Sich aufhängen auf freiem Feld

Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 8: Félix Fénéons 1111 wahre Geschichten.

Online seit: 24. Januar 2022
Félix Fénéon
Félix Fénéon auf einem Polizeifoto.

Félix Fénéon, ein angenehm elektrischer Name. Wenn man ihn in Lexika nachschlägt, steht häufig: „Félix Fénéon (1861–1944), Anarchist und Kritiker“. Er lebte zu einer Zeit, in der diese Kombination durchaus noch Sinn ergab. Er entdeckte und förderte Georges Seurat und war einer der frühesten Bewunderer von Arthur Rimbaud, den er, anders als seine Zeitgenossen, die sich ehrfürchtig vor zweitrangigem Poesiegewächs wie Sully Prudhomme oder François Coppée verneigten, als den bedeutendsten französischen Dichter feierte. Es war zweifellos eine interessante Zeit, die achtziger und neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Nur wenige Jahre zuvor wurden Paul Cézannes Bilder in der ersten impressionistischen Gruppenausstellung von aufgebrachten Salonbesuchern mit Regenschirmen attackiert, bloß weil die Früchte und Bergspitzen auf ihnen herrlicher gemalt waren als reale Früchte und Bergspitzen. Eigentlich wollten sie ja, so darf man heute annehmen, auf reale Früchte und Bergspitzen losgehen, wussten dies aber nicht anders auszudrücken. Félix Fénéon war der erste und wichtigste Kommentator der Impressionisten und Neo-Impressionisten, seine Urteile waren knapp und hatten immer die Tendenz zur Unsichtbarkeit1, aber wogen schwerer als die aller anderen Kritiker.

Félix Fénéon © Paul Signac
Félix Fénéon, gemalt von Paul Signac (1890).

Eines Tages wurde er denunziert und verhaftet. Es hieß, er sei aktiver Teil jener anarchistischen Bombenanschlagserie gewesen, welche Frankreich in dieser Zeit erschütterte. 1893 etwa hatte der Anarchist Auguste Vaillant eine Bombe in der Abgeordnetenkammer gezündet, die rund zwanzig Beamte verletzte. Fénéon wurde, zusammen mit neunundzwanzig anderen Verdächtigen, angeklagt und vor Gericht gestellt. Eine Abschrift der Kreuzverhör-Protokolle dieses „Prozesses der Dreißig“, welcher im Sommer 1894 stattfand, erschien im Figaro. Fénéons Schlagabtausch mit dem Richter wurde legendär. Aber anders als Oscar Wildes geistreiche Entgegnungen vor