Löcher im Papier öffnen sich und ziehen mich tief hinein, weg von allem*

Die­ter Band­hau­er zur vier­bän­di­gen Aus­ga­be der Brie­fe von Samu­el Beckett.
„Der gro­ße Minet­ti, den ich neu­lich als Marat in dem Weiss-Stück so glän­zen sah, als Poz­zo unglaub­lich dane­ben – und stör­risch“.
Samuel Beckett © Roger Pic

„Also: machen Sie ohne mich wei­ter.“

Am 2. Janu­ar 1972 lehn­te Samu­el Beckett James Knowl­sons Vor­schlag, eine Bio­gra­phie über ihn zu ver­fas­sen, mit kaum Wider­spruch dul­den­den Wor­ten ab: „Betr. Bio­gra­phie bin ich offen gesagt strikt dage­gen. Es gibt Lebens­läu­fe, die beschrei­ben­s­wert sind, mei­ner ohne Inter­es­se in sich selbst oder Rele­vanz für das Werk gehört nicht dazu.“ Jeden­falls, da er die­se auch nicht ver­bie­ten kön­ne, wer­de er „in kei­ner Wei­se […] koope­rie­ren“. Dass 1996 (sie­ben Jah­re nach Becketts Tod) die­se Bio­gra­phie dann doch mit sei­ner Zustim­mung unter dem Titel Dam­ned to Fame erschei­nen konn­te, war der Ein­sicht geschul­det, dass auf Knowl­son wenigs­tens Ver­lass sei, dass das wis­sen­schaft­li­che und öffent­li­che Inter­es­se an Becketts Leben eine bes­ten­falls steu­er­ba­re, aber nicht zu ver­hin­dern­de Tat­sa­che gewor­den, eine Tren­nung von Leben und Werk bei sei­nem Berühmt­heits­grad nicht mehr zu haben sei. Mit sei­nem Wunsch, „auch das Leben wäre copy­right-geschützt“, hebt er die­se Tren­nung auf para­do­xe Wei­se ohne­hin selbst auf. Jeden­falls auto­ri­sier­te er in sei­nem letz­ten Lebens­jahr Knowl­son in einem kur­zen Schrei­ben: „Zur Bio­gra­phie, von Dir geschrie­ben, hast Du mein Ja.“ (21. März 1989)

„Arbei­te Du bis zum Umfal­len, schlaf um jeden Preis und über­laß den Rest dem Fluß, der Dich wei­ter­trägt und Dir ande­re, glück­li­che Tage bringt.“

Die­ser Sin­nes­wan­del gilt auch der Fra­ge, wie Beckett zu einer Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Brie­fe stand. In einem Brief vom 9. April 1974 an sei­nen ame­ri­ka­ni­schen Ver­le­ger Bar­ney Ros­set, in dem es vor­dring­lich dar­um geht, wel­chen „Krims­krams“ (wor­un­ter frü­he­re kri­ti­sche Schrif­ten zu ver­ste­hen sind) er nicht in einem Sam­mel­band ver­öf­fent­licht sehen will, heißt es auch: „Was die Ver­öf­fent­li­chung von Brie­fen betrifft, nie wie­der, falls ich es ver­hin­dern kann.“ 1981 beklagt er sich zuerst noch brief­lich, als er erfährt, dass Brie­fe, die er sei­ner­zeit an Mary Man­ning Howe (eine Freun­din von Jugend­ta­gen an) geschrie­ben hat, ver­kauft wor­den sind; als er aber davon in Kennt­nis gesetzt wird, dass dies aus einer finan­zi­el­len Not­la­ge her­aus geschah, ent­schul­digt er sich bei ihr mit einer Kor­re­spon­denz­kar­te; eini­ge Mona­te spä­ter hofft er sogar, dass sie „einen guten Preis für die Brie­fe“ (27. Dezem­ber 1982) bekom­men habe. 1985 ver­trau­te er der Schau­spie­le­rin und Publi­zis­tin Mar­tha Dow Feh­sen­feld, die in den 1970er-Jah­ren in eini­gen Beckett-Stü­cken mit­ge­spielt hat­te, die Edi­ti­on sei­ner Brie­fe an. Am 18. März 1985 schreibt er: „Ich habe Ver­trau­en zu dir & weiß, ich kann mich dar­auf ver­las­sen, daß du mei­ne Kor­re­spon­denz in dem mit Bar­ney ver­ein­bar­ten Sinn bear­bei­test, d. h. ihre Reduk­ti­on auf ledig­lich sol­che Pas­sa­gen, die für mein Schaf­fen von Belang sind.“

Kei­ne Ide­al­pro­jek­ti­on

Die Her­aus­ge­ber (Mar­tha Dow Feh­sen­feld, Lois More Over­beck, Dan Gunn und Geor­ge Craig) ver­si­chern zwar in der Ein­füh­rung zum letz­ten Band die­ser ins­ge­samt rund 3500 Sei­ten umfas­sen­den, vier­bän­di­gen Aus­ga­be, dass sein Wunsch auf Ein­schrän­kung „so gut wie mög­lich respek­tiert wer­den muß­te“, mer­ken aber ande­rer­seits an, dass sie sich „nicht von dem Gefühl lei­ten [haben] las­sen, ihren Autor ‚schüt­zen‘ zu müs­sen“. Betont wird auch, dass sie „nicht dazu ange­hal­ten [wur­den], irgend­wel­che Mate­ria­li­en zu unter­drü­cken, die der Ide­al­pro­jek­ti­on eines mora­lisch und poli­tisch kor­rek­ten Beckett ent­ge­gen­ge­stan­den hät­ten.“ Dass etwa kei­ne Brie­fe an sei­ne Frau Suzan­ne abge­druckt wor­den sind, hat nur den „ein­fa­chen Grund, daß sol­che Brie­fe […] nicht erhal­ten geblie­ben sind“. (Erhal­ten geblie­ben sind aber Brie­fe, die sie im Auf­trag Becketts an Ver­la­ge schrieb, von denen eini­ge in Band 2 abge­druckt wur­den.)

„Es gibt auch ein fran­zö­si­sches Mäd­chen, das ich mag, lei­den­schafts­los, und das sehr gut zu mir ist. Das Spiel wird nicht über­reizt.“

Die­ses Feh­len von Brie­fen an sie ist inso­fern scha­de, als so (wenn man nicht die Anwe­sen­heit der Abwe­sen­heit als das Maß aller Din­ge für Suzan­ne ins Tref­fen füh­ren will) ein Ungleich­ge­wicht zuguns­ten von Bar­ba­ra Bray ent­steht, über die es in den Kurz­por­träts im Anhang abschlie­ßend heißt: „Ihre Bezie­hung mit Beckett war inten­siv und dau­er­haft, obwohl sie nie zusam­men­leb­ten.“ Sie war Über­set­ze­rin und Kri­ti­ke­rin, die bei­den lern­ten sich 1958 ken­nen, als sie