende Potenzial nutzbar zu machen, das beispielsweise gestatten würde, Menschen mit Leseproblemen einen schwellenlosen Zugang zu Information und Wissen zu eröffnen. Digitalisierung als Chance also. Oder erinnert solcher Optimistismus zu sehr an die Zeiten, als das Internet noch neu war und als Hoffnungsträger für Datendemokratie und Informationsfreiheit galt? Wie sich aber dann schnell zeigte, eignete es sich auch hervorragend für illegale Downloads, Austausch von Kinderpornografie und staatliche Totalüberwachung, oder allgemeiner formuliert: In der Digitalisierung manifestieren sich neben den befreienden und ermächtigenden auch hartnäckig reaktionär-repressive Züge.

Doch zurück zum Handbuch Lesen: Wie sich die Kulturtechnik des Lesens gegenwärtig verändert hat, versucht Martin Doll in seinem Beitrag „Lesen im Zeitalter der Digitalisierung“ nachzuspüren. Der Verfasser hält dabei primär mehr den aktuellen Stand fest und entsagt dem Wagnis spekulierender Vorhersage. Dass das Lesen am Bildschirm ein segmentiertes, fragmentiertes, diskontinuierliches Lesen kürzerer Texte sowie eine geringere Aufmerksamkeitsspanne befördere, wird von ihm angezweifelt, wobei auf etwas bizarre Weise als Gegenargument „die vielfältigen aktuellen visuellen Technologien zur Erhöhung der Lesbarkeit (in puncto Kontrast, Auflösung und Flimmern)“ ins Feld geführt werden, weil es so gelinge, „in einer remediation die elektronische Darstellung an das herkömmliche Buch anzugleichen.“

Durchaus kritisch betrachtet werden jedoch von Doll jene digitalen Hilfsmittel, welche etwa die mentale Verarbeitungsrate von Text zur Steigerung der Lesegeschwindigkeit erhöhen sollen (speed reading) oder der epistemologische Gewinn davon, mit Hilfe von big data in großen Textkorpora bestimmte Muster herauszufiltern. Distant reading, als Gegensatz zur hermeneutischen Methode des close readings, nennt man diese Form der rechnerbasierten Textanalyse. Deren große Anziehungskraft für das neue Feld der digital humanities liegt ja just darin, dass man als Germanist nicht mehr zu lesen braucht, sondern die Software das für einen erledigt.

Lesen erzeugt das Bedürfnis nach weiterer Lektüre, es generiert eine individuelle Lesebiografie, in der psychische, physiologische und soziale Faktoren zusammenwirken.

Enthusiasmus generieren im Handbuch die neuen Formen digitaler Emanzipation, die durch soziale Medien ermöglicht werden. Laut Thomas Ernst im Beitrag „Der Leser als Produzent in Sozialen Medien“ gestattet sie, was Walter Benjamin 1934 unter der Formel des Wandels vom „Leser zum Produzenten“ gefordert hatte: Lesen und Schreiben nämlich als Komplementärprozesse zu begreifen und neue Formen der Produktion, Distribution und Kommentierung von Literatur zu entwickeln. Benjamin freilich strebte an, dass die Autoren die Produktionsapparate der Medien und Verlage nicht nur beliefern, sondern vielmehr reflektieren und verändern sollten. Unter dem Vorzeichen des Autors als Produzenten, so hoffte Benjamin, könnte „der technische Fortschritt die Grundlage seines politischen Fortschritts“ werden.

Ob aber nun Twitter-Lesegruppen, Buchblogs, Fan-Fiction-Plattformen, Amazon-Leserezensionen oder Self-Publishing zu einer politischen Befreiung des zum Schreibenden mutierten Lesers beitragen, darf bezweifelt werden. Ein Mehr an „Partizipation, Transparenz und Demokratisierung auf vielen gesellschaftspolitischen Feldern“, wie Thomas Ernst doch recht naiv behauptet, scheint keineswegs automatisch gegeben. Der dank seiner Social-Media-Kompetenzen vom passiven Konsumenten zum aktiven „Prosumer“ beförderte Leser mag zwar durchaus die soziale Isolation des auf dem heimischen Sofa in die Lektüre versunkenen Bücherfreundes virtuell überwinden, sitzt aber letztlich genauso allein vor dem Laptop wie sein analoges Pendant.

Monopol der Feuilletons

Im Bereich der Literaturkritik, da hat Ernst jedoch völlig recht, haben die digitalen Medien in der Tat zu gewichtigen Umbrüchen geführt, in denen das Monopol der Feuilletons samt der durchwegs engen, oftmals freundschaftlichen Verzahnung der approbierten Literaturkritiker mit den rezensierten Autoren (zumal wenn diese ebenso Kulturjournalisten oder Feuilletonkollegen sind) gebrochen wurde. Man mag die Amateurrezensionen auf den Social-Reading-Webseiten belächeln wegen der oft rein subjektiven Kriterien der Bewertung wie der Auswahl von literarisch wenig anspruchsvollen Texten, doch dürften die so gebildeten „Communitys“ von Rezensenten-Lesern ein zuvor kaum vorhandenes Gegengewicht zur offiziösen Literaturkritik bilden, das durch seine Stimulanzwirkung zu vermehrten Leseaktivitäten beiträgt.

Wie erfolgreich die Paarung von Buch und Internet im Digitalzeitalter durchaus sein kann, zeigt das Beispiel von Alban Nikolai Herbst, der neben reger Publikationstätigkeit auf dem traditionellen Verlagsweg im Internet ebenso rastlos aktiv ist. Seit 2003 betreibt Herbst seinen Blog Die Dschungel. Anderswelt (dschungel-anderswelt.de), den Thomas Ernst in seinem Beitrag als „eines der bekanntesten literarischen Litblogs“ bezeichnet. Herbst gebührte allerdings mehr Raum, denn er darf als Pionier der Verbindung von Literatur und Internet gelten. Ursprünglich entstanden im Kontext der Arbeit an der massiven Anderswelt-Trilogie, die mit autofiktionalem Gestus den Übergang von der Berliner Lebenswelt des Autors in das phantastische Reich der „Anderswelt“ schildert, fungiert der Blog als Komplement des mehrtausendseitigen Prosawerks.

Ja mehr noch, erst aus der Kombination bzw. parallelen Existenz beider Erzählmedien vermag jener „kybernetische Realismus“ zu entstehen, der kennzeichnend für das Schreiben von Herbst ist. Der Schriftsteller hat seine Poetik in einer Vielzahl poetologischer Äußerungen beschrieben und entwickelt; sie darf durchaus als federführend im Feld der Netzliteratur gelten. Herbst nutzt seinen (im Übrigen durch die Einrichtung einer Kommentarfunktion interaktiven) Blog als Werkstattbericht, öffentliches Tagebuch, Labor für seine Lyrik und seine Übersetzungen, aber auch um Kontroversen zu führen oder sich mit anderer Literatur (und Musik) öffentlich auseinanderzusetzen. Der Blog lädt somit dazu ein, sich intensiv oder nur punktuell mit den Einträgen zu beschäftigen, man kann ihn eigenständig lesen oder als virtuelle Ergänzung der Bücher von Herbst.

Er gibt dem „Benutzer“ also die Freiheit, sich eigene Lesewege durch den – in der Tat – dschungelhaften Buch-Internet-Hybrid von Herbst zu bahnen, wobei diese Lektüre unausgesprochen unter dem Vorzeichen steht, dass man angesichts des monumentalen Umfangs der Textmassen auswählt und in den meisten Fällen wohl mehr auslässt als tatsächlich liest. Damit aber geschieht etwas zugleich Selbstverständliches: „Lesen“ nämlich bedeutet zwangsläufig eine „Auslese“ zu treffen aus dem nachgerade unerschöpflichen Archiv des Geschriebenen. Insofern, argumentiert Eike Kronshage im Beitrag „Theorien des Nicht-Lesens“ in Anlehnung an Niklas Luhmann, „macht das Nichtlesen unsere vornehmliche Beziehung zum Geschriebenen aus“, und dies gerade und insbesondere unter professionellen Lesern (wie Literaturkritikern oder Forschern), da niemand mehr die Gesamtheit der eigentlich relevanten Publikationen in seinem wissenschaftlichen Fachbereich oder auf dem Feld der belletristischen Literatur erfassen und verarbeiten kann.

Faszinierend ist das Handbuch Lesen gerade in jenen Beiträgen, welche die Probleme und Fehlleistungen beim Lesen als inhärent komplizierter „Transsubstantiation von graphischen Zeichen in Laute, Worte, propositionale Gehalte, Bedeutung und Sinn“ behandeln. Simon Aeberhard beschäftigt sich damit in seinen aufschlussreichen Beiträgen zu den Themen „Fehllesen“ und „Unlesbarkeit“. Er verweist etwa darauf, dass aus der theoretischen Sicht der Dekonstruktion jede Lektüre eines literarischen (oder philosophischen) Textes in einem misreading resultiert, weil man nie die ganze Bedeutungsproduktivität von dicht konstruierten Texten zu erfassen vermag. Aus solcher Perspektive sind literarische Texte „stark“, da sie sich grundsätzlich „jeder finiten Bedeutungsstabilisierung verweigern. Lesen, insbesondere literarisches Lesen, findet, so gesehen, strukturell im Modus des Fehlers statt.“

Das heimliche Lesen

Allerdings kann man sich genauso gut aufgrund mangelnder Konzentration verlesen, wodurch sich bei lyrischen Texten produktive neue Bedeutungsschichten herausbilden können. Das aber betrifft nicht das Problem der Unlesbarkeit, reicht dieses doch von schlichtweg „verdorbenen“ Stellen auf Schriftträgern (wie Wasserflecken oder verblichener Tinte) über die „Leerstellen“, die vom Leser eigenständig ergänzt werden müssen, bis zu solchen Texten, die man zwar durchaus lesen kann, die aber unverständlich bleiben. (Man denke nur an die bewusst verrätselten theoretischen Schriften eines Lacan oder schwierige Stellen bei Kant.)

In unserer säkularisierten Kultur fast ganz in Vergessenheit geraten ist das Lesen als heimliche oder magische Tätigkeit. Was zumindest das heimliche Lesen betrifft, so hat die Digitalisierung einen veritablen Boom gebracht. Wie Bernhard J. Dotzler in „Geheimes Lesen: De-Chiffrieren“ erinnert, wird heute aufgrund der umfassenden Ausspionierung digitaler Kommunikation durch Geheimdienste so massenhaft wie nie in der Geschichte unautorisiert und heimlich (mit-)gelesen, was eigentlich für andere Adressaten bestimmt ist, wie auch die (De-)Chiffrierung von Texten dank zunehmender Computerkryptografie so häufig wie nie zuvor stattfindet.

Wie die Kognitionswissenschaften gezeigt haben, ist beim Lesen nicht nur der Geist, sondern auch der Körper involviert – selbst wenn wir dabei stillsitzen und schweigen.

Dementgegen steht das Verschwinden der Praxis magischer Lektüren, die viele Jahrhunderte lang eine der wichtigsten „praktischen“ Anwendungen der Fähigkeit zu lesen war. Spätestens die Aufklärung, so Jürgen Nelles in „Magische Lektüren“, hat den magischen Glauben daran, dass Worte die Wirklichkeit beeinflussen und verändern können, gründlich ausgetrieben. Damit verschwand auch die Überzeugung, dass Bücher magische Gegenstände sein können wie beispielsweise das von H.P. Lovecraft erfundene Necronomicon. Das Lesen mag in freudigen Momenten der Leselust und des Leseglücks seine sprichwörtliche Magie entfalten, aber Zaubersprüche und Grimoires gehören heute in die Harry Potter’schen Trivialkulturwelten der Fantasy oder solcher Horrorfilme wie Evil Dead.

Der letzte Schriftsteller, der vielleicht noch glaubte mit seiner Literatur in die Wirklichkeit eingreifen zu können, war Hans Henny Jahnn, in dessen von extremistischen Gewaltexzessen durchtränkten Texten sich der Wunsch ausdrückt, mit der Macht des Wortes auf die gleichfalls extremistische Wirklichkeit des Ersten Weltkriegs zu reagieren. Wenn das Lesen heute noch etwas verändern kann, dann allenfalls in uns selbst. Als erfolgreich wertet das Handbuch daher eine Lektüre, wenn diese zum einen „mit einem ergebniskontrollierten Verständnis abgeschlossen werden und sodann in eigenes Handeln transformiert werden kann. Andernteils dann, wenn die Lektüre weitere, komplexere und langwierigere Lektüren nach sich zieht.“

Lesen erzeugt so das Bedürfnis nach weiterer Lektüre, es generiert eine individuelle Lesebiografie, in der psychische, physiologische und soziale Faktoren zusammenwirken bei dem, was man durchaus emphatisch Persönlichkeitsbildung nennen darf. Wie die Kognitionswissenschaften gezeigt haben, erläutert der Beitrag von Renate Brosch, ist beim Lesen nicht nur der Geist, sondern auch der Körper involviert – selbst wenn wir dabei stillsitzen und schwei-gen. Und mehr noch: Sinn zu machen aus einem literarischen Erzähltext vermögen wir nur deshalb, weil wir in einem interaktiven Prozess das beim Lesen ständig aktualisierte Textwissen mit unserem Weltwissen abgleichen.

„Die am Lesen beteiligten kognitiven Prozesse sind auf einem Kontinuum zwischen automatischen, unbewussten, teilbewussten, emotionalen und rational-kritischen Aktivitäten“ angesiedelt, weshalb genau betrachtet etwa der Plot eines Romans „nicht mehr eine Eigenschaft des Textes, sondern ein Produkt der Leser-Text-Interaktion ist.“ Bücher sind „lebendig“, weil wir sie im Prozess des Lesens „beleben“ mit uns selbst. So wird etwa jede Kafka-Lektüre zu einer Reise in die eigene Vergangenheit, in der wir der Magie seiner Imagination das erste Mal beim Warten auf den Schulbus in einer verlassenen Provinzhaltestelle begegnet sind. Oder das aktuelle, unbefriedigende Lesen stimuliert die Erinnerung an jene Lektüren, bei denen man ein Buch regelrecht verschlungen hat oder sich an einem dicken Wälzer so lange festgelesen hat, bis einem „die Wimpern vor Müdigkeit leise klimpern“, wie dies Elias Canetti einmal festhielt.

Es ist insofern kein Wunder, dass sich um das Lesen ein vielschichtiger, vielfältiger Metaphernkomplex gebildet hat, den Monika Schmitz-Emans im letzten Beitrag des Handbuchs kenntnisreich vermisst. Erfahrungs-, Interpretations- und Erkenntnisprozesse werden mit Lese-Metaphern belegt, denn schon von Alters her spricht man beispielsweise vom „Buch der Geschichte“, dem „Buch der Seele“ oder dem „Buch der Natur“, ja die ganze Welt lässt sich verstehen als ein alles Verstehen übersteigender „Urtext“, den es dennoch – zumindest in den uns zugänglichen Ausschnitten – mit den Mitteln der Wissenschaft und der Kunst zu entziffern und zu begreifen gilt.

Doch diesem hehren Erkenntnisprogramm entgegen stehen nun die digitalen Verführungen, bei denen sich Kommunikation als langer Whatsapp-Chat und Lesen als überfliegerhaftes Überprüfen eines nie einhaltenden Facebook-Feeds erweist. Das Handy hat das Buch als Leitmedium unserer Kultur ersetzt, was nicht ohne gravierende Folgen für unsere Kultur bleiben wird. Hoffen wir also auf das Allerbeste für die Kulturtechnik Lesen. Wie unsere Zukunft nämlich aussehen könnte, das illustriert das Handbuch gänzlich unabsichtlich am Ende: nach dem unverzichtbaren Sach- und Personenregister samt Verzeichnis der BeiträgerInnen bilden sagenhafte 16 Leerseiten den Abschluss des Bandes; reines Weiß ohne Schrift – das Ende des Lesens.

Uwe Schütte ist Dozent für German Studies an der Aston University, Birmingham. Zuletzt erschienen u. a. die Studie Interventionen. Literaturkritik als Widerspruch bei W. G. Sebald (Edition text & kritik, München 2014), Über W. G. Sebald. Beiträge zu einem neuen Bild des Autors (Hg., De Gruyter, Berlin 2016) und der Band Mensch-Maschinen-
Musik. Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk (Hg., C. W. Leske, Düsseldorf 2018).

Quelle: VOLLTEXT 1/2019 – 24. März 2019

Online seit: 25. August 2019

Rolf Parr, Alexander Honold: Lesen.
Grundthemen der Literaturwissenschaft.
Berlin: De Gruyter, 2018. 666 Seiten, € 159,95.