Casanova im KZ

Mar­tin Amis’ kon­tro­ver­si­el­ler Roman The Zone of Inte­rest. Von Uwe Schüt­te

Der Natio­nal­so­zia­lis­mus – ein kom­pli­zier­tes The­ma, doch wie auch anders? Ein Buch, in dem es um das auf­rüt­teln­de Schick­sal der jüdi­schen Groß­mutter oder die ver­stö­ren­de Ent­de­ckung geht, dass Opa ein SS-Mann war, hat recht gute Chan­cen, einen Ver­lag (und genü­gend inter­es­sier­te Leser) zu fin­den. Ein Roman hin­ge­gen, in dem es dar­um geht, wie ein fik­ti­ver Nazi-Dan­dy unbe­dingt die Frau des Kom­man­dan­ten eines als Ausch­witz erkenn­ba­ren Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers beschla­fen will, hat es hier­zu­lan­de durch­aus schwe­rer.

Das muss­te auch Mar­tin Amis erfah­ren, des­sen letz­ter Roman The Zone of Inte­rest von sei­nem Stamm­ver­lag Han­ser abge­lehnt wur­de. Das sorg­te im ver­gan­ge­nen Jahr für Schlag­zei­len, da man die offi­zi­el­le Begrün­dung, das Buch sei lite­ra­risch zu schwach, anzwei­fel­te und die Ableh­nung viel­mehr auf den pro­ble­ma­ti­schen Inhalt zurück­führ­te. Zwi­schen­zeit­lich hat sich mit Kein & Aber ein Ver­lag in der neu­tra­len Schweiz gefun­den, der zur Herbst­sai­son eine Über­set­zung auf den Markt brin­gen wird. Wie die deutsch­spra­chi­ge Kri­tik auf das in Eng­land hoch­ge­lob­te Buch reagie­ren wird, bleibt abzu­war­ten. Vor­ab ist es aber viel­leicht nicht unin­ter­es­sant, ein wenig den Hin­ter­grund der Ange­le­gen­heit zu beleuch­ten.

In Eng­land ticken die Uhren ja nicht nur des­halb etwas anders, weil das Ver­ei­nig­te König­reich dem Kon­ti­nent eine Stun­de hin­ter­her­hinkt. So gibt es auf der Insel erst seit 2001 einen Holo­caust Memo­ri­al Day, der aller­dings nur der Sho­ah und spä­te­ren Geno­zi­den gilt; über die ver­mut­lich knapp 30 Mil­lio­nen Men­schen, die man zu Zei­ten des glor­rei­chen Empires in Indi­en ver­hun­gern ließ, plus der meh­re­ren Mil­lio­nen Afri­ka­ner, die unter bri­ti­scher Ver­ant­wor­tung ver­sklavt, gequält und ermor­det wur­den, macht man sich öffent­lich kei­ne gro­ßen Gedan­ken. Von dem Umstand, dass die ‚Ame­ri­ka­ner‘, wel­che den Geno­zid an den nord­ame­ri­ka­ni­schen Urein­woh­nern begin­gen, ja eben­so wei­ten­teils von der Insel stamm­ten, ganz zu schwei­gen. Dass in den bri­ti­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern wäh­rend des zwei­ten Buren­kriegs Zehn­tau­sen­de an den Haft­be­din­gun­gen star­ben, dass die Roy­al Air Force im Ers­ten Welt­krieg gezielt Zivi­lis­ten im Irak bom­bar­dier­te oder dass die Roy­al Navy die Immi­gra­ti­on aus Euro­pa flüch­ten­der Juden ins bri­ti­sche Man­dats­ge­biet Paläs­ti­na mit allen Mit­teln zu ver­hin­dern such­te – von all dem wis­sen die Bri­ten wenig bis nichts. Mit die­sen erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Leer­stel­len geht kom­ple­men­tär eine Fas­zi­na­ti­on für Hit­ler ein­her. Der weit­ver­brei­te­te Stolz, es den Nazis im Welt­krieg gezeigt zu haben, ver­mischt sich mit einer heim­li­chen, als inte­rest in Ger­man mili­ta­ry histo­ry ver­bräm­ter Bewun­de­rung für die macht­po­li­ti­schen Erfol­ge des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Inwie­weit dies als Aus­druck eines tabui­sier­ten Wun­sches nach einem eth­nisch berei­nig­ten Groß­bri­tan­ni­en ver­stan­den wer­den könn­te, ist mei­nes Wis­sens nie erforscht wor­den. Dass man stolz zu sein habe auf sein Land, ist jeden­falls eines der Axio­me eng­li­schen Selbst­ver­ständ­nis­ses. Oder wie es im Slo­gan eines popu­lä­ren, mit Uni­on Jack und Bull­dog­ge ver­zier­ten T‑Shirts heißt: Bri­tish by birth – Eng­lish by grace of God.

Solch natio­na­lis­ti­scher Unfug darf als Reak­ti­on dar­auf ver­stan­den wer­den, dass in den bei­den größ­ten Städ­ten Groß­bri­tan­ni­ens, Lon­don und Bir­ming­ham, ‚wei­ße Bri­ten‘ schon seit eini­gen Jah­ren demo­gra­fisch zur Min­der­heit gehö­ren. Dass die offi­zi­el­le Dok­trin von Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus jeden­falls nicht auf­ge­gan­gen ist, füh­ren die nahe­zu ghet­to­ar­ti­gen Vier­tel in die­sen zwei Städ­ten, aber auch in vie­len ande­ren Orten wie Luton, Brad­ford oder Lei­ces­ter vor. Fährt man dort als Deut­scher mit dem Taxi, kann es durch­aus pas­sie­ren, dass Chauf­feu­re paki­sta­ni­scher Her­kunft einen dafür belo­bi­gen, es den Juden ein­mal ordent­lich gezeigt zu haben.

Da im rei­ße­ri­schen Histo­ry Chan­nel wie in der (mitt­ler­wei­le auch nicht mehr so) seriö­sen BBC ohne Ende Doku­men­ta­tio­nen über Hit­ler und den Natio­nal­so­zia­lis­mus lau­fen, ist das nicht unbe­dingt ver­wun­der­lich; in der Schu­le wird im Geschichts­un­ter­richt ohne­hin nicht viel mehr behan­delt als die Köni­gin­nen Eli­sa­beth I. und Vic­to­ria sowie Adolf Hit­ler.

So gese­hen über­rascht es wenig, dass der inter­na­tio­nal bekann­tes­te Holo­caust-Leug­ner ein Bri­te ist. Dem indis­ku­ta­blen Unsinn, der von David Irving ver­brei­tet wur­de, ist aller­dings  aus­drück­lich ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass nir­gend­wo außer­halb Deutsch­lands auf der­art hohem intel­lek­tu­el­len Niveau über den Natio­nal­so­zia­lis­mus (und ande­re Peri­oden deut­scher Geschich­te) geforscht wird. Dies nicht nur an den Eli­te­schmie­den in Oxford und Cam­bridge, womit sich Namen wie Hugh Tre­vor-Roper und Allan Bul­lock bis zu Ian Kers­haw, John Röhl, Chris­to­pher R. Brow­ning und ins­be­son­de­re Richard J. Evans ver­bin­den, son­dern eben­so an vie­len ande­ren Uni­ver­si­tä­ten im gan­zen Land.

Regal­me­ter von For­schungs­li­te­ra­tur

Eines frei­lich ver­bin­det die bri­ti­schen His­to­ri­ker mit dem popu­lä­ren Inter­es­se am Natio­nal­so­zia­lis­mus – die aus­ge­präg­te Fas­zi­na­ti­on für den Tota­li­ta­ris­mus. Eine Fas­zi­na­ti­on, zu der sich auch Mar­tin Amis in Inter­views anläss­lich der Publi­ka­ti­on von The Zone of Inte­rest bekannt hat. Mit den eng­li­schen For­schungs­ar­bei­ten zum Natio­nal­so­zia­lis­mus ist Amis bekannt; in sei­nem Nach­wort rat­tert er eine lan­ge Lis­te kon­sul­tier­ter Quel­len her­un­ter und kom­men­tiert, inwie­weit sie ihm nütz­lich waren für die Arbeit an sei­nem Buch. Bereits für sei­ne Recher­chen zum Roman Time’s Arrow (1991), in dem es um die Bio­gra­fie und die Unta­ten eines KZ-Arz­tes geht, hat­te sich Amis durch Regal­me­ter von For­schungs­li­te­ra­tur zum Natio­nal­so­zia­lis­mus gekämpft. Offen­kun­dig geht es ihm um die Beglau­bi­gung his­to­ri­scher Fak­ti­zi­tät für sei­ne Fik­ti­on, um den poten­zi­el­len Authen­ti­zi­täts­cha­rak­ter des Erzähl­ten zu ver­stär­ken.

Zugleich ver­sucht Amis im Nach­wort – in zwangs­läu­fig ver­kürz­ter Wei­se wenn­gleich durch­aus ernst­haft – die Fra­ge zu skiz­zie­ren, inwie­weit das ver­que­re Denk­sys­tem der Nazis, vor allem aber die inhu­ma­nen Vor­gän­ge in einem KZ, sich einer erzäh­le­risch-fik­tio­na­len Dar­stel­lung ent­zie­hen, denn „the excep­tio­na­lism of the Third Reich lies in its uny­iel­ding­ness, the elec­tric seve­ri­ty with which it repels our cont­act and our grip.“ Sei­ne ethi­sche wie lite­ra­ri­sche Berech­ti­gung, mit The Zone of Inte­rest nichts­des­to­trotz den Ver­such unter­nom­men zu haben, einen Ausch­witz-Roman zu schrei­ben, bezieht Amis aus einer Aus­sa­ge Pri­mo Levis, der­zu­fol­ge man das Unbe­greif­li­che des Holo­caust weder ver­ste­hen kann noch ver­ste­hen müs­se, denn das Ver­ste­hen wür­de nahe­zu zwangs­läu­fig ein Ver­ständ­nis dafür impli­zie­ren. Für Amis ent­fiel inso­fern der Zwang, den Holo­caust erst erklä­ren zu müs­sen, er nahm sich viel­mehr das Recht, eine Geschich­te dar­über zu erzäh­len. Dies hat er in sei­nem 14. Roman in einer Wei­se getan, die in Groß­bri­tan­ni­en auf nahe­zu ein­hel­li­ge Zustim­mung der Kri­tik stieß. Von Skan­dal also kei­ne Spur; viel­mehr wur­de das Buch zu sei­nem bes­ten Werk seit 25 Jah­ren
(v)erklärt.

The Zone of Inte­rest spielt mit­ten im Her­zen der Fins­ter­nis: einem im Buch zwar nur als „Kat  Zet“ apo­stro­phier­ten Lager, das aber erkenn­bar Ausch­witz dar­stellt. SS-Ober­sturm­füh­rer Ange­lus Thom­sen, genannt Golo, ist der (Anti-)Held des Romans. Er ist intel­li­gent, gebil­det, sar­kas­tisch. Im Lager dient Thom­sen als Ver­bin­dungs­mann nach Ber­lin, indem er die Errich­tung einer Zweig­stel­le der Buna-Wer­ke koor­di­niert, wel­ches durch die Her­stel­lung von Syn­the­se­kau­tschuk die öko­no­mi­sche Aut­ar­kie des Reichs stär­ken soll. Als Lieb­lings­nef­fe von Mar­tin Bor­mann genießt Thom­sen ein hohes Maß an Pro­tek­ti­on, das ihm erlaubt, sei­ne kri­ti­sche Ein­stel­lung zum bes­tia­li­schen Aus­rot­tungs­ge­schäft des Holo­caust im klei­nen Kreis durch­aus offen zu zei­gen, da er sich selbst als „obstruk­ti­ven Mit­läu­fer“ sieht.

Sei­nen Schutz durch die Ver­wandt­schafts­be­zie­hung ver­steht Thom­sen eben­so als Frei­brief für aller­lei ris­kan­te Eska­pa­den ero­ti­scher Art auf dem Lager­ge­län­de. Abge­se­hen hat er es ins­be­son­de­re auf Han­nah, die attrak­ti­ve Frau des des­po­ti­schen Lager­kom­man­dan­ten Paul Doll, der ein Alko­ho­li­ker, Ego­zen­tri­ker und glü­hen­der Nazi ist. Obgleich Han­nah ange­sichts ihrer lieb­lo­sen Ehe den Avan­cen des Nazi-Casa­no­vas nicht abge­neigt ist, scheut sie, vor allem aus Furcht vor der Bru­ta­li­tät ihres unbe­re­chen­ba­ren Gat­ten, vor einer Affä­re mit Thom­sen zurück. Doch allein schon die vor­sich­ti­gen Manö­ver, mit denen sie sich anfangs annä­hern, sind genug, um einen zer­stö­re­ri­schen Pro­zess in Gang zu set­zen, mit fata­lem Ende für jene Unbe­tei­lig­ten, die in den Rache­feld­zug des Lager­kom­man­dan­ten ver­wi­ckelt wer­den.

Amis hält die Erzäh­lung die­ser unmög­li­chen Lie­bes­ge­schich­te an einem Ort ohne Moral, an dem folg­lich alles mög­lich scheint, gna­den­los durch. Pro­mis­kui­tät und Geno­zid, Ras­sen­hass und Eifer­sucht, Geschlechts­or­ga­ne und Lei­chen­ver­we­sung, Ehe­streit und Selek­ti­on ste­hen unver­mit­telt neben­ein­an­der. Alter­nie­rend durch die Augen von Thom­sen oder Doll wird so, mit teils bei­läu­fi­ger Selbst­ver­ständ­lich­keit, dem Leser das all­täg­li­che Geschäft des Mas­sen­mords in allen grau­en­haf­ten Erschei­nungs­for­men und Kon­se­quen­zen vor­ge­führt. Wäh­rend etwa ein gelang­weil­ter Doll ein Kon­zert besucht, über­legt er, wie lan­ge es dau­ern wür­de, die ande­ren Zuhö­rer zu ver­ga­sen.

Amis kon­fron­tiert uns mit vie­len bekann­ten Details des Grau­ens, spitzt die Hand­lung aber immer wie­der auf über­ra­schen­de Kon­stel­la­tio­nen zu, anhand derer der Wahn­sinn des Natio­nal­so­zia­lis­mus in scho­ckie­ren­der Wei­se greif­bar wird. Das betrifft ins­be­son­de­re jene Epi­so­den, in denen auch der Stim­me eines Opfers Raum gege­ben wird. Am Ende jedes Kapi­tels steht ein  Abschnitt, in dem aus der Sicht des jüdi­schen „Son­der­kom­man­do­füh­rers“ Szmul Zacha­ri­asz erzählt wird, des­sen ent­setz­li­che Auf­ga­be es ist, die frisch selek­tier­ten Depor­tier­ten mit der Lüge von der Des­in­fek­ti­ons­du­sche erst in die Gas­kam­mern zu locken, um danach in den Kör­per­öff­nun­gen der Ver­gas­ten nach Wert­sa­chen zu suchen und die Lei­chen schließ­lich zu „ent­sor­gen“. Szmul berich­tet bei­spiels­wei­se von sei­nem Stell­ver­tre­ter, der den eige­nen Zwil­lings­bru­der belü­gen muss­te, um ihn in in die Gas­kam­mern zu locken oder von einem gewis­sen Tade­usz, der sei­ne eige­ne Frau mit einem Gür­tel aus dem Lei­chen­berg zu zie­hen hat­te.

Stim­me der Mensch­lich­keit

Der Szmul-Erzähl­ebe­ne fällt die schwie­ri­ge Rol­le zu, ein Gegen­ge­wicht zur Täter­per­spek­ti­ve zu lie­fern; mit den Gedan­ken und Berich­ten des Opfers soll so auch die Stim­me der Mensch­lich­keit im Roman zu Wort kom­men. Dass es für einen unbe­tei­lig­ten Schrift­stel­ler nicht unpro­ble­ma­tisch ist, im Namen der Opfer zu spre­chen, selbst wenn dies nur mit­tels einer fik­ti­ven Figur geschieht, ver­steht sich von selbst. Amis bemüht sich red­lich, die Umstän­de der Lage von Szmul ver­ständ­lich zu machen und instru­men­ta­li­siert sei­ne Figur nie. Zwar bleibt ein gewis­ses Unbe­ha­gen zurück, doch scheint dies immer noch bes­ser zu sein als mora­li­sche Ver­bo­te oder sons­ti­ge Schran­ken für die Lite­ra­tur zu errich­ten. Für Amis jeden­falls war die Opfer­ebe­ne allein schon des­halb unver­zicht­bar, weil es ihm in The Zone of Inte­rest dar­um geht, das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger als einen Ort radi­kals­ter Selbst­er­kennt­nis dar­zu­stel­len: „No one knows them­sel­ves. Who are you? You don’t know. Then you come to the Zone of Inte­rest, and it tells you who you real­ly are“, reflek­tiert Thom­sen zu Beginn des Romans.

Spä­ter wird er den Befund auf den Faschis­mus ins­ge­samt aus­wei­ten: „Under Natio­nal Socia­lism you loo­ked in the mir­ror and saw your soul. You found yours­elf out. […] We all dis­co­ver­ed, or hel­p­less­ly reve­a­led, who we were.“

Man mag über den Inhalt von Amis’ Roman strei­ten, an der sprach­li­chen Gestal­tung des Buches jedoch muss man Anstoß neh­men. Dass der eng­lisch-deut­sche hotch­potch, in dem der Text geschrie­ben ist, eine zen­tra­le Schwä­che dar­stellt, ist vie­len Rezen­sen­ten des Romans nicht ent­gan­gen. Indem Amis am Ende sei­nen Dank an Richard Evans aus­spricht nicht nur für die Eli­mi­nie­rung his­to­ri­scher Unstim­mig­kei­ten son­dern auch für die Kor­rek­tu­ren sprach­li­cher Schwä­chen, hat er dem ange­se­he­nen His­to­ri­ker einen veri­ta­blen Bären­dienst erwie­sen. Der Roman näm­lich strotzt nur so von Feh­lern aller Art, die in ihrer Fre­quenz wie Natur in etwa auf dem Niveau eines Deutsch-Stu­den­ten gegen Ende des ers­ten Stu­di­en­jahrs anzu­sie­deln sind – Dut­zen­de Falsch­schrei­bun­gen vom Kali­ber „peru­ke“ (= Perü­cke) und „Last-Kraft-Wagen“, feh­ler­haf­te Groß-/Klein­schrei­bung in unzäh­li­gen Fäl­len, häu­fi­ge Ver­wechs­lun­gen von c und k (wie in „Cri­po“) und vie­les, vie­les mehr. Vor allem die Schil­de­rung von Sexu­el­lem geht oft schief. In der Beschrei­bung der Brust­par­tie einer Frau  heißt es zum Bei­spiel, sie habe „big­gish Tit­ten […]  and the Brust­war­ten are exci­tingly dark“. Fast möch­te man hof­fen, es stün­de ein Kunst­wil­le (und nicht viel­mehr Schlam­pe­rei oder Inkom­pe­tenz des Set­zers) hin­ter der mas­sivs­ten Anoma­lie des Tex­tes, näm­lich der kom­plet­ten Absenz aller Umlau­te, was zu irri­tie­ren­den Wör­tern wie „Zahl­ap­pell“ oder „End­lo­sung“ führt.

Ver­snob­te Oxbridge-Zög­lin­ge

In der deut­schen Über­set­zung wird das alles zwei­fel­los berei­nigt – womit aber auch ein wesent­li­cher lite­ra­ri­scher Aspekt des Tex­tes ent­fällt, des­sen erklär­ter Zweck es ist, die rhe­to­ri­sche Kon­tur der LTI* dem eng­lisch­spra­chi­gen Leser erfahr­bar zu machen, ver­weist doch Amis expli­zit auf sein Lek­tü­re der Tage­bü­cher von Vic­tor Klem­pe­rer und ande­rer Quel­len „for the tics and rhyth­ms of Ger­man speech“. Dass ein Autor wie Amis, des­sen sou­ve­rä­ne Sicher­heit im Umgang mit der Mut­ter­spra­che viel gerühmt wor­den ist, sich der­art der Pein­lich­keit preis­gibt, ist auf jeden Fall erstaun­lich. Viel­leicht kann der in der lite­ra­ri­schen Intel­li­g­ent­zi­ja Eng­lands weit ver­brei­te­te, womög­lich sogar ende­mi­sche Sno­bis­mus der Oxbridge-Zög­lin­ge als Erklä­rung dafür gel­ten. Wenn etwa Mar­le­ne Stre­eru­witz in Roma­nen wie Ent­fer­nung, Kreu­zun­gen oder Die Schmerz­ma­che­rin durch eine Viel­zahl von eng­li­schen Ein­spreng­seln ihre Fremd­spra­chen­kennt­nis­se vor­füh­ren will, dabei aber eben­so wie Amis zahl­rei­che Feh­ler macht, mag das noch ange­hen, weil es die Sub­stanz des Erzähl­ten nicht beein­träch­tigt. In einem Fall wie The Zone of Inte­rest hin­ge­gen muss man den Umstand als Indiz einer ten­den­zi­ell arro­gan­ten Umgangs­wei­se mit einem Erzähl­stoff wer­ten, der ange­sichts des Bezugs auf rea­le Vor­gän­ge doch etwas mehr Sorg­falt erfor­dert hät­te.

Und hat Amis einen Grund gehabt, so fragt man sich, den Namen der Frau des Kom­man­dan­ten in der jüdi­schen Schreib­wei­se Han­nah wie­der­zu­ge­ben? Und war­um gibt er Neben­fi­gu­ren so pene­trant teu­to­nisch-wag­ne­ria­ni­sche Namen wie etwa den zwei Ehe­paa­ren Suit­bert und Rom­hil­de See­dig bezie­hungs­wei­se Frithu­ric und Ama­lasand Bur­ckl? Soll das sati­risch sein?

In The Zone of Inte­rest mischen sich Ver­dienst und Ver­sa­gen. Trotz all sei­ner Feh­ler bleibt es ein Buch, das unse­ren Blick auf ein Gebiet lenkt, des­sen Ver­mes­sung zu den pri­mä­ren Auf­ga­ben­be­rei­chen der Lite­ra­tur zählt. Sim­pli­fi­zie­ren­de Skan­da­li­sie­rung hilft da nicht wei­ter, nur Lek­tü­re, Kri­tik und Nach­den­ken.

* LTI – Notiz­buch eines Phi­lo­lo­gen ist ein 1947 erschie­ne­nes Werk von Vic­tor Klem­pe­rer, das sich mit der „Lin­gua Ter­tii Impe­rii“ befasst, der Spra­che des Drit­ten Rei­ches.

Die deut­sche Über­set­zung erscheint unter dem Titel Inter­es­sen­ge­biet im August bei Kein & Aber. 

 

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Uwe Schüt­te ist Dozent für Ger­ma­nis­tik an der Aston Uni­ver­si­ty, Bir­ming­ham. Jüngst erschie­nen ist sei­ne umfang­rei­che Stu­die Inter­ven­tio­nen. Lite­ra­tur­kri­tik als Wider­spruch bei W.G. Sebald (Edi­ti­on Text & Kri­tik, Mün­chen 2014).

Mar­tin Amis: The Zone of Inte­rest
Jona­than Cape, Lon­don 2014.
320 Sei­ten

Die­ser Arti­kel ist ursprüng­lich in VOLLTEXT 2/2015 erschie­nen.

Online seit: 23. Juni 2015

Zuletzt geän­dert: 10. Okt. 2015