Die Freiheit stirbt zentimeterweise

Von Dia­na Mair­ho­fer
Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Spio­na­ge­ro­ma­ne gibt es vie­le. Ob es sich hier­bei um einen han­delt, lässt sich abschlie­ßend nicht klä­ren. Mit einer knap­pen Erzähl­wei­se, die in Kom­bi­na­ti­on mit so man­cher Ansamm­lung kur­zer Sät­ze eine Unmit­tel­bar­keit und Geschwin­dig­keit ent­ste­hen lässt, zeich­net sich der soeben erschie­ne­ne Roman Punkt­lan­dung von Ute-Chris­ti­ne Krupp aus. Wir beglei­ten den Sicher­heits­be­am­ten Paul Jost zu Sit­zun­gen im Regie­rungs­vier­tel, es gibt Insi­der-Infor­ma­tio­nen zu mög­li­chen Anschlä­gen in Deutsch­land, Ziel ist unter ande­rem das Reichs­tags­ge­bäu­de. Jost ist neu in der Abtei­lung für Öffent­li­che Sicher­heit und hat die Absicht, bald auf der­sel­ben Ebe­ne wie sein Chef Gie­se zu arbei­ten.

Die aku­te Bedro­hung ob der Atten­ta­te tan­giert ihn per­sön­lich jedoch kaum, für ihn ist sie bloß ein Teil der Kar­rie­re­lei­ter, die es zu erklim­men gilt. Was ihn an der Sache umtreibt, ist das Ver­hält­nis von Frei­heit und Sicher­heit, Recht und Pflicht. Die­se gro­ßen Fra­gen des Zusam­men­le­bens wer­den in inter­nen Dis­kus­sio­nen durch­ex­er­ziert. Hier wird auch das ers­te Mal die Schein­hei­lig­keit der Figur Jost offen­sicht­lich. Sei­ne seit dem Stu­di­um bestehen­de Über­zeu­gung, dass die Grund­rech­te über allem zu ste­hen haben, lässt ihn nicht sel­ten an der Sinn­haf­tig­keit sei­ner Arbeit zwei­feln. Er ist mit sei­ner Mei­nung, Per­so­nen nicht bloß des­halb zu über­wa­chen, weil sie in ein bestimm­tes Ras­ter fal­len, allein auf wei­ter Flur. Nach und nach wird Jost jedoch klar, möch­te er beför­dert wer­den, muss er sei­ne mora­li­schen Hal­tun­gen ver­wer­fen, auch wenn das heißt, dass die Frei­heit aller, wie Jost sin­niert, zen­ti­me­ter­wei­se stirbt.

Die Autorin ver­wen­det vie­le Wor­te auf Jos­ts Pri­vat­le­ben. Rück­blen­den in die Ver­gan­gen­heit mit Frau und Kin­dern sind zahl­reich vor­han­den, blei­ben aber vage. Das Ken­nen­ler­nen mit sei­ner künf­ti­gen Ex-Frau Gesi­ne und die bevor­ste­hen­de Schwan­ger­schaft wer­den eben­so erzählt wie die Kon­flik­te, die schließ­lich zur Schei­dung füh­ren. Ste­tig wird das Reiz­wort „Jugend­wei­he“ wie­der­holt. Die Toch­ter will zur Jugend­wei­he, Gesi­ne, die aus einer Pas­to­ren­fa­mi­lie im Osten kommt, unter­stützt sie, Paul, der aus einer bil­dungs­bür­ger­li­chen Archi­tek­ten­fa­mi­lie im Wes­ten stammt, hat für den Wunsch sei­ner Toch­ter kein Ver­ständ­nis. Am Ende blei­ben die­se Epi­so­den halb­her­zig, die Argu­men­te für oder gegen die Jugend­wei­he wer­den nicht aus­ge­führt. Dazu gibt es dann nicht mehr zu sagen als: „Wir leben im ein­und­zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert.“

Es scheint also, wenn ein Kon­flikt erst ein­mal da ist, wird Jost ihn so schnell nicht mehr los. Es ist auch nicht so, dass die Fami­li­en­the­ma­tik zum Aben­teu­er Online-Dating hin­lei­ten, an dem Jost sich bald ver­sucht, um eine neue Frau ken­nen­zu­ler­nen. Auch die­se Abschnit­te blei­ben ohne Kon­tur und sind aus­tausch­bar. Hier lie­ße sich aller­dings eine gewag­te Ver­knüp­fung her­stel­len zum Motiv der Medi­en im Roman, das auch auf die Erzähl­per­spek­ti­ve über­greift. Die­se wech­selt kaum von Jost weg, wenn doch, so han­delt es sich um ein­ge­scho­be­ne Pres­se­mit­tei­lun­gen, Umfra­gen oder Abhör­pro­to­kol­le. Die Unmit­tel­bar­keit der Erzähl­wei­se wird durch die nüch­ter­nen Berich­te, Pro­to­kol­le und E‑Mails gekonnt gebro­chen. Aller­dings ist es ver­wun­der­lich, dass Jost, des­sen Berufs­be­schrei­bung beinhal­tet, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge zu ken­nen und zu über­wa­chen, den Anstoß eines Kol­le­gen braucht, um von der Mög­lich­keit des Online-Datings zu erfah­ren.

Neben den schon genann­ten inter­nen beruf­li­chen Dis­kus­sio­nen ler­nen wir also auch Jos­ts detail­lier­te Gedan­ken und sei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit sich selbst ken­nen. Es sind aber eben­die­se aus­ufern­den Refle­xio­nen, die bald lang­at­mig wer­den. Man ver­steht zwar bes­ser, war­um er so hart­nä­ckig ande­rer Mei­nung ist als sei­ne Kol­le­gen, man ver­steht aber nicht, war­um er es nicht schafft, die­se Gedan­ken auch über­zeug­ter aus­zu­for­mu­lie­ren. Das ist eine Schwä­che des Romans, die dann auch recht unglaub­wür­dig in eine fol­gen­schwe­re Ent­schei­dung mün­det, als es unver­mit­telt heißt: „Lie­ber einen zu viel fest­neh­men als einen zu wenig!“ Dies ist noch nicht das Ende, könn­te es aber gut sein.

Zugu­te­hal­ten muss man die­sem „Spio­na­ge­ro­man“ sei­ne erzäh­le­ri­schen Ambi­tio­nen, die schon erwähn­ten kur­zen Sät­ze und die Unmit­tel­bar­keit, die dadurch ent­steht. Aller­dings hät­te dem Text weni­ger Jost und mehr Ermitt­lung gut­ge­tan.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023