Spiel mit Filmgeschichte(n)

Von Katha­ri­na Mül­ler und Claus Phil­ipp. „Pic­tu­ring Aus­tri­an Cine­ma!“

Am Anfang war ein­mal mehr das Spiel mit der Fra­ge, was das heu­te noch sein könn­te: natio­na­les Film­schaf­fen. Und die The­se, dass Fil­me auch durch ihre Betrachter•innen „spre­chen“, sehr unter­schied­lich und sehr geprägt davon, ob sie zum Bei­spiel als Österreicher•innen den Erzäh­lun­gen und Bil­dern, die man von ihrem nächs­ten Umfeld her­stellt, nahe sind oder ob sie sich dem öster­rei­chi­schen Film­schaf­fen von außen nähern.

Etwa 150 Autor•innen wur­den 2021 ein­ge­la­den, jeweils einen Kader aus der öster­rei­chi­schen Film­pro­duk­ti­on seit 1945 aus­zu­wäh­len und ange­sichts des jewei­li­gen kurz­fris­tig ange­hal­te-nen Lauf­bilds dar­über zu „medi­tie­ren, was das Spe­zi­fi­sche, viel­leicht so-gar spe­zi­ell zu Öster­reich Zuor­den­ba­re an die­sem jewei­li­gen Bild sein soll – egal, ob die­ses aus einem Spiel‑, Doku­men­tar-oder Expe­ri­men­tal­film stammt“. Auf die Wahl der Bil­der und Sujets woll­ten wir als Her­aus­ge­ber kei­nen Ein­fluss neh­men. Die ein­zi­ge Zusatz­re­gel, die wir noch auf­ge­stellt hat­ten, war jene, dass jede•r Filme-macher•in mit nur einem Kader, einem Werk in der ent­ste­hen­den Text­samm­lung ver­tre­ten sein soll­te: Was – Ach­tung, Mehr­fach­nen­nun­gen von Namen und Wer­ken! – letzt­lich doch immer wie­der zu erneu­ten Selek­tio­nen, Vor­schlä­gen, Abän­de­run­gen führ­te. Rund 250 Film­ti­tel wur­den wäh­rend der Gene­se die­ses Buches ins Spiel gebracht. Inso­fern sind die Tex­te der so dan­kens­wert im Spiel Ver­blie­be­nen weni­ger Resul­ta­te einer auf his­to­ri­sche Gerech­tig­keit oder gar Voll­stän­dig­keit bedach­ten Sam­mel­hal­tung als eine Zufalls­kon­struk­ti­on, bei der der Zufall aber nicht sel­ten zu inter­es­san­ten Schnitt­men­gen geführt hat.

Man sitzt nun also vor den hier zusam­men­ge­tra­ge­nen Bei­trä­gen ein wenig wie vor den 100 Objects to repre­sent the World, die einst Peter Greena­way für eine Aus­stel­lung in Wien zusam­men­ge­tra­gen hat­te. Oder vor der Geschich­te der Welt in 100 Objek­ten, die der bri­ti­sche Muse­ums­ku­ra­tor Neil Mac­Gre­gor so süf­fig (und durch­aus instruk­tiv) kom­pi­lier­te. Von einem tat­säch­lich auch nur annä­hernd reprä­sen­ta­ti­ven Über­blick kann und will hier wie da aber nicht die Rede sein.

„Die Geschich­te ist Gegen­stand einer Kon­struk­ti­on, deren Ort nicht die homo­ge­ne und lee­re Zeit son­dern die von der Jetzt­zeit erfüll­te bil­det.“ – Mit die­sem Zitat von Wal­ter Ben­ja­min beginnt schon die bis heu­te zen­tra­le „Geschich­te des öster­rei­chi­schen Kinos von 1945 bis zur Gegen­wart“, das Mate­ri­al-und Arbeits­kom­pen­di­um Anschluss an Mor­gen, 1997 von Eli­sa­beth Bütt­ner und Chris­ti­an Dewald her­aus­ge­ge­ben. Unse­re nun, 25 Jah­re spä­ter, vor­ge­leg­te Bild-und Text­samm­lung lie­fert gewis­ser­ma­ßen spie­le­risch Bele­ge, wie sich auch der in die­sen 25 Jah­ren wei­ter trans­for­mier­te Blick der Jetzt­zeit, so wie bereits im Inhalts­ver­zeich­nis von Bütt­ner und Dewald for­mu­liert, in die im öster­rei­chi­schen Film beschworene(n) Geschichte(n), Kon­ti­nui­tä­ten, Kon­flik­te, Uto­pien, Kör­per, Orte, Gesich­ter, in Bewe­gung und Zeit ein­schreibt. Die­se wei­ter­schreibt.

2020 starb – man kann nur betrof­fen sagen: viel zu jung – der öster­rei­chisch-bri­ti­sche Fil­me­ma­cher, Anthro­po­lo­ge und Men­ta­li­täts­for­scher Fre­de­rick Bak­er, dem wir die­se Antho­lo­gie aus meh­re­ren Gründen wid­men. Eines sei­ner Lebens­the­men war der bestän­di­ge Ver­such, nach­zu­voll­zie­hen, was öster­rei­chi­sche Iden­ti­tät im 20. und begin­nen­den 21. Jahr­hun­dert bedeu­ten könn­te. Wel­chen Ideo­lo­gien und Selbst­er­klä­rungs­mus­tern sie immer wie­der in die Fal­le ging und was das zum Bei­spiel bedeu­te­te, als rechts­extre­me Wie­der­ho­lungs­tä­ter wie­der in die öster­rei­chi­sche Bun­des­re­gie­rung Ein­zug hiel­ten: Wider­stand in Hai­der­land. Oder: Wie zum Bei­spiel im öster­rei­chi­schen Autoren­ki­no, bevor­zugt auch im Avant­gar­de- und Doku­men­tar­film, aber auch in pro­non­cier­ten Hand­schrif­ten wie bei Micha­el Han­eke oder Ulrich Seidl bis hin zum soge­nann­ten Kaba­rett­film der an sich selbst kran­ken­de, sich krän­ken­de Cha­rak­ter einer Nati­on sich infra­ge stell­te.

Dazu kommt: Fre­de­rick Bak­er ver­dankt die­ses Buch nicht zuletzt sei­nen Titel und im Kern auch sei­ne Spiel­re­geln. Pic­tu­ring Aus­tri­an Cine­ma war ein drei­mal ver­an­stal­te­tes Sym­po­si­um beti­telt, das Bak­er mit Unter­stüt­zung des Öster­rei­chi­schen Film­in­sti­tuts (das auch die­ses Buch ermög­licht hat) an der Uni­ver­si­ty of Cam­bridge kon­zi­piert und gemein­sam mit Annie Ring und im Umfeld ande­rer bri­ti­scher Geis­tes-und Kulturwissenschaftler•innen – dar­un­ter Andrew J. Web­ber, John David Rho­des, Lore­ta Gan­dol­fi, Ally­son Fidd­ler, Emma Wil­son, Eri­ca Car­ter – ver­an­stal­tet hat.

Dort, in Cam­bridge, ging es um eben­die­se betö­rend schlich­te und zugleich ver­track­te Ver­suchs­an­ord­nung: Aus einem Kader, gewis­ser­ma­ßen aus einer 24tel-Sekun­de her­aus mehr­fach Facet­ten einer (trans-)nationalen Pro­duk­ti­on auf­blü­hen zu las­sen, trans­pa­rent zu machen. Schon damals, 2014, 2016 und 2018 war es inter­es­sant zu ver­fol­gen, dass man­che Bild­be­schrei­bun­gen eher auto­bio­gra­fisch ori­en­tiert waren, wäh­rend ande­re grö­ße­re ästhe­ti­sche und inhalt­li­che Strän­ge ins Auge fass­ten. Wie man­che beim Ein­zel­bild nicht ste­hen­blei­ben moch­ten, um dann doch gan­ze Sze­nen zu kom­men­tie­ren.

Auch die­ses Buch ist voll sol­cher Regel­brü­che, wie sie ver­mut­lich auch Fre­de­rick Bak­er amü­siert hät­ten: Man­che Tex­te sind (eigent­lich) zu kurz, ande­re zu lang, man­che Künstler•innen woll­ten mit Gegen­bil­dern auf die Bil­der ant­wor­ten, und einer – Jona­than Mee­se – spielt das The­ma über­haupt über die Ban­de und the­ma­ti­siert einen bri­ti­schen Film, den Drit­ten Mann. Sol­che „Frei­spie­le“ sind aber eher dazu ange­tan, die Spiel­freu­de und den Asso­zia­ti­ons­fluss zu erhö­hen, die Kon­struk­ti­on von Geschich­te kom­ple­xer zu gestal­ten.

Kom­plex ist die­se Geschich­te nicht zuletzt schon inso­fern, als sich die Quel­len der Fil­me, des Gese­he­nen wei­ter diver­si­fi­ziert haben und die jewei­li­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den aus­ge­such­ten (Österreich-)Bildern unter­schied­li­chen media­len Kon­stel­la­tio­nen, Kul­tur­tech­ni­ken, Wahr­neh­mungs­for­men und affek­ti­ven Situa­tio­nen ent­sprin­gen: So mag die eine ihre Kader­aus­wahl in Erin­ne­rung an eine weit zurück­lie­gen­de ana­lo­ge Film­pro­jek­ti­on im Kino (wo das zu Sehen­de bekannt­lich grö­ßer ist als man selbst und kol­lek­tiv erfahr­bar) getrof­fen, der ande­re sein Still in einem Tour­bus (!) am mobi­len End­ge­rät – oder in ande­rer Gemein­schafts­er­fah­rung – aus­ge­wählt haben. Und wie­der ande­re unver­se­hens auf einen Strei­fen im Archiv gesto­ßen sein.

Mit Aus­nah­me jener Wer­ke, für die ana­lo­ger Film als künst­le­ri­sche Aus­drucks­form kon­sti­tu­tiv ist (etwa bei Vik­to­ria Schmid oder Peter Kubel­ka) und/oder jener Fil­men, die – wider die Illu­si­on ubi­qui­tä­rer, zeit­lo­ser Ver­füg­bar­keit online – schlicht nicht ohne wei­te­res digi­tal vor­zu­fin­den sind (wie etwa das aus unbe­kann­ter Hand stam­men­de Frag­ment aus Wel­len schla­gen gegen die Küs­te, beob­ach­tet von einer Frau oder Max Lin­ders Opern­ball), haben wir die Kader aus Digi­ta­li­sa­ten extra­hiert: als Quel­le für die Abbil­dun­gen im Buch also mehr­heit­lich DVDs, Vide­os und Files her­an­ge­zo­gen. Das ist nicht in ers­ter Linie prag­ma­ti­schen Erwä­gun­gen geschul­det, son­dern reflek­tiert die hybri­de Situa­ti­on, in der Film­kul­tur und Film­re­zep­ti­on gegen­wär­tig statt­fin­den: in stän­di­ger Migra­ti­on zwi­schen For­ma­ten, Medi­en und Platt­for­men. Und so ord­net, die Illu­si­on von Anfän­gen, Enden und dem Dazwi­schen auf­recht­erhal­tend, der von den Autor•innen zu ihrem Still ein­ge­hol­te Time­code die Tex­te im Buch – und letzt­lich das, was sich nicht ding­fest machen lässt.

© Spec­tor Books, Leip­zig 2022

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Aus: Katha­ri­na Mül­ler, Claus Phil­ipp (Hg.)
Pic­tu­ring Aus­tri­an Cine­ma
99 Fil­me / 100 Kom­men­ta­re
Spec­tor Books, Leip­zig 2022.
212 Sei­ten, 100 Abbil­dun­gen, € 32

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Online seit: 31. Dezem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 2. Jan. 2023