Maturatreffen

Von Bettina Balàka. „Hier und Heute – 100 Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur“ – Teil 58

Online seit: 25. März 2022
Bettina Balaka © Alain Barbero
Bettina Balàka. Foto: Alain Barbero

Manchmal fühlt man sich wie dreißig und dann geht man plötzlich an einem Spiegel vorbei und sieht jemanden, der um einiges älter ist. Es dauert einen Moment, bis man das innere Bild mit dem äußeren in Einklang bringt, bis man sich selbst erkennt. Man beglückwünscht sich für seine offenkundige Gesundheit und Vitalität, die dazu geführt hat, dass man sich wie dreißig fühlt, und ist ja doch erschrocken, und versucht, den Schreck auf die schlechte Beleuchtung zurückzuführen. Dabei hat man ja auch gedacht, dass die Katze niemals sterben würde, zumindest nicht vor einem selbst, und dann lag sie eines Tages tot in ihrem Bettchen und sah auch tot aus und gar nicht mehr wie sie selbst. Die Katze hatte man fünfzehn Jahre zuvor angeschafft für die Kinder, dann waren die Kinder ausgezogen und man hatte natürlich die Katze an der Backe gehabt. Für alle Ewigkeit, hatte man geklagt, werde man jetzt für die Katze der Kinder sorgen müssen, und dann war die Ewigkeit auch schon vorbei und es tat einem leid, dass man nicht die Wahrheit gesagt hatte, dass man nämlich eigentlich ganz froh gewesen war, dass die Kinder die Katze nicht mitgenommen hatten. Die Natur kann man nicht betrügen und nicht die Biologie oder sonstige Wissenschaften, wahrscheinlich nicht einmal die Philosophie, nur die Religion kann man betrügen, denn die betrügt ja selbst, der Glaube kann Berge versetzen, Blinde sehend machen und Lahme gehend, er kann Materien verwandeln, Fische zu Wasser und Wein zu Brot, es werden Leiber vergeistigt und Geister einverleibt. Das ewige Leben gibt es im Glauben, im richtigen Leben gibt es weiße Haare und Katzen, die plötzlich steif wie Bretter sind.

Zwanzig Jahre lang steckt man in der Mutterhaut, manche kürzer, manche länger, je nachdem, ob es Nestflüchtige oder Nachzügler gibt. Während man außen die Mutter erhält, die das Kind erhält, geschehen im Inneren Transformationen, für die man im Augenblick keine Zeit hat und um die man sich später kümmern wird. Im Inneren entwickelt sich etwas wie in einer Puppe, und eines Tages kommt es heraus und ist wunderbar oder sonderbar oder furchtbar. Verklebte Flügel und zusammengequetschte Beine und alles gefaltet wie ein altes Blatt, die Puppenhülle reißt und es konnte so viel schiefgehen in den Jahren, in denen man vollkommen umgebaut worden ist, oder sich selbst umgebaut hat in gewisser Weise, unwissentlich, halb bewusst, vielleicht ist man schon im Larvenstadium völlig verdorrt oder eine Chimäre, nicht Fisch und nicht Fleisch, nicht Mutter und nicht Großmutter, nicht weise und nicht naiv. Während man sein neues Gewand aus dem alten drängt, rennen überall kleine Kinder herum. Sie gehören gleichaltrigen Männern.

Die eigene Mutter war natürlich viel zu jung gewesen, als sie einen gekriegt und kurz darauf auch schon zurechtgewiesen hat, als sie vortäuschte zu wissen, wie die Welt funktioniert, was man zu tun habe und was zu unterlassen jeweils nach dem neuesten Trend, oder viel zu alt, hatte nicht mehr die Kraft gehabt, einem eine ordentliche Kindheit zu bieten mit Aufsicht, Auseinandersetzung und Ausflugsprogramm. Die eigene Mutter ist immer schon alt gewesen und völlig absurd in ihrer Mädchenhaftigkeit, aber sie war da, wenn man kotzen musste oder wenn ein Haustier im Garten zu bestatten war. Man ist natürlich nicht wie die eigene Mutter geworden oder manchmal doch, was besonders nervtötend ist, wenn die Kinder sagen: Du redest genau wie die Oma. Die eigene Mutter hätte natürlich in wesentlich größerer Würde altern sollen und ohne Gejammer und Lesebrillenbedarf und Gelenksarthrosen. Man selber würde nie etwas anderes als sex positive und body positive sein und mit sechsundneunzig noch über die Boulderwand flitzen, dass jeder den Atem anhält.

Natürlich hatte man selbst auch gedacht, niemals älter zu werden, und man war es ja auch nicht geworden. Natürlich hatte man es lächerlich gefunden, sein Geburtsdatum zu verheimlichen, bis der Tag kam, an dem man es blöd fand, es zu erwähnen.

Manchmal fühlt man sich wie achtzehn. Man kichert herum und spürt den Sommerwind an den nackten Beinen, der einen auf eine Südseeinsel transportiert oder zumindest in die Ägäis. Beim Maturatreffen sind auf einmal keine Lehrer mehr dabei, weil sie alle tot sind. Erneut hält man fest, wie förderlich es war, in eine reine Mädchenschule zu gehen, da Studien gezeigt haben, dass diese für Frauen zu besseren Karrieren führen als gemischte Schulen, und in der Tat haben alle Karriere gemacht, außer die Himmlinger Ruth, die ist Versicherungsberaterin, aber da war irgendeine tragische Krankheit mit schuld, Bipolarität oder Nierenversagen oder Alkoholismus. Die Petra Kapfentaler, die immer so gut Klavier spielte, erzählt, dass sie die dritte Frau ihres vierten Mannes ist und jetzt Niss-Kapfenthaler heißt. Klavier spielt sie nicht mehr, seit einem Fahrradunfall ist ihr rechter Mittelfinger ganz steif. Die Verena Leitner hat schon sechs Enkelkinder, die ihre beiden Söhne auf fünf Frauen gerecht aufgeteilt haben. Die Tanja Mircolic ist zur obersten Oberrichterin aufgestiegen, und als jemand sagt: „Ui, da werden wir uns nichts zuschulden kommen lassen in deiner Gegenwart!“, erwidert sie: „In meinen Fällen geht es um so viel Geld, da müsstest du erst mal herankommen können.“ Man beurteilt das Äußere der Anwesenden automatisch, es ist ein Reflex. Man weiß, dass man selber beurteilt wird und fürchtet, dass es mit einer Mischung aus Mitleid und Genugtuung geschieht. Die hat arge Schlupflider gekriegt. Die ist aber in die Breite gegangen. Die ist richtig alt geworden, schlurft dahin und kann kaum ihr Handy bedienen. Wenn eine nicht weiß, was eine App ist, dann ist es vorbei, dann kann man sich gleich in den Sarg legen. Die Brille abnehmen, aufsetzen oder wechseln beim Lesen müssen fast alle. Und dann gibt es die, die erstaunlich gut in Schuss sind. Die sich gut gehalten haben. Glück in der Liebe gehabt? Große Erbschaft gemacht? Botox, Halslifting, Faltenunterspritzung? Die Sternthanner Roswitha zum Beispiel schaut jetzt viel besser aus als damals mit achtzehn, die hat sich gemausert, ist aufgeblüht, vom Entlein zum Schwan metamorphisiert. Theaterintendantin geworden. Na kein Wunder: Die Meeresbiologinnenehefrau zu Hause (oder, wie jetzt gerade, auf einem Schiff), täglich junge Adorantinnen bei der Arbeit, Macht, Fitness, Friseur. Außerdem: Dadurch, dass sie lesbisch ist, wird sie ja auch nicht von Männern zerrüttet.

Man spricht darüber, wie die Leute, die man beruflich kennt, nach und nach verschwinden, entweder durch Pensionierung oder Tod. Auch einige ehemalige Mitschülerinnen fehlen. Darmkrebs, Gehirntumor, Multiple Sklerose. Die mitgebrachten Männer entgehen der Beurteilung keineswegs, üppiges Nasenhaar, fehlender Schneidezahn, Bierbauch. Natürlich gibt es auch Trophäenmänner, fesch und gescheit und Wir-gehen-im-Frühjahr-Trekking-auf-den-Kilimandscharo. Man weiß, dass solche Männer zwangsläufig fremdgehen. Man ist froh, dass man nicht auf diesen Regretting-Motherhood-Unfug hereingefallen ist, der ihrerzeit noch Ein-Kind-wird-deine-Karriere-zerstören oder Simone-de-Beauvoir-hat-sich-auch-gegen-Kinder-entschieden-um-sich-stattdessen-für-einen-Mann-aufzuopfern hieß, sonst würde man jetzt dasitzen wie die Scherkal Andrea, deren einzige engere Bezugsperson die Schwiegermutter ist, die ihr vom verstorbenen Gatten verblieb.

„Das Leben einer Frau zerfällt in zwei Phasen: sexuelles Belästigtwerden und sexuelles Ignoriertwerden. Erst wird man jahrzehntelang mit Blicken penetriert, dann ist man jahrzehntelang unsichtbar. Charmantes Umwerben ist etwas, das die Frau dem Mann gegenüber übernehmen muss“, doziert die Kierlinger Angelika nach ein paar Aperol Spritz. Der neue Lebensgefährte der Scheck Anna baggert daraufhin die Kierlinger hingebungsvoll an, er hat das offensichtlich als Auftrag verstanden.

Kaum treiben einen die Mütter nicht mehr auf die Palme, treiben einen die Töchter auf die Palme. Ständig hockt man auf dieser Palme und versucht, die Kokosnüsse vor dem Hinabprasseln zu bewahren, damit sie niemanden verletzen können. Aber die Kokosnüsse müssen herabprasseln, denn so funktioniert nun mal die Evolution.

Im REM-Schlaf ist man immer achtzehn, auf Strandpartys, Gebirgspartys, Gartenpartys, auf der Jagd nach dem besten Gefährten. „Auf Aufriss gehen“, sagte man damals.

„Junge Frauen schreiben anders über Lust als alte Männer“, steht in der Zeitung. Beide Auskunftsquellen sind für Frauen über vierzig ziemlich irrelevant.

Manchmal fühlt man sich wie achtundneunzig. Der Himmel ist himmelblau und alle Anrufe sind egal. Man will an den Strand gehen, sofort, im Duft von Geißblatt- und Tamarindenblüten. Man will aber auch durch den glitzernden Schnee marschieren, sofort, das Knirschen unter seinen Füßen hören, den Kristallstaub in der Sonne aufwehen sehen. Man liest noch einmal Robert Frost mit vollkommen neuen Augen. But I have promises to keep/ And miles to go before I sleep. Nichts da mit Versprechen halten und weitergehen, man will jetzt schlafen, sofort. Und dann wieder aufwachen, erfrischt.

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Bettina Balàka, geboren in Salzburg, lebt als freie Schriftstellerin in Wien, schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik, Essays. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Salzburger Lyrikpreis, Österreich-1-Essay-Preis, Friedrich Schiedel-Literaturpreis, Elias-Canetti-Stipendium, Georg-Trakl-Förderungspreis für Lyrik. Zuletzt erschienen: Die Tauben von Brünn, Roman, Deuticke Verlag, Wien 2019, Bettina Balàka über Eugenie Schwarzwald, Essay, Mandelbaum Verlag, Wien – Berlin 2020 sowie das Kinderbuch Dicke Biber – ein Umweltschutzkrimi, Leykam Verlag, Wien – Graz 2021.

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„Hier und Heute – 100 Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur” ist ein Gemeinschaftsprojekt von Gerhard Ruiss, VOLLTEXT und den beitragenden Autorinnen und Autoren. Die Texte der Serie erscheinen wöchentlich, jeweils am Freitag, und können auch als Newsletter abonniert werden. „Hier und Heute – Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur” wurde auf Initiative von Claus Philipp durch Spenden für den Lesemarathon Die Pest sowie eine Förderung der Stadt Wien als Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise ermöglicht. Die ursprünglich für ein Jahr geplante Serie wird nun zur Hinführung auf den Österreich-Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse bis März 2023 fortgesetzt.