Maturatreffen

Von Bet­ti­na Balà­ka. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 58
Bettina Balaka © Alain Barbero

Bet­ti­na Balà­ka. Foto: Alain Bar­be­ro

Manch­mal fühlt man sich wie drei­ßig und dann geht man plötz­lich an einem Spie­gel vor­bei und sieht jeman­den, der um eini­ges älter ist. Es dau­ert einen Moment, bis man das inne­re Bild mit dem äuße­ren in Ein­klang bringt, bis man sich selbst erkennt. Man beglück­wünscht sich für sei­ne offen­kun­di­ge Gesund­heit und Vita­li­tät, die dazu geführt hat, dass man sich wie drei­ßig fühlt, und ist ja doch erschro­cken, und ver­sucht, den Schreck auf die schlech­te Beleuch­tung zurück­zu­füh­ren. Dabei hat man ja auch gedacht, dass die Kat­ze nie­mals ster­ben wür­de, zumin­dest nicht vor einem selbst, und dann lag sie eines Tages tot in ihrem Bett­chen und sah auch tot aus und gar nicht mehr wie sie selbst. Die Kat­ze hat­te man fünf­zehn Jah­re zuvor ange­schafft für die Kin­der, dann waren die Kin­der aus­ge­zo­gen und man hat­te natür­lich die Kat­ze an der Backe gehabt. Für alle Ewig­keit, hat­te man geklagt, wer­de man jetzt für die Kat­ze der Kin­der sor­gen müs­sen, und dann war die Ewig­keit auch schon vor­bei und es tat einem leid, dass man nicht die Wahr­heit gesagt hat­te, dass man näm­lich eigent­lich ganz froh gewe­sen war, dass die Kin­der die Kat­ze nicht mit­ge­nom­men hat­ten. Die Natur kann man nicht betrü­gen und nicht die Bio­lo­gie oder sons­ti­ge Wis­sen­schaf­ten, wahr­schein­lich nicht ein­mal die Phi­lo­so­phie, nur die Reli­gi­on kann man betrü­gen, denn die betrügt ja selbst, der Glau­be kann Ber­ge ver­set­zen, Blin­de sehend machen und Lah­me gehend, er kann Mate­ri­en ver­wan­deln, Fische zu Was­ser und Wein zu Brot, es wer­den Lei­ber ver­geis­tigt und Geis­ter ein­ver­leibt. Das ewi­ge Leben gibt es im Glau­ben, im rich­ti­gen Leben gibt es wei­ße Haa­re und Kat­zen, die plötz­lich steif wie Bret­ter sind.

Zwan­zig Jah­re lang steckt man in der Mut­ter­haut, man­che kür­zer, man­che län­ger, je nach­dem, ob es Nest­flüch­ti­ge oder Nach­züg­ler gibt. Wäh­rend man außen die Mut­ter erhält, die das Kind erhält, gesche­hen im Inne­ren Trans­for­ma­tio­nen, für die man im Augen­blick kei­ne Zeit hat und um die man sich spä­ter küm­mern wird. Im Inne­ren ent­wi­ckelt sich etwas wie in einer Pup­pe, und eines Tages kommt es her­aus und ist wun­der­bar oder son­der­bar oder furcht­bar. Ver­kleb­te Flü­gel und zusam­men­ge­quetsch­te Bei­ne und alles gefal­tet wie ein altes Blatt, die Pup­pen­hül­le reißt und es konn­te so viel schief­ge­hen in den Jah­ren, in denen man voll­kom­men umge­baut wor­den ist, oder sich selbst umge­baut hat in gewis­ser Wei­se, unwis­sent­lich, halb bewusst, viel­leicht ist man schon im Lar­ven­sta­di­um völ­lig ver­dorrt oder eine Chi­mä­re, nicht Fisch und nicht Fleisch, nicht Mut­ter und nicht Groß­mutter, nicht wei­se und nicht naiv. Wäh­rend man sein neu­es Gewand aus dem alten drängt, ren­nen über­all klei­ne Kin­der her­um. Sie gehö­ren gleich­alt­ri­gen Män­nern.

Die eige­ne Mut­ter war natür­lich viel zu jung gewe­sen, als sie einen gekriegt und kurz dar­auf auch schon zurecht­ge­wie­sen hat, als sie vor­täusch­te zu wis­sen, wie die Welt funk­tio­niert, was man zu tun habe und was zu unter­las­sen jeweils nach dem neu­es­ten Trend, oder viel zu alt, hat­te nicht mehr die Kraft gehabt, einem eine ordent­li­che Kind­heit zu bie­ten mit Auf­sicht, Aus­ein­an­der­set­zung und Aus­flugs­pro­gramm. Die eige­ne Mut­ter ist immer schon alt gewe­sen und völ­lig absurd in ihrer Mäd­chen­haf­tig­keit, aber sie war da, wenn man kot­zen muss­te oder wenn ein Haus­tier im Gar­ten zu bestat­ten war. Man ist natür­lich nicht wie die eige­ne Mut­ter gewor­den oder manch­mal doch, was beson­ders nerv­tö­tend ist, wenn die Kin­der sagen: Du redest genau wie die Oma. Die eige­ne Mut­ter hät­te natür­lich in wesent­lich grö­ße­rer Wür­de altern sol­len und ohne Gejam­mer und Lese­bril­len­be­darf und Gelenks­ar­thro­sen. Man sel­ber wür­de nie etwas ande­res als sex posi­ti­ve und body posi­ti­ve sein und mit sechs­und­neun­zig noch über die Bould­er­wand flit­zen, dass jeder den Atem anhält.

Natür­lich hat­te man selbst auch gedacht, nie­mals älter zu wer­den, und man war es ja auch nicht gewor­den. Natür­lich hat­te man es lächer­lich gefun­den, sein Geburts­da­tum zu ver­heim­li­chen, bis der Tag kam, an dem man es blöd fand, es zu erwäh­nen.

Manch­mal fühlt man sich wie acht­zehn. Man kichert her­um und spürt den Som­mer­wind an den nack­ten Bei­nen, der einen auf eine Süd­see­insel trans­por­tiert oder zumin­dest in die Ägä­is. Beim Matu­ra­tref­fen sind auf ein­mal kei­ne Leh­rer mehr dabei, weil sie alle tot sind. Erneut hält man fest, wie för­der­lich es war, in eine rei­ne Mäd­chen­schu­le zu gehen, da Stu­di­en gezeigt haben, dass die­se für Frau­en zu bes­se­ren Kar­rie­ren füh­ren als gemisch­te Schu­len, und in der Tat haben alle Kar­rie­re gemacht, außer die Himm­lin­ger Ruth, die ist Ver­si­che­rungs­be­ra­te­rin, aber da war irgend­ei­ne tra­gi­sche Krank­heit mit schuld, Bipo­la­ri­tät oder Nie­ren­ver­sa­gen oder Alko­ho­lis­mus. Die Petra Kap­fen­ta­ler, die immer so gut Kla­vier spiel­te, erzählt, dass sie die drit­te Frau ihres vier­ten Man­nes ist und jetzt Niss-Kap­fen­tha­ler heißt. Kla­vier spielt sie nicht mehr, seit einem Fahr­rad­un­fall ist ihr rech­ter Mit­tel­fin­ger ganz steif. Die Vere­na Leit­ner hat schon sechs Enkel­kin­der, die ihre bei­den Söh­ne auf fünf Frau­en gerecht auf­ge­teilt haben. Die Tan­ja Mir­co­lic ist zur obers­ten Ober­rich­te­rin auf­ge­stie­gen, und als jemand sagt: „Ui, da wer­den wir uns nichts zuschul­den kom­men las­sen in dei­ner Gegen­wart!“, erwi­dert sie: „In mei­nen Fäl­len geht es um so viel Geld, da müss­test du erst mal her­an­kom­men kön­nen.“ Man beur­teilt das Äuße­re der Anwe­sen­den auto­ma­tisch, es ist ein Reflex. Man weiß, dass man sel­ber beur­teilt wird und fürch­tet, dass es mit einer Mischung aus Mit­leid und Genug­tu­ung geschieht. Die hat arge Schlupf­li­der gekriegt. Die ist aber in die Brei­te gegan­gen. Die ist rich­tig alt gewor­den, schlurft dahin und kann kaum ihr Han­dy bedie­nen. Wenn eine nicht weiß, was eine App ist, dann ist es vor­bei, dann kann man sich gleich in den Sarg legen. Die Bril­le abneh­men, auf­set­zen oder wech­seln beim Lesen müs­sen fast alle. Und dann gibt es die, die erstaun­lich gut in Schuss sind. Die sich gut gehal­ten haben. Glück in der Lie­be gehabt? Gro­ße Erb­schaft gemacht? Botox, Hals­lif­ting, Fal­ten­un­ter­sprit­zung? Die Sternt­han­ner Ros­wi­tha zum Bei­spiel schaut jetzt viel bes­ser aus als damals mit acht­zehn, die hat sich gemau­sert, ist auf­ge­blüht, vom Ent­lein zum Schwan meta­mor­phi­siert. Thea­ter­in­ten­dan­tin gewor­den. Na kein Wun­der: Die Mee­res­bio­lo­gin­nen­ehe­frau zu Hau­se (oder, wie jetzt gera­de, auf einem Schiff), täg­lich jun­ge Ado­ran­tin­nen bei der Arbeit, Macht, Fit­ness, Fri­seur. Außer­dem: Dadurch, dass sie les­bisch ist, wird sie ja auch nicht von Män­nern zer­rüt­tet.

Man spricht dar­über, wie die Leu­te, die man beruf­lich kennt, nach und nach ver­schwin­den, ent­we­der durch Pen­sio­nie­rung oder Tod. Auch eini­ge ehe­ma­li­ge Mit­schü­le­rin­nen feh­len. Darm­krebs, Gehirn­tu­mor, Mul­ti­ple Skle­ro­se. Die mit­ge­brach­ten Män­ner ent­ge­hen der Beur­tei­lung kei­nes­wegs, üppi­ges Nasen­haar, feh­len­der Schnei­de­zahn, Bier­bauch. Natür­lich gibt es auch Tro­phä­en­män­ner, fesch und gescheit und Wir-gehen-im-Früh­jahr-Trek­king-auf-den-Kili­man­dscha­ro. Man weiß, dass sol­che Män­ner zwangs­läu­fig fremd­ge­hen. Man ist froh, dass man nicht auf die­sen Reg­ret­ting-Mother­hood-Unfug her­ein­ge­fal­len ist, der ihrer­zeit noch Ein-Kind-wird-dei­ne-Kar­rie­re-zer­stö­ren oder Simo­ne-de-Beau­voir-hat-sich-auch-gegen-Kin­der-ent­schie­den-um-sich-statt­des­sen-für-einen-Mann-auf­zu­op­fern hieß, sonst wür­de man jetzt dasit­zen wie die Scher­kal Andrea, deren ein­zi­ge enge­re Bezugs­per­son die Schwie­ger­mut­ter ist, die ihr vom ver­stor­be­nen Gat­ten ver­blieb.

„Das Leben einer Frau zer­fällt in zwei Pha­sen: sexu­el­les Beläs­tigt­wer­den und sexu­el­les Igno­riert­wer­den. Erst wird man jahr­zehn­te­lang mit Bli­cken pene­triert, dann ist man jahr­zehn­te­lang unsicht­bar. Char­man­tes Umwer­ben ist etwas, das die Frau dem Mann gegen­über über­neh­men muss“, doziert die Kier­lin­ger Ange­li­ka nach ein paar Ape­rol Spritz. Der neue Lebens­ge­fähr­te der Scheck Anna bag­gert dar­auf­hin die Kier­lin­ger hin­ge­bungs­voll an, er hat das offen­sicht­lich als Auf­trag ver­stan­den.

Kaum trei­ben einen die Müt­ter nicht mehr auf die Pal­me, trei­ben einen die Töch­ter auf die Pal­me. Stän­dig hockt man auf die­ser Pal­me und ver­sucht, die Kokos­nüs­se vor dem Hin­ab­pras­seln zu bewah­ren, damit sie nie­man­den ver­let­zen kön­nen. Aber die Kokos­nüs­se müs­sen her­ab­pras­seln, denn so funk­tio­niert nun mal die Evo­lu­ti­on.

Im REM-Schlaf ist man immer acht­zehn, auf Strand­par­tys, Gebirgs­par­tys, Gar­ten­par­tys, auf der Jagd nach dem bes­ten Gefähr­ten. „Auf Auf­riss gehen“, sag­te man damals.

„Jun­ge Frau­en schrei­ben anders über Lust als alte Män­ner“, steht in der Zei­tung. Bei­de Aus­kunfts­quel­len sind für Frau­en über vier­zig ziem­lich irrele­vant.

Manch­mal fühlt man sich wie acht­und­neun­zig. Der Him­mel ist him­mel­blau und alle Anru­fe sind egal. Man will an den Strand gehen, sofort, im Duft von Geiß­blatt- und Tama­rin­den­blü­ten. Man will aber auch durch den glit­zern­den Schnee mar­schie­ren, sofort, das Knir­schen unter sei­nen Füßen hören, den Kris­tall­staub in der Son­ne auf­we­hen sehen. Man liest noch ein­mal Robert Frost mit voll­kom­men neu­en Augen. But I have pro­mi­ses to keep/ And miles to go befo­re I sleep. Nichts da mit Ver­spre­chen hal­ten und wei­ter­ge­hen, man will jetzt schla­fen, sofort. Und dann wie­der auf­wa­chen, erfrischt.

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Bet­ti­na Balà­ka, gebo­ren in Salz­burg, lebt als freie Schrift­stel­le­rin in Wien, schreibt Roma­ne, Erzäh­lun­gen, Lyrik, Essays. Aus­ge­zeich­net unter ande­rem mit dem Salz­bur­ger Lyrik­preis, Öster­reich-1-Essay-Preis, Fried­rich Schie­del-Lite­ra­tur­preis, Eli­as-Canet­ti-Sti­pen­di­um, Georg-Tra­kl-För­de­rungs­preis für Lyrik. Zuletzt erschie­nen: Die Tau­ben von Brünn, Roman, Deu­ti­cke Ver­lag, Wien 2019, Bet­ti­na Balà­ka über Euge­nie Schwarz­wald, Essay, Man­del­baum Ver­lag, Wien – Ber­lin 2020 sowie das Kin­der­buch Dicke Biber – ein Umwelt­schutz­kri­mi, Ley­kam Ver­lag, Wien – Graz 2021.

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 25. März 2022

Zuletzt geän­dert: 26. März 2022