Das Unbeschreibliche – hier ist’s getan!

Micha­el Braun im Gespräch mit Hans Chris­toph Buch über sei­nen neu­en Roman Still­le­ben mit Toten­kopf, Lite­ra­tur und Kriegs­be­richt­erstat­tung und die Erb­fol­ge in der Lite­ra­tur­ge­schich­te.
Hans Christoph Buch © Susanne Schleyer / Autorenarchiv.de

H. C. Buch: „Die Fas­zi­na­ti­on durch Gewalt habe ich tat­säch­lich ver­spürt. Obwohl ich nicht sadis­tisch vor­pro­gram­miert bin, stell­te ich fest, dass ich ent­täuscht war, wenn in einem Kriegs­ge­biet nichts Spek­ta­ku­lä­res pas­sier­te.“
Foto: Susan­ne Schley­er

MICHAEL BRAUN In Ihrem neu­en Werk Still­le­ben mit Toten­kopf hat gleich zu Beginn der Tod einen Auf­tritt. Ein Erzäh­ler, der sich in der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Repu­blik auf­hält, spricht einen Mono­log, an des­sen Ende es heißt: „Der Weg ist das Ziel der Tod ist ein / dump­fer nein ste­chen­der Schmerz in der Brust die / Schutt­hal­de der Phi­lo­so­phie im Rücken die Fata / Mor­ga­na der Lite­ra­tur vor Augen ver­stor­be­ne / Freun­de win­ken dir zu Komm rüber zu uns!“ Wenn ein Buch einen sol­che Grund­me­lo­die hat, klingt das, als wäre es ein Abschieds­buch …

HANS CHRISTOPH BUCH Es ist in gewis­ser Wei­se ein Requi­em, aber nicht so fei­er­lich und weni­ger ernst, als es klingt. Ich war wirk­lich in der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Repu­blik, letz­ten Som­mer, und wur­de dort krank. Und habe eine Art Kri­se erlebt, eine Lebens­kri­se, die mit den Zustän­den dort zusam­men­hing, aber nicht nur. Es han­delt sich um ein extrem armes aus­ge­plün­der­tes Land mit einem nicht enden wol­len­den Bür­ger­krieg. Davon erzählt die­ser Pro­log, eigent­lich ein lan­ges Gedicht, das ich im Hotel­zim­mer in einer schlaf­lo­sen Nacht nie­der­schrieb. Aber danach geht es ganz anders wei­ter in mei­nem neu­en Buch.

BRAUN Spre­chen wir mal vom Titel, Still­le­ben mit Toten­kopf. Eini­ge Ihrer Wer­ke haben Gemäl­de oder Bild­kunst­wer­ke zum Aus­gangs­punkt. Ein Still­le­ben mit Toten­kopf gibt es ja auch in der baro­cken Male­rei. Das ist doch ein ganz mar­kan­tes Signal, wenn man einen sol­chen Titel wählt.

BUCH Ja, mir gefie­len schon die drei „L“ im Titel. Es gibt sol­che Still­le­ben mit Toten­kopf in der flä­mi­schen, hol­län­di­schen Male­rei der Barock­zeit, aber auch in der spa­ni­schen bei Fran­cis­co de Zur­barán. Ein sol­ches Gemäl­de von Zur­barán ist auf dem Umschlag des Buches zu sehen. Das Vani­tas-Motiv ist aber viel älter als die­ses Motiv der Kunst­ge­schich­te. Das gab es schon im Mit­tel­al­ter und noch frü­her in der christ­li­chen Über­lie­fe­rung. Und in gewis­ser Wei­se ist das Buch ein Rück­blick, ein Dia­log mit dem Tod, ohne dass dar­in – wie gesagt – der tra­gi­sche Aspekt über­wiegt.

BRAUN Das vor­an­ge­gan­ge­ne Werk hieß Elf Arten, das Eis zu bre­chen. Dort haben Sie erst­mals einen aus­führ­li­chen Ein­blick in Ihre Fami­li­en­ge­schich­te ermög­licht. Die Geschich­te Ihres Vaters, eines Diplo­ma­ten, der u. a. als Gene­ral­kon­sul in Syd­ney arbei­te­te, und Ihres Groß­va­ters, der Apo­the­ker in Hai­ti war und dort eine Mulatt­in aus der Ober­schicht Hai­tis hei­ra­te­te. Still­le­ben mit Toten­kopf setzt die­se Erkun­dung der Her­kunft fort. Es führt in die frü­he Kind­heit, in den Luft­krieg gegen deut­sche Städ­te und spielt zugleich in der Gegen­wart des Jah­res 2017. Und es bilan­ziert, was der Schrift­stel­ler Hans Chris­toph Buch nach fast sech­zig Jah­ren lite­ra­ri­schen Publi­zie­rens zu sagen hat – eine Art auto­bio­gra­fi­scher Sum­ma.

BUCH Sech­zig Jah­re ist etwas über­trie­ben. Ich habe mei­nen ers­ten Text im Suhr­kamp Ver­lag 1963 ver­öf­fent­licht, da kom­men wir also auf 55 Jah­re. Aber das ist eine lan­ge Zeit­span­ne und ich habe die Gro­ßen der deut­schen Lite­ra­tur aus der Nähe gekannt, ich nen­ne nur Gün­ter Grass und Hans Magnus Enzens­ber­ger, in des­sen Ande­rer Biblio­thek ich spä­ter Bücher publi­zier­te. Mein Roman Still­le­ben mit Toten­kopf – wenn es denn einer ist – ist auch eine Erin­ne­rung an den Lite­ra­tur­be­trieb, das wird im letz­ten, drit­ten Teil the­ma­ti­siert.

BRAUN Das muss ein unge­heu­rer Vor­gang gewe­sen sein, als Sie 1963 mit gera­de mal neun­zehn Jah­ren zur Grup­pe 47 kamen. Was hat sich da abge­spielt?

BUCH Ich war so über­heb­lich, uner­fah­ren und jung, dass ich dach­te: Mir steht der Preis zu. Es gab damals einen Preis der Grup­pe 47, und das Meis­te, was dort vor­ge­le­sen wur­de, inter­es­sier­te mich nicht. Nicht mal Gün­ter Grass, der auf der Tagung in Saul­gau im Herbst ’63 nicht las. Aber er war dort und hat mei­nen Text ver­tei­digt, zusam­men mit Hans Magnus Enzens­ber­ger und Wal­ter Höl­le­rer, gegen die Kri­tik von Reich-Rani­cki, der schon damals ton­an­ge­bend war, und gegen Wal­ter Jens. Reich-Rani­cki und Jens fan­den das läp­pisch und über­flüs­sig, was ich geschrie­ben hat­te. Das war es auch, aber das war Absicht: Ein Ver­such, die Leser nicht zu inter­es­sie­ren. Das kann man gene­rell über den Nou­veau Roman und ähn­li­che Zwei­ge der Lite­ra­tur sagen, in denen das Erzäh­len selbst the­ma­ti­siert wur­de. Clau­de Simon hat, glau­be ich, gesagt: Wenn drau­ßen in der Welt so viel pas­siert, muss nicht auch noch die Lite­ra­tur span­nend sein. Die soll ruhig lang­wei­lig sein in einem höhe­ren Sinn, um den Leser zu fes­seln mit ande­ren Rei­zen als durch span­nen­de Geschich­ten. So begann ich zu schrei­ben mit einer for­ma­lis­ti­schen Poe­tik. Das Gute an der Grup­pe 47 war, dass ich auf einen Schlag vie­le bekann­te Autoren ken­nen­lern­te, mit denen ich spä­ter­hin in Kon­takt blieb, eini­ge wur­den gute Freun­de. Zum Bei­spiel Peter Weiss, der mich sehr beein­druck­te. In mei­ner Früh­pha­se war ich sozu­sa­gen ein Schü­ler von Peter Weiss, aber auch von Kaf­ka, der im Hin­ter­grund immer wei­ter­wirk­te. Und Peter Weiss war selbst in der Kaf­ka-Nach­fol­ge ange­sie­delt.

BRAUN 1963 erschien also Ihr ers­ter Text. 1966 dann, mit 22 Jah­ren, das ers­te Buch, Uner­hör­te Bege­ben­hei­ten. Sie waren ein Schü­ler von Peter Weiss und Kaf­ka, gehört auch Ihr Erst­ling Uner­hör­te Bege­ben­hei­ten zu die­ser Tra­di­ti­on?

BUCH Ganz sicher. Es waren Geschich­ten – das Mot­to stammt von Goe­the –, die gro­tesk über­dreht sind. Was mir damals schon fern­lag und heu­te noch fern­liegt, ist der soge­nann­te Rea­lis­mus. Wobei nie­mand weiß, was genau damit gemeint ist. Ich nähe­re mich jetzt erst dem eige­nen Leben, nach fast sech­zig Jah­ren nähe­re ich mich der eige­nen Erfah­rung immer mehr an. Und doch behaup­te ich nicht, dass alles sich so abge­spielt hat. Und ich erin­ne­re dar­an: Wenn man ein Still­le­ben zum Bei­spiel von Cézan­ne betrach­tet, soll­te man wis­sen, dass er die Äpfel und Bir­nen und alles, was auf dem Gemäl­de zu sehen ist, auf Streich­höl­zer spieß­te, sodass sie in Posi­tio­nen lagen, die sie nor­ma­ler­wei­se nicht ein­neh­men. Um die Din­ge abbild­bar zu machen. Und die­ses Abbild ist nicht iden­tisch mit der Rea­li­tät.

BRAUN Uner­hör­te Bege­ben­hei­ten refe­riert auf Goe­the und sei­ne Novel­len­theo­rie. Im Grun­de ver­sam­meln doch vie­le Ihrer Bücher „uner­hör­te Bege­ben­hei­ten“. Spä­ter dann in einem ganz ande­ren Sinn, wenn Sie als Kriegs­re­por­ter in Regio­nen gehen, in denen Krie­ge und Kata­stro­phen herr­schen. Für „uner­hör­te Bege­ben­hei­ten“ gab es wohl schon früh eine lite­ra­ri­sche Vor­lie­be?

BUCH Das ist voll­kom­men rich­tig. Man könn­te auch wei­ter­ge­hen und sagen: Mei­ne Roma­ne sind eigent­lich ver­kapp­te Erzähl­bän­de, die zusam­men­ge­hal­ten wer­den durch eine Grund­idee, oder in die­sem Fall durch ein Ich, das hier erzählt. Das aber nicht unbe­dingt iden­tisch ist mit dem Autor (das kennt man aus der Lite­ra­tur­theo­rie) und doch Züge des Autors trägt. Also: Das Uner­hör­te, das Ver­rück­te hat mich – gera­de auch in Kriegs­ge­bie­ten – immer inter­es­siert, weil alles immer ganz anders ist, als man es sich vor­stellt, wenn man das Welt­ge­sche­hen nur aus dem Fern­se­hen kennt. Es ist einer­seits schlim­mer, als es im Fern­se­hen erscheint, aber ande­rer­seits gibt es auch Tröst­li­ches und Posi­ti­ves zu berich­ten. Zum Bei­spiel hat­te ich nie das Gefühl, sel­ber bedroht zu sein, obwohl ich es häu­fig war. Ich fand immer freund­li­che Auf­nah­me, Soli­da­ri­tät und Gast­freund­schaft bei soge­nann­ten Betrof­fe­nen, den Opfern der Krie­ge. Denen dar­an gele­gen war, dass über das Gesche­he­ne berich­tet wird, damit es nicht dem Ver­ges­sen anheim­fällt.

BRAUN Inwie­fern ist Still­le­ben mit Toten­kopf über­haupt ein Roman, han­delt es sich nicht eher um einen Roma­n­es­say?

BUCH „Roma­n­es­say“ ist ein behelfs­mä­ßi­ger Begriff, der nur gerin­gen Erkennt­nis­wert hat. Ich habe ihn selbst schon als Gat­tungs­be­zeich­nung ver­wen­det, aber im Grun­de genom­men exis­tiert so etwas nicht. Was es dage­gen öfter gibt, ist essay­is­ti­sches Erzäh­len. Alle gro­ßen Essay­is­ten waren auch Erzäh­ler. Den­ken Sie nur an die Essays von Orwell. Ande­rer­seits ist in Wer­ken wie Die Ästhe­tik des Wider­stands oder Der Mann ohne Eigen­schaf­ten selbst­ver­ständ­lich die essay­is­ti­sche Refle­xi­on Teil der Hand­lung des Romans, bei­des ist nicht zu tren­nen. Geht man wei­ter zurück in der Geschich­te des Romans, wird das noch deut­li­cher. Dani­el Defoes Robin­son Cru­soe zum Bei­spiel ist ein Essay über alles Mög­li­che. Man könn­te sagen, eine Bau­an­lei­tung von Ikea, wie man auf einer ein­sa­men Insel zurecht­kommt, wenn man nur ein paar Schiffs­nä­gel besitzt und einen Ham­mer. Also: Essay und Roman, Essay und Erzäh­lung haben gemein­sa­me Wur­zeln. Und im Lauf mei­nes Älter­wer­dens küm­me­re ich mich immer weni­ger um lite­ra­ri­sche Kon­ven­tio­nen und nen­ne mein Werk Roman, weil es für mich ein Gan­zes ist. Sowohl mei­ne Rei­sen wie auch mei­ne Refle­xio­nen über den Lite­ra­tur­be­trieb oder Por­träts von befreun­de­ten Autoren sind Teil eines Gesamt­werks, und es wächst zusam­men, was zusam­men­ge­hört.

BRAUN Die­ses lite­ra­risch Gan­ze hat bei Ihnen oft drei Tei­le, ist als Tri­pty­chon ange­legt. Bereits Ihr Roman Die Hoch­zeit von Port-au-Prin­ce von 1984 war ein Tri­pty­chon, Elf Arten, das Eis zu bre­chen ist ein drei­tei­li­ges Werk. Jetzt auch in Still­le­ben mit Toten­kopf. Sie haben eine Vor­lie­be für das Tri­pty­chon?

BUCH Das ist rich­tig. Das Tri­pty­chon ist eben auch eine Urform des Erzäh­lens. Nicht nur der Male­rei in den berühm­ten Altar­bil­dern. Oder den­ken Sie an Dan­te, an Infer­no und Para­dies und an die Wan­de­rung dort­hin. Ich fas­se da Din­ge an, die ursprüng­lich nicht zusam­men­ge­hö­ren, aber zusam­men­wach­sen, und da hilft mir die Drei­tei­lung. In einem ande­ren Roman Elf Arten, das Eis zu bre­chen habe ich das unter drei Mot­ti gestellt, die fast wie ein Kli­schee klin­gen, aber doch sehr schön sind: „Wer bin ich?“ – „Woher kom­me ich?“ – „Wohin gehe ich?“ Das sind sol­che Urfra­gen, die ich im Roman gestellt habe, weil sich auf die­se Wei­se die Erfah­rung bün­deln lässt, weil sich auf die­se Wei­se erzäh­len lässt. Man kann nicht alles erzäh­len. Man trifft eine Aus­wahl. Das hat erst­mal nichts mit Selbst­zen­sur zu tun, son­dern man muss sich ent­schei­den, was man erzäh­len will, wo der Schwer­punkt oder die Schwer­punk­te sein sol­len.

BRAUN In Still­le­ben mit Toten­kopf heißt es am Beginn eines Kapi­tels: „Das Jahr 1995 war das auf­re­gends­te Jahr mei­nes Lebens.“ Offen­bar hat da eine Ver­wand­lung statt­ge­fun­den – die des Schrift­stel­lers Hans Chris­toph Buch in den Kriegs­re­por­ter?

BUCH Ja, das fand in die­sem Jahr statt. Ich hat­te vor­her den Auf­stieg und Fall des Pries­ter-Prä­si­den­ten Jean-Bert­rand Aris­ti­de in Hai­ti erlebt und dar­über geschrie­ben, unter ande­rem für die Zeit. Und dann schick­te man mich nach Libe­ria und dann nach Ruan­da, in afri­ka­ni­sche Bür­ger­krie­ge. Offen­bar in der Annah­me: Wer sich in Hai­ti zurecht­fin­det, kommt auch dort klar. So war es auch. Aber es waren wirk­lich extre­me Erfah­run­gen, die mich noch jah­re­lang in Alb­träu­men ver­folgt haben bis heu­te. Und ich habe sehr viel schnel­ler, als mir das damals bewusst war, genau das erlebt, wovor mir grau­te, aber was ich auch such­te. Näm­lich: Gewalt, Tod, Ster­ben. Nicht nur im Sin­ne poli­ti­scher Kri­sen. Son­dern auch im Sin­ne einer „all­ge­mein mensch­li­chen“ – das klingt jetzt schreck­lich kit­schig – Erfah­rung, die man bei uns, in unse­ren moder­nen Indus­trie­ge­sell­schaf­ten aus dem Bewusst­sein ver­drängt hat.

BRAUN Ich fand es sehr auf­schluss­reich, dass Sie eine Unter­schei­dung getrof­fen haben: Hier der Schrift­stel­ler, da der Kriegs­re­por­ter. Aber der Kriegs­re­por­ter ist doch auch ein Schrift­stel­ler, der sei­ne Sub­jek­ti­vi­tät als Vor­aus­set­zung an die­se Schau­plät­ze, die er beob­ach­tet, mit­bringt. Wo liegt denn für Sie die ent­schei­den­de Dif­fe­renz zwi­schen dem Schrift­stel­ler und dem Kriegs­re­por­ter?

BUCH Nicht alle Repor­ter sind auch Schrift­stel­ler, aber es stimmt: Die Lite­ra­tur hat mir gehol­fen, die­se extre­men Erfah­run­gen zu ver­ar­bei­ten. Ich habe immer wie­der gemerkt: Das gibt es ja schon in der Lite­ra­tur. Etwa im Schluss­vers des Faust II: „Das Unbe­schreib­li­che, Hier ist’s getan!“, heißt es da. Das fiel mir ein, als ich immer wie­der vor zer­stör­ten Häu­sern, vor ver­stüm­mel­ten Lei­chen stand oder ange­sichts von Flücht­lin­gen, Migran­ten, die jetzt auch bei uns in Deutsch­land anzu­tref­fen sind. Das Unbe­schreib­li­che, hier ist’s getan! Und die Zer­stö­rung, der Tod, der Krieg: Das kommt alles viel schnel­ler, als man denkt, und hin­ter­her das Auf­räu­men, das Wie­der­her­stel­len der soge­nann­ten Nor­ma­li­tät dau­ert viel län­ger. Wenn wir jetzt die Kri­sen­ge­bie­te der Welt betrach­ten, ent­de­cken wir erschüt­tern­de Bei­spie­le dafür. Und es gibt nur weni­ge Regio­nen, wie die Bun­des­re­pu­blik, wo das frü­he­re Unrecht auf­ge­ar­bei­tet wird, wie es so schön heißt. In der Regel ist dafür gar kei­ne Zeit und auch kein Geld vor­han­den, sich jetzt Gedan­ken zu machen über Schuld­fra­gen. Es wird ein­fach wei­ter­ge­wurs­telt, sie­he Syri­en, wo aus einem Krieg der nächs­te her­vor­geht.

BRAUN Der Ich-Erzäh­ler im Still­le­ben befragt sich selbst: War­um tue ich das, war­um bin ich Kriegs­re­por­ter? Und dann wer­den sehr selbst­kri­tisch eini­ge Moti­ve erkun­det, da wird ein „Peter S.“ zitiert, ver­mut­lich der Schrift­stel­ler Peter Schnei­der: „Du flüch­test doch nur vor Dir selbst!“

BUCH Das ist rich­tig benannt. Es gibt immer auch eine pri­va­te Agen­da. Ich floh aus einer geschei­ter­ten Ehe und viel­leicht auch aus einer geschei­ter­ten Schrift­stel­ler­exis­tenz und woll­te was ganz ande­res machen, solan­ge ich dazu in der Lage war. Näm­lich: Krie­ge aus der Nähe sehen, und viel­leicht war die unbe­wuss­te Moti­va­ti­on auch die Erin­ne­rung an Erzäh­lun­gen mei­ner Eltern, aber auch an zer­stör­te Städ­te, die ich in mei­ner Jugend vor Augen hat­te. Die Moti­va­ti­on ist kom­plex. Und ich sage auch nicht, dass ich ein objek­ti­ver Bericht­erstat­ter bin. Ich ergrei­fe Par­tei in die­sen Kon­flik­ten. Ich habe auch poli­ti­sche Mei­nun­gen, die ich nicht ver­schwei­ge. Und doch ist die Lite­ra­tur ein ande­res Medi­um, wo es eben nicht um das blo­ße Mei­nen geht, um das Recht­ha­ben oder die Ana­ly­se. Son­dern zunächst um das Erfas­sen des­sen, was ist und was war. Das ist schwer genug und wenn man nun noch von der Lite­ra­tur erwar­tet, die Zukunft vor­aus­zu­sa­gen, ist das zu viel ver­langt. Es genügt, wenn es ihr gelingt, die Gegen­wart sowie das eige­ne Leben sicht­bar zu machen.

BRAUN In Ihrer Sel­ber­le­bens­be­schrei­bung als Kriegs­re­por­ter gehen Sie sehr weit. Bei Ihrer Dar­stel­lung des Bösen ent­de­cken Sie, dass das Böse auch in Ihnen sel­ber steckt …

BUCH Die Fas­zi­na­ti­on durch Gewalt habe ich tat­säch­lich ver­spürt. Das ist in extre­mis bei Ernst Jün­ger nach­zu­le­sen, auch bei Heming­way. Obwohl ich nicht sadis­tisch vor­pro­gram­miert bin, stell­te ich fest, dass ich ent­täuscht war, wenn in einem Kriegs­ge­biet nichts Spek­ta­ku­lä­res pas­sier­te, kei­ne Bom­be in mei­ner Nähe explo­dier­te. Dass ich dann abreis­te, weil nichts zu berich­ten war. In dem Moment habe ich mei­nen Job an den Nagel gehängt, es wur­de mir unheim­lich. Außer­dem ist das eine psy­chi­sche Belas­tung, die lan­ge wei­ter­wirkt, nicht abge­tan ist mit einer Repor­ta­ge, auch nicht mit einem Buch, wie ich es bei­spiels­wei­se über Ruan­da geschrie­ben habe.

BRAUN An einer Stel­le sagt der Ich-Erzäh­ler, dass er sich schämt für das, was er geschrie­ben hat, wenn er an den Tod der eige­nen Mut­ter denkt …

BUCH Ja, ich kam aus Tsche­tsche­ni­en zurück und habe zu mei­ner Mut­ter gesagt, als sie im Ster­ben lag: Was Du durch­machst, ist nichts im Ver­gleich zu dem, was ich in Tsche­tsche­ni­en gese­hen habe. So ähn­lich habe ich es gesagt und das bereue ich heu­te noch. Ande­rer­seits ist ja die Funk­ti­on sol­cher Rück­bli­cke auch, Selbst­kri­tik zu üben, anstatt sich auf ein Podest zu stel­len und über ande­re zu erhe­ben. Was ich aber im Zwei­fels­fall den­noch manch­mal tue. Und ich möch­te auch dar­auf hin­wei­sen, dass mein Buch Still­le­ben mit Toten­kopf eine Hom­mage ist an ver­stor­be­ne Kol­le­gen. An Schrift­stel­ler und ande­re Freun­de, die mich beein­druckt haben und denen ich ein Denk­mal set­zen woll­te. Ganz sub­jek­tiv und ganz selek­tiv. Denn natür­lich kom­men nicht alle dar­in vor.

BRAUN Der drit­te Teil des Buches trägt den Titel „Erin­ne­run­gen an den Lite­ra­tur­be­trieb“. Das kann man in zwei­fa­cher Hin­sicht ver­ste­hen. Es geht nicht nur um Erin­ne­run­gen eines Autors, der älter gewor­den ist, son­dern es geht auch um Erin­ne­run­gen an das, was der Lite­ra­tur­be­trieb ein­mal war, aber sich heu­te ver­än­dert hat. Der Lite­ra­tur­be­trieb heu­te, schrei­ben Sie, lei­det an Jugend­wahn …

BUCH Ja, es gab einen Jugend­wahn, viel­leicht ist auch das schon vor­bei. Jetzt hört man, es wer­de über­haupt nicht mehr gele­sen oder nur noch sehr wenig, elek­tro­ni­sche Medi­en erset­zen die Lek­tü­re. Sol­che War­nun­gen hör­te man auch schon, als das Fern­se­hen auf­kam – oder noch frü­her die Foto­gra­fie und der Film. Der Lite­ra­tur­be­trieb hat sich gewan­delt, und doch ist er sich gleich geblie­ben mit wech­seln­den Moden, immer neu­en Namen jun­ger Autoren, die irgend­wann fest­stel­len, dass auch sie schon zum alten Eisen gehö­ren. Ich füge hin­zu, dass auch wir in mei­ner Gene­ra­ti­on die Älte­ren nicht beson­ders rück­sichts­voll behan­delt haben. Wenn ich an die Gene­ra­ti­on von Hans Wer­ner Rich­ter oder Ernst Schna­bel den­ke – die­se Kriegs­ge­nera­ti­on hat uns, jeden­falls mich nicht wirk­lich inter­es­siert. Ande­rer­seits war, als ich zu schrei­ben anfing, der Lite­ra­tur­be­trieb beherrscht von Gün­ter Grass, des­sen Nach­fol­ge ich nicht antre­ten woll­te, obwohl er nichts dage­gen gehabt hät­te. Grass hat gern Schü­ler um sich geschart. Nein, ich habe mir den stil­le­ren Peter Weiss als Vor­bild genom­men, den ich heu­te noch sehr schät­ze, obwohl ich irgend­wann mit sei­nen poli­ti­schen State­ments nicht mehr viel anfan­gen konn­te. Wie auch immer: Das ist ein kom­ple­xes Gesche­hen, und die Erb­fol­ge in der Lite­ra­tur­ge­schich­te und auch im Lite­ra­tur­be­trieb geht eben nicht vom Vater auf den Sohn über, son­dern vom Onkel auf den Nef­fen. Oder vom Groß­va­ter auf den Enkel. Das schrei­be ich irgend­wo, und es ist eine rich­ti­ge Beob­ach­tung, den­ke ich. Weil jeder sich Vor­bil­der anders­wo sucht. Zum Bei­spiel das Vor­bild von Grass war nicht Tho­mas Mann, der die Gene­ra­ti­on vor Grass beherrsch­te, son­dern Grim­mels­hau­sens Sim­pli­cis­si­mus, also die Barock­li­te­ra­tur.

BRAUN Sie erzäh­len auch die Geschich­te des Lite­ra­tur­kri­ti­kers Lothar Bai­er, der Pro­sa und Essays schrieb, in den 1980er- und 1990er-Jah­ren zu den maß­geb­li­chen Stim­men im lite­ra­ri­schen Leben gehör­te und immer mehr an den Rand rück­te, bis er 2001 end­gül­tig nach Kana­da ging. Sie waren mit Lothar Bai­er befreun­det, aber er hat­te sich poli­tisch von Ihnen ent­fernt, und Sie erzäh­len sei­ne Geschich­te als Exem­pel für die Ent­frem­dung, die man im Lite­ra­tur­be­trieb erfährt.

BUCH Er ist eines von meh­re­ren Bei­spie­len von Autoren, die sich umge­bracht haben. Lei­der, muss man sagen, denn er war hoch­be­gabt, und sei­ne Zwei­fel am eige­nen Talent waren maß­los über­trie­ben. Bai­er hat­te bis zuletzt Leser und Freun­de, die ihm hel­fen woll­ten, und er war nicht so iso­liert, wie er es in sei­nem Abschieds­brief dar­stellt. Er glaub­te, den Anschluss ver­lo­ren zu haben und beging Selbst­mord in Mont­re­al. Ich war auf sei­nen Spu­ren dort, habe mit Leu­ten, die Bai­er nahe­stan­den, gespro­chen und ver­sucht, sei­nen Sui­zid zu ver­ste­hen. So wie eine Gene­ra­ti­on zuvor Kon­rad Bay­er, ein hoch­be­gab­ter Wie­ner Autor, sich umbrach­te, der mir eben­falls nahe­stand. Die­se und ande­re Bei­spie­le zitie­re ich, um den Lite­ra­tur­be­trieb in Fra­ge zu stel­len mit sei­ner Rück­sichts­lo­sig­keit, die bis­wei­len über Lei­chen geht. Respekt vor dem von frü­he­ren Gene­ra­tio­nen Geleis­te­ten ist nicht sehr aus­ge­prägt, im Gegen­teil, das Ver­ges­sen herrscht vor, und jede neue Gene­ra­ti­on glaubt, Tabu­la rasa machen zu müs­sen, obwohl ihre Arbeit ohne die lite­ra­ri­scher Vor­läu­fer nicht denk­bar ist.

* * *

Hans Chris­toph Buch, gebo­ren 1944 in Wetz­lar, ist Schrift­stel­ler und Jour­na­list. Zuletzt erschie­nen Boat Peo­p­le. Lite­ra­tur als Geis­ter­schiff (Frank­fur­ter Ver­lags­an­stalt, 2014) und Elf Arten, das Eis zu bre­chen (Frank­fur­ter Ver­lags­an­stalt, 2016).

Micha­el Braun, gebo­ren 1958, lebt als Lite­ra­tur­kri­ti­ker in Hei­del­berg. Er ver­öf­fent­lich­te zuletzt als Her­aus­ge­ber Die zwei­te Schöp­fung. Poe­sie und Bil­den­de Kunst (Ver­lag Das Wun­der­horn, 2016). Soeben wur­de er mit dem Alfred-Kerr-Preis für Lite­ra­tur­kri­tik aus­ge­zeich­net.

Hans Chris­toph Buch: Still­le­ben mit
Toten­kopf. Roman. Frank­fur­ter Ver­lags­an­stalt, Frank­furt 2018. 250 Sei­ten, € 20 (D) / € 20,60 (A).

 

Quel­le: VOLLTEXT 2/2018 – 29. Juni 2018

Online seit: 17. April 2019

Online seit: 17. April 2019

Zuletzt geän­dert: 17. Apr. 2019