Der Wälzerkönig von Amsterdam

Sie­ben Bän­de umfasst J. J. Vos­kuils monu­men­ta­ler Roman Das Büro. In den Nie­der­lan­den kam­pier­ten die Leser am Erschei­nungs­tag vor den Buch­hand­lun­gen. Von Det­lev van Heest

Die spä­ten 1990er-Jah­re brach­ten der nie­der­län­di­schen Lite­ra­tur­welt ein neu­es Phä­no­men: Nachts, vor dem Erschei­nen eines neu­en Ban­des aus dem Roman­zy­klus Het Bureau (Das Büro), kam­pier­ten unge­dul­di­ge Leser vor den Buch­hand­lun­gen, die unbe­dingt sofort bei Erschei­nen ihr Exem­plar haben muss­ten. Welt­weit bekannt wur­de die­ses Phä­no­men spä­ter unter dem Namen einer ande­ren Buch­serie: Har­ry Pot­ter; in den Nie­der­lan­den rief J. J. Vos­kuil (1926–2008) mit sei­nem sie­ben­bän­di­gen Monu­men­tal­werk den­sel­ben Effekt her­vor.

Das Büro ist ein moder­ner Klas­si­ker und ein Kult­buch zugleich, das es auf fast eine hal­be Mil­li­on ver­kauf­ter Exem­pla­re brach­te, ein für die klei­nen Nie­der­lan­de sel­te­ner Tri­umph eines Autors. Eine nach der Büro­sa­ga pro­du­zier­te, über 200-teil­i­ge Hör­spiel­fas­sung läuft seit­her im nie­der­län­di­schen Radio in End­los­schlei­fe – bis heu­te. Die ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­ter des Roman­hel­den Maar­ten Koning, Alter Ego des Autors, führ­ten in den ehe­ma­li­gen Büro­räu­men Rol­len­spie­le auf und nah­men in Talk­shows Platz, der­weil sich der Autor dem lite­ra­ri­schen Hype mög­lichst fern hielt.

Ich habe von dem gan­zen Tru­bel anfangs rein gar nichts mit­be­kom­men, denn ich leb­te seit sechs Jah­ren in Japan, als mich der Hype dann doch noch erreich­te: Ben, mein damals bes­ter Freund aus den Nie­der­lan­den, wies mich in einem Brief auf das neue „lite­ra­ri­sche Phä­no­men“ hin. Er ver­pflich­te­te mich, gleich die gan­ze Serie der Bücher zu bestel­len, die ihn so sehr beein­druckt hat­ten und die mir, so mein­te er, auch mun­den, ja, noch mehr, in Hirn und Magen gehen wür­den – das, obwohl in ihnen (fast) über­haupt nichts pas­sie­re. Sie­ben Bän­de soll­ten es ins­ge­samt wer­den, drei waren schon erschie­nen. Ich sol­le sie unbe­dingt alle lesen, allein des Autors wegen. Ben hat­te näm­lich einen mehr oder weni­ger per­sön­li­chen Zugang zu ihm, das heißt, er hat­te als Kind ein- oder zwei­mal auf dem Schoß des Vaters jenes Autors sit­zen dür­fen.

Das Büro ist ein moder­ner Klas­si­ker und ein Kult­buch zugleich, das es in den Nie­der­lan­den auf fast eine hal­be Mil­li­on ver­kauf­ter Exem­pla­re brach­te.

1991 hat­te ich mei­nen Fern­se­her abge­schafft, um nie mehr in Ver­su­chung zu kom­men, mir in der Wei­te der Röh­re den dort gezeig­ten Seri­en­mist anse­hen zu müs­sen. Und von mir aus hät­te man auch die Buch­dru­cker­kunst abschaf­fen kön­nen, wenn dem Leser aus Ver­mark­tungs­grün­den Bücher nur noch bröck­chen­wei­se zuge­mu­tet wer­den konn­ten, ob nun als Feuil­le­ton­hap­pen oder als fort­schrei­ten­der Dick­buch-Durch­fall. Ich bin eine unge­dul­di­ge Natur – und jetzt ein Werk bibli­schen Aus­ma­ßes? Sie­ben Bän­de? Das waren sechs Bän­de zu viel für mich. Wer, so mei­ne Auf­fas­sung, nicht in der Lage war, mir in einem Band sein Anlie­gen zu unter­brei­ten, der soll­te sich bes­ser einen ande­ren, leid­li­che­ren Buch­ver­zeh­rer suchen.

Die nie­der­län­di­sche Lite­ra­tur war mir immer lieb und teu­er, doch die deut­sche, ver­fasst in der Spra­che mei­ner Mut­ter, hat­te sie seit mei­ner frü­hes­ten Jugend über­schat­tet. Auf Deutsch, eine Spra­che, die Wor­te wie „Welt­schmerz“, „Lei­dens­fä­hig­keit“ und „Straf­raum­schwal­be“ kennt, klang alles immer unend­lich gewich­ti­ger, durch­leb­ter und lite­ra­ri­scher als in der rau­en Mund­art der Hol­län­der. Nie wür­den die aus Sumpf­ga­sen ent­stan­de­nen Wort­ge­bil­de je nobel­preis­wür­dig wer­den, des­sen war ich mir sicher.

5.500 Sei­ten über ein Büro

Je län­ger ich jedoch in Japan leb­te, des­to grö­ßer wur­de mein Bedürf­nis nach eben sol­chen, in der schroff-schlich­ten Spra­che der Nie­der­län­der ver­fass­ten Büchern. Es war wohl nur im wei­tes­ten Sin­ne ein Sym­ptom von Heim­weh, denn ich fühl­te mich in jenem fer­nen Insel­reich so wohl, dass ich mich dort auf ewig nie­der­las­sen woll­te.

Ben schick­te mehr und mehr nie­der­län­di­sche Lite­ra­tur, um mei­nen wach­sen­den Bedarf zu befrie­di­gen. Nun also schlug er J. J. Vos­kuil vor, fast 5.500 Sei­ten: Das Büro. Ben – Mit­es­ser­ge­sicht, unver­stan­den, sein Selbst­hass wur­de nur von sei­ner Ver­ach­tung der übri­gen Mensch­heit gegen­über über­trof­fen, war hoch­in­tel­li­gent – und so ent­schloss er sich, mich zu Vos­kuil zu bekeh­ren. Mit sei­ner Freun­din besuch­te er mich drei Wochen in Tokio und brach­te als Gast­ge­schenk den zwei­ten Band der Vos­kuil­schen Büro­sa­ga, Schmut­zi­ge Hän­de, mit. Da er und sei­ne Lebens­ge­fähr­tin den wei­ten Weg gemacht hat­ten, ver­sprach ich, mal hin­ein­zu­schau­en, aber nicht gleich: Ich hat­te vor­her noch ande­res zu lesen.

Zu die­ser Zeit leb­te ich mit einer Frau zusam­men, die an chro­ni­scher Schlaf­lo­sig­keit litt und die mich nachts dau­ernd mit der Auf­for­de­rung weck­te, ich sol­le sie gefäl­ligst mit irgend­et­was müde machen. Da der Sexu­al­trieb dafür auf die Dau­er nicht die Lösung brach­te, las ich ihr Bücher vor, Lebens­ge­schich­ten von Beam­ten im öffent­li­chen Dienst und mit­un­ter auch Wer­ke der höhe­ren Lite­ra­tur: vor­nehm­lich depor­tier­te, dem Alko­hol ver­fal­le­ne Rus­sen und chro­nisch depres­si­ve Deut­sche.

Komi­sche Nüch­tern­heit

Neben unse­rem Bett lag nun seit eini­gen Mona­ten auch der besag­te Vos­kuil-Band. Ich fing an, ihr dar­aus vor­zu­le­sen – ohne den erwünsch­ten Erfolg. Im Gegen­teil! Ihre Schlaf­stö­run­gen grif­fen auf mich über. Denn jeder Abschnitt des Vos­kuil­schen Wer­kes erzwang das Wei­ter­le­sen, so wie man eine Ziga­ret­te auch nicht nach zwei oder drei Zügen aus­ma­chen kann. Ben hat­te recht: Die gan­ze Stan­ge muss­te auf­ge­raucht wer­den! Bei Tages­licht las ich wei­ter. Als ich den Band durch hat­te, fing ich erneut damit an, bis zum Ende, um gleich wie­der von vorn zu begin­nen.

Die Dia­lo­ge in die­sem Büro-Epos waren für mich in ihrer authen­tisch-komi­schen Nüch­tern­heit unüber­trof­fen. Die Haupt­fi­gu­ren, alle­samt Anti­hel­den, waren zum Ver­lie­ben: der stot­tern­de, schwu­le, unprä­ten­tiö­se Insti­tuts­di­rek­tor Anton Beer­ta, der kon­takt­scheue Maar­ten Koning und sei­ne anti­bür­ger­li­che, unaus­steh­li­che und den­noch bezau­bern­de Frau Nico­li­en, die ihm bei jeder Gehalts­er­hö­hung die Höl­le heiß mach­te, weil er dem hei­li­gen Armuts­ide­al der Ehe­leu­te wie­der ein­mal untreu gewor­den war, der Arbeits­ver­wei­ge­rer Bart Asjes, der Schma­rot­zer Ad Mull­er, und und und. Das Büro gab dem, der zu lesen und ver­ste­hen wuss­te, den Schlüs­sel zu man­nig­fal­tig kom­ple­xen mensch­li­chen Bezie­hun­gen – und führ­te in mei­nem Fall zur spon­ta­nen Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Maar­ten Koning, dem uner­müd­li­chen Kul­tur- und Zivi­li­sa­ti­ons­pes­si­mis­ten, der den­noch immer wie­der auf sei­ne Mit­men­schen her­ein­fällt. Nir­gend­wo, so lehr­te mich Das Büro, ist man ein­sa­mer und ver­las­se­ner als in einer Gemein­schaft. Gemein­sam­keit gibt es für Maar­ten Koning nur in der Ein­sam­keit.

Ben, mein Vos­kuil-Dea­ler, und ich ent­zwei­ten uns bald. Auch wegen Vos­kuil. Das kam so: Über sei­nen Ver­lag schrieb ich dem Autor einen lan­gen Brief. Kurz dar­auf ant­wor­te­te er sei­nem wohl am wei­tes­ten ent­fernt leben­den Leser. Dar­aus erwuchs eine Kor­re­spon­denz, die bis zum Lebens­en­de Vos­kuils fort­dau­er­te. Als ich kurz nach der Jahr­tau­send­wen­de eine Euro­pa­rei­se antrat, stat­te­te ich dem Ehe­paar Vos­kuil einen Besuch in Ams­ter­dam ab. Ich woll­te Ben mit­neh­men, denn er hat­te schließ­lich auf dem Schoß des Vaters geses­sen, aber ich trau­te mich nicht, den Autor und sei­ne Frau zu fra­gen, ob ich die­sen „Schöß­ling“ auch mit­brin­gen dürf­te. Ben kam mit nach Ams­ter­dam und war­te­te schließ­lich stun­den­lang in einem nahen Café. Als ich nach mei­nem Besuch begeis­tert zu ihm zurück­kehr­te, schwieg er – bis heu­te.

Ein gefähr­li­ches Buch

Doch mei­ne unstill­ba­re Lei­den­schaft für Vos­kuil ver­dan­ke ich Ben. Er ver­zieh mir nicht, dass er mich nicht zu sei­nem Autoren-Gott hat­te beglei­ten dür­fen. Gewiss ein Indiz für die Über­zeu­gung Vos­kuils, wonach Freund­schaft immer auch Kon­kur­renz­kampf ist, oder bes­ser: eine in Schaf­fell gehüll­te Feind­schaft. So wur­de Das Büro der Freund­schaft zwi­schen Ben und mir zum Ver­häng­nis. Ein gefähr­li­ches Buch also – der Leser im deut­schen Sprach­raum sei daher gewarnt.

Als J. J. Vos­kuil 2008 starb, schrieb die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung in einem Nach­ruf, dass der Autor, wäre er nicht Hol­län­der, son­dern Ame­ri­ka­ner, zwei­fels­oh­ne ein seriö­ser Kan­di­dat für den Lite­ra­tur­no­bel­preis gewor­den wäre, ande­rer­seits aber ein Ame­ri­ka­ner ein so groß­ar­ti­ges Werk wie Das Büro nie­mals hät­te schrei­ben kön­nen.

Vos­kuil hielt sich in sei­nen Büchern fern von „krea­ti­vem Schrei­ben“, von Schön­schrei­be­rei, Mys­ti­fi­ka­ti­on und Aus­schwei­fung, die manch talen­tier­ten nie­der­län­di­schen Autoren jenes Flair des In-sich-selbst-Ver­liebt­seins ver­lei­hen, mit dem sie, sobald sie aus der Mode gera­ten, nur noch lächer­lich wir­ken. Ich mei­ne damit kei­nes­falls Cees Noote­boom oder Har­ry Mulisch, die ein­zi­gen Nie­der­län­der, die sich selbst eine gute Chan­ce einräum(t)en, in Stock­holm aus den Hän­den des schwe­di­schen Königs acht Mil­lio­nen Kro­nen zu emp­fan­gen. Spra­che war für Vos­kuil nur ein Instru­ment – kein Ziel an sich. Er schrieb ohne jede Anma­ßung, bei­na­he im Sin­ne Ran­kes, zur per­sön­li­chen Wahr­heits­su­che und ‑fin­dung. Die unpoe­ti­sche Spra­che mit all ihren nie­der­län­di­schen Beson­der­hei­ten kommt sei­nem Werk sehr zugu­te. Sein nie­der­län­di­scher Ver­le­ger Wou­ter van Oor­schot erklär­te ein­mal in einem Inter­view, die Bücher sei­ner Autoren, allen vor­an J. J. Vos­kuil, sei­en unüber­setz­bar, so ein­zig­ar­tig sei­en sie.

Mus­ter­gül­tig über­setzt

Gerd Bus­se, der deut­sche Über­set­zer von Das Büro, straf­te van Oor­schots Behaup­tung Lügen. Ich habe mich mit Vos­kuil mehr­mals über die­se Über­set­zung unter­hal­ten. Er wun­der­te sich, wie es mög­lich war, dass jemand den Sinn und Wort­laut von Das Büro so gut ins Deut­sche umsetz­te, dass es ihm manch­mal so vor­kom­me, als hät­te er den Roman ursprüng­lich auf Deutsch geschrie­ben.

Für mich ist die deut­sche Aus­ga­be des Romans im Ber­li­ner Ver­bre­cher Ver­lag (der letz­te Band erscheint im Früh­jahr 2017) ein wah­res Fest. Ich kann mich erneut, wie in den neun­zi­ger Jah­ren beim nie­der­län­di­schen Ori­gi­nal, an tau­sen­den Sei­ten laben und satt lesen. Scha­de ist nur, dass der Autor das Erschei­nen die­ser wun­der­ba­ren deut­schen Edi­ti­on nicht mehr erlebt.

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Det­lev van Heest, gebo­ren 1956, ist Park­raum­kon­trol­leur, Genos­sen­schafts­vor­sit­zen­der, His­to­ri­ker und Autor. Als Sohn eines nie­der­län­di­schen Vaters und einer hin­ter­pom­mer­schen Mut­ter wuchs er in den Nie­der­lan­den auf. Fünf­zehn Jah­re sei­nes erwach­se­nen Lebens leb­te er in Japan und Neu­see­land, wo er sich als Jour­na­list und Hilfs­ar­bei­ter betä­tig­te. Sein Buch De verz­open kat­ten en de Hol­lan­der (Die ersof­fe­nen Kat­zen und der Hol­län­der), das kalei­do­skop­ar­ti­ge Por­trät eines japa­ni­schen Stadt­vier­tels, erscheint 2016 im Ver­bre­cher Ver­lag.

J. J. Vos­kuil: Schmut­zi­ge Hän­de. Das Büro, Band 2.
Aus dem Nie­der­län­di­schen über­setzt von Gerd Bus­se. Mit einem Nach­wort von Peter Steinz.
Ver­bre­cher Ver­lag, Ber­lin 2014.
600 Sei­ten, € 29,00 (D) / € 29,90 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 3/2014

Online seit: 20. Janu­ar 2021

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Zuletzt geän­dert: 20. Jan. 2021