„Die Dichter alle dichten“

Schiefe Bilder, gnadenloser Reimzwang, humanistisches Pathos und unbedingter Glaube an die eigene poetische Sendung – Friederike Kempner galt schon Sigmund Freud als Paradebeispiel für die „unfreiwillige Komik der Rede“. – Der Auftakt zur neuen Serie „Zu Recht vergessen – Die besten schlechten Dichter aller Zeiten„ von Daniela Strigl und Karin Wozonig.

Online seit: 12.10.2017

ZU RECHT VERGESSEN
Die neue Serie Zu Recht vergessen – die besten schlechten Dichter aller Zeiten widmet sich dem Phänomen der Berühmtheit zu Lebzeiten, die durch keinerlei ästhetische oder poetologische Qualität gerechtfertigt ist. Der zu Recht vergessene, einst aber bekannte und gefeierte (im Folgenden kurz „schlecht“ genannte) Autor ist mentalitätsgeschichtlich grundsätzlich interessanter als das zu Lebzeiten verkannte Genie, das „seiner Zeit voraus“ war. Wir denken dabei an Namen wie Caroline Pichler, Johanna Schopenhauer, Gustav Freytag, Karl Gutzkow, Waldemar Bonsels, Ottokar Kernstock, Autorinnen und Autoren, von denen etliche aus literarischen Gründen nicht unumstritten, alle aber unter ihren Zeitgenossen berühmt waren. Der schlechte Autor ist für seine Zeit in mancher Hinsicht repräsentativer als der später zum Klassiker gewordene. Natürlich: Wer definiert, was schlecht ist? Was ist ein großer Dichter? Jener, der seinen Zeitgenossen am meisten gibt, oder der, den nachgeborene Germanistengenerationen pflegen? Wenn die Autoren und Autorinnen, die ihr Schreiben ernst nehmen, Letzteres anstreben, was sagt das über die Psychologie des literarischen Schreibens und unser Verständnis von Kultur, Kanon, Klassizität, das in literaturkritischen Wertungen unausgesprochen enthalten ist? Im Unterschied zum „allzeit gültigen“ Werk des Klassikers, stellt sich am Beispiel der Produktion des schlechten Autors die Frage nach der historischen Kontingenz ästhetischer Werte und Wertungen. Naturgemäß geht es hier nicht um das
Wiederentdecken, sondern um das Exempel.

Wir eröffnen die Serie mit Friederike Kempner, die in mancherlei Hinsicht aus dem Rahmen fällt. Sie war zu ihrer Zeit nicht trotz, sondern wegen ihres dichterischen Unvermögens berühmt. Nicht erst die Nachwelt fällte dieses Urteil. Und in ihrem Fall klafften Selbstbild und Außenwahrnehmung eklatant auseinander.

Daniela Strigl, Karin Wozonig

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Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen deiner Nebenmenschen, um dich zu erheben, ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Kosten zu schimmern.“ Diesen bedenkenswerten Rat des Freiherrn von Knigge zu befolgen, macht uns Friederike Kempner (1828–1904), auch genannt der schlesische Schwan, nicht gerade leicht. Ihre Gedichte sind auf eine so lächerliche Art missglückt, dass sie schenkelklopfende Heiterkeit hervorrufen können.
Nicht bei allen kommt die Kempner-Lyrik gleich an, aber es gibt Menschen, die können Tränen lachen bei Versen wie diesem:

Und die Rosse, wie arabisch
Ihre Blicke leuchten,
Wie die glänzend schwarzen Haare
Helle Tropfen feuchten!

Und dabei ist der Gegenstand des balladenartigen Gedichts, aus dem diese Strophe stammt, kein bisschen lustig, im Gegenteil. Drei Tscherkessen, also Bewohner des westlichen Kaukasus, reiten auf ihren arabischen Rossen auf der Suche nach Freiheit nach Preußen, und zwar drei Tage und drei Nächte ohne Unterbrechung, was der Grund dafür ist, dass die Rosse gefeuchtet sind. Die Reiter werden von den Preußen aber nach Russland zurückgeschickt und dort hingerichtet. Da gibt es nichts zu lachen.

Aber Kempner wurde nicht umsonst als Meisterin der unfreiwilligen Komik bezeichnet, und wie kann man bei einer Szene wie dieser ernst bleiben:

Horch, da öffnet sich der Schlagbaum,
Und am Brückenkopfe
Nicken durch die hohle Öffnung
Russen mit dem Kopfe.

Friederike Kempner nahm sich in ihrer literarischen Arbeit ambitioniert einiger Themen an, die durchaus schwer wiegen und bei denen sich das Lachen verbietet. Ein besonderes Anliegen war ihr die Errichtung von Leichenschauhäusern, um das Begraben von Scheintoten – eine zu ihren Lebzeiten durchaus realistische Gefahr – zu verhindern, ein anderes das Verbot der Einzelhaft. Kempner ergreift auch Partei für Proletarier und andere Unterprivilegierte und schreckt nicht davor zurück, Gott für Missstände mitverantwortlich zu machen.

[…]

Dieser Text ist nur in der Ausgabe 3/2017 verfügbar.

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