Piran, Juni 2016

Aus dem Tage­buch des Cle­mens J. Setz

Ein kran­ker Mensch sag­te zu mir, er wür­de ger­ne all jene, um die er sich nun nicht mehr küm­mern kann (Kat­zen, seni­le Mut­ter) wie Lam­pen aus­schal­ten – „switch them off one by one“ – damit er sie, von sei­ner ver­hin­der­ten Posi­ti­on aus, zumin­dest für immer in Sicher­heit wüss­te.

Was ich für den Ein­satz einer Gei­ge in einem über Kopf­hö­rer ange­hör­ten John-Cage-Stück (Atlas Eclip­ti­ca­l­is) hielt, war eine Wes­pe, die hin­ter mei­nem Kopf schweb­te.

„Weißt du, wann man sich wirk­lich alt fühlt? Wenn das eige­ne Enkel­kind das ers­te CT bekommt.“ (Ver­hört, es war eigent­lich von einer CD die Rede.)

Eine erklä­ren­de Pan­to­mi­me machen, aber nie­mand hat sie gese­hen, eine Art ver­pass­tes Ganz­kör­per-High­fi­ve.

Ein see­len­los-auto­ma­ti­siert win­ken­des Kind in einem Auto, wie ein Prä­si­dent auf Staats­be­such.

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2. bis 5. Juni 2016

In Slo­we­ni­en für ein paar Tage. Aus­rut­schen­de Tau­ben am nas­sen Ufer­geh­steig von Piran. Spinn­we­ben vol­ler Pol­len. Das Meer: gro­ßes Getue. Immer­zu Kreuz­fahrt­schif­fe in der Fer­ne,  wie rie­si­ge Luxus­lam­pen nachts, kaum vor­stell­bar, dass sie Men­schen ent­hal­ten. In jedem Restau­rant exakt das­sel­be Essen. Enge, ver­win­kel­te Gäss­chen, char­mant abblät­tern­de Fas­sa­den, vie­le Strom­lei­tun­gen, die sich an bestimm­ten Stel­len majes­tä­tisch zu mys­te­riö­sen Ein­hei­ten bal­len. In Innen­hof­win­keln und an Gäss­chen­kreuz­we­gen zum Trock­nen auf­ge­häng­te Wäsche­stü­cke, die heim­li­chen Herr­scher. Die hal­be Stadt ist voll­ge­krit­zelt von den Mel­dun­gen eines selt­sa­men Poe­ten. Er fragt Sachen wie „Wie oft muss ich ster­ben, um auf­zu­hö­ren?“ Zäh­ler­käs­ten und alte Pla­ka­te sind sein bevor­zug­tes Medi­um. Ich mach­te Fotos sei­nes Geschreib­sels, auf einem hat­te ein Kri­ti­ker breit FUCK OFF gepin­selt. Er muss den Leu­ten hier sehr auf die Ner­ven gehen.

Ich gera­te vor den Muscheln all­mäh­lich ins Flüs­tern und Mur­meln, berich­te ihnen sil­ben­wei­se von der schwie­ri­gen Zeit, die ich gera­de erle­be.

Direkt beim Hotel eine Stra­ße, die nach dem Dich­ter Sreč­ko Koso­vel benannt ist. Es gibt in ganz Piran nicht einen ein­zi­gen Buch­la­den. Nacht­lang das unglaub­li­che Geschrei deut­scher Tou­ris­ten, die kei­nen Schluck Bier trin­ken kön­nen, ohne ihn laut­hals durch einen Count­down ein­zu­lei­ten. Beim Früh­stück dann sehen wir sie: groß­ge­sich­ti­ge rot­glän­zen­de Män­ner, brü­der­lich glän­zend der Blick, ein jeder mit Tril­ler­pfeif­chen um den schwit­zen­den Hals. Viel­leicht eine Schieds­rich­ter-Con­ven­ti­on. Dazu braun­ver­brann­te Frau­en mit zu tie­fen Stim­men.

Abends schwap­pen Qual­len an Land und ver­trock­nen. Nein, bes­ser: Abends schwap­pen uns Qual­len an Land. Es ist ohne­hin viel zu wenig Dativ in unse­ren Emp­fin­dun­gen. Ich rap­pe die gan­ze Zeit zur Fahr­stuhl­mu­sik. Sarah