Wirklich neue und interessante Zeiten

Aus dem Tage­buch der Cle­mens J. Setz

4. Juli 2019: Im Zug nach Ber­lin, wie meis­tens, kein Sitz­platz, also sit­ze ich im Gang auf dem Boden zwi­schen Fahr­rä­dern. Nach einer Wei­le tip­pe ich in der Datei einer Kurz­ge­schich­te den Satz „In einer Buchs­baum­ku­gel lärm­ten Spat­zen“. Oh Gott, ich bin so ein bra­ver Pros­a­mi­chel. Ein Pfad­fin­der­ho­sen tra­gen­der Pro­sa­bub, wurst­haut­prall sei­ne Knie, ver­gnügt natur­rouge sei­ne Wan­gerln, ein Krap­ferl an Ansehn­lich­keit sein Gesicht, ein schnör­kel­lo­ser Komö­di­en­sta­del sein Schei­tel, in sei­ner Hand eine Ras­sel, oh ja.

PARABEL: Der Dich­ter Valery Lar­baud (1881–1957) beherrsch­te sechs Spra­chen per­fekt und betreu­te die fran­zö­si­sche Über­set­zung von Joy­ce’ Ulys­ses, aber nach einem Schlag­an­fall wur­de sein Sprach­zen­trum beschä­digt und er konn­te die letz­ten zwan­zig Jah­re sei­nes Lebens nichts mehr sagen, nur einen ein­zi­gen Satz: „Bon­soir les cho­ses d’ici-bas“. Also etwa: „Guten Abend, ihr Din­ge hier unten.“ Sein Innen­le­ben blieb wäh­rend der gan­zen Zeit intakt. Er wie­der­hol­te also immer wie­der den sel­ben Satz, so wie der Rabe in Poes Gedicht auf alle Fra­gen nur mit dem Wort „Never­mo­re“ ant­wor­tet, und mal pass­te der Satz sehr gut zu einer ihm gestell­ten Fra­ge, mal über­haupt nicht. Gele­gent­lich schüt­tel­te Lar­baud beim Into­nie­ren sei­nes All­zweck­sat­zes den Kopf und lach­te, weil die Kom­bi­na­ti­on mit der Fra­ge eines Besu­chers beson­ders reiz­voll oder absurd aus­fiel. Erst nach­dem sein Ver­le­ger Gas­ton Gal­li­mard ihm immer wie­der Lar­bauds eige­ne lite­ra­ri­sche Wer­ke zur Prü­fung vor­leg­te, gesell­te sich ein zwei­ter, ein neu­er Satz dazu: „Pas bon“. Nicht gut.

Ein Jog­ger rennt mit Blau­licht auf dem Kopf. Eine Frau mit Nar­ko­lep­sie, sie trägt einen Helm, ist gera­de umge­sun­ken und schläft.

Die Mau­er des Hau­ses, in dem sich mei­ne Ber­li­ner Woh­nung befin­det, ver­sucht die gan­ze Zeit, etwas zu sagen. Ein­spei­sung, sagt sie. Haupt­trep­pe. Lösch­was­ser­ein­spei­sung. Steig­lei­tung tro­cken.

Ein Feld, elek­tri­fi­ziert von Gril­len, Gelärm, dun­kel­gelb, und dahin­ter in wei­ter Fer­ne das laut­los lan­den­de Flug­zeug.

„The lake lap­ped at its­elf like a slee­ping dog.“ (Edmund White)

6. Juli 2019: Ich lief zum Trüm­mer­berg „Insu­la­ner“, quer durch den Ste­glit­zer Fried­hof, in des­sen Mit­te ein wun­der­li­cher roter Turm gedeiht. Auch die Sitz­bän­ke sind auf­rei­zend rot, fast flei­schig. Ein Mann stand über einem Stra­ßen­git­ter und stampf­te irgend­et­was durch das Git­ter in die Unter­welt. Er mach­te win­zig klei­ne Stapf­be­we­gun­gen und hob dabei links rechts links rechts ham­pel­mann­haft die Hän­de, um das Gleich­ge­wicht zu wah­ren. Dann stand ich lan­ge an einer Kreu­zung und es läu­te­ten, da Sams­tag war, die Glo­cken von allen Kirch­tür­men. Ich schau­te in die Rich­tung, aus der das Geläut kam, sah dort aber nur die Leucht­zif­fern der Ben­zin­prei­se an einer Tank­stel­le.

Ein som­mer­lich aus­ge­trock­ne­ter Bach, und dar­in, nun sicht­bar, ein weg­ge­wor­fe­ner Roll­stuhl, und aus sei­nem Rücken­pols­ter quel­len see­gras­ar­tig getrock­ne­te Kunst­stoff­fä­den.

7. Juli 2019: Lan­ger Spa­zier­gang bis zum Bahn­hof Süd­kreuz. Wun­der­lich ent­seel­te Stadt­land­schaft. „Kolo­nie Vor­arl­berg“, ein Klein­gar­ten­ge­he­ge. „Gra­zer Damm“. Ein Jog­ger rennt mit Blau­licht auf dem Kopf. Eine Frau mit Nar­ko­lep­sie, sie trägt einen Helm und ist gera­de umge­sun­ken und schläft. Ich berühr­te sie und sprach sie an, da erwach­te sie kurz, wuss­te aber nicht recht, was wie wo, und schlief wei­ter. Erst, als der Zug kam, stand sie plötz­lich ent­schlos­sen auf, kram­te ihre Sachen zusam­men und stieg ein.

Mit dem Zug nach Leip­zig. Man steht dicht an dicht, da viel zu vie­le Pas­sa­gie­re.

Katha­ri­na holt mich vom Bahn­hof ab und wir gehen in das Gras­si­mu­se­um. Völ­ker­kun­de, Design, Musik­in­stru­men­te. Eine Frau in einem Musik­saal übt auf einem Cem­ba­lo eine äußerst tris­te Melo­die, viel­leicht etwas von Cou­perin, jeden­falls spielt sie sie hum­pelnd und mit immer neu­en Anläu­fen. Ein­ge­sperr­te Flö­ten, meter­lang. Ser­pent­hör­ner. Cla­vichor­de. Dann wei­ter zu den Welt­re­li­gio­nen. Katha­ri­na erklärt mir, was es mit dem Bud­dha wirk­lich auf sich hat. Ich wuss­te das meis­te gar nicht. Und ich ver­ges­se alles kurz dar­auf wie­der. Eine dröh­nen­de, ver­stö­ren­de Chris­tus­skulp­tur aus dem 15. Jahr­hun­dert, arm­los und auch ohne das Haar, das ursprüng­lich, so berich­tet das Erklär­schild, aus einer Echt­haar­pe­rü­cke bestand.

Ich fühl­te mich von dem vie­len Fleisch geläu­tert und ver­söhnt mit der Welt.

Dann noch Spa­zier­gang auf dem Johan­nis-Fried­hof. Davor eine Frei­luft­büh­ne, wo offen­bar an die­sem Abend ein Stück von Mae­ter­linck gege­ben wird.

Hin­ter­her Abend­essen mit Katha­ri­na und David. Ich fühl­te mich