Politik, Alltag und Psyche

In einem faschis­ti­schen Sys­tem kön­nen die­se drei Berei­che toxisch zusam­men­wir­ken. Schwarz­pul­ver zeigt drei Per­spek­ti­ven dar­auf. Einer der geschil­der­ten Ver­su­che der Balan­ce schei­tert, die Zukunft der ande­ren bei­den bleibt offen. Von Chris­toph Schl­int­ner Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

„Ich sage ihr, dass die Par­tei kei­ne Frau­en mag, die Frau­en lie­ben. Sie mögen […] kei­ne Men­schen, die aus ande­ren Län­dern stam­men […] und haben sogar ver­bo­ten, dass Frau­en ein bestimm­tes Gewicht über­schrei­ten, weil sie sich somit dem Begeh­ren der Män­ner bös­wil­lig ent­zie­hen und so die Volks­ge­sund­heit […] gefähr­den.“

Dass bestehen­de Gesell­schafts­sys­te­me kip­pen kön­nen, hat die Zeit­ge­schich­te illus­triert. Spinnt Lite­ra­tur bestehen­de, als nega­tiv emp­fun­de­ne poli­ti­sche und sozia­le Ten­den­zen wei­ter, nennt die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft das „Dys­to­pie“. Lau­ra Licht­blau, die bis­lang mit Kurz­pro­sa, Lyrik und einem Kin­der­buch in Erschei­nung getre­ten ist, nimmt den dys­to­pi­schen Faden in der Lite­ra­tur­ge­schich­te auf: Frem­den­feind­lich­keit, Homo­pho­bie und Deutsch­tü­me­lei wer­den in Deutsch­land (und Öster­reich) nach einem Sys­tem­wan­del, den Schwarz­pul­ver vor­aus­setzt, offen aus­ge­lebt. Der All­tag ist geprägt von per­ma­nen­ter Über­wa­chung, Gleich­be­rech­ti­gung gibt es nicht ein­mal mehr in der Theo­rie.

Affir­ma­ti­on und Rebel­li­on wären extre­me For­men der Reak­ti­on dar­auf. Die Wahr­neh­mun­gen und das Ver­hal­ten der Protagonist*innen ent­fal­ten sich aber in den Zwi­schen­räu­men. Pas­send dazu spal­tet sich die Erzähl­in­stanz in drei ver­schie­de­ne „Ich“-Perspektiven auf, die an der mar­kan­tes­ten Stel­le des Plots inein­an­der geführt wer­den.

In Char­lot­tes „kom­ple­xen Gefühls­land­schaf­ten“ hat irgend­wann ein dif­fu­ses Gefühl der Unsi­cher­heit die Ober­hand gewon­nen und sich in der Mit­be­grün­dung einer para­mi­li­tä­ri­schen Bür­ger­wehr in Ber­lin mani­fes­tiert, die den repres­si­ven staat­li­chen Appa­rat mehr als nur unter­stützt. Nach­dem sie sich wäh­rend einer Dienst­rei­se in Wien dar­an betei­ligt hat, von Reak­tio­nä­ren ein „Beisl“ zurück zu erobern, nimmt sie sich selbst jedoch immer weni­ger als „lini­en­treu“ wahr. Das ist auch an ihrem „Erzähl-Ich“ bemerk­bar: Sequen­zen der Refle­xi­on drän­gen Sät­ze, die aus einem Hand­buch der regie­ren­den „Par­tei“ stam­men könn­ten, immer mehr zurück. Das Ergeb­nis die­ser fort­schrei­ten­den kogni­ti­ven Dis­so­nanz hat jedoch fata­le Fol­gen für die Sta­bi­li­tät der Psy­che.

„Char­lie“, Char­lot­tes Sohn, macht zwar ein Prak­ti­kum bei einem sub­ver­si­ven Label, reibt sich ansons­ten aber eher an sei­ner Mut­ter auf. An das poli­ti­sche Sys­tem und sei­ne Abstru­si­tä­ten hat er sich zumin­dest vor­der­grün­dig ange­passt und gewöhnt – auch an Manue­la, die vom „Amt für Staats­mo­ral“ in das Label gesetzt wur­de, damit sie „staats­feind­li­ches Gedan­ken­gut“ pro­to­kol­liert.

„Bur­schi“, die eigent­lich Eli­sa heißt, setzt mit ihrer flüch­ti­gen Bezie­hung zu Johan­na einen Akt, der von der neu­en Ideo­lo­gie nicht gedul­det wird und muss sich vom „Minis­te­ri­um für Volks­ge­sund­heit“ zwecks Adjus­tie­rung ihrer Libi­do bera­ten las­sen. Auch die Wahr­neh­mung die­ser Ich-Erzäh­le­rin wird vor allem im Hin­blick auf Johan­na im Ver­lauf des Romans zuneh­mend brü­chig und teilt sich schein­bar in zwei getrenn­te Iden­ti­tä­ten mit nur einer Stim­me auf. Es bleibt daher über wei­te Stre­cken frag­lich, ob in Johan­na nicht eine rebel­li­sche Abspal­tung von Bur­schis Per­sön­lich­keit zu sehen ist, erschaf­fen, um mit der Bru­ta­li­tät und Empa­thie­lo­sig­keit des Sys­tems fer­tig zu wer­den.

Johan­na wird schluss­end­lich doch auch von ande­ren Per­so­nen wahr­ge­nom­men; trotz­dem bleibt sie ein „unge­fäh­res Wesen“, das in einem nicht näher aus­ge­führ­ten Kon­text zum Auf­be­geh­ren steht. Auch hin­sicht­lich der gesell­schafts­po­li­ti­schen Umwäl­zung deu­tet Schwarz­pul­ver viel an, führt aber wenig aus; seman­ti­sche Räu­me wer­den geöff­net und nicht wirk­lich durch­schrit­ten. Den­noch funk­tio­niert das dabei ver­wen­de­te Stil­mit­tel der iro­ni­schen Über­hö­hung und erzeugt einen Effekt der Distan­zie­rung und Ver­deut­li­chung von Gewalt- und Über­wa­chungs­struk­tu­ren, die rechts­na­tio­na­ler Ideo­lo­gie imma­nent sind.

***

* * *

Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023