Schnee in Hernals

Aus dem Tage­buch von Cle­mens J. Setz.
„Er ging auf den Fried­hof, um Namen zu tan­ken.“

2. Dezem­ber 2018
Nach­bars­kin­der haben an einer Mau­er einen Play-But­ton (oder das Sym­bol von You­tube?) aus Schnee gebaut. Bleib da mal inner­lich heil, wenn du so was siehst. Wie gegen­wär­tig kann so ein Sonn­tag wer­den.

© Clemens J. Setz

Am Nach­mit­tag dann Aus­flug nach Her­nals auf den Fried­hof, zu Chris­ti­ne Nöst­lin­gers Grab, um ihr zu erzäh­len, was alles so umgeht in unse­rem Land. Es dau­er­te aller­dings ein biss­chen, bis wir das Grab fan­den, und es wur­de rasch dun­kel.

Gewal­tig schrien die Krä­hen in ihrem Schlaf­baum.

Hier auf den Fried­hofs­we­gen knarrt der Schnee noch ordent­lich, wie so ein Schiffs­bauch. Mei­ne See­le wird zu einer wol­le­nen Wärm­fla­sche. Und die Son­ne erahn­bar hin­ter wei­ßen Wol­ken­schich­ten, ein durch­sich­tig zer­weh­ter Steh­kra­gen.

Der Her­nal­ser Fried­hof wird, wie sich her­aus­stellt, in der Mit­te geteilt von einer stei­len Rodel­bahn, die auch tat­säch­lich, da in den letz­ten Tagen viel Schnee gefal­len ist, vol­ler kul­lern­der brül­len­der Kin­der ist. Rote Gesich­ter, brueghel’sche Kör­per­hal­tun­gen, auf­rech­te schwarz­män­te­li­ge Eltern­säu­len.

Die Namen auf den Grä­bern ver­bin­den sich auto­ma­tisch zu Geschich­ten und Ver­mu­tun­gen. Ganz anders als bei den Namen auf Klin­gen­schil­dern. „Er ging auf den Fried­hof, um Namen zu tan­ken.“

Nach Nöst­lin­ger gehen wir zu Kon­rad Bay­er. Sein Grab ist sehr schlicht und unper­sön­lich, es steht nur „Fami­lie Bay­er“ dar­auf, nichts ver­rät etwas über den Dich­ter.

Wel­che Grä­ber bei den Krä­hen beson­ders beliebt sind, sieht man heu­te an den Spu­ren im Schnee. Nach Nöst­lin­ger gehen wir zu Kon­rad Bay­er. Sein Grab ist sehr schlicht und unper­sön­lich, es steht nur „Fami­lie Bay­er“ dar­auf, nichts ver­rät etwas über den Dich­ter. Ich zeich­ne ihm mit den Fin­gern eine Art Steck­do­sen­ge­sicht