Ute-Christine Krupp: Punktlandung

Von Caren Gäbel
Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Es beginnt rasant: „Das Deut­sche Par­la­ment in die Luft spren­gen?“, so lau­tet der ers­te Satz – wer fragt sich das? Haben wir es mit einem Roman aus der Täter­per­spek­ti­ve zu tun? Nein: Schnell wird klar, dass der Prot­ago­nist Paul Jost kein Täter ist, er ist auch kein Akteur: Er mag kei­ne Ent­schei­dun­gen.

Die trei­ben­de Kraft des Romans ist die Bedro­hung eines mög­li­chen Anschlags. Es gibt Hin­wei­se dar­auf, dass Isla­mis­ten ter­ro­ris­ti­sche Anschlä­ge in Deutsch­land pla­nen, der Kri­sen­stab tagt. Teil die­ses Kri­sen­stabs ist auch Paul Jost, der der G10-Komis­si­on Argu­men­te für oder gegen bestimm­te Abhör- und Über­wa­chungs­maß­nah­men lie­fern muss. Er sieht in die­ser Bedro­hung die Chan­ce, sich beruf­lich zu bewei­sen und end­lich Ver­ant­wor­tung über­neh­men zu kön­nen. Bereits auf den ers­ten Sei­ten wird klar, dass sei­ne beruf­li­chen Ambi­tio­nen durch die Erwar­tun­gen sei­nes Vaters moti­viert sind: „Mein Vater hat mich nie ernst genom­men“, klagt er, und: „viel­leicht wer­de ich irgend­wann mit mei­nem Vater unter der üppi­gen Stuck­de­cke essen und mein Vater wird stolz auf mich sein“.

Auch im Pri­vat­le­ben ist Paul Jost noch nicht am Ziel bzw. ziel­los. Frisch geschie­den ist er gera­de in eine neue Woh­nung in Nähe des Ber­li­ner Regie­rungs­vier­tels gezo­gen, in ein Haus, in dem die ein­zel­nen Bewoh­ner lie­ber unter sich blei­ben (vie­le Anwäl­te) und bei dem es kei­ne hip­pen Cafés um die Ecke gibt (ein guter Grund für eines sei­ner Online-Dates, ihn nicht wei­ter zu tref­fen). Sein bis­he­ri­ges Leben scheint ihm ein­fach zu pas­siert zu sein, er selbst beschreibt sei­ne Lebens­si­tua­ti­on mit fol­gen­der Meta­pher: „Ein Krü­mel fliegt vor ihm auf, streift den Geh­weg, tau­melt in der Luft. So fühlt er sich für einen Moment, so tau­melnd, in der Luft schwe­bend.“ Paul Jost hat kein eige­nes Ziel, er ist bestimmt von äuße­ren Umstän­den, von den Aktio­nen und Erwar­tun­gen ande­rer. Sei­ne Ex-Frau Gesi­ne wird nach einem ers­ten Date uner­war­tet schwan­ger, er bleibt ein­fach. Er rich­tet sich nach ihrem Mot­to: „Man hei­ra­tet, kriegt Kin­der, bleibt zusam­men.“ Bis sie sich nach dem zwei­ten Kind doch tren­nen, denn für Gesi­ne ist Paul zu sehr „Mög­lich­keits­mensch“. Sei­ne Kin­der spie­len kei­ne gro­ße Rol­le. Gesi­ne muss ihn dar­an erin­nern, dass er auch als Vater eine Ver­ant­wor­tung besitzt. Sei­ne Toch­ter muss sei­ne Auf­merk­sam­keit ein­for­dern, kommt über­ra­schend mit einer Freun­din zu Besuch, ruft ihn unan­ge­kün­digt auf der Arbeit an.

Auch sprach­lich wird die Pas­si­vi­tät des Prot­ago­nis­ten ver­deut­licht, wenn ihm sei­ne Ex-Frau und sein Vater immer wie­der „ein­fal­len“, oder er sich im Lau­fe des Romans 9‑mal „zurück­lehnt“. Er ist eher der beob­ach­ten­de Typ, scannt die Men­schen nüch­tern: „Sei­ne Sekre­tä­rin steht in der Tür, huscht ins Büro. Blon­de, zurück­ge­steck­te Haa­re, sehr freund­lich (…)“, „die zustän­di­ge Sekre­tä­rin: schnip­pi­scher Ton­fall, stren­ger Blick, ele­gan­te Pumps“, „Etwas klei­ner als er ist sie. Halb­lan­ge dun­kel­blon­de Haa­re. Bril­le.“

Kur­ze Sät­ze, Prä­sens, abrup­te Sze­nen­wech­sel und Zeit­sprün­ge – wir beglei­ten den beob­ach­ten­den Paul Jost durch Ber­lin, durch das Kanz­ler­amt, durch Bars, ins Kino und in Kon­zert­hal­len: Die­se Erzähl­wei­se, gepaart mit der ste­ti­gen Bedro­hung, die latent prä­sent zu sein scheint, lässt einen Sog ent­ste­hen: die 160 Sei­ten las­sen sich gut und schnell lesen. Die Span­nung ver­pufft aber im letz­ten Drit­tel, als die Woh­nun­gen der Ver­däch­ti­gen gestürmt wer­den, nach­dem eine Über­wa­chung den Ver­dacht erhär­tet hat – Paul Jost wur­de in die Ent­schei­dung über die Über­wa­chung aller­dings nicht mit­ein­be­zo­gen, er hat kaum einen Anteil an der Ver­hin­de­rung des Anschlags.

Ute-Chris­ti­ne Krupp, die bis­her vor allem Erzäh­lun­gen und Hör­spie­le, aber vor 20 Jah­ren auch schon einen Roman ver­öf­fent­licht hat, bewahrt stets eine Distanz zu ihrem Prot­ago­nis­ten, nennt ihn kon­se­quent beim Vor- und Zuna­men. Gene­rell bleibt die Figur blass und schwer zugäng­lich. Dass er sich in Cla­ris­sa (eben­falls eine Frau, die ihm so zufällt, er lernt sie durch einen Freund ken­nen) ver­liebt hat, erfah­ren wir nur dadurch, dass sei­ne Toch­ter ihm sagt, dass man ihm das anse­he. Beruf­lich ver­tei­digt er das Grund­recht der Frei­heit, wie er es im Stu­di­um gelernt hat, pri­vat sehnt er sich einer­seits nach Frei­heit, ande­rer­seits nach gewohn­ten Abläu­fen und Sicher­heit: Die Tages­s­schau sieht er sich regel­mä­ßig an und am Fami­li­en­le­ben ver­misst er vor allem, dass die Nuss­nou­gat­creme und das gesun­de Voll­korn­brot auf dem Früh­stücks­tisch stan­den, denn seit­dem Frau und Kin­der aus­ge­zo­gen sind, gibt es nur noch Toast mit But­ter.

Im Roman beschreibt Paul Jost Ber­lin als eine „Stadt wie ein offe­ner Raum, alles in Bewe­gung. Ich bin in den neun­zi­ger Jah­ren nach Ber­lin gezo­gen, sich für mich mit die­ser Stadt die Hoff­nung ver­band, die rich­ti­ge Lebens­form zu fin­den“. Viel­leicht ist das eines der gro­ßen The­men die­ses Buches. Die Suche nach der rich­ti­gen Lebens­form für sich selbst, immer ein­ge­bet­tet in die Erwar­tun­gen ande­rer Men­schen. Beruf oder Lie­be? Sicher­heit oder Frei­heit? Läuft man Gefahr, wenn man zu viel „zwei­felt, hin­ter­fragt, zögert, hadert“ (eine Selbst­be­schrei­bung des Prot­ago­nis­ten), im Grun­de inhalts­los zu wer­den, unin­ter­es­sant, ohne Tie­fe?

Der Roman deu­tet vie­le The­men an: das Wech­sel­spiel von Frei­heit und Sicher­heit, das Ver­hält­nis von Pri­vat- und Berufs­le­ben, die Anony­mi­tät der Groß­stadt und im Online-Dating, die Gefah­ren zu vie­ler Mög­lich­kei­ten. Doch par­al­lel zum Prot­ago­nis­ten Paul Jost bleibt alles etwas ober­fläch­lich, wird nichts rich­tig ver­tieft. Kann man dem Roman vor­wer­fen, dass er genau­so unbe­stimmt bleibt wie sei­ne Haupt­fi­gur? Dass er sich nicht ent­schei­den kann oder will, was er ist und wel­ches The­ma im wich­tig ist? Es ist zu viel und gleich­sam zu wenig, zu vie­le Fra­gen, zu wenig Tie­fe – die­se Wider­sprüch­lich­kei­ten dar­zu­stel­len, kann eine Inten­ti­on des Romans sein, ein nach­hal­ti­ges Lese­er­leb­nis bie­tet er aber nicht.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023